Archive for the ‘Die Banalität des Blöden: Zur Semiologie des Alltags’ category

Stammtischstumpfsinn

4. März 2012

Politik mit heiterem Gesicht: Puppen-Polonäse!

Herrenabend im Punsch-Club. Schwer zu sagen, wer das aufgebracht hatte, aber plötzlich stand das Wort in der jäh verstummenden Runde: Einen Blumenstrauß für Winnetou! – Weil ich ihm am nächsten saß, hörte ich Klaus Nüchtern, unseren Bedenkenträger, murmeln: „Echt, das ist ja wohl so passend wie Ehrensold für’n Schnäppchen-Prinzen!“, aber die Stimme der Vernunft verlor sich im aufbrandenden Beifall. „Mit Fleurop! Mit Fleurop!“ jubelte man, „für die Rothaut soll es rote Rosen regnen…“ – „…und weiße Primeln aus Athen!“ ergänzte Alfons Läpple, der schon etwas hinüber war. Einser-Jurist Mangold erhob sich schwankend, um ein Rechtsgutachten abzugeben. Rein rechtlich, also de jure praktisch – er  blickte uns streng über die fensterlose Lesebrille an – sei gegen das Bukett-Projekt nichts einzuwenden, zumal der Apatschen-Häuptling vor seinem Hinscheiden noch Christdemokrat geworden sei. „Konfitüre für den Konvertiten!“ krähte ein namenloser Beisitzer, der nicht mehr bei Sinnen war. Ein unernster Abend!

Etliche Punsch-Runden später kamen wir aber doch noch auf die flanellgraue Ex-Eminenz zu sprechen. Läpple mimte, einen Teller mit Schnittchen vor sich her balancierend, den Laienlakaien von Schloss Großkotzwedel, dienerte albern vor Mangold herum und hüstelte dazu: „Euer Ehren, Ihr Gnadenbrot!“ –  Mangold machte uns bereitwillig den Wulff und schnarrte „Gehmse her, gehmse her, Mann! Meine Gier kennt keine Grenzen, ich verhehle sie nicht, denn ich bin für Transparenz!“ Meines Erachtens übertrieb er allerdings ein bisschen, als er dann genüsslich die Salami-Schnittchen durchzählte und mit behaglichem Schmunzeln in seine Brieftasche stopfte, aber wir waren ja auch nicht mehr ganz nüchtern. „Was? Was?“ schreckte Klaus aus seinem Sekundenschlaf auf. „Sag mal rasch Apatschen-Apanatschis Abschieds-Apanage“ wurde er aufgefordert und kam dem fehlerlos nach, sogar dreimal. Kein Problem für Klaus Nüchtern!

Aus vager Karl-May-Film-Nostalgie erwuchs dann noch eine wirre Erörterung, ob man nicht statt „dieser doofen Nazi-Ohrfeige Klarsberg“ (Läpple) lieber Uschi Glas nominieren sollte, „meine erste Onaniervorlage“, wie Mangold stolz errötend verkündete. „War das nicht Uschi Nerkes?“ warf ich ein. „Nee, warte mal, stimmt ja, das war Uschi … Obermaier“ korrigierte sich Mangold versonnen. „Egal! Alle Uschis ins Hotel Bellevue!“ gröhlte Läpple entfesselt aus der Sitzgruppenecke, „jetz is Pussier-Polka unn Puppen-Polonäse!“ – Das Niveau also definitiv im Sinkflug. Punsch-Stammtisch-Stumpfsinn – auch ein Wort, das, mehrmals rasch hintereinander gesprochen, zu Entgleisungen führen kann.

Der eintreffenden Polizei bot sich am Ende ein erschreckendes Bild: fünf erwachsene Akademiker in Wollsocken, die sich wankend aneinander klammerten und gickelnd versuchten, synchron zu steppen und dabei a capella das Lied „Bettina, pack bitte deine Bürste ein“ zu intonieren. – Das befreiende Gelächter der Ordnungshüter ließ lange auf sich warten.

Über den rechten Umgang mit Ärzten (Maus-Modell)

8. Februar 2012

Ärzte unter sich: Abklärung der Werte

Oh, so ein Arztgespräch ist, neben Abiturprüfung und Fahrschule, eine der schwersten zwischenmenschlichen Herausforderungen! Man kniet in der Audienz-Ambulanz nackt auf der Auslegeware: „Herr Doktor, bitte, ich möchte ein Rezept!“„So, so“, schmunzelt der machthabende Arzt, sich gemütvoll zurücklehnend, „so, so, ein Rezept will Er! Schaun wir mal…“ Er wiegt milde den Kopf und begrübelt mit professioneller Nachdenklichkeit meine Akte. Ich scheine zu Bedenklichkeiten Anlass zu geben, denn „meine Werte“ sprechen eine andere Sprache als ich, und vor allem sprechen sie gegen mich. „Und wie steht es bei Ihnen mit Alkohol?“„Ja, klar, gern“, höre ich mich vorschnell jubeln, „aber gibt es den denn überhaupt  auf Rezept?“ Die Koryphäe betrachtet mich wie ein Insekt. Hab ich was Falsches gesagt? Dr. Herrenarzt scheint Insekten zu verabscheuen. Er verscheucht mit Mühe ein drastisches Stirnrunzeln und sagt dann: „Nun ja … das ist ja jetzt auch nicht thematisch…“ Puh, noch mal Glück gehabt! Arztgespräch ist ja immer auch ein Moralexamen. Bewegt der Wurm Woyzek sich genug? Frisst er ordentlich Gemüse? Lässt er die Finger von Drogen? Hat er nicht im Grunde selber Schuld? Na?

Arschloch“, denke ich herzlos, aber so etwas denke ich zwar ziemlich oft in mitmenschlichen Begegnissen, spreche es aber fast nie aus. Muttis Erziehung! – Bin gespannt, ob ich noch so alt werde, dass mir selbst meine guten Manieren mal egal werden und ich einfach sage, was ich denke. Könnte ja sein! Bei Ärzten natürlich riskant, denn sie sind schließlich die Herren des Befundes und der Rezeptausstellung. Und zwar aufgrund ihrer unbezweifelbar fundamentalen Diagnose-Kompotenz!  Famos ist die Durchblickfähigkeit der Ärzte! Dr. Quack ist zumeist überzeugt, „Arzt“ sei kein Beruf, sondern ein ontologischer Zustand metaphysischer Begnadung.

Deshalb drei Tipps für den Umgang mit Ärzten: 1. Lasse nie durchblicken, dass auch du Latein und Griechisch kannst – so etwas halten Ärzte nämlich immer noch für völlig undenkbar; sie glauben, du simulierst das nur! 2. Was Ärzte hassen wie die malefiziöse Pestilenz, sind Patienten, die an der Wikipedia-Universität Medizin studiert haben; verrate also nie, aber wirklich NIE, dass du evtl. selber schon weißt, was du hast, und das  womöglich noch aus Internetrecherchen! Viele Menschen verstarben schon unnötig, weil sie dem Internet vertrauten! 3. Man spiele im Patientenverhör grundsätzlich den komplett blickdichten Einfaltsinsel – anderes irritiert Mediziner nämlich. Also sage besser: „Ach?!! Gemüse? Und das wirkt? Hör ich ja zum ersten Mal!“ – Aber, Vorsicht: Den Idioten auch wieder nicht zu gut spielen – dann fühlen sich Ärzte nicht ernst genommen, und nichts hassen sie mehr als ihre eigene, selber dumpf beargwöhnte Lächerlichkeit.

Mit anderen Worten: Gutes Patiententum ist eine Kunstform. Takt, Sensibilität für die Existenzzwänge des Arztes und viel Rücksichtnahme für einen kognitiv prekären Berufsstand sind von Nöten! Die Labilität und Verunsicherung der Ärzte ist zu berücksichtigen. Auch ihre zunächst schlechte, später dann aber doch ganz gute Bezahlung. Am besten ist es, nur berühmte Chefärzte aufzusuchen, denn die kann man vorher googeln und weißt dann schon, was ihr Spezialgebiet ist – folglich kann man seine Beschwerden so modellieren, dass der Chef sie auch wiedererkennt. Man leide überhaupt grundsätzlich nur an Symptomen, welche die behandelnden Ärzte schon kennen, weil, sonst hat man wenig Aussicht, zu überleben.

Ob man ein Rezept bekommt, ist gar nicht mal sicher; oft wird man sogar ohne Gemüse fort geschickt; was man aber zuverlässig bei jedem Arztbesuch bekommt, ist die Überweisung zu einem anderen Arzt, zur „weiteren Abklärung der Werte“. Dank der Fortschritte in der Humanmedizin ist der heutige Mensch zu kompliziert geworden, um einfach so der gewünschten Genesung zugeführt zu werden; an deren Stelle ist die unbeendbare Untersuchung getreten, aus anderer Perspektive auch Ärzte-Odyssee genannt. Olli („Dittsche“) Dittrichs Kunstfigur „Herr Karger“ hat noch Glück: Das Krankenhaus kam angeblich zu dem Schluss, er leide unter „schwerer Diagnose“. Dann weiß man wenigstens, es geht irgendwann zu Ende.

Zum Schluss etwas zum Nachdenken: „Das Problem“, grübelt im Fernsehen ein Alzheimer-Forscher, zärtlich seine schusseligen Labormäuse streichelnd, „das Problem ist, der Mensch funktioniert nicht immer nach dem Maus-Modell.“

 

 

Filmprojekt Blogbuster

30. Januar 2012

Der Moment der Entscheidung!

„Tränen der Gier II: Der Schatz in der Schute“. – Jonny Perfidel arbeitet als Quereintreiber für die Gemüsemafia in den Docks von Gütersloh. Sein mächtiger Boss, der Gurken-Mogul Ahmad Mahdi, genannt Mad-Mad, vertraut ihm, denn er ist der König der Durchstecher, Schadensschieber und Schnäppchen-Schlawiner. Jonny Perfidel ist unnahbar, ein selten harter Hund, doch er hat eine Schwäche: Des Moguls schöne Tochter Maybelline Mahdi, genannt Baby Maybe-Mad. In die ist er verliebt, denn sie hat ein Herz aus Holz, die Beine eines Feinstrumpfhosen-Models und den Überbiss einer ägyptischen Prinzessin. Jonny hat sich extra für zu Hause einen Tisch schreinern lassen mit Beinen dran wie die von seiner Angebeteten. Kommt er abends nach einen langen gefahrvollen Tag vom Quereintreiben, sitzt er in seiner Penthouse-Mansarde und streichelt versonnen die Tischbeine. Ein Bild subtiler Erotik. Auch er ist ein Mensch und hat Gefühle!

Nun beschleunigt der Film, Konflikte werden geschürzt und Verwicklungen gestrickt: Am Kanal wird eine Schute mit Schnäppchen erwartet, für den Mogul. Es geht um Millionen! Jonny beschließt, sich die Schnäppchen selbst zu schnappen, damit, wenn er mit Baby Maybe-Mad ein neues Leben beginnt, Geld da ist fürs Gardinen-Kaufen, oder was Frauen sonst wollen, Schuhe vielleicht. Die Frage ist, ob das gut geht, denn auch andere gut informierte Kreise wollen an den Rabatt. Mit von der Partie ist sowieso die berüchtigte Polizei von Gütersloh, Bullen wie aus dem Bierbuch, korrupt, superfies und mordsverschlagen. Ihr Auftrag ist Absperren mit Flatterband, Schusswechsel, Handaufhalten.

Die legendäre Gütersloher Dunkelheit bricht herein, notdürftig erhellt von Explosionen, brennenden Limousinen und Mündungsfeuer im Hafen. Es gibt Oscar-nominierte Erregungsmusik von Hans Zimmer, welche die Unübersichtlichkeit der Situation verstärkt. Jonny Perfidel ist derweil in den Matrosenaufzug gestiegen und mischt sich unter die Beteiligten, die größtenteils erschossen am Kai liegen. Im Rumpf der Schute kommt es zum Showdown: Mogul Mad-Mad sitzt auf einer Palette mit Schnäppchen und wartet auf Jonny. „Aha, da bist du ja!“ sagt er. Es kommt zu einem Gespräch unter Männern, also mit Boxen und Schießen, teilweise unter Wasser, denn die Schute, von Schüssen durchsiebt, versinkt in den Fluten, auf denen sinnlose Schnäppchen elegisch ins Dunkel treiben! Während der Mogul und Jonny um ihr Leben paddeln, versuchen sie das Gespräch aufrecht zu erhalten. Es gelingt mit Hängen, Hauen und Würgen.

Am Kai trippelt derweil des Moguls Tochter hin und her und ringt nervenzerrüttet die Hände. „Vater! Vater!“ ruft sie nach links, und „Jonny! Jonny!“ nach rechts. Sie wird sich entscheiden müssen…

 USA/D/DAN, 2012, 120 Min., Regie: Moi. Darsteller: Johnny Depp (Jonny Perfidel), Robert de Niro (Mogul), Katja Riemann (Baby Maybe-Mad) u. v. a.. Musik: sagte ich doch, Hans Zimmer

Mit Punkt und Komma

15. Dezember 2011

Wenn man anfängt, kleine Tiere zu sehen...

Der Film „Contagion“ ist eigentlich der Rede nicht wert. Ein Virus wird an die Wand gemalt, dann weltweit viel gehustet, und am Schluss, nach ein paar Millionen Toten, die man aber nicht persönlich kannte, wird alles wieder gut. Dabei ist das einzig wirklich Gute am Film, dass Gwynneth Paltrow gleich am Anfang stirbt. – D. h., eine Dialog-Szene habe ich aber dann doch notiert: „Ich bin Journalist! Ich SCHREIBE!“ – „Du schreibst nicht, du bloggst. Bloggen ist Graffitti mit Punkt und Komma!“  – Nur dass Graffitti von mehr Leuten gesehen werden.

* * *

 Erotik im Geddo. Zwei Testosteron-Tonis auf der Straße: „Aber voll, escht, Bruder, ich schwör, heut Abend nachher schlaf ich bei die mit der!“ – „Aboo, Alter, machma, gibs die ma richtich!“ – Die beiden sehen mir so aus, als würden sie lieber zu zweit gehen, heute Abend. Dicke Hose, aber letztlich sehr, sehr dünnes und schüchternes Ego. Ich radle vorbei, langsam genug, um mich einzumischen: „Aber Bruder, vergiss nicht: Wer ficken will, muss freundlich sein!“ Man schaut mir halb empört, halb mit neugierig fragendem Interesse hinterher. Sag keiner, die Jugend sei nicht wissbegierig.

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 Wie viel Karat hat eigentlich so ein Durchschnittsmensch? Mit IQ oder BMI hat das nichts zu tun, oder? Gerade werden im Fernsehen „hochkarätige Künstler wie Peter Maffay“ angekündigt. Dabei hat der kleine alte Mann bloß hohe Umsätze, bzw. Absätze. – Wenn man wie ich Phoenix ohne Ton laufen lässt und es ist gerade Bundestag, sieht man eine Menge hochkarätiger, indes überraschend geschmacklos angezogener Frauen sowie beunruhigend viele vom Alkohol stark verwüstete Gesichter. Manchmal überschneidet sich das sogar. Außerdem ist es bei Männern im Bundestag offenbar unüblich, den Bauch einzuziehen. Wär also eigentlich was für mich, so ein Mandatsjob. Wird aber nichts, hab zuwenig Karat.

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 Gerade kommt im Laufband mit den Eilmeldungen: „Westerwelle sieht Fortschritte in Afghanistan“. Ich meine, ich bin natürlich kein Arzt, oder so, aber wenn man anfängt, Stimmen zu hören und so komische Sachen (kleine Tiere, große Forschritte) zu sehen, die kein anderer wahrnimmt, sollte man seinen täglichen Konsum doch mal überdenken. Oder, wie es im modernen Quatschsprech gern heißt: „professionelle Hilfe suchen“. „Professionelle Hilfe“ ist ein Euphemismus für Klapse oder Entzug. Vor zwanzig Jahren habe ich auch mal, wegen überbordenden Liebeskummers, professionelle Hilfe gesucht. Da saß ein dicker, bebrillter, stark behaarter Psychoanalytiker und wartete, streng nach Freud, darauf, dass ich zu ihm eine Übertragungsliebe entwickelte. Es funktionierte aber nicht, weil meine Freundin deutlich hübscher gewesen war.

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 Forscher haben einen Zukunftspreis bekommen, weil sie was über „organische Halbleiter“ ausgeknobelt haben. Damit kann man z. B. auf extrem kleinen Bildschirmen Bilder in hoher Qualität betrachten. Spitzenzukunft: Wenn apple und amazon auf Zack sind, kann ich bald Spielfilme auf meiner Armbanduhr gucken!

Vorsicht: Freunde!

12. Dezember 2011

Ist auch bloß von der Versicherung...

Der Erzpole und geniale Multischlauberger Stanislaw Lem (1921-2006), er war Kybernetiker, Literaturwissenschaftler, Futurologe und Welttraumfahrer, hatte ein schwieriges Leben – er litt unter zu hohem IQ. Seine Zeitgenossen mieden ihn, weil sie dachten, IQ könnte vielleicht ansteckend sein. Ist es aber nicht, erwiesenermaßen. Den gleichen Quatsch, über den Lem schon in den 60ern kicherte, betreibt man heute immer noch.

Ich erinnere mich dunkel einer Lem-Geschichte, aus den Sterntagebüchern oder vielleicht eher den Robotermärchen, wo der Held, ein Versicherungsvertreter, – ich erzähle aus dem Gedächtnis –, um nach dem rechten zu sehen auf einen Planeten geschickt wird, auf dem blecherne Roboter die Macht ergriffen haben, welche die schleimbeutelig-fleischernen Menschen gnadenlos verfolgen und über sie ein übles Blechterror-Regiment errichtet haben. Zahllose Versicherungsrechercheure verschwanden bereits spurlos.  Dem Helden gelingt es aber nach einigen Verwicklungen, den machthabenden Zentralcomputer zu hacken, und es stellt sich heraus, dass alle terroristischen Roboter-Blechmänner auf dem Planeten in Wahrheit verkleidete menschliche, bloß fremdgesteuerte Versicherungsvertreter sind, die aus Anpassungsdruck und Opportunismus nur so tun, als seien sie Roboter-Rebellen.

Rund einhundertdreissig NPD-Fritzen, lese ich, seien in Wirklichkeit Versicherungsvertreter Verfassungsschutzagenten, wobei ich felsenfest glaube, die Zahl wurde sehr, sehr stark nach unten abgerundet. Jetzt kann man die braune Pest leider nicht mehr verbieten und in geschlossene Anstalten verbringen, weil das alles pensionsberechtigte Staatsangestellte sind, die nur unser bestes wollten.

Fürderhin werde ich also meine besten Freunde bitten, meine schlimmsten Feinde zu spielen, damit ich meine Gegner wenigstens jederzeit unter Kontrolle habe. Dies gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, das ich einfach brauche, um meinen Freunden Vertrauen schenken zu  können, denn, sehen wirs mal so: Feinde kann man auf der Gehaltsliste führen – Freunde sind unbezahlbar. Ein Staat, der sich Freunde kaufen müsste, wäre zweifellos verabscheuungswürdig. Einer, der seine Organe für hoffnungslos geistesverwahrlost hält, aber gewiss auch. Lästige Logik ist hier völlig unangebracht und möge freundlichst unterbleiben!

Leitete ich ein Unternehmen, das ein begehrtes Produkt feilbietet, würde ich als erstes ein ernsthaftes Konkurrenzunternehmen gründen und ordentlich stark machen, denn auf diese Weise bin ich, aus intimer Kenntnis, der Konkurrenz immer einen Schritt voraus. Theoretisch jedenfalls, es sei denn, mein eigenes Intrigenspiel überforderte mich kognitiv, das wäre dann doof und gäbe eine schlechte Presse, weil betrogene Betrüger selten mit Hochachtung zu rechnen haben.

Bleibt eine Frage zur Chaos-Theorie: Wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings, wie es immer heißt, einen Tsunami auslösen kann, was passiert dann, wenn ein paar Millionen Mitbürger kollektiv und simultan den Kopf schütteln?

Gott ist tot (Schalck beiseite)

4. Dezember 2011

Let's all drink on the death of a clown (Bis auf Weiteres)

Man denke sich diesen Text mit Chopins Trauermarsch unterlegt oder mit Gustav Mahlers 5. Sinfonie in cis-moll, speziell mit diesem einen Satz, der so klingt wie eine monumentale Elefanten-Beerdigung: In Deutschland, dem Reich der Träumer und Trinker, herrscht Staatstrauer. Der Dreischritt des Entsetzens: Erst hieß es, Gott sei tot, dann verschwand Guttenberg und jetzt der finale Todesstoß ins Herz des Kartoffelgemüts – Thomas Gottschalk verlässt „Wetten das…?“! Nach fünfzig Jahren ist jetzt Schluss. Seit Monaten barmen die medialen Klageweiber schon darob, aber jetzt ist es endgültig und unerträgliche Wahrheit. Bitternis macht sich breit wie Methanol im gepanschten Wodka, die Nation ist tränenblind und möchte nur noch sterm: An der Stelle der sog. „Großen Samstagabend-Unterhaltung“ klafft nun ein schwarzes Loch, das uns alle verschlingen wird. Ungehört verhallte der verzweifelte Ruf nach einem Nachfolge-Messias, einem Reichshumorverweser resp. neuen Großwesir der Volksunterhaltung. Der Himmel blieb stumm und kalt.

Mich dauert das Volk und ich fühle ohne schadenfreudigen Hohn mit ihm, auch wenn ich persönlich diese Sendung aus Fremdscham und Langeweile nie länger als max. fünf Minuten anschauen konnte. Ich meine, war das jemals etwas anderes als ein monströs aufgeblähter, sauteuer Hype-Kindergeburtstag, an dessen Tellerrand als Garnitur und Deko allerhand tumbe Promis ihre neue CD, ihr Buch, ihren Film oder ihre neue brustoptimierte Zahnpasta-Queen in die Kamera hielten? Mir schien Gottschalk immer ein Mann ohne Charisma, Charme und Eigenschaften, außer der einen ebend, dass ihm nie nix peinlich war. Wem nie etwas peinlich ist und wer komplette Schamfreiheit mit rückhaltlos extrovertierter Rampensauhaftigkeit verbindet, dem steht alle Welt offen, die Welt der Politik, der Unterhaltungssumpf oder der Arsch, egal, macht nichts, versendet sich und ist eh komplett wurscht. Außerdem, nicht zu vergessen, hatte er das ungeheuer lustige Talent, jedes Mal frappierend geschmacklose Outfits zu tragen, buntscheckige Höschen, alberne Joppen und beknackte Rüschenhemden. Seine flusige Blondhaarperücke kam verschärfend hinzu.

Was kaum jemand in Deutschland weiß: Ich habe mal eine halbe Stunde lang im Foyer eines teuren, sternesplitternd geschmacklosen Berliner Parvenue-Spesenritter-Hotels, in das ich durch die glamouröse Berufstätigkeit meiner Gattin eher unbefugt hineingeriet, neben Thomas Gottschalk gesessen! Und, und? Hat mich seine Aura aus dem Polstersessel geschleudert? Nicht wirklich. Er erschien mir mindestens so dröge, humorlos und stinkstiefelig wie ich selber. Dem in mir fast unwiderstehlich aufkeimenden Wunsch, von ihm ein Autogramm zu erheischen, widerstand ich aus Geschmacksgründen, schade insofern, als es bei E-bay bestimmt ein hübsches Sümmchen eingebracht hätte. Aber ich bin eben nicht schamfrei.

Zum Schluß hielt Herr Gottschalk eine ergreifende Rede, mit tragischen Musikakkorden dabei, und als die Tränen im Publikum sturzbachhaft durchs Saal-Gelände rannen, sprach er dann doch das erlösende Wort: „Wahrlich, ich sage Euch: Ich komme bald wieder!“ Sicher, ein gewisser Jesus hatte das vor 2000 Jahren auch schon versprochen und wir harren der Wiederkunft des Messias noch heute, mit wachsender Frustration. Es steht zu befürchten, dass uns „Thommy“ weniger lang warten lässt. Sein Grab wird in drei Tagen leer sein – „Wetten dass…?“ Ha, ha, launiges Wortspiel, ungefähr so nahe liegend wie die doofen Sprüche des Unterhaltungsclowns.

Sterm lernen (Geniale Gene)

5. Oktober 2011

Obwohl ich deren absurd überdrehten Primitivpopulismus manchmal – mit leichter Ekel-Faszination – durchaus zu goutieren weiß, kauf ich die BILD-Zeitung nicht; das beruht nicht auf rationalen Gründen – ich bin halt mit der Idee sozialisiert worden, dass das ein grundbös verderbtes, menschenfeindliches Drecksblatt sei, das zu lesen gleichsam bedeutete, den Satan unterm Schwanz zu küssen. Natürlich ist das Unfug, aber gegen Überzeugungen, die in Jahrzehnten bis in die letzten roten Blutkörperchen vorgedrungen sind, rechtet man selbst mit sich selbst vergebens.

Jetzt aber nun lag zum 3. Oktober eine Gratisausgabe im Treppenhaus, und da hab ich halt blindlings zugegriffen, weil sich mir die Schlagzeile „Diesen 100 Deutschen gehört die Zukunft“ versehentlich ins Auge gebohrt hatte. Auf fein, das les ich jetzt mal, dachte ich, von einer flüchtigen Verstandeseintrübung beschattet, denn ich kenne zwar Leute, denen halb Deutschland gehört, aber gleich die ganze Zukunft? Das Studium der Liste eminenter Mustermenschen, die, so BILD, „mit ihrer Arbeit und ihren Ideen unser Land verändern“, bereicherte mich zuvörderst um eine Reihe neuer Wörter, die ich in runder Kleinmädchenschrift säuberlich in mein Vokabelheft eintrug: Catwalk-Gazelle, Latzhosen-Pirat, Twitter-Goethe, SPD-Generalwaffe. Hm, soso.

Unter allerhand Jungsschauspielerinnen und Herrenmodemodellen stach ein rötlich-semmelblondes, pausbäckiges Kleinkind (19 Monate) hervor, das auf dem Foto kindstypisch dümmlich und optimistisch in die sonnige Zukunft blinzelte und frappierende Ähnlichkeit mit dem Knäblein aufwies, das früher die Packungen von Brandt-Zwieback zierte. Vermutlich ein Wunderkind, denn es wunderte mich doch, wie man in derart frischem Alter schon mit seiner Arbeit und seinen Ideen das Land verändert; um der Wahrheit die Ehre zu geben, sah das Bübchen eher nach der Art Konzentration aus, die man ausstrahlt, wenn man erstmals auf dem Töpfchen sitzt und seinen Eltern unbedingt eine Freude machen will. Die erläuternde BILD-Bildlegende versicherte, es handele sich beim Erstmals-auf-dem-Töpchen-Hockenden um Amadeus (!) Becker, den vorerst letzten Spross von Boris Becker und irgend so einer Frau oder was. Ja und? dachte ich herzlos, ein behindertes Kind halt, was solls! Wieso wird DAS denn Deutschland verändern? Nun, BILD, die es wissen muss, weiß es auch: Das Kind hat nämlich, was man ihm gar nicht ansieht, „geniale Gene“! Weil es von einem einfältigen, zusehends schwer verlotterten, kognitiv massiv beeinträchtigten Ex-Filzball-Prügler und einem lebenden Kleiderbügel abstammt?

Während ich mir noch vorstellen kann, dass der geniale Töpfchen-Tropf dereinst eine Karriere als BILD-Redakteur einschlagen könnte, um dort geniale Formulierungs-Granaten zu drechseln, reicht meine Phantasie nicht hin, um mir vorstellen, was für eine Deutschland-relevante Zukunft Ferdinand Zvonimir (!) von Habsburg (14) verspricht. Der kleine Prinz besitzt außer einem korrekten Seitenscheitel noch die Qualifikation, als „zukünftiger Chef des Hauses Habsburg“ einer der „ehrwürdigsten Dynastien Europas“ (BILD) anzugehören. Das mag ihn evtl. dazu befähigen, dermaleinst eine Doktorarbeit abzuschreiben und transatlantischer Interkontinentalclown zu werden, der ehrenamtlich in einer amerikanischen Denkfabrik am Fließband steht wie Karl Theodor vonundzu, aber dass die „ehrwürdigste Dynastie Europas“, will sagen die dreimal verfluchten Habsgierer in Deutschland noch einmal eine Rolle spielen, nein, so grausam kann der Engel der Geschichte nun doch nicht sein, oder?

Mein depressiv-aggressiverer Anfall begann galoppierende Vehemenz anzunehmen, als ich ferner las, Deutschlands Zukunft würde gestalterisch, neben dem blonden Scheißerchen und dem kleinen Prinzen, auch noch von dem sprechenden Gemüsehobel Jimi Blue (!) Ochsenknecht bestimmt. Das ist dieser eine, enorm backpfeifengesichtige Sohn des mittelbegabten Glupschaugen-Dramatikers Uwe; der andere heißt Wilson Gonzales (!) und seine Schwester Cheyenne Savannah (!). Die Ochsenknechts gehören zweifelsfrei zu den ehrwürdigsten Proll-Dynastien wenn schon nicht Europas, dann doch von München-Grünwald, einem sauteuren Um-Gottes-Villen-Viertel, in dem Jimi Blue und Wilson Gonzales zu  VIVA-tauglichen Gettho-Strassenkids und Gangsta-Rappern heranwuchsen.

Unterm Strich liegt, glaubt man BILD, die Zukunft unseres Landes überwiegend in den Händen von Schauspielerschnepfen, Sportidioten und mittelprächtigen Show-Sternchen mit Prolletten-Namen, die ihre mittlere Dschungelcamp-Reife anstreben, mit anderen Worten: BILD lesen heißt sterben lernen, denn wer wollte in so einer Zukunft leben? Ich jedenfalls nicht. 

Schussgeräusche bei Kussszenen können atmosphärisch störend wirken

29. August 2011

Dies ist schon nicht mehr die Teetasse, sondern die Zuckerdose (Timing hat versagt)

Generell tendiere ich dazu, in Formularen die Frage zur Religionsangehörigkeit mit „Taoist“ auszufüllen. Taoismus ist weitgehend ohne Brimborium, Götter, Päpste und doofes Gedöns; bösartiges oder auch nur nerviges Missionieren entfällt, dergleichen Pflichthungern, Sportbeten und Nettigkeitszumutung. Obschon uralt, ist der Taoismus eine elegante, nutzerfreundliche Religionsversion für Menschen, die schon alles haben, zum Beispiel alle Tassen im Schrank. Meine gute Oma (die doofe Oma war, glaub ich, Nazi) war schon Taoistin, ohne es freilich zu wissen. Widerfuhr einem Übles wie Windpocken, Liebesunheil oder Karriereknick, pflegte sie zu sagen: „Wer weiß, wozu das noch mal gut ist“, und das stimmte ja auch und deckt sich mit der taoistischen Einsicht, dass man als beschränktes Individum nie wissen kann, was beispielsweise ein Hals- oder Beinbruch oder so später noch Ersprießliches zeitigen kann. Vielleicht gründet man mit der eingipsenden Krankenschwester eine Familie und wird glücklich bis ans Lebensende.

Allerdings, auch Taoisten kennen Glaubenskrisen. Es gibt Dinge, wo die Möglichkeit, es könnte auch irgendwas Gutes daran sein, die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Aus den USA, wo solche Dinge meistens herkommen, meldet man mir, es würde jetzt daran gearbeitet, E-Books mit einer Geräuschefunktion auszustatten. Man muss sich das so vorstellen: Wenn im Buch steht: „Es klingt an der Tür“, dann, äh, ja, klingelt es auf der Geräuschespur an der Tür. Wenn in einem Krimi Schüsse fallen, macht es „Peng! Peng!“ Angeblich wird dabei die individuelle Lesegeschwindigkeit des jeweiligen Buchnutzers gemessen, damit es nicht an völlig falscher Stelle „Peng!“ oder „Klingeling“ macht, denn das könnte ja doch irritierend wirken; Schussgeräusche bei Kussszenen könnten atmosphärische Störungen auslösen.

Unter denen, die mir erklären können, wozu solche Soundtracks gut sein sollen, verlose ich eine Hör-CD von mir, wo ich rede und dazu passende Geräusche mache! Das einzige, was mir bisher einleuchtet: Bei Gesellschaftsromanen aus dem 19. Jahrhundert, von Jane Austen etwa, hört man, heißt es, an den passenden Stellen dann das Geklirr und Geklapper von Teetassen. Für das Jungvolk, das seine Latte-to-go nur noch aus Pappbechern schlürft, hätte dies einen bildungsbereichernden Effekt: Immerhin weiß man dann, wie es sich anhört, wenn man noch Tassen im Schrank hat.

Am Ende dieses Textes hörte man, wäre er mit Soundtrack, als Schlusstusch so ein Geräusch, wie es entsteht, wenn aus einem Ballon die Luft entweicht, ein leicht pfeifendes, schnurriges Furzen also, und das hätte, zugegeben, schon seinen Reiz…

Im Swingerclub stellt man sich nicht namentlich vor

16. August 2011

Abklatschen im Darkroom

Neueste Nachricht aus dem Geddo: Gerade wird es dunkel! Das ist keine Nachricht? Ist es wohl! Jedenfalls für meine vom Ramadan gebeutelten Nachbarn. Heftiges Tellerklappern und gieriges Geschirrgeklirr zeugen davon, dass Allah gnädig ist und es nicht übertreibt! Guten Appetit! Afiyet olsun, Nachbarn. Wie? Nein, vielen Dank, ich hab schon gegessen. Meinem Gott ist es ja egal, wann wir essen. Oder sogar ob überhaupt. Unser Gott ist gerade von einer Dienstreise aus Somalia zurück und es geht ihm gut. Er hat ein bisschen zugelegt und ordentlich Farbe bekommen. Wir sind ihm übrigens grundsätzlich eigentlich egal, lässt er ausrichten. – So, nach diesem eher funebren Tusch des Orchesters jetzt etwas leichtere Kammermusik.

Als Jugendlicher war ich etwas sperrig, weswegen mein Vater mich gern ins Heim gesteckt oder auf die Militärakademie geschickt hätte. Auf milderndes Drängen von Mutti wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt und ich musste bloß zur Tanzschule. Trotzdem: Traumatisiert bin ich davon! Aber das nebenbei. – Jedenfalls, aus diesem hier nur knapp angedeuteten Bedeutungsuniversum kenne ich „von früher“ das Verb „abklatschen“. Ein Lexikon für aufgeweckte Heranwachsende hätte es so definiert: Abklatschen ist, wenn du siehst, wie deine Flamme schon viel zu lange mit diesem affigen Schnösel aus der Parallelklasse tanzt; dann gehst du dahin und „klatscht“ die Braut „ab“, was günstigenfalls bedeutet, dass sie sich vom Lackaffen ab und dir, dem wahren Sternenprinzen, zuwendet. Manchmal klappt das, manchmal nicht. Wenn du Pech hast, kriegst du was aufs Maul, was dem Begriff „abklatschen“ eine unangenehme Neben-Konnotation verleiht.

Alles ist im Wandel, warum nicht auch die Semantik. Heute klatscht andauernd jeder jeden ab, nicht nur im Sport. Abklatschen ist heute eine ubiquitär-universale Blöd-Geste, wenn ich das richtig sehe. Esoterische Poeten klatschen ihre Frau ab, wenn ihnen eine gute Zeile eingefallen ist; Koch-Show-Teilnehmer klatschen sich ab, wenn die Risotto-Pampe geriet; Plünderer tun es, wenn sie einen Flachbildfernseher ergattert haben und phänomenale Liebhaber reichen ihrer Bett-Gespielin die Hand zum Abklatschen, wenn diese einen furiosen Orgasmus gespielt hat; und ich, schon im Sarg, klatsche den Pfarrer ab, der mich beerdigt, weil mein Leben so irre gut gelungen ist.

„Abklatschen“ heißt heute, bzw. man tut es fortwährend deswegen, um sich gegenseitig zu beglückwünschen, wie toll man ist. Ist man denn toll? Daran nagt der Zweifel, und je mehr er nagt, desto öfter reckt man das Patschehändchen in die Luft und hofft, dass irgendein schlicht gehäkelter Mitbürger dagegen klatscht. Dann weiß man: Doch, doch, du bist ein Hecht. Sicher.

Apropos Klatsch. Die Dichterin Charlotte Roche, so dröhnt es mir vom SPIEGEL bis zur Bäckerblume werbefeucht entgegen, hat ein Buch verfasst, in dem sie ihre Erfahrungen mit Fellatio, Anal- und Trio-Sex aufarbeitet. Ganz schön mutig, finde ich! Als frühreifes und selbstaufgeklärtes Kind, wenn ich auf der Straße eine Schwangere sah, hab ich still bei mir immer gedacht: „Ha! Die hat bestimmt Sex gemacht!“ Jetzt weiß ich, dass Frau Roche auch Sex macht. Dieses Wissen wird mein Alltagsleben vielleicht nicht beträchtlich bereichern, aber es ermutigt mich, mein Privatleben ebenfalls öffentlich zu machen: Ich war mal in einem Swingerclub! Gern teile ich meine diesbezüglichen Erfahrungen mit dem bildungshungrigen Publikum: Es ist im Darkroom nicht nötig, sich namentlich vorzustellen – und Abklatschen ist dort weitgehend verpönt.

Mit der Hand in der Hose

15. August 2011

Dem, der das an meine Hauswand geschrieben hat, schleudere ich energisch folgendes entgegen: 1. heißt das "dein Blog". Man schreibt ja auch nicht "Keiner bügelt deinen Hemd". 2. Woher willst Du das denn wissen? 3. Stimmt ja gar nicht!

Das Leben – ein Traum, oder? Alte Weisheit, klar, wenn auch als Titel für ein schmales Taschenbüchlein vielleicht noch immer Bestseller-tauglich, jedenfalls, weil, manchmal schläft man ein und wacht in Lummerland wieder auf, und dann tastet man vergeblich nach der Nachttischlampe und hat zugleich Angst, sich zu bewegen, denn die Puppenhäuschen um einen herum sind so zerbrechlich, die Menschen so winzig und die Verhältnisse von peinsam prekärer Abstrusität, man hat zwar das Gruseln gelernt und möchte aufwachen, was aber nicht geht, obwohl man vor Lachen nicht mehr schlafen kann, außerdem ist die Brille beschlagen, oder verlegt, man hat den dringenden Wunsch, zu sprechen oder zu schreien, doch die Lippen bewegen sich nur tonlos und man watet durchschnittsgelähmt durch einen See von Heuchelschleim. –  Was man einwerfen muss, um einen derart delikaten Bewusstseinszustand zu erlangen? Es reicht, Nachrichten zu gucken.

Da steht vor einem Wald eindrucksvoll erigierter Mikrophone im Blitzlichtgewitter ein gedemütigtes, seelisch schwer derangiertes Anzugmännlein, offenbar ein Politiker, knüllt ein vollgeheultes Tempotuch und entschuldigt sich mit zittrig-gebrochener Stimme unter Schluchzen dafür, eine (einvernehmliche!) Liebesbeziehung mit einem Mädel aus dem U18-Bereich unterhalten zu haben. Danach muss er einen hohen Schandhut aufsetzen und wird weggeführt, um füsiliert zu werden, oder er tritt jedenfalls zurück, irgendwas derart. Die Medien kommentieren mit der Hand in der Hose.

Die Menschenwürde ist unantastbar? Nun, zumindest nicht mehr tastbar, sie scheint derart tiefer gelegt, dass die Gürtellinie schon als Hochgebirgshorizont erscheint. Was für ein degoutantes Schauspiel. Es sei diese Amoure zwar „kein rechtlicher oder privater, aber ein politischer Fehler“ gewesen, muss der zusammengestauchte CDU-Schranze aufsagen – und niemand schreitet ein, fängt an zu schreien oder, meinetwegen, zu speien. Was soll das sein? Politik in der Puppenstube? Leben wir im amerikanischen Bibel-Gürtel, dass die Liebe zu einer jungen Frau „ein politischer Fehler“ sein kann? Schwindel erregend, welcher verzwergte Begriff des Politischen dem zu Grunde liegen mag; frappierend auf jeden Fall das Maß an Hypokrisie in einer Spießer-Gesellschaft, in der 14-Jährige, auf „sexy“ dressiert, über Heidi Klums Laufstall stöckeln dürfen, eine 16-jährige Autorin (kennt noch jemand Frau Hegemann?) sabbernd dafür gefeiert wird, über Analsex auf der Disco-Toilette zu berichten und … ach, was rege ich mich auf.

„Es war schlichtweg Liebe“ beteuert der arme Sünder. Na, wenigstens mal gut, dass es nicht Geilheit war. Freilich, wenn ich als Alt-Macho, der durchaus gewisse Erfahrungen mit dem Liebreiz 16-18-jähriger Backfische machen durfte, mich jetzt einmal kurz in eine junge Frau versetze – und ich muss dann sehen, wie mein Ex-Lover, der mich bis kürzlich noch ganz doll „geliebt“ hat, sich eben dafür nun im Fernsehen „entschuldigt“, dem würde ich von Herzen gern in die Eier treten. Wenn er nur welche hätte.

Sicher, selbst im Zwergenmaßstab von Lummerland nur ein Stürmchen im Eierbecher, und das Sommerloch muss gestopft werden, klar, aber, mit Verlaub, verehrte Medien, trotzdem ein Indiz dafür, dass Onanieren eben doch schädlich ist.