Archive for the ‘Aus dem Kulturbeutel älterer Jugendlicher’ category

Perlenschwein (in der Wirklichen Welt)

5. November 2012

Lange Zeit sind wir früh aufgestanden, um uns gleich nach dem morgendlichen Muckefuck in unsere Ohrensessel zu verfügen, das „Große Buch der Flausen“ (die Leipziger Ausgabe von 1870, von meinem Urgroßvater eigenhändig in feinstes Schweinsleder gebunden und mit Goldschnitt versehen!) auf den Knien, um Bildung und Belehrung daraus zu schöpfen. „Wusstest du zum Beispiel“, wandte ich mich an Gattin Gretel, „dass es einen Deutschen Tretrollerverband gibt? Und dass der Tretroller in der Schweiz ‚Trottinett’ genannt wird? Und ein Tretrollerfahrer demzufolge wohl vermutlich Trottinetteur? Sowie sogar“, ich steigerte mich ein bisschen hinein in die Materie, „sofern er auf dem Bürgersteig rollerte, eventuell Trottoirtrottinetteur, oder?“„Faszinierende Information, interessante Überlegung“, konzedierte die Gattin, hingegen merklich stirnrunzelnd, „aber nicht wirklich befriedigend. Mir knurrt der Hirnmagen, ich habe Kunsthunger! Heute ist Feiertag, lass uns ein Museum besuchen!“ Mir stockte der Atem. „Meinst du etwa… in der … Wirklichen Welt?“ Die Gattin nickte entschlossen. Sie ist ein großer Fan und eine gewiefte Kennerin der Wirklichen Welt.

Widerworte wären zwecklos gewesen, also stürzten wir uns sofort in allerlei Betriebsamkeiten, beschmierten Proviantstullen mit Käse-Ecken und Streichreformwurst, brauten Kräutertee für die Thermoskanne, kramten in der Schublade nach Wandersocken und bestiegen festes Schuhwerk. Schon ging es klipper-di-klapper die Stiege hinunter, aus der Türe hinaus in die Wirkliche Welt, die zu diesem Zeitpunkt mit einem Wetter aufwartete, das sich sozusagen gewaschen hatte. „Apropos“, zitierte ich das Flausenbuch, „es wird dich möglicherweise auch interessieren, dass Alexander von Humboldt vor seiner ersten Südamerikareise 1799 in Paris ein vom schweizerischen Grandseigneur der Alpenforschung, Honoré-Bénedict de Saussure, erfundenes Cyanometer kaufte, mit dem man die Bläue des Himmels messen kann! Und übrigens, wo fahren wir überhaupt hin?“ –

Ich erfuhr, es solle nach Düsseldorf gehen, in die Paul-Klee-Austellung. „Paul Klee? War das nicht der Vater der mehrfarbigen Bettwäsche?“ frug ich gedankenlos, während ich das aktuelle Himmelsblau studierte. „Beileibe nicht. Das war Pfarrer Kneipp, mein Lieber“, versetzte die Gattin nicht gänzlich ohne Spur von Sarkasmus, „und nun trödele nicht – die Kunst wartet schon!“ – Düsseldorf! Die große Stadt! Oder vielmehr die schnöselige Puffreis-Metropole der Bessergestellten und doofen Mode-Fuzzis. Aber immerhin auch Kultur: Hier hatte, unfassbar eigentlich, Heinrich Heine einen Teil seines weltberühmten Lebens verbracht, hier wurde der Senf neu erfunden, die Teil-Kasko-Versicherung und die vollautomatische Geldvermehrung.

Bald erreichten wir den Kunstbau. Er sah aus wie ein Hallenbad für Geisteskranke und sein Foyer war gähnend leer wie eine Kleinstadtbahnhofhalle in der Nacht, denn es handelte sich um das falsche Museum. „Oh wir dummen Provinzler!“ rief ich theatralisch und schlug mir vor die Stirn. Es schien aber mehrere von unserer Sorte zu geben, denn man hatte eigens einen Shuffle-Dienst vom falschen zum richtigen Museum eingerichtet. In einem schnieken Van von Mercedes mit getönten Scheiben shuffelten wir los, rotwangig und froh wie Staatsgäste nach dem ersten Umtrunk. Doch angekommen wurde uns blümerant. Der Standortnachteil der Stadt stach ins Auge: Sie ist voller Düsseldorfer!

Dies ist ein Menschenschlag, der sich ein wenig schwer tut, das Wohlwollen seiner Nachbarn zu erringen. Die Nachbarn sagen, Düsseldorfer seien faul, hohlköpfig, hochnäsig, aber schweinereich und schwer verlogen. Ob dieser Leumund berechtigt ist, kann ich nicht wirklich beurteilen, denn meine besten Freunde sind alle keine Einwohner der Senf- und Bierstadt am Rhein. Feststeht, dass letztere eine Neigung zur eventbezogenen Zusammenrottung hegen; ich will ihnen das nicht verübeln, sie haben ja sonst wenig zu tun, weil sich das Geld hier vollautomatisch vermehrt, aber dennoch hätte ich es lieber, sie würden sich im Fußballstadion zusammenrotten oder auf Kirmesplätzen, nicht aber in Museen, denn dort wirken sie in der Masse störend, wenn man sich mitteleuropäisch zivilisiert ein Schlückchen Kunstgenuss genehmigen möchte.

Speziell die Düsseldorferinnen! Sie wimmelten derart in Horden durch die Hallen, dass die Kleeschen Bildwerke kaum zu sehen waren. Manche der Damen trugen graue Zöpfe oder dicke Holzperlen um den Hals und oftmals falsche Brüste, andere schweren, goldenen Nuttenschmuck, aber ausnahmslos alle trugen Kopfhörer auf den Ohren und lauschten in sich gekehrt irgendeinem Gequäke. Damit nicht genug starrten sie gebannt auf irgendwelche iPhones oder was, deren spezielle „App.“ sie über die div. Klee-Blätter informierten, welche sie aber in natura praktisch kaum eines Blickes würdigten, höchsten ganz kurz, um zu überprüfen, ob die auch dort hängen würden, wo die „App“ sie hin annoncierte. Dabei standen sie indes unentwegt im Weg oder Blickfeld. Kaum trat man ein Stück zurück, um ein Gemälde besser ins Auge zu fassen, fand eine Gruppe Düsseldorferinnen den Raum zwischen Betrachter und Bild attraktiv genug, um sich spornstreichs darin zu versammeln, um den Blick zu verstellen. Das einzige Bild, das ich so lange anschauen konnte, bis es mir gefiel, hieß „Monsieur Perlenschwein“ und stellte möglicherweise einen Düsseldorfer dar.

Also, wenn das die Wirkliche Welt ist, ziehe ich gemalte, geschriebene und gefilmte vor. Dies teilte ich der Gattin mit, die mir versprach, das Perlenschwein im Museumsshop zu kaufen, wenn es das als Bettwäsche oder Kaffeebecher gibt.

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Diät, Tiepolo, Kleintierkleidung von KIK

30. August 2012

Unwirklichkeitsmeisterschaften im Vier-Körner-Land: Ich mache jetzt eine Diät! Ein verhungerter Landarzt aus der protestantrischen Steppe hat sie ausgetüftelt. Im Wesentlichen geht es darum, dass man zu jeder Tageszeit irgendetwas nicht essen oder trinken darf, was man sonst als normaler Mitteleuropäer zu sich nimmt. Morgens dafür nur Kohletabletten, mittags saure Milchwurst und abends einen halben Wasserballon – oder war es umgekehrt? Das spielt im Grunde genommen keine Rolle, die wissenschaftlichen Fundamente sind eh rutschig und nicht unterkellert. Es handelt sich um das gleiche Prinzip wie beim Militär oder in den Weltreligionen, die Inhalte mögen absurd sein, aber es ist halt wichtig, sich überhaupt einer Disziplin zu unterwerfen. Absurd ist sogar gut, damit man ständig im Handbuch nachschlagen muss, was man jetzt gerade darf. (Meistens darf man nicht.) Wer durchhält, bekommt das Himmelreich oder eine zwei Nummern engere Hose. Wer schlappt macht, kriegt auf den Grabstein gestempelt: „Er starb aus Disziplinlosigkeit“. Das ist herzlos, aber gerecht. Das Leben ist halt kein Supermarkt. Oder eben leider gerade doch.

Was das nun mit Kunst zu tun hat? Eigentlich gar nichts, aber mir ist diätbedingt irgendwie nach schroffen Überleitungen, und gestern Abend saß ich halt mit der Gattin auf der Terrasse und pflog als angemessen beschauliches Rentnerhobby der Überwachung des einheimischen Luftraumes. Am Firmament trieben kleine Wölkchen, die in der untergehenden Sonne dermaßen originell schräg von unten beleuchtet oder angestrahlt wurden, dass sie wie Zuckerwattenschaum aus Blassgold aussahen. Mich erinnerten sie an das zierliche Himmelszubehör auf spätbarocken Fresken, und so murmelte ich versonnen: „Das sind so richtige Tiepolo-Wolken…“, worauf die Gattin die Stirn runzelte und minutenlang grüblerisch in den Abendhimmel starrte, ehe sie den Kopf schüttelte und zugab: „Sehe ich nicht…“ Es lag aber nicht an ihrem mangelnden Kunstsinn, sondern daran, dass sie statt Tiepolo „Tierpullover“ verstanden hatte, nach denen man zu dieser Jahreszeit natürlich vergeblich Ausschau hält. Giovanni Battista Tiepolo hätte wahrscheinlich nicht schlecht gestaunt, wie schnell wir von seinen an die Wand gepatschten katholisch-barocken Heiligschmalzstullen zu profanen Fragen der Kleintierhaltung übergingen. Ob man abends noch Rokoko-Bilder anschauen darf, ist ohnehin fraglich, denn sie sind zumeist stark überzuckert. „Und lassen Sie den lieb gewonnenen Alkohol weg!“ befiehlt schnarrend der Landarzt. Klar, das musste ja kommen. Dabei will ich nur ein wenig abnehmen, nicht gleich implodieren.

In seinem Handbuch prahlt der Landarzt, unter seiner Diät-Fuchtel hätten bereits viertausend Menschen zusammen über dreißigtausend Kilo abgenommen. Das ist jetzt aber schon schwindelerregend, oder? Ich hab überschlägig nachgerechnet: Wenn nur die Hälfte aller Deutschen nach dieser Diät lebte, kämen wir leicht auf über 300 Mio. Kilo Fett, die wir loswerden, also zum Beispiel exportieren könnten, um verlotterten Krisenländern unter die Arme zu greifen oder die Kaiser von China zu schmieren, damit sie probehalber die Menschenrechte einführen!

In China darf man bekanntlich nur ein einziges Kind haben, was vielleicht den sog. „himmlischen Frieden“ erklärt, der im Land der Mitte herrscht und dem man in Peking sogar einen Platz gewidmet hat. Ob die Zahl der Hunde auch reglementiert ist, weiß ich nicht, fänd ich aber nicht schlecht. Hier im Viertel nimmt das nämlich überhand. Wenn die Brüsseler Bürokraten mit der Glühbirnenernte fertig sind, könnten sie doch mal kleine Hunde verbieten. In meiner Nachbarschaft leben viele ältere Damen, die, wenn es noch ohne Rollator geht, durchweg ein bis drei lächerlich kleine Trippel-Köter spazieren führen. Mit ihrem goldigen Puschelfell mögen diese (die Pinscher, nicht die Damen) ja meinetwegen aussehen wie von Tiepolo an den Himmel gepinselt, aber Rokoko-Wölkchen kläffen nicht giftig im Falsett, sind nicht hysterisch und machen auch keine Häufchen im Park. Da besteht in punkto Umweltverträglichkeit doch Regulierungsbedarf!

Andererseits will ich auch nicht zu laut nach einem Kleintierverbot schreien, denn womöglich würden dadurch Millionen chinesischer Arbeiterinnen brotlos, die derzeit in schlecht belüfteten unterirdischen Fabriken, mit blutigen Fingern und entzündeten Augen, in Zwölfstundenschichten für KIK diese putzigen kleinen Tierpullover stricken, auf die „wir reichen Westler“ ja offenbar nicht verzichten können. –  So, Mittag. Ich brat mir jetzt einen Hund. Mittags erlaubt das der Landarzt, sofern das Tier aus Magerquark und Tofu-Bollen besteht und biologisch abbaubar ist. Aber vorher Pullöverchen abschälen!

In den Mund gestopft

23. August 2012

Abendbrotabendidylle. – Bedächtig und mit methodischer Konzentration streicht sich der Verlobte der Stiefstudentin eine Butterstulle, welche er daraufhin mit sichtlichem Behagen verzehrt. Die Stulle, nicht die Studentin. „Daff Broop if neemich von Neddo“, verkündet er mit vollem Mund in der Runde, „iff da moomnpan daff Broop def Monapf!“ – Dass ein Geddo-Discounter sich die Mühe macht, aus seinem spartanischen Sortiment alle vier Wochen eigens ein „Brot des Monats“ zu küren, und sei dies auch bloß ein mieses, merkelig muffiges Mecklenburger Chemie-Graubrot der Marke Tristesse-am-Tisch, beweist den selten beachteten und öffentlich kaum gewürdigten, dennoch immer unermüdlich tätigen Bienenfleiß namenloser Marketing-Sklaven, die sich krumm schuften, um uns Verbraucher mit allerhand Quatsch bei frohgemuter Laune zu halten. Als politisch aufgeschlossener Bürger fände ich es kleingeistig, den Stammtisch-Kritikaster zu spielen und etwa auf Montags-Demos mit dem Megaphon lärmend nachzuhaken, wer denn bei der Wahl zum „Brot des Monats“ eigentlich überhaupt wahlberechtigt und ob die Kür auch frei und geheim sei.

Auch menschliches Graubrot, wie der vormalige Bundespräsident etwa, wird ja nicht vom breiten Volk der Stullenesser gewählt, sondern von sorgfältig ausgeguckten Elitemenschen aus Politik, Sport und Kultur. Wollen wir dem mauen Graubrotmann und nährstoffarmen Leistungsverweigerer übrigens gönnen, dass er neuerdings 18.000 Euro mehr einstreichen darf  bzw. sich dafür, wenn er möchte, lebenslang gute irische Bio-Butter ins Haar schmieren kann? Aber natürlich, so generös wollen wir sein! Zwar wird für uns, die wir ebenfalls nichts arbeiten, kaum jemals eine Gehaltserhöhung in dieser Höhe winken, aber wir beißen die Zähne zusammen – Neid ist unvornehm! Übrigens, meine durch Krieg und Hunger beschädigte Frau Mutter pflegte Butter bis in die 60er Jahre generell immer nur „guute Butter“ zu nennen, nie ohne dieses schmückende Beiwort, und immer mit einem  Blick frommer Begehrlichkeit in den hungrigen Augen; sie hatte aber auch recht, denn damals war die Lebensmitteltechnologie noch nicht erfunden. Heute besteht Butter bis zu 30% aus Wasser, weswegen sie zum Braten nicht mehr geeignet ist und fad schmeckt, selbst auf dem Brot des Monats. Wahrscheinlich wird die Wasserbutter in einem speziellen Verfahren hergestellt, – wie Bionade.

Ich gehöre nicht dazu, deswegen weiß ich auch nicht, ob die Gemeinde der Bionade-Trinker tatsächlich von der Frage gepeinigt wird, warum denn bloß Bionade „so einzigartig anders“ schmeckt, was jedenfalls die ekstatische Werbung behauptet. Das liegt, um die Sache mal aufzuklären und dazu den Chef-Tautologen der Brause-Firma mit seiner pampigen Antwort zu zitieren, daran, dass Bionade eben im „spezifischen Bionade-Verfahren“ hergestellt werde. Schon als Kind in kurzen Hosen nervten mich doofe, faule Erwachsene, die auf „Warum?“-Fragen mit „darum..!“ antworteten; ich möchte Bionade deshalb nicht zum Getränk des Monats wählen! Spitze Zungen werden anmerken mögen, Getränke ohne Alkohol hätten bei mir doch eh keine Chance, aber das stimmt so nicht. Nicht in die Tüte kommt mir lediglich der neumodische Bubble-Tee, egal, ob er Krebs macht oder nicht. Natürlich ist das wieder eine chinesische Erfindung.

Der radikal omnivore Chinese kennt offenbar generell nichts, was er nicht wenigstens versuchsweise in den Mund stopft. In der südostchinesischen Stadt Dongyang gelten zum Beispiel Eier als Delikatesse, die man stundenlang in Knabenurin geköchelt hat. Der Urin muss von Knaben stammen, die noch nicht zehn Jahre alt sind und wird, so heißt es, in den örtlichen Grundschulen gewonnen. Man beabsichtigt, glaube ich ferner gehört zu haben, diese kulinarische Sensation als Weltkulturerbe registrieren zu lassen; probieren möchte ich das  trotzdem nicht. Es verschaffte mir indes schon ein gewisses Vergnügen, „Eier in Knabenurin“ als Suchwort ins google-Feld einzugeben und umstandslos zahlreiche Treffer serviert zu bekommen. Apropos serviert bekommen: Man sollte mir nicht voreilig Mangel an Abenteuerlust unterstellen. Für mein Philo-Seminar im Herbstsemester, das sich ums Essen dreht – doch, bei mir drehen sich Seminare! –, habe ich bei einem thailändischen Versandhandel allerhand Köstlichkeiten geordert. Vielleicht werden die frittierten Schaben und gerösteten Heuschrecken ja von den Teilnehmern zum „Snack des Monats“ gewählt oder ich zum Dozenten, bei dem es „einzigartig anders“ zugeht. Dann gebe ich eine Bionade aus, die schmeckt wenigstens annähernd wie Knabenurin!

 

Text für bis zu 9 Leser

14. August 2012

Noch brühwarm und elektrisierend aus der intellektuellen Mikrowelle: Ich habe ein neues Wort! Und nicht nur ein Wort, gleich ein veritables Studienfach, ach was sage ich – eine neue Berufsperspektive: Vexillologie. Doch, das gibt es! Hätte ich mal bloß das studiert, denn wenn man bekennt, Philosophie-Magister zu sein, gucken die Leute nur immer mitleidig und streicheln einem herablassend über den Kopf. Und ich hasse Mitleid. Aber Vexillologe, ja, da hieße es gleich ehrerbietig: „Ach, ’tschuldigung, könnse nich ma gucken, Herr Dokter, ich happda morns immer son steifen Arm…“ – Allerdings übersteigt es mein Vorstellungsvermögen, mir auszumalen, was Vexillologen den lieben Tag über eigentlich so treiben, ein ganzes Berufsleben lang, bis zur Emeritierung. Gut, sie reisen sicher zu internationalen Vexillologen-Kongressen, halten dort Vorträge über ihr Spezialgebiet und arbeiten ansonsten wahrscheinlich viel mit Buntstiften, die natürlich auch mal angespitzt werden müssen – aber dann? und sonst?

Wird der Vexillologe wohl schon zeitig am Nachmittag heimkehren, nehme ich an, und daher noch Frau Frerkes antreffen, seine Haushälterin, die seit fünfzig Jahren in ihren Dienstherren verliebt ist und ihm gerade am Herd sein Leibgericht zubereitet, Tafelspitz mit Meerettichsauce, und während sie ihm seine Hauspuschen in der Mikrowelle anwärmt, dürfte sie, ein alter Scherz zwischen den beiden, flöten: „Na, Professorchen, was machen die Vexillen?“ – worauf der Gelehrte behaglich schmunzelnd die Hände reibt und wie immer entgegnet: „Nun, Frerkelchen, ich darf mir schmeicheln, dass meine Enzyklopädie der Querstreifen horrende Fortschritte macht!“ Das brikettschwere Werk wird seinem Todfeind Dekan Gregorius, dem Chef der Abteilung für quer gestreifte Trikoloristik, dereinst endgültig das Maul stopfen, hofft der Professor, den wir jetzt aber schleunigst verlassen, denn das Thema wird ja langsam uninteressant. Deutlich spannender ist eine Meldung, die mir gerade jetzt rechtzeitig auf den Bildschirm schneit:

„Wenn Sie sich bei Google+ anmelden, müssen Sie im Video-Chat nicht immer nur zu zweit sein, sondern können sich zum Beispiel mit bis zu 9 Teilnehmern gleichzeitig unterhalten oder zusammen YouTube-Videos anschauen.“ So sehen gute Nachrichten aus. Schon lange habe ich es im Video-Chat „nur zu zweit“ kaum noch ausgehalten! Immer die gleiche Visage vis-a-vis! Leider ist mein Bekanntenkreis zu klein, um auszuprobieren, ob es eine tatsächlich sensationelle Erfahrung darstellen würde, mich „mit 9 Teilnehmern gleichzeitig zu unterhalten“ und dabei auch noch YouTube zu gucken – oder gar YouPorn, hihi. Warum es aber gerade bloß „bis zu neun Personen“ sein dürfen, mit denen ich meine bevorzugten lustigen Kätzchen-Videos gucken kann und nicht zum Beispiel elf Freunde, das wird mir ein Fachmann erklären müssen, ein Videologe oder Numerologe vielleicht. Aber ich glaube, mir wäre das eh zu hektisch; ich kann es schon im Kino nicht ausstehen, wenn immer so Leute dazwischenbrabbeln, während ich mich auf einen Film konzentrieren möchte.

Unhektische Konzentration ist auch beim Lesen ratsam, sonst kommt es zu unwillkommenen Verlesern, manchmal sogar zu solchen, die man selbst Professor Freud selig nur errötend beichtete. Ich gab mich gerade meinem Laster hin, mehrere Dinge gleichzeitig bewältigen zu wollen, wobei eine dieser Tätigkeit im Überfliegen der Schlagzeilen von F.A.Z.online bestand, wo es dann hieß: „Durch Masturbation ans Krankenbett“. Die im Zustand milder Schockiertheit mein Gehirn überflutenden Bilder und Assoziationen möchte ich lieber dezent für mich behalten, zumal es in Wirklichkeit „Masterstudium“ hieß, was ja eine halbwegs seriöse Angelegenheit darstellt, wiewohl ich lieber altmodischer Magister als „Master“ bin, oder sogar bloß „Bachelor“, was in meinen Ohren doch irgendwie erbämlich nach Schmalspur und RTL klingt. „Ich habe einen Bachelor in Vexillologie“ – das wäre jedenfalls eine Information, die ich persönlich auf einer Party mit, sagen wir „bis zu 9 Teilnehmern“ kaum voller Stolz herumposaunen würde!

Aus Hölderlins Papierkorb

10. August 2012

Oh so heilig-nüchtern der Blick des Greises auf
Die Jugend: Wie sie geht und sich bewegt, die Haare fönt und
Sich im Tanze dreht, des reschen Leibes Schönheit im Genusse
Pflegt und von sich selbst die höchste Meinung hegt und es
Schwant der glatten sorgenfreien Stirn noch kein Verdruss:
Still ruht von Zweifeln bar das Hirn –
Haupt und Alabasterknie aus lautrem Marmor und mondenrund.

Von den sauren Mühn des Sports aber wissen sie nichts und noch
Aller Diäten ledig schwingt sich des Lebens große Feier unbeschwert
Von Ast zu Ast und singt den Jubel des Vogel-Seyns: frei! Frei
Will ich sein und vor allem ein Ich! das wie Narziss im Sommerloch
Gähnend mit sich selbst verkehrt, in seinem Nabel bohrt und unbelehrt
Vollkommen ist wie Spiegelei.

Seinesgleichen sucht aber der Abend am Samstag. Der Götter Glocken
Rufen zur Party, lockender Nektar schäumt und die fromme Mutter spendet
Nudelsalat zu laben die strotzenden Glieder der Lieben – ihr Frohlocken
Und Jauchzen ist Lohn genug für das Hudeln am Herde, denn es wendet
Doch immer alles zum Wahren und Guten sich, worauf von Ferne zärtlich
Der sanfte Blick der Mutter ruht: Auf den satten Wiesen

Weiden unter ihrer klugen Hut die Herden wohlgenährter Kinder, die
Kugeldumme, herrliche Brut der Tugend: Jugend, du …

Raucher-Kino

18. Juli 2012

Ich hätte das gar nicht so gedacht, aber was in mir doch unerwartet heftige nostalgische Emotionen und verblüffende Anheimelungsempfindungen auslöst, sind alte Filme, in denen noch völlig selbstverständlich, normal, permanent und mit Nonchalance sowie konzentrierter Gewissenhaftigkeit geraucht wird, und zwar gleichermaßen von harten Jungs wie attraktiven Mädels. Herrlich! Zum Beispiel in „Haben und Nicht-Haben“ („To have and have not“), einem Schwarzweißfilm aus, ich glaube, den 50ern, mit extra viel hartem und lakonischem Hemingway-Feeling, klopft die damals zweiundzwanzigjährige, höllisch attraktive Lauren Bacall an die Tür von Humphrey Bogart, eine unangezündete Zigarette in der Hand, und als er öffnet, wedelt sie knapp und nervös damit und haucht extrem anfackelnd heiser: „Hi! Got a match?“  Klar, hat er natürlich. Männer ohne Feuer waren noch gar nicht erfunden.

Diese Szene ist von derart gänsehauterregender Tabakerotik, dass sie sich meinem Gedächtnis unauslöschlich eingebrannt hat. Das wird wahrscheinlich mein Anmachspruch im Alzheim: Ich werde zu nachtschlafener Zeit im flanellenen Pyjama an die Zimmertür von Frau Frerkes klopfen, und wenn sie noch aufmacht, werde ich verschwörerisch flüstern: „Got a match?“ Sicherheitshalber, falls sie komisch guckt, werde ich hinzufügen: „Das ist ein Zitat!“ – Das mach ich bei der Gattin nämlich auch immer. Wenn ich was Schräges äußere und sie guckt mich an, als hätte ich frisch den Verstand verloren, erläutere ich immer: „Das ist ein Zitat!“ Manchmal ergänze ich: „Nämlich aus einem Bob-Dylan-Song von 1963!“ Die Gattin erwidert zumeist lakonisch: „…Aha.“ Es wären natürlich enthusiastischere Reaktionen denkbar.

* * *

Elliot Gould als Phillip Marlowe („Ah! Also mit gottverdammt schwulem ‚e’ hinten“, sagt Mafia-Boss Marty Augustin im Film) raucht in „The long Goodbye“ absolut permanent und ohne Kompromisse in ausnahmslos JEDER Szene. Ich glaube, selbst beim Schlafen hat er eine Selbstgedrehte zwischen den Lippen. Noch schärfer aber: Selbst während er im Schweinsgalopp und schweißgebadet zu Fuß einen davonbrausenden Cadillac verfolgt, klebt dabei eine qualmende Kippe in seinem Mundwinkel. Sowas von cool! Er ist praktisch der einzige Marathon-Läufer, den ich kenne, der beim Rennen rauchen kann! Gott gebe uns solche Männer zurück!

* * *

Ebenfalls in schwarz-weiß ist Jim Jarmusch’s Cineasten-Kult-Film mit dem programmatischen Titel: „Coffee und Cigarettes“. In diversen Episoden treffen sich je zwei oder drei ziemlich coole Personen in miesen Kneipen, trinken viel Kaffee und rauchen dabei nach Leibes- und Lungenkräften. Wie der Titel ja schon sagt. Dazu reden sie irgendwas. So Zeugs halt. Manchmal ist das komisch, manchmal fragt man sich: Was soll’n das? Am Anfang gibt es eine sehr lustige, absurde Szene, in der Roberto Benigni mit irgend so’nem Komiker zusammentrifft. Titel der Szene: „Strange to meet you.“ Schon mal ganz gut, oder? Am schönsten aber doch die Begegnung von Iggy Pop und Tom Waits. Zwischen ihnen liegt eine von irgend einem Gast vergessene volle Schachtel Marlboro. Sie bieten sich gegenseitig eine Zigarette an und lehnen mit der exakt gleichen Begründung ab: „No, thanks, man, i’d just quit smoking time ago.“ Sie beglückwünschen sich gegenseitig zu der Rettung vor dem Gift, dann nehmen sie jeweils irgendwann doch eine Kippe, mit der von Tom Waits erfundenen Logik: „Well, we’d quit smoking, so we can have a cigarette without danger, don’t ya think?“ Für den Rest der Szene qualmen sie wie die Schlote, was kein Problem ist, denn sie haben ja längst mit dem Rauchen aufgehört.

* * *

Den besagten Film mit Elliot Gould guckten die Gattin und ich gemeinsam, aber noch in getrennten Wohnungen, dafür wie immer telefonisch fest verbunden. „Ja, ist ja natürlich klar, warum du den Film toll findest!“ sagt die Gattin ein bisschen sarkastisch. „Dieser ganze Anti-Helden-Kram, und dann raucht der noch ständig!“„Und? Fandest du den Film denn nicht gut?“„…doch, … doch. Schon irgendwie.“ – Na, also. Seien wir ehrlich: Lieber Lauren Bacall beim Rauchen als irgend so eine anorektische Botox-Queen beim Salatblätter-Kauen.

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Natürlich kann auch heute noch in Hollywood-Filmen geraucht werden, aber dann mit deutlich spürbaren Anführungsstrichen. Die Leute rauchen und vermitteln dabei pantomimisch: „Ich rauche nicht WIRKLICH! Dies ist ein historisches Zitat aus den gruseligen 60ern! Ich symbolisiere lediglich den damaligen verantwortungslosen  Zeitgeist!“ Auf diese Weise rauchen etwa die Leute in der preisgekrönten, vom Feuilleton geliebten Serie „Mad Men“. Diese Art ironisches Rauchen geht mir noch mehr auf den Zeiger als demonstrierter Diät-Wahn. Ausdrucksrauchen ist so sinnvoll wie Sport-Angeln. Das eine wie das andere: eine Beschäftigung für feige Männer, die sich vor dem Tod fürchten. Insgeheim hoffen sie, dieser würde sie aufgrund ihres gesunden Lebenswandels vielleicht übersehen. Das aber, verehrte Gemeinde, gehört zu den richtig unwahrscheinlichen Ereignissen im Leben, das dann am Ende ja doch tödlich ausgeht. Selbst wenn du aussiehst wie das sprichwörtliche „blühende Leben“. – Was ich an Humphrey Bogart gut finde: Er ist schon lange tot, aber man hat nicht den Eindruck, dass es ihm allzu viel ausmacht.

Wo der wahre Wahnsinn wohnt (Duschvorhang-Design)

18. Juli 2012

Floraler Unterwasserwahnsinn bei OBI

Falls jemand vielleicht mal wissen möchte, was heute die wirklich unheilbar Geisteskranken, hoffnungslos Desparaten, Schwerstdepressiven und von jahrzehntelangem Drogenmissbrauch zerrütteten Hirnwütigen in unserem Land eigentlich rund um die Uhr so treiben, da kann ich jetzt Auskunft geben – sie sitzen unterzuckert, mit vereiterten Augen in stickigen, lichtlosen Isolationsbüros mit Resopalwänden und gestalten … Duschvorhänge! Ich weiß, kaum zu glauben, aber es ist, wie es ist, Kollegen.

Ich habs auch nur durch Zufall erfahren, am Abendbrottisch. Nur scheinbar banales, unverfängliches Thema war die Ausstaffierung der neuen Wohnung, die über immerhin zwei Bäder verfügt. – „Hört mal Leute“, wandte sich die Gattin an mich und die teilzeitmitwohnende Stiefstudentin, „was wollt ihr denn für Duschvorhänge?“ Sonnengelb!“ krähte ich spontan. „Pink mit Blümchen!“ (Die Stiefstudentin wieder! „Ich habe einen gediegenen Geschmack!“ fügte sie überflüssigerweise trotzig auftrumpfend hinzu.) „Rosa Blümchen erst wenn ich tot bin!“ sprach ich ein Machtwort. Ein Konflikt zeichnete sich ab. „Lass domma Internet gucken“, schlug die salomonische Diplomaten-Gattin vor.

Die nächsten zwei Stunden brachten das psychodelischste und zerebral zersprengendste Erlebnis, seit ich als grüner Naivling mal in Amsterdam auf der Straße von ’nem kranken Zwielicht-Nigga ein Stück Löschpapier erstanden hatte und prompt auf einen hundsgemein fiesen Trip geraten war. – Die Stiefstudentin haute ihr MacBook auf den Tisch und scrollte uns geradewegs in die Hölle. Versandhandel-Duschvorhang-Design: „The horror, the horror!“ (Marlon Brando in „Apocalypse now“): Plastikgewordene Albträume in braun und uringelb, wirr-verwitwete Kittelschürzen-Muster, giftgrüne Bambusstiele, blutrote chinesische Schriftzeichen, die man sich auch auf intime Stellen tätowieren lassen kann und die angeblich „Glück und langes Leben“ bedeuten. „Wahrscheinlich heißt das bloß ‚Arschloch!’“ mutmaßte die Stiefstudentin, die die Welt kennt, achselzuckend. Außerdem: Katzentatzen, IHerzNY, Wasserblasen in türkisblau, die Skyline von Manhattan, aufgedruckte Blutspritzer (!) auf weißem Grund (Modell „Psycho“), beige-braune Tapetenmuster aus den ganz, ganz frühen 70ern, graugrüne kleine Delphine beim Baden und fröhliche Vögelchen in lila Geäst. Für die rebellische Dusch-Jugend die Rolling-Stones-Zunge. Dazu jede Menge unmotivierte Kreise, die sich überschneiden, tanzende Karos in poppigem Schrillbunt, das Streifenkleid betrunkener Zebras und für Sadomaso-Fans das ganze auch noch in dominantem Lacklederpechschwarz.

Uaarrgh!

Also blieb als Minimalkonsens nur klares Weiß. „Sieht allerdings auch so aus, als würden dahinter Irre aus den 50ern nach Elektroschock und Lobotomie mit eiskaltem Wasser abgespritzt“, gab die Stiefstudentin recht altklug zu bedenken. „Aber Kinder, das passt doch zu euch!“ versuchte die Gattin uns aufzumuntern, erntete dafür aber nur verkniffene Blicke. Ausnahmsweise war ich mit der Stiefstudentin mal einer Meinung. Die Diskussion endete in Erschöpfung und Resignation. Erst heute morgen, als die Gattin beim besinnlichen Frühstück beiläufig meinte: „Ich wollte jetzt noch mal auf die Duschvorhänge zu sprechen kommen…“, fing ich unkontrolliert an zu schreien.