Zurücktreten bitte! Eine deutsche Obsession


herrgott_bg

Hat es satt: Gott will nicht mehr.

Tipp für Einbürgerungskandidaten: Wer wissen will, wie wir ticken und was die Deutschen wirklich scharf macht und anfackelt – es sind Rücktritte. Wir sind besessen davon. Schon am S-Bahngleis schallt es alle zwei Minuten: „Zurücktreten bitte!“  Rücktritte werden gefordert, durchgesetzt, triumphierend beklatscht, dann bekakelt, beklügelt, lange belabert und schließlich im Jahresrückblick abgefrühstückt. Wen trifft es nächste Woche? Wir brauchen den Rücktrittskick in immer kürzeren Abständen. Um zu erklären, woher diese Obsession kommt, müssen wir weit in die Geschichte zurückgehen, nicht gerade bis Adam und Uwe, aber noch hinter Goethe, hinter Luther und sogar noch ein Stück weiter, zurück ins frühbarocke Neokritikum. Deutschland gab es noch nicht, nur ein 16000-Teile-Puzzle aus mikroskopisch kleinen Kaiserpfalzen, Königreichen, Herzog-, Fürsten- und Erzbistümern, die von absolutistischen Herrschern nach Strich und Faden geknechtet wurden.

Manche Reiche waren so klein, dass die Sonne in ihnen nicht unterging, weil gegen Abend war sie ja schon gut fünf, sechs Reiche weiter. Wenn die Könige und Herzöge auf den Turm ihres Schlosses kletterten, konnten sie die Landesgrenzen beobachten und überprüfen, was die Nachbarn im Schilde führten, oder dem eigenen Volk ins offene Maul schauen, bis in den leeren Magen hinein, denn das Volk legte gern den Kopf in den Nacken und gaffte zum Herrscher empor. Niemand verlangte das von ihm, aber so waren sie, die Protodeutschen des hierarchaischen Frühbarock. Ihr König, ein gebürtiger Königsberger namens Ehrenfried Obrigkeit, der sich als Herrscher Obrig der Große nennen ließ, galt zwar als engherzig, bucklig und kleinwüchsig, aber von unten aus sah man das nicht so, denn man war allgemein kurzsichtig und obrigkeitshörig, also stierten alle dienernd nach oben, bis sie steife Stiernacken bekamen. Da wurden sie es aber irgendwann leid, immer nur Maulaffen feilzuhalten und riefen zu Obrigkeit hinauf: „Obrig! Wir hungern und darben! Wirf Brot und Kuchen herunter!“ – „… und noch Bier und gebraten Krammetsvögel!“, schrie ein besonders Kecker.

König Obrig zuckte die Schultern. Was war denn das nun wieder? Ein Königreich ist doch keine Suppenküche! Wenn diese Geschichte als Musical verfilmt wird, wäre es jetzt Zeit für eine Arie oder einen Song. „Friß Ananas, Bürger, und Haselhuhn“, könnte der König beispielsweise singen, „musst bald deinen letzten Seuzer tun!“ Aber das ist von Majakowski, der damals noch nicht lebte, wäre also ein Anachronismus gewesen, warum der König nur herunterpampte: „Nichts gibt’s, Kanaillen!“ Das wollte das aufgeputschte, ja ausgesprochen putschlustige Volk nun nicht auf sich sitzen lassen, ein Murren und Scharren entstand, ein Grummeln und Räuspern, dann ein richtiger Rumor und eine komplette Emeute und schließlich rief der Dreisteste, der vorhin Wildbret verlangt hatte, lauthals das schlimme Wort: „Rücktritt! Nieder mit Obrigkeit! Er soll zurücktreten!“ Das Ende ahnt man. Obrig der Große, eh nicht der schlaueste Keks im Karton, tat aus Mangel an Chuzpe und Schlagfertigkeit, wie ihm geheißen und trat einen Schritt zurück, purzelte von der Schlossmauer und rollte holterdipolter und hastunichgesehn rüber ins Nachbarland, wo er demissionierte und irgendwas bei der Post anfing, glaub ich.

Das Volk jubelte zunächst verhalten, verstummte aber bald, denn die Erwartung, nach dem Rücktritt werde es nun unverzüglich Brot und Kuchen vom Schlossturm hageln, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil, nun hatten sie einen leeren Magen und noch dazu keine Obrigkeit mehr, zu der sie den lieben langen Tag aufschauen konnten. Etwas anderes hatten sie aber nicht gelernt, keinen Abschluss, nicht mal Praktikum oder was. Kurz darauf jubelte man erneut – Obrigkeit Junior hatte den Thron bestiegen… – So trug es sich zu, dass der Deutsche bis heute zwei Seelen in seiner Brust trägt, bzw. in seiner einen Seele einen Zwiespalt: Er hat Sehnsucht nach Obrigkeit, hasst sich aber dafür und ruft kompensationshalber, sobald er einen Herren oder eine Eiserne Lady installiert hat, umgehend nach Guillotine, Erschießungspeloton oder, wenigstens: „Rücktritt!

Dies ist eine wahre Geschichte, true history, wie von Guido Knopp gehäkelt; bloß ein Traum hingegen war es, den ich letzte Nacht hatte, wo Gott nämlich kurzfristig eine Pressekonferenz in Paderborn angesetzt hatte und dort erklärte, wenn sein Stellvertreter ginge, wolle er auch nicht mehr; er sei ebenfalls und „ja wohl schon viel länger“ alt und schwach, und, wenn ich es richtig verstanden habe, die Schöpfung sei ohnehin „am Arsch“ und die Menschheit ein „unverbesserlicher Scheißhaufen“.  – Da er es in geschliffenem Latein formulierte, klang es etwas konzilianter. Auf die Frage nach seinem Nachfolger reagierte Gott ungnädig. „Meinetwegen könnt ihr euer scheiß Goldenes Kalb anbeten“ grollte es noch, dann war Zapfenstreich mit Blechbläsern.

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11 Kommentare - “Zurücktreten bitte! Eine deutsche Obsession”

  1. /cbx Says:

    Welch brillantes Dokument! Fast denke ich daran, mir noch schnell ein paar Enkel zuzulegen, auf dass ich ihnen in einigen Jahren diese äußerst leerreiche und dennoch kurzweilige Geschichte vorlesen kann.

    Andererseits muss ich jetzt wohl als Blogger selbst (bei vollen Kommentarbezügen, versteht sich) zurücktreten, weil ich erkannt habe, das ich inzwischen auch ein ausdrucksschwacher Ideengreis geworden bin.

    Oder ich schreibe in Zukunft meine Texte von größeren Meistern und helleren Lichtern ab.

    Und muss deshalb zurücktreten.

  2. 6kraska6 Says:

    Bei Rücktritt aber bitte auf den Hintermann achten! Außerdem enthält der Kommentar einen unbelegten Schreibfehler – machen Sie das weg, Herr Ingenieur!

    • /cbx Says:

      Aber natürlich. Hier haben Sie das unbedingt erforderliche „s“:

      „s“

      Die Gänsefüßchen wollen Sie bitte selbst entfernen.

      Und für pedantischere Zeitgenossen hier noch ein optionales „h“:

      „h“

      Dafür aber möchte ich dann das nicht mehr benötigte „e“ zurück.


  3. Bei der allgemeinen Rücktrittsbewegung, die derzeit vorherrscht, wird leider allzu oft vergessen, dass es auch den Vortritt gibt … hilfreich ist dabei, kräftig auszuholen.
    Schön, dass die Schreibertinte wieder regelmäßiger fließt!


  4. Ich bin zwar kein Ingenieur, habe auch keinen wie auch immer gearteten verwandten Beruf, aber immerhin das fehlende „s“ gefunden – darf ich es denn behalten?

  5. vilmoskörte Says:

    „True history, wie von Guido Knopp gehäkelt“ – ich lach mich schlapp!

  6. rotewelt Says:

    Haha, ein herrliches Konglomerat, das mich zum Lachen brachte und den Morgen versüßt!

  7. Lakritze Says:

    So laß ich mir Geschichtsschreibung gefallen — danke fürs Info- oder Edutainment. Herr Knopp kann jetzt getrost, ähm … ja.


  8. Janz doll, verehrter Herr Magister.
    Ich neige mein Haupt in Ehrfurcht und sende schöne Grüße aus der intellektuellen Diaspora …


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