Schlafstoffbelastung, Quincke-Ödem, Öffentlichkeitsscheu


In soziologischen oder kulturkritischen Kummerkästen wird oft beklagt, dass heute alle Welt ins grelle Licht der Öffentlichkeit drängelt, um sich dort mehr oder minder peinlich zu produzieren. Das Leben als Casting-Show undsoweiter. Alle Welt, das können ostdeutsche Pummelfeen mit Piepsestimme sein, gelernte Gurkenhobel-Propagandisten aus Westberlin, die jahrelang vor Karstadt standen und jetzt endlich mal Fernsehluft schnuppern möchten, oder auch frühere Sportaffen, die irgendwann mal irgendwas gewesen sind und jetzt unbedingt aus der Schmollecke der Anonymen Applaussüchtigen heraus und ins Scheinwerferlicht außerordentlicher Bedeutung wollen. Solche Menschen brauchen täglich literweise Aufmerksamkeit, sonst verdorren sie innerlich. „Sein heißt Wahrgenommenwerden“, so formulierte im 18. Jahrhundert Bischof Berkeley Lustmaxime und Lebensgefühl dieser Publikumslieblinge.

Von mir aus, sollen sie doch, obwohl ich diese Art Existenzstil persönlich nicht pflege. Wenn ich unversehens in der Öffentlichkeit stehe, fang ich an zu schwitzen, bekomme purpurrote Ohren und rudere übersprungshalber unelegant mit den Armen. Das will ja niemand sehen. Ich gehöre nicht zu denen, die, wenn sie bei H&M nichts gekauft, aber auch nichts gestohlen haben und trotzdem geht am Ausgang mit dissonantem Höllengezwitscher die elektronische Alarmanlage an, mit debilem Grinsen auf der Straße stehen bleiben, sich verbeugen und dankend die allgemeine Aufmerksamkeit genießen. Eine gewisse agoraphobe Menschenscheu bewahrt mich davor – es sei denn, modernste Technik spielt mal wieder verrückt, wie neulich in der Bibliothek. Die so genannte modernste Technik führt heute ja immer öfter ein undurchsichtiges Eigen- oder Doppelleben. Kürzlich meldete die Rheinische Post zum Beispiel: „S-Bahn mit zwei Kindern fährt ohne Vater ab“! Dem an familiären Werten orientierten Technik-Skeptiker gibt so etwas doch zu denken!

Jedenfalls, in der Stadtbibliothek wollte ich in 2. Stock hinauf, um mir ein, zwei Handvoll amerikanische Krimi-Schundliteratur der übelsten Sorte zu besorgen, da ich gegen die „gute Literatur“ der Jetztzeit, wie sie von extravagant bebrillten Kulturdamen in den Großraumwagen der Intercity-Züge zwischen Göttingen und Klagenfurt gelesen wird, leider eine Allergie entwickelt habe und davon Quincke-Ödeme bekomme. Diese interessante, völlig zurecht nach Heinrich Irenaeus Quincke (1842-1922) benannte Krankheit könnt ihr übrigens ruhig mal googeln, dann seht ihr, was man alles kriegen kann, wenn die Büchernahrung schlafstoffbelastet ist! Jedenfalls, da ich alt und kurzatmig bin und schon nach einem Stockwerk zu Fuß treppauf aussehen würde wie der dicke, schwitzende Mann mit dem Taschentuch in dieser einen Tuborg-Bier-Reklame früher, war mir nach Fahrstuhl. Der ist aber leider seit Monaten kommentar- und begründungslos „Außer Betrieb“, weil man in Duisburg so viel Geld verballert, verspekuliert, verschoben, verloren, verschwendet oder schlicht verbaselt hat, dass es jetzt noch nicht mal mehr dafür reicht, den Reparatur-Service der Fahrstuhlfirma zu bezahlen.

So blieb nur der Personalaufzug, der freilich seine Tücken besitzt und meines Erachtens technisch etwas over-featured ausgerüstet ist. Meinetwegen brauchte er wenigstens weder zu hektisch klingeln, wenn er sich in Bewegung setzt, noch benötige ich eigens eine metallisch scheppernde Damenstimme, die mir in allen drei Stockwerken jeweilen lauthals mitteilt, wo ich mich gerade befinde, denn bis drei kann ich erstens sogar im Kopf zählen, und wenn mal nicht, dann die fragliche Etage mühelos an den drei Anzeigelämpchen ablesen. Ich betrat also das mit modernster Technik hoch gerüstete Fahrgeschäft, drückte die „2“ und fieberte der Abfahrt entgegen. „Aufzug mit dickem Mann fährt ohne Mutter ab!“ dachte ich noch sinnloserweise, als es geschah – anstatt mich zu befördern, ruckte es, pingte, blinkte, ruckte noch ein weiteres Mal, dann öffneten sich unversehens sowohl Hinter- wie Vordertür des Fahrgastraumes, so dass ich plötzlich im Freien stand, und zugleich schrillte eine infernalische Signalsirene dermaßen entfesselt nervenzerfetzend los, dass ich mich urplötzlich, aus zwei Lesesälen, im Fokus von dreihundert entsetzten Augenpaaren wiederfand, die mich mit Angst und Abscheu fixierten, als sei ich ein Amokläufer, dem es um die Hinmetzelung harmlosen Ausleihpersonals und unschuldiger LeserInnen zu tun sei.

Ich stand also inmitten einer interessierten Öffentlichkeit und versuchte nonverbal-körpersprachlich sowie unbeholfen pantomimisch meine Unschuld an dem Aufruhralarm zu beteuern. Es gelang mir, so fürchte ich, nicht überzeugend. Geistesgegenwärtig begann ich zu schwitzen, als aus einem verborgenen Lautsprecher eine salbungsvolle Pastor-Fliege-Stimme zu mir sprach und sich fürsorglich erkundigte, ob bei mir alles in Ordnung sei. „Nein! Keineswegs! Ich stehe hier mitten in der Öffentlichkeit!“ wollte ich rufen, besann mich aber und stammelte bloß: „Ja! Nein! Oder doch. Das heißt, ich meine, äh, also ich war das nicht!“ Noch den ganzen Nachmittag war ich stolz auf meine Schlagfertigkeit. – „Du hast ja ne dicke Lippe“, konstatierte die Gattin, als ich nach Hause kam. „Hm. Quincke-Ödem“, murmelte ich, „musch mehr Treppen schteigen.“

 

 

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9 Kommentare - “Schlafstoffbelastung, Quincke-Ödem, Öffentlichkeitsscheu”

  1. /cbx Says:

    Wie perfide, Herr Magister. Seit ich das Quincke-Ödem gegugelt habe, schwellen mein Hals und meine Lippen und ich leide an kurzatmiger Atemnot. Ich glaube, der Fachausdruck dafür heißt Literempathie oder so.

    Auch dass in Duisburg sogar die S-Bahnen mehr (nämlich 2) Kinder haben als der organische Ursprungsdeutsche, gibt mir sehr zu denken – im Gegensatz zu Deiner Beobachtung zum Eigenleben technischer Geräte. Wer sich sein täglich Prosecco und Prosciutto durch Computerprogrammierung erwirbt, kennt die Heimtücke der Algorithmen aus dem tagfürtäglichen Arbeitswahnsinn.

    Was schließlich Wahrgenommenwerden und Öffentlichkeitsscheu betrifft, so vermisse ich an dieser Stelle eindeutig ein Luhmannzitat😉

  2. 6kraska6 Says:

    Luhmann hat Urlaub. Alleinerziehende S-Bahnen sieht man immer öfter – die „vaterlose Gesellschaft“ halt. Gegen literempathische Quincke-Ödeme hilft Autosuggestion. Ich verweise auf den Loriot-Clip mit dem Mann, der Körperteile durch bloße Konzentration an- und abschwellen lassen konnte…

  3. Lakritze Says:

    Dicke Lippe wg. Schlagfertigkeit – der Zusammenhang war bekannt, hier ist endlich der Mechanismus erklärt.

  4. Philipp Elph Says:

    Quincke Ödem vs Osgood Schlatter Syndrom (das liebe ich, des Namens wegen, sonst ist nicht lustig, wenn du Osgood Schlatter hast), wenn du es hast, solltest du keine Treppen steigen.

  5. oachkatz Says:

    Lieber Herr Magister, Dein sehr anschaulicher Bericht hat meinen Tag gemacht. Ich hoffe, Du zeihst mich nicht der Gefühllosigkeit angesichts von öffentlicher Peinlichkeit und körperlichem Leiden, aber mir sind vor Lachen gar Tränchen in die Tastatur gesickert. Danke dafür. Ach, eins noch: hast Du auch unelegant mit den Armen gerudert?

  6. karu02 Says:

    …endlich erklärt sich das auch mal…

  7. Thomas Says:

    Ich vermute, der Anstieg der vaterlosen S-Bahn-Kinder hängt mit dem stets steigenden Auftragsvolumen der deutschen Bahnhersteller in Russland zusammen. Müsste man mal Schröder nach fragen.


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