Puffreis (Gruß aus der Puppenküche)


Traum vom Fliegen (Fotoquelle Wikipedia)

Gespräch mit dem Kinde. – „Was möchtest du denn mal werden, Kleiner?“ – „Ich werd krank!“ – „Waas? Krank?“ – „Ja, und denn wieder gesund. Da bin ich immunitär und werd Super-Held. Also Weltretter und so.“ – „Und wovor oder wem willst du die Welt retten“? – „Vor Lurchen! Dings, Schlampen. Oder Schrunden? Nee, warte: vor Schurken! Schurken ist das richtige Wort!“ – „So bösen Trenchcoat-Menschen?“ – „Jaha, genau! Die mach ich platt, mit’n Flammenkuchen…“ –  Gott, was für ein bescheuerter Dialog! Wie will ich so jemals einen anständigen Roman zustande bringen? Das macht doch keinen Sinn! Ich fang noch mal an…

Konfusionstechnik. – Was empfiehlt das postmoderne Benimm-Kochbuch derzeit eigentlich, wenn es im Treppenhaus zu unerklärlichen Unheimlichkeiten kommt? Wenn, sagen wir, aus dem Halbschatten hinter der verdorrten Flurpalme unversehens eine unfrauliche Frau, baulich unverfugt, im Schreckschraubenoutfit, mit Hornbrille und Hütchen auf dem schwarzblondierten Haar, auf einen zuschießt und faucht: „Sie sind seit Monaten eine Zumutung für mich!“ Hat der Kafka-Franz sie geschickt? Ist die Feder am Hut vom Paranoia-Vogel? Wer besäße in einer solchen Situation voll dubioser Implikationen und Unwägbarkeiten die legendäre Schlagfertigkeit des mythischen Hypnose-Therapeuten und Konfusionstechnikers Milton Erickson? Er hätte geantwortet: „Darf ich vielleicht anbieten, Ihnen eine Stricknadel ins Ohr zu stecken?“ Natürlich müsste man dazu noch ein absolut undurchdringliches Buster-Keaton-Gesicht machen und fragend auf seinen Kragenknopf deuten.

Shoppen mit Schwung. – Seltsamerweise können auch Vergeblichkeitsträume gelegentlich euphorisierend wirken. In einem großen Warenhaus für Galanteriewaren und Kreativkitsch fragte ich jüngst nach einer lebensgroßen Erich-Honecker-Büste aus Rauchglas, gefüllt mit rosenfarbenem Duftwasser. Ich meinte, dergleichen im Schaufenster erspäht zu haben. Man behandelte mich mit vorzüglicher Hochachtung und nannte mich ständig Herrn Dr. Brauchburger. So heiße ich zwar keineswegs, ließ es mir aber doch gefallen und erfreute mich der Zuvorkommenheit, die mir sowohl die Prinzipalin als auch der leitende Ladenschwengel zuteil werden ließen. Im Lager fand sich zwar nichts mehr, was meinem Wunsch gleichkam, obwohl man große Suchanstrengungen unternahm, aber dennoch verließ ich das Geschäft beschwingt und erhoben, noch im Erwachen lachend, ohne dafür einen zwingenden Grund angeben zu können.

Aus der akademischen Welt. – Ebenfalls traumentsprungen: Deutschlands jüngster Professor! Er hieß Korbinian Herrnwisch (24),  war Experte für proszillitäre Protreptologie an der Uni Münster und trat in einer Talkshow auf. Er wirkte schüchtern, litt offenbar unter Selbstzweifeln und war unfähig, dem Publikum im Studio plausibel zu machen, worin genau seine Tätigkeit bestand. Immerhin war ihm das Geständnis zu entlocken, dass an der Uni Münster bislang noch gar keine Proszillatoren installiert seien, aus Kostengründen. Dafür wusste er mit der Mitteilung zu verblüffen, dass es in Münster praktisch keine Studentinnen der theoretischen Pataphysik gäbe, die kein sog. Arschgeweih ihr eigen nennten. Ratlos starrte der Moderator in seine Karteikarten.

Doppelte Angstüberwindung. – Ja, zugegeben, ich träume von Reisen auf dieser Windmaschine: Nicht so sehr, wie ich die Drahtabsperrungen des Stromparks überwinde, den ragenden Mast mühselig besteige, den Turm des Wahnsinns erklimme, das Herzstück erreiche, die allfällige Höhenangst herunterschlucke, mich überwinde, mich mental einkriege, tieftief durchatme, nein, aber wie ich dann, endlich oben angekommen, befreit beschleunige, abhebe und los fliege – das hat was! Hab ich erwähnt, dass ich eine reizende Frau habe? Sie fliegt natürlich mit, auch wenn sie unter Flugangst leidet. 

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11 Kommentare - “Puffreis (Gruß aus der Puppenküche)”

  1. /cbx Says:

    Wow! Wie erhellend!

    Jetzt weiß ich auch, dass ich wohl besser in Münster theoretische (oder von mir aus auch experimentelle) Pataphysik studieren hätte sollen. Und sei es nur ob der Arschgheweihe gewesen. Den fehlenden Proszillator hätte ich dann als Diplomarbeit nebenbei auch noch aufgebaut. Und wär’s nur gewesen um die Geweihträgerinnen zu beeindrucken.

  2. 6kraska6 Says:

    Vielleicht kann sich Deine Firma dessen mal annehmen? Ohne Proszillatoren bleibt die Protreptologie nämlich Stückwerk…

  3. erinnye Says:

    Ich würde ihn schon mal gerne lesen wollen, den Roman, falls er mal fertig wird.

  4. Vallartina Says:

    „proszillitäre Protreptologie“ – Ja, das ist schon einen Albtraum wert!


  5. Ich meine, es geht hier ja immer wüst zu. Man weiß in der Regel nicht, welche Wörter und Wortschöpfungen und Gedankenkrausigkeiten man zuerst schätzen und beneiden und verachten möchte. Aber heute ist es noch mal schlimmer. Als sonst schon.

  6. Lakritze Says:

    Der Paranoia-Vogel ist bestimmt ein Papagei. (Der hat’s nämlich schon immer gesagt …)

  7. Thomas Says:

    Ein Roman, den Du aus dem „Konfusionstechnik“-Absatz entwickeltest, wäre nobelpreisverdächtig. Du müsstest nur alles weitere in diese dramatische Szene hineinstreamen, quasi ulysses-artig. (Gerne auch den mit Rosendurft angefüllten Rauchglashonecker.)
    Als prospektiv beglückter Leser grüßt…

  8. rotewelt Says:

    Ich glaube, das undurchdringliche Buster-Keaton-Gesicht verfolgt dich… Weißt du, warum?


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