Drei Texte aus dem Jahrhundert der Erbaulichkeiten


Was mir die Muse hinterließ...

Musenbesuch. – In der Nacht überkam mich trotz reichlich genossenem Punsch-Grog tiefe Traurigkeit des Herzens, und so entschloss ich mich, ein Räucheropfer darzubringen und Melpoméne zu beschwören, die Muse der Schwachmütigen, von der geschrieben steht, sie habe über die Zeitläufe hinweg sehr viel Unglück und Leid gesehen und hülfe durch ihren Gesang, neue Kraft in den menschlichen Geist zu transportieren, auf dass er schließlich triumphiere. Schon erscholl sie geisterhaft: „Sterblicher, geh hin und opfere mir ein heiser kläffendes Malterserhündchen oder einen nervigen Yorkshire-Terrier mit goldenem Vließ, so will ich dir unter Umständen erscheinen!“ Ich tat wie geheißen und massakrierte das lästige Schoßtier, es hatte dies längst verdient.

Ein Moment der Magie! Kaum erstarb gurgelnd das Kläffen des Hündchens, entwand sich dem Dunkel im Stubenwinkel wohlduftend das herrliche Mädchen, die hochbrüstige Jungfrau, rabenschwarz und alabasterhäutig, in seidengeblümte Lingerie-Waren gehüllt und sternenbestäubt: Melpoméne, quasi-göttliche Tochter des Zeus und der Mnemosyne! Herbstsüß wie Ahornsirup troff ihr ein Lächeln von den vollen, flaumumschattenen Lippen.

Ich schilderte meine Beschwerden, Malesten und Symptome, die ganze Not: „Beginnende Resopalisierung des Empfindungsvermögens“, lautete die Musen-Diagnose. „Das kann schlimme Desertifizierung der Großhirnrinde bewirken!“, murmelte sie besorgt. Ihre Stimme verschwamm schon im Punschbecken. „Hier, ich schreib dir was auf“ hörte ich die Muse noch panflöten, dann verblich sie schon wieder, anmutig ihren Namen tanzend, im Algendunst des Wecker-Lichts. Was sie hinterließ, gab mir indes zu rätseln.

Tiefer Fall. –„Keine Zeit, keine Zeit!“ – Apostel Petersen, eigentlich ein umgänglicher, geselliger Mensch, bügelte hektisch an seiner Business-Soutane und blies die rosigen Backen auf. Er war berufen worden und sollte abends ein Amt bekommen! Unsere Runde huldigte ihm schon mal frenetisch und berechnete johlend seine Pensionsansprüche. Wir freuten uns für den Kandidaten-Kameraden! Zu früh leider.

Die dreimal vermaledeite Sykophanten-Presse hatte nächtens nicht geruht, hatte gewühlt und es dann lüstern offenbart und herumposaunt resp. ausgeschrieen: Einst, als blutjunger stellvertretender Beauftragter für liquide Nutrifikation beim Nuntius von Schwenningen, hatte Apostel Petersen wohl einmal fahrlässig seines Nächsten Weib begehrt! Zwar, dem besagten Nächsten war dies egal, denn Herr Frerkes war schon lange verstorben, an unheilbarer Gemütsvertrübung, aber eine resche Witwe zu begehren, auch wenn sie nach Argentinien verzogen war und nur noch dem phantasmagorisch-transatlantischen Fernbegehren zur Verfügung stand, beschädigte das in Frage stehende Amt. „Schuldig! Schuldig! Schuldig!“ heulte der Chor der Furchtzwerge, „damit nehmen wirs genau!“

Apostel Petersen musste eine knieweiche, faselscheinige Erklärung abgeben und, einen spitzen Schandhut auf dem Kopf, schamfristgerecht zurücktreten. Ein Traum zerbarst, ein Trauma wurde geboren. Der Geschmähte ging damals als Aushilfs-Anachoret zum Häresiarchen nach Eritrea, um der Vergessenheit anheimzufallen. Heute soll er unerkannt bei der Continental in Lüneburg arbeiten, wo er alljährlich Puff-Partys für verdienstvolle Aquisiteure organisiert. – Hoch fliege, wer tief fallen möchte!

Jähe Verwandlung. – Ich führte stets das Asketenleben eines hageren Hungerherings, aß nur Sportbrot und Tubenfisch aus der Spürdose, ernährte mich von Diätbüchern, die ich selbst ersann, aufschrieb und im Eigenverlag vertrieb und ich mied das Normodrom, wo die Megalomanen, Hypermotoriker und Hydroklasten tobten, item die Sektierer, die Lügenbrut der Oligophyten, Lotophagen und Barbelo-Gnostiker, die dem Herrn ein Greuel sind und die ich gehorsamst verfluchte, ich blieb keusch und treugläubig, erkannte kein Weib, so es verschleiert des Weges kam und trank nicht aus Bechern, in die eine Jungfrau geschaut hatte. Nie ritt ich auf gescheckten Wiederkäuern mit geflecktem Fell und gespaltenen Hufen, noch trug ich je ungebügelte Hemden oder rauchte beim Gebet. Und dennoch schlug mich der Satan!

Eines Morgens erwachte ich und fand mich in einen ungeheuren, dicken alten Sack verwandelt, einen Schlemmer, Prasser und Wollüstling, der bei den Huren und Zöllnern speiste, die Frömmler verlachte und lästerliche Reden hielt. Verhängnis und Hässlichkeit! Wie war das zugegangen? Einer Hexe widriger Zauber? ein heimlicher Fluchspruch? der Dämonen übelriechender Odem? – Ach, vielleicht ist es einfach das Alter.

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22 Kommentare - “Drei Texte aus dem Jahrhundert der Erbaulichkeiten”

  1. Vallartina Says:

    Donnerwetter! Könnte ich mal das Rezept vom Punsch-Grog haben, bitte?


  2. Wenn Du mir eine Flasche des Wundergrogs schickst, und zwar gratis und ohne Kleingedrucktes, bin ich bereit, Dir die erste in diesem Sommer halbreife Traumsaftkapsel von meinem Balkon zu geben, immer vorausgesetzt, die Saat geht auf.

    • 6kraska6 Says:

      Vier Teile Rum, drei Teile anderen Rum, in reichlich Schnaps verrühren, etwas Tollkirschensaft und einen Spritzer Drachenblut. Aufkochen, umrühren, runterkühlen. Dann austrinken: Voilà!


      • Besten Dank.
        Zum Drachenblut hätte ich allerdings eine Fragen. Ich bin mir nicht sicher, ob man heutzutage Drachenblut aus artgerechter Haltung bekommt. Waidgerecht erlegte Drachen wären natürlich am besten, aber da bin ich mir wieder nicht sicher über Artenschutzgesetze – darf man Drachen überhaupt noch jagen?

        Laß Dir aber ruhig Zeit mit der Antwort bis Ostern. In der Fastenzeit meide ich tierische Produkte und Alkohol.

    • 6kraska6 Says:

      Siehe unten!

  3. erinnye Says:

    Schon unfair, mir erscheint nie eine Muse, liegts daran, dass ich für den Punsch Klosterfrau Melissengeist verwende? Vielleicht aber auch nur eine Causa für den/die Gleichstellungsbeauftragte(n). Algen im Wecker und Sportbrot finde ich allerdings bedenklich.

  4. 6kraska6 Says:

    Wärs deutsche oder lateinische Betonung hättest Du Recht – nur gäbs dann keinen Akzent. Im Griechischen schreibt und spricht man jedoch μελπομενη mit dem Akzent auf der vorletzten Silbe – und so möcht ichs auch gesprochen haben, denn die Dame war Griechin!

    • erinnye Says:

      Ah, ok. Dann wäre es aber folgerichtig gewesen, den Namen gleich in griechischer Schrift zu schreiben, oder vielleicht den gesamten Aufsatz, schließlich sollte sie das Produkt ihrer Musentätigkeit auch lesen können.

      • 6kraska6 Says:

        Das hätte ich zwar machen können, aber meinst Du nicht, ich wäre dann einer gewissen bildungsbürgerlichen Affigkeit geziehen worden?

  5. Lakritze Says:

    Herr Mag. Kraska: Evtl. mit Kalliope anbandeln, die hat, sagt man, mehr Ausdauer? Danke übrigens für den Begriff »Resopalisierung«; der beschreibt einiges.

    (Zur Abbildung: Ich hoffe, die Margarine gehört nicht zum Punsch-Rezept — als Ersatz für Drachenblut womöglich? –; Eier sind zwar in Flüssigkeiten auch nur so naja, aber das hat man doch schon gehört.)

  6. erinnye Says:

    Diese rhetorische Frage wird auf ewig ungeklärt bleiben, spare ich mir doch eine Antwort. Die scharfsinnigsten Aperçus und Verschriftlichungen sind ja oft diejenigen, die man unterlässt.

    • 6kraska6 Says:

      Da geb ich Dir rückhaltlos Recht, Erinnye. Du bist ein philosophischer Kopf. Andererseits, rein pragmatisch: Wer auf seinem Blog immer nur schweigt, „generiert keinen traffic“ – Einsamkeit ist die Folge. Lösung: Beredtes Schweigen zwischen den Zeilen! Oder?

  7. utecht Says:

    Zur Causa Drachenblut möchte ich gerne dies verlinken:

  8. rotewelt Says:

    Man darf gespannt auf den vierten Text sein… Wurde denn die Resopalisierung des Empfindungsvermögens aufgehalten? Es scheint so…


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