Schmierblatt „taz“ (Indianer mit kalten Händen)


Indianer mit kalten Händen (Fotoquelle: http://www.pflichtlektuere.com/.../ 12/kalte-haende1.jpg)

Von Philosophen lernen heißt fragen lernen. Mein Idol, der Königsberger Meisterdenker Immanuel Kant, warf einst („Von den verschiedenen Rassen der Menschen“ 1775) die bis heute nicht befriedigend beantwortete Frage auf, warum bloß der Indianer immer kalte Hände hat. Und zwar hereditär und unvermeidlich. Die eventuell aufkeimende Gegenfrage: Woher kannte Kant, bei dem man auch viel über den Neger („faul, weichlich und tändelnd“) lernen kann, denn das kleine Geheimnis des Indianers? Im Königsberg des 18. Jahrhunderts waren Indianer (und selbst Neger) nur extrem selten gesehene Gäste, und das Internet gab es ja noch nicht. Nun, Immanuel Kant bezog seine Weltkenntnis bei durchreisenden Engländern, die ihm beim Punsch allerhand Schnurren erzählten.

Mit Internet wird nun jeder zum Superhirn und birst vor Meinungen. Wahres Wissen verbreitet sich mit Lichtgeschwindigkeit. Man weiß, dass Thomas Gottschalk Alzheimer hat, Bettina Wulf früher Prostituierte war und Präsidenten-Kandidat Gauck ein Antisemit ist. Steht doch alles im Internet! Das heißt, letzteres entnehmen wir der derzeit kognitiv verwahrlosesten, schmierigsten und verkommensten Art von Boulevard-Journaille, die auf dem Markt herumkrakeelt und verzweifelt Abonnenten kobert, die das eigene Dumpfbacken-Ressentiment teilen – der „taz“. Dort darf ein Kolummnen-Kretin namens Deniz Yücel, der das Denunzieren offenbar noch vor dem Schreiben gelernt hat, Gauck-Zitate solange kürzen, verdrehen und sinnentstellend zusammenkleistern, bis das genaue Gegenteil des Gesagten herauskommt. Gesagt hatte Gauck nämlich etwas sehr Kluges:

„Nicht nur aus deutscher oder jüdischer Sicht ist die Erinnerung, Vergegenwärtigung und Darstellung des Holocaust von zentraler Bedeutung. Allerdings wird sich in den kommenden Jahren zeigen, welche Art des Erinnerns und Gedenkens von nachhaltiger Bedeutung sein wird. Nur am Rande sei die Gefahr der Trivialisierung des Holocaustgedenkens erwähnt. Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocaust. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt. Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne litt, der gewann mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt, auf dem – so die unbewusste Hoffnung – so etwas wie ein Koordinatensystem errichtet werden konnte. Das aber wirkt »tröstlich« angesichts einer verstörend ungeordneten Moderne.

Würde der Holocaust aber in einer unheiligen Sakralität auf eine quasi­religiöse Ebene entschwinden, wäre er vom Betrachter nur noch zu verdammen und zu verfluchen, nicht aber zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben. Wir würden nicht begreifen. »Aber der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hoch entwickelten Zivilisation und im Umfeld außergewöhnlicher kultureller Leistungen; er muss daher als Problem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden.« Das nicht zu sehen, es aus dem historischen Gedächtnis zu verdrängen oder aber entlastende Erklärungsmuster zu akzeptieren, bedeutet die Gefahr einer »potentiell suizidalen Blindheit«. So sagt es der jüdisch­polnische Soziologe Zygmunt Baumann, dem ich meine gewandelte Sicht auf den Holocaust verdanke.“

Das ist, wie gesagt, überaus klug, sensibel und intelligent formuliert. Der „taz“-Schmierfink macht daraus: Gauck missbilligt es, ’wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird’“, und versucht damit „die Juden in die Schranken zu weisen“. Der Dreck wird sich verbreiten, da darf man sicher sein. Ich aber warte auf durchreisende Engländer, denen ich ins Ohr wispere: „Mr. Deniz Yücel ist ein elender Wichser („wanker“)! Und die „taz“ taugt gerade noch dazu, ein Feuerchen zu machen, damit sich der Indianer die Hände wärmen kann!“

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25 Kommentare - “Schmierblatt „taz“ (Indianer mit kalten Händen)”

  1. /cbx Says:

    Hui! Da muss es Dich aber schon arg gedrückt haben, wenn Du Dich nach so langer Zeit mal wieder in die Niederungen des Konkreten begibst.

    Dass aber ein „Profi-Journalist“ von fast 40 Jahren (also kein typisches PISA-Opfer) einem über mehrere Sätze ausgebreiteten Gedankengang nicht zu folgen vermag, zeigt deutlich in die Richtung des eigentlichen eines weiteren Problems.


  2. Jetzt wirst Du sicher irgendwo als Rassist bezeichnet, weil Du einen Journalisten türkischer Herkunft herbe kritisierst. Es ist schon ein Elend mit dem Klatsch.
    Mich ärgert vor allem, daß allgemein so getan wird, als sei ein Bundespräsident verpflichtet, in jeder Hinsicht die Meinung der Mehrheit zu teilen.

  3. /cbx Says:

    Äh, blöd. Noch was: Sogar in der Wikipedia bezieht Herr Yücel Prügel für seinen funktionalen Analphabetismus.

  4. Philipp Elph Says:

    Herr Yücel sollte zunächst verstehen, über was er zu schreiben versucht.
    Herr Gauck sollte sich im Amt des BP so äußern, dass seine Worte nicht nur für Hurz-Versteher sondern auch für das gemeine Volk verständlich sind .

  5. Afra Evenaar Says:

    Blöd ist nur, dass Gauck den Begriff Holocaust verwendet, der selbst schon genau das macht, was nicht geschehen soll: entrücken und damit undiskutierbar machen, als unverstehbar erklären, mystifizieren, und auf perfide Art legitimieren. Holocaust in seiner Ursprungsbedeutung als Brandopfer rückt den Massenmord an Juden in die Nähe eines wie auch immer gearteten göttlichen Willens: wenn das nicht eine „unheilige Sakralität“ ist, was dann?

    Egal, wie sie ihre Bedeutung verändern mögen, Wörter verlieren ihre Herkunft nicht.

    • 6kraska6 Says:

      Das ist philologisch sicher korrekt. Der Begriff hat sich halt eingebürgert, ohne dass weithin bekannt wäre, dass er einen sakralen Hintergrund besitzt. Ich persönlich vermeide ihn, wenngleich ich mir auch ein bisschen affig und überbeflissen vorkomme, wenn ich „Shoah“ sage….

  6. utecht Says:

    Ich komme jedoch schon nicht über den ersten Satz des eigentlichen Gauck-Zitats hinaus, in dem er „aus deutscher oder jüdischer Sicht“ unterscheidet. Preußischer Protestant halt.

  7. 6kraska6 Says:

    Er sagt „aus deutscher und jüdischer Sicht“, nicht „aus deutscher ODER jüdischer…“ – ich finde das jetzt nicht soo schlimm…

    • utecht Says:

      Du zitierst:
      „Nicht nur aus deutscher oder jüdischer Sicht ist die Erinnerung, Vergegenwärtigung und Darstellung des Holocaust von zentraler Bedeutung. „

      • 6kraska6 Says:

        Oh, oops! Mein Fehler. Peinlich. – Aber die Formulierung kann ich im Zusammenhang trotzdem nicht besonders anstößig finden; mir ist der geäußerte Hauptgedanke wichtig, der alles andere als antisemitisch ist und sich mit meinen Beobachtungen deckt. Wie im übrigen hätte er denn hier, wenn man den Zusammenhang beachtet, anders und besser formulieren sollen? Auch wenn es deutsche Juden gibt, ist doch die hier angesprochene deutsche und die jüdische Perspektive nicht kongruent, oder?

      • utecht Says:

        Bevor man Sachverhalte erörtert, müssen die Begriffe geklärt werden, oder? Der sprachlichen Separation von „deutsch“ und „jüdisch“ liegt ja meist nicht Unachtsamkeit zu Grunde, sondern nicht ausreichendes Nachdenken über das „Jüdische“. Die alte Nation-Religion-Diskussion halt…


  8. Vielen Dank Kraska, für diesen Artikel.
    mb


  9. eija, und was du hier über Deniz Yücel, veröffentlichst, wird sich vllt auch im Internet weiterverbreiten. oke, ich kenn den nicht und les auch die taz kaum noch. hier und da mal die junge welt, Fr, FAZ im Vorbeigehen, übers Internet auch noch so manches. aber bei deinem Vorwurf habsch auch gedacht. Es gibt doch zunächst den oder die die Aussage ausm Kontext bewußt verkürzen und insoweit tatsächlich verfälschen. Die ein solches sinnentstelltes Zitat dann weiterverbreiten, sind aber meistens einfach nur naiv gutgläubig bzw. verhaften in einem bestimmten Weltbild.

    Und dann diese Ausfälle. tzz

  10. Haluk Says:

    Bis heute wusste ich nicht, dass Indianer kalte Hände haben. Danke für die Aufklärung.
    Was haben wir noch gelernt: Wichser schreiben für Schmierblätter und auch wenn sie schwul und Türke sind, schützt sie das vor Dummheit nicht.

  11. Enno Says:

    Muss dieses Blog leider wieder abbesstellen. Dabei geht es nicht um die Gauck-Frage, die ich anders sehe als du., sondern um die hier verwendete Rhetorik, wie ich sie seit längerem beobachte. Da benutzt du bewusst politisch unkorrekte Begriffe wie „Neger“ und Stilfiguren wie das Singular („der Indianer“, „der Grieche“, „der Ausländer“). Natürlich meinst du das alles nur ironisch bis zynisch. Ich lese deine Texte als Gesamtbild aber so, als wolltest du damit u.a. auch die „Political Corectness“ dekonstruieren. Das Dumme daran ist, dass du damit bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt rechtem Gedankengut Vorschub leistest. Der Effekt deiner Texte ist nämlich oft so ein: Hoho, „Neger“ darf man ja nicht sagen, hoho, schenkelklopf, er tuts trotzdem, Schulterklopf.“ Nee, Kraska, das ist in letzter Zeit ein Graus hier.

    • 6kraska6 Says:

      Lieber Enno (?),

      Deine E-mail betrübt mich, nicht nur, weil man ungern Leser verliert, sondern vielmehr, weil ich mich missverstanden fühle. Wo heute die Bruchlinien zwischen „links“ und „rechts“ verlaufen mögen, sei dahin gestellt – wer mich und meine Texte kennt, weiß, dass ich entschieden gegen Rassismus und Antisemitismus eintrete. Natürlich ist Spott und Ironie im Spiel (Zynismus indessen nicht), aber diese Ironie richtet sich GERADE GEGEN Vorurteile und Klischees. Die Kant-Zitate über „den Indianer“ und „den Neger“ (O-Ton Kant) sollen gerade a) den latenten Rassismus der Aufklärung beleuchten, b) generell eine Haltung satirisch darstellen, die aufgrund bloßen Hörensagens und umläufiger Klischees Vorurteile propagiert. Zur Sprachpolitik der „political correctness“ habe ich möglicherweise eine andere Meinung als Du. Falls es Dich interessieren sollte, mein Philosophie-Vortrag mit dem Titel „Was man sagen darf“ findet sich auf meinem „seriösen“ WordPress-Blog „denkfixer.de“.
      „Den Rechten Vorschub leisten“ – das halte nun wieder ich für einen klischeehaften Vorwurf und, verzeih bitte,auch für ein undifferenziertes Totschlagsargument. Kein Text der Welt, es sei denn, es handelt sich um ein Kochrezept, ist dagegen gefeit, von irgendwelchen „Rechten“ oder „Linken“ missbraucht zu werden. Ich selbst bin weder rechts noch links, meine Devise habe ich von Nietzsche übernommen: „Der Dummheit Schaden tun!“ – Dummheit freilich sehe ich gleichermaßen in allen politischen Lagern vertreten, wobei ich freilich, aus biographischer Erfahrung, mit „linker“ Dummheit vertrauter bin. Nun ja. Mündlich, denke ich, würden wir us besser verstehen.
      Herzlichen Dank für die zweitweise Unterstützung. Cheers, Kraska

  12. denlars Says:

    An dieser Stelle auch einfach mal ein Dankeschön für diesen Artikel.
    Den Eindruck meines Vorredners teile ich nicht. Die Ironie ist stets nur allzu deutlich zu spüren, manchmal könnte man das eine oder andere als unnötigen Schenkelklopfer sehen, aber auch da umweht einen stets die Ironie.

    • 6kraska6 Says:

      Danke für den Zuspruch. Ich hasse es, missverstanden zu werden! – Ich würde mich, im Wege konstruktiver Kritik, freuen, wenn Du mir Beispiele für unnötige Schenkelklopfer geben könntest – i’ll kill my darlings then…

  13. denlars Says:

    Beispielsweise die Bildunterschrift „Eigentlich schwarz: Barry White“ (aus Erinnerung zitiert). Verstehe du mich bitte auch nicht falsch, ich mag diese Schenkelklopfer und ebenso sehr mag ich es, wenn das enge Korsett der political correctness mal (fast) zum Platzen gebracht wird. Ich denke nur, dass das angeführte Beispiel zu der Kategorie von Wortspielen gehören könnte, die anderen schnell sauer aufstoßen könnte.

  14. 6kraska6 Says:

    Da gebe ich Dir dennnoch Recht. Die Bildunterschrift ist schon etwas albern. Das kommt zumeist davon, dass ich von meinem Grundsatz abweiche, spät abends (nach einigen Gläsern Wein) keine Texte mehr zu veröffentlichen, sondern stattdessen bis zum selbstkritischen Morgen zu warten…


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