Das Wesen der Ehe


Altägyptische Hieroglyphe. Übersetzung: Für den Seegurch Mikado-Suppe!!

Samstag: Motte und Nobbler durften noch etwas draußen und flogen zusammen über den Fußballteich. Im Einmachglas dabei: Hans Griebel, Nobblers zahmer Seegurch. „Komm“ frohlockte Motte, „lass uns mal Wirklichkeit spielen!“ – „Ooch, nö, nich wieder … – und welche denn?“ nöl-zögerte Nobbler. – „Na, komm schon! Die harte, ganz grause!“ – „Ach so. Na gut…“ – Schon legte Motte los und setzte sein schlimmstes Besorgnisgesicht auf, Mundwinkel unters Kinn geknöpft, und machte so jämmerlich „uuh, ooh, uuh, ooooh!“ dazu, dass der Seegurch erschrocken aufquiekte. „Jetzt müssen wir rasch einen nachhaltigen Geredeschirm spinnen“ bibberte Nobbler, vom Elend der Wirklichkeit betroffen,  und bohrte suchend in der noch kindlich unentwickelten Stupsnase, „damit wir Vertrauen haben. Vertrauen ist nämlich total wichtig! Und auch Wachstum noch!

Motte hatte indes von der Fernseh-Muhme ein niegelnagelneues Blödwort dabei, das jetzt passte: „Ich denke,“ er sog an seiner imaginären Grübelpfeife, „wir sollten auch in der Fläche breit aufgestellt sein...“  Nobbler schob bereitwillig das Bäuchlein vor, um sich breit aufzustellen, nur mit der Fläche haperte es noch einstweilen. „Wir müssen aber auch nach vorne schauen“, schlug er deshalb vor. Besinnliches Schweigen. Eine Weile schauten sie beide nach vorne. Hans Griebel auch. Dann wurde das aber allen fad, denn dort vorne gab es wirklich gar  nichts zu sehen.

Wirklichkeit ist ein ziemliches scheiß Spiel, und überhaupt mehr was für Mädchen – darüber wurden sie alsbald einig und stülpten stracks ihre Antennenmützen aus dem Metaphysikunterricht über, um etwas Himmelsfunk abzuhören, Mangoldengel, Rauschgoldflittchen, Gesänge aus der Offenbach-Offenbarung, das ganze Programm für kleine Visionäre. Hans Griebel bekam die hölzernen Kopfhörer über. Seegurch-Propheten kommunizieren im Unterholzbereich, niedrige Sequenz-Frequenzen, einfache Sprache, große Buchstaben. – Nachdem Samstagabend-„Hosiannah!“ erscholl ihnen aber selbdritt die Stimme des Höchsten: „Wahrlich, es wird eine Zeit kommen, da ihr Käsestullen essen sollt!“  Nobbler hatte zwar „Creme-Schnittchen“ verstanden und der Seegurch schwor, es müsse „Gräten-Rollen“ heißen, aber egal, ein Hörfehler ward ökumenisch ausgeschlossen: Religion macht alle Klein-Gläubigen hungrig. – „Ey, Leute, mal herhörn“, krähte Motte enthusiastisch, „doppelter Hoppel-Galopp! Wer erster im Heim ist!“

Derart lustig flogen die Beine und schepperten die Schulterblätter, dass dem Seegurch in seinem Glashaus die Karussellen klingelten, oder, um ein billiges Wortspiel auf seine Kostenstelle zu setzen, ihm wurde ganz griebelig. Erhitzt, mit quatschnassem Schuhwerk und glühenden Ohren traf man im Turboläum ein, dem Internat für Knaben aus katholischer Bodenhaltung. Die Herbergsmutter, Frau Frerkes, schimpfte pflichtschuldigst ein wenig über die lehmigen Klotschen, schmunzelte aber doch dann gütig durch die Finger und schmierte ihren Rackern Margarinebrote mit Käse – so war es ja geweissagt, im Himmelsfunk! Für Hans Griebel gab es Mikado-Suppe, dann ab ins Regal, Schlafenszeit für Gurchi.

Auch Nobbler und Motte holten sich bei Pastor Meyerbeer, dem Traum-Kastellan, ihr täglich-nächtliches Schippchen Abend-Segen, tranken im Schrankbett noch einen Hustentee mit Honigseim und verklebten die Finger zum Nachtgebet. „Wenn ich groß bin, heirate ich vielleicht Mutter Frerkes“, verkündete Nobbler träumerisch ins Dunkel. Motte lachte sich scheckig! „So’n Quatsch, Mann!“ prustete er, „dann wärst du ja ein voll schwuler Ödipus, Blödi! Nee, da geh ich lieber nach Hammurch-St.Pauli, als Profil-Boxer!“ – Knabengespräche halt, wie sie so oder ähnlich wohl überall geführt werden, wo Gottvertrauen, Unterwasserfußball und schwellende Säfte zusammenprallen. „Mann, Mann, Frau Frerkes, die ist mal bummlich achtunnfuffzig!“ murmelte Motte noch, aber Nobbler war schon eingeschlafen und träumte von Bergen von Bratkartoffeln. – Ach, wehe, sie kommt nicht wieder, die schöne, sorgenfreie Knabenzeit! – Im Traum war Motte übrigens Freigeist, er träumte, er sei ein freigrüner Posaunenpilz und fräße kleine Mädchen. Als Pointe zu schwach, aber in sozialer Hinsicht auch nicht unbedenklich! Freund Nobbler indes träumte von erregenden Bratkartoffel-Verhältnissen. Er war der frühreifere von beiden. Er wusste vom Wesen der Ehe!

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6 Kommentare - “Das Wesen der Ehe”

  1. puzzle Says:

    Frau Frerkes, von himmlischem Bratkartoffel+ und Gürkchenduft umfächelt … kein Wunder, daß sie auch irgendwo in den Pampas unvergessen ist.

  2. 6kraska6 Says:

    Das ist insofern richtig, als Frau Frerkes ihren Lebensabend in Argentinien verbringt, ja. Sie betreibt eine kleine, aber weit gerühmte Kartoffelbraterei am Jakobsweg.

  3. utecht Says:

    Und ich Narr gab doch letzthin meine Holzkopfhörer in die Altkleidersammlung – ich hatte mir mehr Ohrenwärme versprochen. Von Unterholzfrequenzen wusste ich nichts.

    • 6kraska6 Says:

      Nicht schlimm. Unterholzfrquenzen sind auch nur Wesen hörbar, die, wie der Seegurch, über ein Vibrationsschlupf-Organ verfügen. Der Rest halte sich in Fragen der Religion an den normalen Schwurbel!

  4. Lakritze Says:

    Endlich wieder was von Frau Frerkes; man muß ja dem Magister die Frau-Frerkes-Informationen einzeln aus der Nase ziehen.


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