Ein Weihnachtsalbtraum


Alles ist erleuchtet! (Ich, im Festtagsschmuck)

Weit oben, jenseits der sumpfig-dunstigen Schwellpolsterauen, verstieg ich mich einst hoch im Schrankwand-Gebirge. Ein hartes, ein reiches Land! Hoch ragten die Buchattrappen, furnierbestandene Plateaus äugten fremdelnd, wie von Munch gemalt, in stummem Schrei, und Schluchten aus eitel purem Resopal gähnten verstohlen! Von Höhenangst und Luftnot gebeutelt, folgte ich dem kargen Weg der Hungerholzwürmer und wilden Staubmäuse, surfte, schürfte und schnob durch nie gesehene Welten aus Repräsentationsgeröll und erblindetem Lebensmüll. Oho ich war ein Abenteurer gewesen! Das Reich der undurchsichtigen Gardinen hatte ich durchstreift, die Herden der Alpenveilchen geweidet, mich als Teppichfransen-Kämmer verdingt und durchgeschlagen; Weihnachtssterne hatte ich gesehen, verdorrte Strohkränze gekaut und in manch trockene Tischkante gebissen! Doch jetzt balancierte ich auf unsagbar öden Graten, rauchte die letzten Luftreserven und leckte darbend den Teer vom Himmelsgewölbe.

Schminke er sich umgehend! Werfe er sich verkleidungshalber rasch in erstbeste Frauengewänder und eile zum Trefpunkt (sic)!“ – erging der Befehl an mich. Im Schminkraum herrschte das typische Chaos. Obwohl ich abdeckte, pinselte, schmierte, spachtelte und Schlieren wischte, bis mir schlecht wurde, ich bekam die Frau nicht hin, weder Vamp noch auch nur Mutti, sah in meiner Kittelschürze eher aus wie ein trauriger Musikal-Clown mit derangierten Glitzerapplikationen. Wie sollte ich so zum Agententreffen? Weh mir, in der Vitrine klirrten die Gläser. „Er kriegt es nicht hin! Er kriegt es nicht hin!“ wisperte die Nippes-Innung, und tausend schielende Engel bliesen die grause Blockflöte und summten ergrimmt: „Hängt ihn! Hängt ihn an die nächste Edeltanne!

Unten stieg die Mutter erschöpft von der Gänsebrust und rief: „So wartet doch! Ich muss mir noch den Bratendunst aus dem Haar bürsten!“ Der Vater gestikulierte wegwerfend und kippte fortwährend hochkonzentriert kleine Schnäpse hinunter. Zunächst lustige, dann zunehmend auch Noten in Moll-Tonarten schwirrten um seinen hochroten Kopf. Oben vom Gebirg herab, wie durch ein umgedrehtes Fernglas, erblickte ich meine Schwester, die opportunistische Schlampe, wie sie indolent Gedichte herunterleierte und dabei dauernd lauernd nach Geschenken gierte. „Meine Schwester ist ein Fisch“, schoss es mir durch den Kopf. Mir ward zugleich unerklärlich edelmütig und ekelhaft elfenhaft zumute, wie nach zuviel Kräuterlikör, wiewohl zugleich, wie beiläufig, auch Mordgedanken kamen und gingen. Familienmassaker! Wann, wenn nicht jetzt? Gleich kommt die Langspielplatte mit dem Karpfen-Konzert! „Am Himmelsrand gibt’s keine Scheuerleisten“, dachte ich und merkte dem Gedanken an, dass er an kargen Almen nagte.

Untertage tobte der gnadenreiche Festtagstango. Verwandtschaften strömten in rauen Massen in die stickichte Stube, verflochten sich in der Sitzgruppe zu einem Rattenkönig, schnatterten und schnäbelten schamlos, die Reptilienmischpoke, Lemuren, Lurche, langustenhafte Lumpentanten und Ludertunten. Ich sehnte mich nach Marzipankartoffelbrei mit Vollbart und 50 Stimmungskanonen, aber daran war nicht mal zu denken! Ich saß ja fest, oben im Schrankwandgebirge, ließ die feinstrumpfbehoste Seele baumeln und formte stumm die Worte der Weihnachtsgeschichte, ahmte dabei, alle Viere von mir gestreckt,  pantomimisch den Stern von Bethlehem nach und betete insgeheim inbrünstig um wenigstens  drei Weise…

 Später hat es geheißen, ich sei schon am Heiligabendvormittag (was für ein Wort!) betrunken gewesen, hätte wirres Zeug geredet und sei persönlich ja wohl nun bestimmt am wenigsten berechtigt, über Vaters Schnäpse Sottisen zu schnörkeln. Der Alb ist noch nicht beendet, aber was kann man tun außer hoch in der Schrankwand zu sitzen und zu warten, bis es vorüber geht?

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10 Kommentare - “Ein Weihnachtsalbtraum”

  1. puzzle Says:

    Weihnachtsapokalypse über gekämmten Teppichfransen – ganz erstaunlich, zu welch fantastischen Höchstleistungen ein Mensch fähig wird, wenn die allgemeine Weihnachtsmassenpsychose ihrem Gipfel zustrebt.

  2. erinnye Says:

    🙂 Was für ein begnadetes Weihnachtsalbtrauma.

  3. Philipp Elph Says:

    Achte auf den Mausekönig!

  4. Ente Says:

    Nimm auf deiner nächsten Reise in die Schrankwand mehr Schnäpse mit! Das sollte helfen!

  5. richensa Says:

    Jau, sachte Vetter August… dann man frohes Fest *hicks*

  6. cbx Says:

    Na dann prost Weihnacht, geschätzter Geistesbruder!

  7. Waldbauernbub Says:

    LSD im Geddo. Mutig.


  8. […] Ein Weihnachtsalbtraum Ein Weihnachtsalbtraum: […]


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