50 Wörter für Schnee (Aber 366 dagegen!)


Wetterkitsch für Kinder (Foto: Wikipedia)

Ich bin zwar kein Inuit, hab aber auch 5o Wörter für Schnee: Dreckszeug, Matsche, Ärgernis, Lästigkeit, Verkehrsgefährdung, Naturkitsch, Wetterblödsinn, Scheißwetter, Überflüssigkeit, Mistpampe, Räumpflichtgeröll, Moppelkotze. Die restlichen 38 Bezeichnungen sind geheim und gehören zum Arcanum der Schwarzen Fluchkunst, die bei Strafe sofortiger Straßenverkehrsverhexung durch Frau Hölle nicht ausgesprochen werden dürfen. – Ich begreife erwachsene Mitbürger nicht, die, den Daumen tief im kindischen Flunsch, alljährlich bangen, barmen und quengeln, ob es denn heuer bloß wohl auch noch weiße Weihnachten geben werde. Dabei haben sie mit Weihnachten gar nichts zu tun. Ob da Jesus oder Kindkaiser Kim Jong-Un geboren wurde, ist ihnen schnurz. Hauptsache, es liegt Ende Dezember überall gefrorenes Schmutzwasser herum! Das ist nämlich unabdingbar für die Gebrüder-Grimm-Stimmung provinzieller Heimeligkeit, die das Bratapfel-Kernstück des deutschen Gemütlichkeitsterrors bildet. Nirgends offenbart sich die infantilistische Regression der Weihnachtszeit grauser als im Schneekult.

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Vollends außer Rand und Band gerät der Schneekult im sog. Wintersport. Ab Dezember/Januar kennt das öffentliche Rentnerfernsehen keine Politik mehr, keine Kultur und nicht mal mehr Wettkochen: Rund um die Uhr wird Wintersport gesendet. Menschen stellen sich auf Bretter und rutschen Berge herunter. Das ist so spannend wie Frau Frerkes beim Hemdenbügeln zuzugucken. Ich würde ja lieber mal sehen, wie es gelingt, auf dem Fahrrad unfallfrei über die Graupelpisten zu schlittern, wenn man zur Arbeit muss. Aber das zeigen die Herren Wintersportfanatiker natürlich nicht. Soll ich in meinem Alter vielleicht auf dem Snowboard zur Schule?

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Das einzig Gute an Schnee ist, dass man schnell nasse Schuhe bekommt. Nasse Schuhe liebe ich über alles, davon kann ich nie genug bekommen; besser sind nur noch eiskalte Füße. Darauf könnte ich Loblieder singen! Übrigens, das einzige Wintergedicht, das ich auswendig kenne, ist vom genialen Wuppertaler Diplom-Psycho Eugen Egner und geht so: „Winter. / Unpraktische Jahreszeit.“ Gut, das ist jetzt nicht episch, aber Schnee ist auch nicht episch, sondern bloß zweieinhalb Monate Kopf-zwischen-die-Schultern-Ziehen, Zittern und Warten, dass es irgendwann vorbei ist. Soundtrack dazu: Henry Purcell, Zitter-Arie („The Cold Song“) aus „King Arthur“: „Let me, let me, / Let me, let me,/ Freeze again…/ Let me, let me, / Freeze again to death!“

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Googelt mal zwischen Schneeballsystem und Schneewittchen: Es gibt auch noch Faulschnee, Sulzschnee, Blutschnee und Büßerschnee. Das sagt ja wohl alles! Schneeekel!

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2 Kommentare - “50 Wörter für Schnee (Aber 366 dagegen!)”


  1. Für dieses herrliche Statement wider dem Schneewahn hast du mir den Tag versüßt…dto, dto, dto.. Am Abend des 24. erwarte ich nur noch eins: Dunkelheit

  2. /cbx Says:

    Das mag jetzt für ein Nordlicht wie Dich schwer vorstellbar sein, aber auch mir genetisch seelenbeschneitem Tiroler Bergbauernbub (letzteres war gelogen) geht dieser Winter gewaltig auf den Sack.

    Und Schifahren würde ich wahrscheinlich heute noch gerne (habe vor ca. 10 Jahren damit aufgehört), wenn man es in bequemer Kleidung bei angenehmen Klimabedingungen tun könnte.

    Und dass mich der Winter noch mehr traumatisiert, seitdem ich in einem Land aschneeistischer Schneepflugphobiker wohne, habe ich ja unlängst schon dargelegt.


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