Mit Punkt und Komma


Wenn man anfängt, kleine Tiere zu sehen...

Der Film „Contagion“ ist eigentlich der Rede nicht wert. Ein Virus wird an die Wand gemalt, dann weltweit viel gehustet, und am Schluss, nach ein paar Millionen Toten, die man aber nicht persönlich kannte, wird alles wieder gut. Dabei ist das einzig wirklich Gute am Film, dass Gwynneth Paltrow gleich am Anfang stirbt. – D. h., eine Dialog-Szene habe ich aber dann doch notiert: „Ich bin Journalist! Ich SCHREIBE!“ – „Du schreibst nicht, du bloggst. Bloggen ist Graffitti mit Punkt und Komma!“  – Nur dass Graffitti von mehr Leuten gesehen werden.

* * *

 Erotik im Geddo. Zwei Testosteron-Tonis auf der Straße: „Aber voll, escht, Bruder, ich schwör, heut Abend nachher schlaf ich bei die mit der!“ – „Aboo, Alter, machma, gibs die ma richtich!“ – Die beiden sehen mir so aus, als würden sie lieber zu zweit gehen, heute Abend. Dicke Hose, aber letztlich sehr, sehr dünnes und schüchternes Ego. Ich radle vorbei, langsam genug, um mich einzumischen: „Aber Bruder, vergiss nicht: Wer ficken will, muss freundlich sein!“ Man schaut mir halb empört, halb mit neugierig fragendem Interesse hinterher. Sag keiner, die Jugend sei nicht wissbegierig.

* * *

 Wie viel Karat hat eigentlich so ein Durchschnittsmensch? Mit IQ oder BMI hat das nichts zu tun, oder? Gerade werden im Fernsehen „hochkarätige Künstler wie Peter Maffay“ angekündigt. Dabei hat der kleine alte Mann bloß hohe Umsätze, bzw. Absätze. – Wenn man wie ich Phoenix ohne Ton laufen lässt und es ist gerade Bundestag, sieht man eine Menge hochkarätiger, indes überraschend geschmacklos angezogener Frauen sowie beunruhigend viele vom Alkohol stark verwüstete Gesichter. Manchmal überschneidet sich das sogar. Außerdem ist es bei Männern im Bundestag offenbar unüblich, den Bauch einzuziehen. Wär also eigentlich was für mich, so ein Mandatsjob. Wird aber nichts, hab zuwenig Karat.

* * *

 Gerade kommt im Laufband mit den Eilmeldungen: „Westerwelle sieht Fortschritte in Afghanistan“. Ich meine, ich bin natürlich kein Arzt, oder so, aber wenn man anfängt, Stimmen zu hören und so komische Sachen (kleine Tiere, große Forschritte) zu sehen, die kein anderer wahrnimmt, sollte man seinen täglichen Konsum doch mal überdenken. Oder, wie es im modernen Quatschsprech gern heißt: „professionelle Hilfe suchen“. „Professionelle Hilfe“ ist ein Euphemismus für Klapse oder Entzug. Vor zwanzig Jahren habe ich auch mal, wegen überbordenden Liebeskummers, professionelle Hilfe gesucht. Da saß ein dicker, bebrillter, stark behaarter Psychoanalytiker und wartete, streng nach Freud, darauf, dass ich zu ihm eine Übertragungsliebe entwickelte. Es funktionierte aber nicht, weil meine Freundin deutlich hübscher gewesen war.

* * *

 Forscher haben einen Zukunftspreis bekommen, weil sie was über „organische Halbleiter“ ausgeknobelt haben. Damit kann man z. B. auf extrem kleinen Bildschirmen Bilder in hoher Qualität betrachten. Spitzenzukunft: Wenn apple und amazon auf Zack sind, kann ich bald Spielfilme auf meiner Armbanduhr gucken!

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10 Kommentare - “Mit Punkt und Komma”

  1. karu02 Says:

    Wie heißt denn das tolle Tier ganz oben?

  2. erinnye Says:

    Was für ein süßer Nacktmull. Und ein schöner Kontrast zum stark behaarten Psychoanalytiker.

  3. 6kraska6 Says:

    Das Tier, das aussieht wie ein Penis mit Beinen, heißt: Nacktmull (Foto-Quelle Wikipedia)

  4. Lakritze Says:

    (Also, wenn ich anfinge, kleine Tiere zu sehen, dann wären die wenigstens niedlich. So mit Flausch und großen Augen. )

  5. /cbx Says:

    Mein Weltbild! Mein Weltbild!

    Da schreibt der Magister Wohlgesetztes über die unerträgliche Seichtigkeit des Bloggens, Erotik im Geddo, hochkarätige Menschen und Ex-Boygroup-Mitglieder mit Visionen – und die versammelte Damenwelt arbeitet sich einzig und allein an einem „Tier, das aussieht wie ein Penis mit Beinen“ ab.

    Ich bitte Sie! Ein Penis mit Beinen?

    Schockierender und schockierter Nachsatz (NSFW): Ich fürchte, ich weiß jetzt, wie Kraskas Penis (ohne Beine) aussieht…


  6. Dank für die Filmkritik. Ich kenne bisher nur den Trailer und so soll es auch bleiben.
    Seit wieviel Jahrzehnten beschäftigt sich Maffay jetzt eigentlich mit bunten Babydrachen und seinem Aussehen? So langsam gehört er zu den Leuten, bei denen ich an Wilhelm Busch denken muss, genauer:

    „Was, lebt er noch? Ei Schwerenot,
    ich dachte längst, er wäre tot.“

    Sollte ich übrigens Herrn Westerwelle jemals leibhaftig begegnen, kann ich justiziable Handlungen meinerseits nicht ausschließen.

  7. Scarpa Says:

    apropo „organische Halbleiter: die Intelligenzbomben im TV sprachen von „organischen Halbleitern auf Kohlestoffbasis (!)“ – ja, ja, da hat der Wissenschaftsredakteur richtig draufgehauen.


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