Weniger Wein? Romananfangstraumfragment


Weniger Wein ist keine Lösung!

„Er sei, sagte Joliasse, mit Ganja-Pitter und einem der beiden Wolles, wahrscheinlich Wolle-Egkbert, jedenfalls eher wohl nicht Wolle-Dickkopf, später, als ich schon gegangen war, noch ‚um die Häuser gezogen’, bei welcher Gelegenheit man, seiner vagen, von Filmrissen durchzogenen Erinnerung zufolge, zunächst ‚formidabel geschmaust’, dann aber zunehmend und zugegebenermaßen ‚schwer gezecht’ habe, vor allem und im einzelnen Wodka-Redbull, Marguerita und Tequila-Sunrise durcheinander;  jedenfalls, so Joliasse, der sich noch immer ein penibel gebügeltes Stoff-Taschentuch an die blutende Stirnwunde presste, sei es im Verlauf der Trinkerei zu einem Disput über ‚Fragen der Gravitation’ gekommen, zu einem Disput, in dem in Sonderheit Ganja-Pitter, so wenigstens Joliasse, ‚geradezu hanebüchene Theorien’ geäußert habe und er wiederum, Joliasse, der Künstler und Selbstdenker, deswegen den aufkommenden Streit ‚experimentell-empirisch’ habe entscheiden wollen, in dem er sich anheischig gemacht hätte, mit bloßer Mannes- bzw. Muskelkraft eine volle Bierdose („Guinness“) in den Orbit zu schießen, was sich als Idee noch blendend ausnahm, in der Praxis sich auch zunächst ganz gut anließ, dann aber zu Enttäuschungen, ja Verletzungen einigen Anlass gab, weil besagte Bierdose, so der ambulante Patient weiter und in einigermaßen wehleidigem Tone, nach ca. drei Metern lichten Höhengewinns ‚offenbar der Mut verließ’, dergestalt, dass sie ‚säumte, ihren Aufstieg fortzusetzen’ und sie, am gravitationsmäßigem Optimismus offenbar urplötzlich irre geworden, ihre Flugbahn komplett mutverlassen änderte und feige zur Erde zurückkehrte, und zwar – Joliasse deutete wehmütig auf seine Platzwunde – wohl exakt an den per GPS georteten Platz, an dem sich zu diesem Zeitpunkt seine hohe Stirn befunden habe, die sich als denkbar – er sagte wirklich: ‚denkbar’! – schlechter Landeplatz erwiesen habe, nämlich auf den unerwarteten Sturzlandeflug mit Hautläsionen und hämorrhagischen Reaktionen Antwort und Bescheid gegeben hätte, was ihn, so Joliasse, nicht ohne feierliches Versprechungspathos, dazu bewöge, ‚inskünftig mit solchen Experimenten mehr sich  zurückhalten’ zu wollen sich anheim stellen lasse…“ –

Morgens zwischen vier und sieben Uhr: Der prä-senile Insomniker kennt und fürchtet diese Tageszeit: Entweder bekommt man viszerale Depressionen würgenster Art oder man träumt total bescheuerten Scheiß, wie ich heute Morgen, ich schwör, diesen bizarren Romananfang, den ich hiermit der geneigten Öffentlichkeit mitzuteilen wage. Abgesehen davon, dass der Traum mir gewisslich mitteilen wollte, dass ich mich in letzter Zeit zuviel mit Heinrich von Kleist beschäftigte und Stil wohl dann doch irgendwo ansteckend sei, – hätte ich ja nun doch gern gewusst, wie es weiter ging, aber, typisch für solche Morgenträume, er verweigerte die Antwort und trat stattdessen matt, müd und marod komplett auf der Stelle.

Dafür war er, der Traum, bereit, mir mitzuteilen, Joliasse (was für ein beknackter Name!) sei ein aufstrebender Künstler, der das Genre des Flipclips ersonnen habe. Dabei handelt es sich um visuelle Werke, die für ein Bild zu lang, für einen Videoclip aber zu kurz seien. Es handele sich, so immer weiter der ambitionierte Traum, um Bildwerke, die ca. 2- max. 5 Sekunden lang einen Film zeigten; bekannt geworden sei beispielsweise das in der venezianischen Galerie „Bei Andreotti“  gezeigte Opus „Amphibisches Nirvana 2.0“: das Bild von einem abspringenden Frosch, der plötzlich dann nirgends mehr zu sehen ist. – Da ich im Träume-Notieren nicht geübt bin, kann ich die anderen Werke von Joliasse, und davon gab es eine üppige Menge, nicht mehr referieren; sie waren aber, soweit ich mich erinnere, sonder Zahl und verblüffend facettenreich.

Träume ist also das Stichwort. Freud, der alte Scharlatan, lag mutmaßlich völlig daneben, aber ich frage mich doch: Versagt die wissenschaftliche Traum-Theorie noch immer – oder ist Demenz viel vergnüglicher, bunter und interessanter als angenommen? Offenbart einem der miese Morgentraum ein schlummerndes Genie oder will er bloß sagen: „Das nächste Mal bitte, halten zu Gnaden, abends weniger Wein!“

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6 Kommentare - “Weniger Wein? Romananfangstraumfragment”

  1. /cbx Says:

    Der FlipClip scheint ein direkter Nachfahre des legendären BlipVerts zu sein. Schön, dass derlei historische neue Kunstformen auch im Traum nicht in Vergessenheit geraten.

    Und was Traum + Wein betrifft. In der Nacht auf Sonntag fuhr ich, schon nach kurzer Strecke meines Zentralgestirns verlustig gegangen – mit dem Vorortzug direkt von Bühlertal/Baden (ein Ort ohne Bahnhof übrigens…) nach Moskau (großer Bahnhof), um mich dort gegen tägliche Schutzgeldzahlung in einer Jugendherberge einzuquartieren. Unpraktisch an den Schutzgeldzahlungen war, dass diese in 5 Rubel Münzen zu entrichten waren, welche die Größe gastronomischer Platzteller hatten und sich somit nur beschwerlich mitführen ließen. Weil ich dann auch noch von einem Straßenbahnwagen aus ein Zementwerk fotografiert hatte, wurde ich zur Strafe von einem groben, russisch fluchenden Schaffner in die sehr enge Toilette der Straßenbahn (?) gesperrt, aus welcher mich erst das abrupte Erwachen befreite,

    Im Gegensatz zu den äußerst wohlgesetzten Worten Deines Traumes fehlte es meinem sogar an jeglicher Durchhörbarkeit, da sämtliche handelnden Personen russisch sprachen und alle Beschriftungen kyrillisch waren. Und das ohne Untertitel!

    Hätte ich mich in jungen Jahren doch mehr den schönen und hohen Künsten gewidmet, so könnte ich auch literarisch Wertvolles träumen…

    Voller Neid und Bewunderung

    Ing. /cbx

  2. 6kraska6 Says:

    Ein Traum mit kommentierenden Untertiteln – das wär mal was! – In Moskau war ich traumhalber auch schon mal, inkl. Tram-Fahrt! Allerdings sah Moskau aus wie Gütersloh…

  3. erinnye Says:

    Da muss ich mich leider cbx anschließen. Voller Neid und Bewunderung.


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