Sind wir nicht alle ein bisschen Jude?


Karl Kraus und Henryk M. Broder ermitteln: Eine jüdische Großmutter haben wir doch alle!

Man soll den Namen des Herren nicht missbrauchen, ich weiß, aber: Gott steh mir bei und erwecke mich wieder! Kürzlich wurde ich von einer Netzbekannten angegangen, warum ich immer am Islam nörgle, aber selten an den Christen oder am orthodoxen Judentum. Antwort: Nu, nebbich, sind halt meine Leit! Außerdem, was letzteres angeht: Warum denn? Alte Leute ziehen komische Hütchen auf, binden sich Handtäschchen um den Arm, schaukeln hospitalisierend hin und her und singen unrhythmische Lieder. Warum soll ich das kritisieren? Weil es so uraltehrwürdiges Brimborium ist? Phhh, muss ich denn mitmachen? Ich spreche nicht mal Hebräisch; eine Unterredung mit JHW wäre definitiv ein unter atmosphärischen Störungen zerbröselndes Ferngespräch mit einem sehr, sehr entfernten Verwandten, einem Urgroßonkel etwa, der es in äußerst begrenzten Arealen Israels evtl. regnen, blitzen oder donnern lässt.

Mitmachen muss ich freilich das parareligiöse Ritual des allsonntäglichen Tatort-Guckens. Das ist ein Gebot des Herrn, bzw. der Gattin, die es nicht ausstehen kann, wenn ich beim Heiligen Krimi-Dienst mal kurz wegdämmere. Egal, wie strunzdoof und grottenlurchlangweilig sich das Geschehen am Rande vollständiger Stagnation hinschleppt; unbeschadet der krudesten Plots, der debilsten Klischees und komplett spannungsfreien Beton-Dramaturgien öffentlich-rechtlicher Geistesverkümmerung – blanken Auges staunend und hellwach soll ich den hölzernen Dialogen lauschen, die man vor Überdruss schon ganz erstarrten Mimen ins Hirn gedübelt hat, soll bestürzend öden Vorhersehbarkeiten und entsetzlich magersüchtigen Scherzen Interesse abgewinnen und auch noch ausdauernd wissen wollen, wer der Mörder ist, auch wenn mich das zumeist einen Scheiß interessiert.

Generell seh ich dem Sonntag also eh mit Blümeranz entgegen; ob ich das durchhalte? Wenn ich zum Essen schon zwei Glas Wein getrunken habe, und das lässt sich aufgrund der guten Küche daheim selten vermeiden, muss mich ein Fernseh-Krimi schon zu fesseln vermögen, und sei es durch Originalität oder Spannung. Heute aber war es mal wieder eine Tortur! Volle viereinhalb Stunden dauerte der Tatort, was die Gattin aus apologetischen Gründen natürlich bestreitet, und es nahm der Ödnis kein Ende. Seit dieser Märznacht 2007, als die ARD nachts eine Zugfahrt von Oranienburg-HBF nach Zwickau-Ost übertrug, hab ich nichts Nervenverzehrenderes, Ennuierenderes und Blutdrucksenkenderes mehr gesehen. Die Handlung, wenn man das so nennen will, war so spannend wie ein Filzkügelchen im Bauchnabel, fade wie feuchtes Graubrot und zäh wie alter Pizzateig. Heroisch kämpfte ich mit dem Schlaf, konnte aber nicht immer gewinnen.

Damit aber nicht genug. Die Politkommissare, Justiziare, Sozialpädagogen und volkserzieherischen Berufsgutmenschen der öffentlich-rechtlichen ARD-Anstalt hatten sich zusammengesetzt und sich gesagt: Jetzt packen wir einfach mal ein hochbrisantes Thema an: den Juden nämlich! Der Jude ist bekanntlich ein heißes Eisen! Wir machen das aber ganz, ganz unverkrampft und betont ausgewogen. Damit uns der Jude, der bekanntlich die Medien beherrscht und habituell zu Empfindlichkeiten neigt, nix kann, streuen wir jede Menge Schulfunk-Belehrungen ein („Das Judentum ist eigentlich keine Religion“) und zeigen ihn als was? Genau! Als ganz normalen Menschen! Auch der Jude nämlich, wer hätte das gedacht, schwängert seine Geliebte, lügt, betrügt, schubst Fieslinge die Treppe hinunter und verrät andere Juden (was ihm allerdings nicht gut bekommt: Er wird gerechterweise gemeuchelt, denn der Jude richtet bekanntlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“). Auch der Jude, stellen wir emanzipiert-erleichtert fest, ist ein Schlawiner, ein Verdächtiger, ein zurecht von der Polizei Observierter! Das meinen wir aber gerade eben nicht anti-semitisch, sondern total integrativ: Der Jude ist auch bloß wie wir. Nach 65 Jahren hat er das Recht auf eine gewisse Durchschnittlichkeit.

So viel Mut fordert natürlich seinen Preis: Schlotternde Knie, Angstschweißperlen auf der Stirn, Schwindelgefühle. Was wird der Zentralrat sagen? Wird „Haaretz“ einen Artikel bringen? Broder intervenieren? Na ja, ARD eben. Also lässt man den Rebbe zwischendurch allerhand Weltanschauliches und Pseudo-Philosophisches aufsagen, und der bayrische Kommissar zeigt auf seine lange Nase, um anzudeuten, dass die Deutschen letztlich eventuell, wer weiß das schon, auch nur Juden sind. Wer noch nie in einer Synagoge war oder in a Schul, der bekommt noch gezeigt, dass der Jude, wenn er unter sich ist, zwar exotische, aber im Grunde harmlose Bizarrerien pflegt. Dass man dort Christenkinder schlachtet, ihr Blut trinkt und aus ihrem rosigen Fleisch Mazze macht, wurde dankenswerterweise dezent ausgespart. Außerdem wurde so oft „Shalom Shabbat“ gesagt, dass einem ganz muggelig zumute wurde! Fazit war jedenfalls nach mehreren Stunden, dass der Jude zwar befremdlich, aber sonst ein ganz okayer Mitbürger ist, der gar nicht möchte, dass man sich bei ihm permanent für den Holocaust entschuldigt. Selbst der jüdische Mörder „Aaron“ konnte für seinen Mord nichts dafür, weil er behindert war, was irgendwie damit zusammenhing, dass seine Eltern in Israel bei einem Selbstmordattentat zu Tode kamen und er von einem Rabbiner aufgezogen werden musste, was natürlich strafmildernd wirkt. Zum formidablen Schluss, ich biss schon in die Tischkante, fuhr der Münchner Kommissar endlich mal nach Dachau, um sich moralisch dekontaminieren zu lassen.

Spät in der Nacht aufgewacht, hatte ich zwei Dinge besser begriffen: Warum der katholische Jude Karl Kraus fand, dass „gut“ das Gegenteil von „gut gemeint“ sei und wieso der atheistische Jude Henryk M. Broder behauptet, Philosemitismus sei die andere Medaillenseite des Anti-Semitismus. Die Gattin war trotzdem nicht amüsiert. Wenn  ich laut schimpfe, nervt sie das; wenn ich meine Kritik subtil und gewaltlos durch kommentarloses Einschlafen äußere, genügt ihr das auch nicht.

Nächstens werd ich mal ernsthaft eine Polemik gegen das orthodoxe Judentum erwägen, um meinen Islam-Fans eine Freude zu machen. Der Gesang in der Synagoge ist ja nun wirklich voll uncool! Ferner gelobe ich, irgendwann eine Kipa aufzusetzen und dem unbekannten Gott dafür zu danken, dass er mich nicht unter die öffentlich-rechtlichen Pharisäer geschmissen hat! – In diesem Sinne, Nachbarn: Nächstes Jahr in Jerusalem!

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5 Kommentare - “Sind wir nicht alle ein bisschen Jude?”

  1. /cbx Says:

    Das was Du hier gewohnt eloquent beschreibst, scheint die Gemeinsamkeit mit der alten Sonntagstradition (Heilige – im besten Fall auch noch katholische – Messe) und der neuen Sonntagstradition (eben Tatort) zu sein. Beides ist typischerweise öde, feige, uninspiriert und nur unter entsprechenden Drogen zu ertragen.

    Über die Deutsche Samstagstradition, nach der Sportschau die Gemahlin (o.ä.) zu besteigen, möchte ich hier nicht weiter räsonieren. Und über orthodoxes Judentum schon gar nicht.

    Andererseits dachte ich gestern, als mein Zentralgestirn und ich im gleißenden Sonnenschein durch die weiten Ebenen des Stuttgarter Umfelds wanderten und dabei schier unglaubliche Massen anderer Menschen antrafen, hat das aktuelle Fernsehprogramm auch sein Gutes. Es treibt – Stereo, HD und 3D zum Trotz die Massen weg vom 2m LCD-Schirm und hinaus in die frische(!) Luft. Welch ein Beitrag zur Volksgesundheit!

    Wir haben uns übrigens mangels TV-Alternativen „Schlafes Bruder“ von DVD angesehen. Und hören konnten die fantastische Orgelmusik vermutlich sogar die Nachbarn zwei Stockwerke drunter noch…

  2. Thomas Says:

    Herr Magister waren mit diesem Beitrag heute mein Prime-Time-Vergnügnungsprogramm nach 13 Stunden bürolicher Selbstkasteiung.
    Dank dafür. Und nur ein einziger, aber vehementester Widerspruch: ein Filzkügelchen in einem Bauchnabel kann wenn auch nicht wirklich genießbar, so doch sehr wohl sehr spannend sein, es kommt halt auf den zarten Bauchnabel an. (Wobei mir just jetzt gerade einfällt, dass ich unlängst las, wie solche Filzkügelchen entstehen und mir dabei fern aufleuchtet, dass die Voraussetzungen fehlen könnten, die ihnen erlaubten, sich in zarten Bauchnäbeln zu formen, aber ich mag mich jetzt nicht korrigieren.)

  3. vilmoskörte Says:

    Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat halt einen Bildungsauftrag und das zeigt er ganz gerne auf höchst erschöckliche, platte, dummdreiste Art im Tatort (warum gerade dort, weiß ich auch nicht). Und dieses Münchener Pärchen ist ganz schön ausgelutscht inzwischen, wird mal Zeit für etwas Frisches. Noch schlimmer sind nur noch Bremen und Bodensee.


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