Wider den grausen Neckermann! Einladung zur Kaperfahrt


Wie alles anfing: So weckte ich den NECKERMANN

Von Kindesbeinheit an hatte ich Piratenaffinität. Heimatliche Störtebecker-Legenden sog ich mit der Muttermilch und dem Vaterbier auf. Hätten sie mich auf der Marinade-Akademie in Mürvik genommen, führe ich heute mit Gorch Fock auf Kapernfahrt. Ich versagte jedoch im IQ-Test für Vollmatrosen, wegen seelischer Ressourcenknappheit und mangels räumlichen Vorstellungsvermögens, und fiel somit vorerst aus der Takelage bzw. rasselte durchs Schulschiff. Na gut, dann eben Lokführer.

Die Leidenschaft für maritime Abenteuertumsverwegenheit und libertäres Segeln indes blieb, schwelte und glomm weiter in mir, vor allem als noch Johnny Depp dazukam und diese aufpeitschende Seeräuber-Hymne von Hanns Zimmer („tadadim-tatadamda-damtata-dam-da!“). – Als die letzte Fußball-WM sich am Horizont abzeichnete, erschien es mir daher stylish und angemessen verwegen, über dem Geddo eine Totenkopfflagge zu hissen bzw. als Supplement zum bürgerlichen Schwarz-Rot-Gold aus dem Fenster zu hängen. Dem Türken wollt ich’s zeigen, und den Pfeffersäcken! Rasch warf ich das Internetz aus und bestellte mir so ein Ding, für ca. 5,85 Goldstücke. Pah, dachte ich, das bisschen Muschelgeld ist der Spaß ja wohl wert. – Ich wusste ja nicht, was ich tat!

Ich hatte damit nämlich das unaussprechlich widrig-schleimige Monster der Tiefsee, den Riesenkraken Neckermann geweckt! Wer es nicht weiß – und deswegen noch seine Seelenruhe besitzt! – der Neckermann ist eine Kraken-Monsterqualle mit Oktopustentakeln, ein grauses und schaudervolles Ungeheuer, ein moroser mittelalterlicher Schleimbeutel, miasmatisch, mysteriös und marode, und ein unsagbar fieses,  ekliges, miststückiges Miesmuschelmonstrum überdies, kalt, fischig, widerwärtig, eine gefräßige Muräne, die schnapp! schnapp! die Glieder zerreißt, die Nerven zerfetzt und eventuell oder generell keine Gnade kennt! Verloren, um wen das Untier seine Saugnäpfe schlingt. Niemand, auch der beherzteste Pirat nicht, nimmt es mit dem eklen Neckermann auf!

Seit jenem unseligen Tag, den Neptun verfluchen möge, speit mir dieses Monstrum nun täglich, täglich, ach! elektronische Schleimbatzen in den Ausguck, trompetet markerschütternd „Herr Kraska, wir schenken Ihnen 20 Euro!“ oder säuselt sirenenhaft, ich hätte hier was gewonnen, dort einen versilberten Gutschein ergattert oder würde wenigstens mein Glück machen resp. ausgesorgt haben, wenn ich noch heute, unbedingt noch heute eine brandaktuelle Kittelschürze bestellte, einen sensationell günstigen Fleece-Pulli oder einen beigen Anorak. Lüstern nach meiner Seele zucken die Fangarme, schmatzt das geifernde Maul, rollen die blutunterlaufenen Augen: Neckermann, der Leviathan, die Ausgeburt der nassen Hölle, will mein Schiff auf das Kreditriff ziehen oder auf die Versandbank auflaufen lassen! Alle acht Glasen lasse ich das Deck schrubben, – und am nächsten Tag ist der Schleim wieder da!

Ich brauche Jack Black, ich brauch Captain Sparrow und ein Schiff mit fünf Segeln und pfümzig Kanonen an Bord, dann will ich gegen den Neckermann fahren! Ich werd ihm den Server aus dem Leib reißen, den Saugschlund verkleben, eine Ladung Pulver und Blei ins Spundloch rammen, ich werd Tod und Teufel nicht fürchten, hey-ho, jetzt gilts! Ich habe Männer mit Entenhaken, Säbelsägen und Rabumms-Musketen, und ich werde nicht ruhen, bis die Tinte des Kraken die Weltmeere schwärzt und er die größte Pizza des Königreichs belegt (frutti di mare).

Sollte ich freilich dem untoten Neckermann doch erliegen und bei voller Fahrt untergehen, die Segel streichen und in des Totenmanns Kiste springen, so werde ich noch am letzten Erdentag eine E-mail bekommen: „Herzlichen Glückwunsch, Herr Kraska! Die neue Herbstkollektion ist da!“

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3 Kommentare - “Wider den grausen Neckermann! Einladung zur Kaperfahrt”

  1. /cbx Says:

    Wie ich Deinen Schmerz verstehe, lieber Magister! Derlei vordergründig kommerziell (Pfui!), ungelenk und platthirnig formulierte Brachialprosa kann Herz und Säckel eines wahren Philosophen nicht erwärmen.

    Deshalb habe ich mir erlaubt, Dich bei meiner russischen Lieblings-Dating-Site, 15 meiner liebsten Versicherungsvergleicher, drei renommierten Versandhändlern für Motorsägen, tragbare Generatoren und Fahnenmasten sowie zwei „Rolex“-Händlern, vier Apotheken für körperliche Aufbauprodukte und zwei Institutionen, die beinahe fast schon wie echt wirkende Diplome und Doktortitel vergeben, angemeldet.

    Erst dann wirst Du die unwiderstehliche Schönheit der reinen und unverfälschten Werbeleere erkennen, wie sie in dieser unnachahmlichen Form bis heute nur aus der dreifachen Anwendung des äußerst schwierig zu beherrschenden Stilmittels Google-Translator erwachsen kann.

    Und nein, Du brauchst mir dafür nicht zu danken, das haben Deine neuen Geschäftspartner schon reichlich getan…

  2. Lakritze Says:

    Lüstern nach meiner Seele zucken die Fangarme …>/i>
    Halb so wild alles. Der will nur Dein Geld.


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