Trost im Schaf (Kurze Haare)


Schafe "Ursache" und "Wirkung", nach Neutrinos Ausschau haltend (Foto: Wikipedia)

Im Fernsehen war es zu beobachten: Musste der Papst sich in das Goldene Poesiealbum einer Stadt eintragen, krakelte er ein kleinwinziges „Benedict XVI pp“ hinein. Das „pp“ ist hierbei keineswegs dasselbe wie in „etcetera pp“, wo es „perge“, d. i. „und so fort“ bedeutet, sondern will sagen: pastor pastorum, Hirten der Hirten. Ich teile dies mit, um zum Thema „Schaf“ zu gelangen. „Man kann“, sagt, in Thomas Manns nobelpreisgekrönten Roman,  der alte  Konsul Buddenbrook, der seine Tochter gewinnbringend lukrativ verheiraten will und ihr den ungeliebten Mann schmackhaft machen möchte, ja doch „am Ende nicht fünf Beine auf ein Schaf verlangen“, und das ist ja wohl wahr, und gute alte Kaufmannsweisheit dazu! Ein Schaf mit fünf Beinen wäre zwar ökonomisch durchaus wünschenswürdig, weil es eine Lammkeule mehr pro Schafskopf ergäbe, aber nebbich! so Schafe sind halt extrem selten und praktisch unbezahlbar.

Neulich träumte ich von Versuchen, Kühe zu züchten, deren linke bzw. rechte Beine kürzer als die jeweils gegenüberliegenden sind, damit sie stabiler am Hang stehen. Auch dies wäre zweifellos begrüßenswert, ist aber andererseits ebenso schwer zu realisieren. Aber so ist der Mensch –  immer angetreten, die Schöpfung innovativ zu meliorisieren.

So hätte man beispielsweise etwa den nun wieder nach Rom entschneiten Papst gern evangelisch, als homme à femmes, schwulenfreundlich und libertär, was der gute alte Mann etwa so hartleibig verweigert, wie das Schaf, sich fünf Beine wachsen zu lassen. Was hatten wir denn gedacht? Der Schaf bleibt Vierbeiner, das Papst ein Katholik. Und das ist letztlich „auch gut so“, weil, wo fänden wir sonst einen billigen Gegner? Der Papst hat mal kurz durchblitzen lassen, dass er nicht doof ist und spielte ansonsten den bockigen alten Kirchenhampel.

Brillant hat er das gespielt! Ganz am Ende hat er sogar gemurmelt, ihm seien Agnostiker lieber, die noch vergeblich Gott suchen (also praktisch auch ich!), denn „Routiniers im Glauben“. Das war, diplomatisch gesehen, schon ein Hammer, und kam bei mir sehr gut an: Wir sind schließlich die Mehrheit!  Leute, die nichts Ungewisses wissen, darauf aber nicht stolz sind, dennoch indes subtil dandyhafte Ironiker bleiben, die sich stillvergnügt über Seiner Heiligkeit erzreaktionären Starrsinn die Hände reiben, weil sie den Zwergenaufstand dagegen so putzig finden. – Die missliche Erdenwelt bietet wenig Kurzweil, da muss man sich das Vergnügen halt tröpfchenweis zusammensaugen.

Aber nun von etwas anderem! Wieviel Beine noch mal hat ein Schaf? Das kann man sich gerade noch merken, aber was man im Alter immer öfter plötzlich vergisst, ist die eigene PIN! So steht es in einem Zeitungsartikel: Kein Bargeld wegen instantaner PIN-Verschusselung! Gründe hierfür? Kommt drauf an. Ist man eine sog. gPoAe (gesunde Person ohne Alkoholeinfluss), handelt es sich vielleicht nur um stressbedingten Konzentrationsmangel; wer im Wein Vergessen suchte, darf sich allerdings nicht wundern, wenn auch geldwertes Wissen dahinschwindet. Dritte Möglichkeit, doppelplusungut: Demenz. –

Der saudumme Wissenschaftsartikel empfiehlt dann doch tatsächlich, zur Vorbeugung die ersten hunderttausend Stellen nach dem Komma der Zahl π zu memorieren oder eine schöne Primzahl-Tabelle, weil dies mutmaßlich die Durchblutung des Gehirns fördere. Da der Anblick von Zahlenreihen bei mir seit Kindesbeinen eher zu spontaner Blutleere im Gehirn führt, bleibt mir diese Dimension präventiver Demenzkompensationskompetenz verschlossen.

Apropos. Die Abnahme der geistigen Kräfte hat kurzfristig auch positive Effekte: Man wird wieder ein staunendes Weltkind im Garten der Wissenschaften. Mit vor Erregung beschlagener Lesebrille las ich von dem Kuriosum, dass irrgendliche Neutrinos aus dem CERN schneller wieder in Italien waren als der Papst. Bzw. der Papst erlaubt. Jedenfalls überschritten sie das Tempolimit um ein Beträchtliches und stellten damit die Kausalität in Frage. Weltbilder brachen zusammen! Meines auch? Nicht eigentlich. Dass Ursache und Wirkung sich geheimnisvoll schleifenartig verschlingeln können, ist mir seit langem vertraut (hier eigenes Beispiel einfügen: …………………………). Mein Bespiel, aus dem religiösen Bereich, nach Augustinus: Gott gibt es, sofern ich an ihn glaube. Dass ich glaube, ist hinwiederum aber eine Gnade, die mir nur Gott erweist, wenn es ihn gibt, was davon abhängt, dass… usw.  Wer hier die Kausalität festnageln kann, der darf sie behalten und mit nach Hause nehmen.

Ich werde wegen dieser Turbulenzen die Meeresstille der Seele nicht verlieren und womöglich von galoppierenden Neutrino-Schafen träumen, deren Beine ich zähle, um einschlafen zu können. Das ist halt der Vorzug präseniler PIN-Vergessenheit, oder wie es anderersets Konsul Döhlmann in den Buddenbrooks ausdrückt: „Kurze Haare sind bald gekämmt“.

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13 Kommentare - “Trost im Schaf (Kurze Haare)”

  1. erinnye Says:

    „Er ist kein Beau, nein, mein Gott, nein, er ist kein Beau …“ der Papst und zum Glück gibts jetzt wieder andere Themen, wobei die Ehe mit Herrn Grünlich ja bekanntlich eine arge Pleite war. Hätte sie doch auf ein Schaf mit 5 Beinen warten sollen?

    • 6kraska6 Says:

      Tja. Grünlich und Permaneder waren eher Schafe mit DREI Beinen, nicht wahr? Dazu Tony: „Das hat DAS LEBEN mich gelehrt!“

      • erinnye Says:

        „Es is halt a Kreiz! A Kreiz is‘! O mei!“
        Die Tripods sind auf Erdkurs.

      • 6kraska6 Says:

        Hmmm. Da kennt Eine(r) seinen /ihren Th. Mann aber aus dem „ff.“! Ich bin beeindruckt, oder wie Krischan vielleicht sagen würde: „I am deeply impressed! But, I don’t know, if you’re experienced in that feeliing, there’s a sort of painful misbehaving in my left side…“ “ Hoch lebe der Nobelpreis-Schnarchsack, noch höher aber jene, die ihn noch lesen! In illeterater Zeit grüße ich die belesene erinnye und empfehle ihren Blog: stoerfaktor! (Siehe Blog-Roll!)

  2. /cbx Says:

    Also das mit der Kausalität hast Du, glaube ich, etwas überinterpretiert. Die Neutrinos waren zwar schon ziemlich schnell, aber immer noch mit deutlich endlicher Geschwindigkeit unterwegs.

    Nur wer Einstein für den Gott anstatt für den Propheten hält, wird aus einer kleinen Geschwindigkeitsübertretung gleich den Untergang des relativistischen Abendlandes konstruieren. Als agnostischer Pragmatiker sollte man sich stattdessen freuen, dass Ursache und Wirkung jetzt noch schneller aufeinander folgen können.

    Und – sind ma sich doch ehrlich – wer hält sich denn schon exakt an ein Tempolimit? Eben. So ein Neutrino ist doch schließlich auch nur ein Mensch,

    • 6kraska6 Says:

      Also als berufsmäßig von Pyrrhon, dem Skeptiker über Aristoteles, den gemäßigtem Realisten, Thomas von Aquin, den Scholastiker bis hin zu Schrödinger, dem, äh, Dings, belehrter Berufsdenker hab ich über Kausalität schon ein gerüttelt Maß Anschauungen. Mich verwirrt nur, dass Ursache und Wirkung oft identisch sind. Durst zum Beispiel: Ursache meines Trinkens – UND Wirkung zugleich! – Mal vom Spaß ab, lernen Ingenieure in der Ausbildung eigentlich auch was über zirkuläre, systemische und komplexe Kausalitätsverhältnisse? Bestimmt doch, oder? Zumindest in Österreich, wette ich!

  3. erinnye Says:

    Äh, ja, das mit dem StörfFAKTOR war jetzt aber ein Freud’scher Tippfehler.

  4. Oublier Says:

    Hm, der Janosch in dem Nachthemd scheint dich etwas durcheinander gebracht zu haben?
    Seit ich festgestellt habe, dass selbst hinter seinem Weihwasser nix steckt, habe ich beschlossen mein „Weihwässerchen“ im Supermarkt zu kaufen. ;.))))

  5. Waldbauernbub Says:

    Aus der Praxis für die Praxis:
    Die Kuh mit Schlagseite hätte Probleme die Fressseite zu wechseln, sollte der Neigungswinkel zu groß sein.

  6. Uffnik Says:

    Oft genug wird das „PP“ falsch gedeutet. Als Stellvertreter Gottes auf Erden sind dem Pabst nicht nur Repräsentationspflichten auferlegt. Seine Machtbefugnisse sind erheblich weitreichender, als bislang gemeinhin angenommen. Selbst eifrigen Kirchgängern bleibt der Sinn meist verborgen. Es handelt sich bei „pp“ schlicht und ergreifend um eine Einzelprokura! Joseph Ratzinger wäre damit legitimiert die ganze Kirche zu veräußern – oder auch nur Teile davon. Und alles auf Rechnung und im Namen des Vaters und des Sohnes….

  7. Thomas Says:

    Womit wir nebenbei gesagt auch wieder bei der interessanten Frage wären, ob denn Androiden von elektrischen Schafen träumen? – und womit zur Seite gesprochen & zugegeben der hiesige beachtlich nobelpreisgesättigte literarische Zitationsdiskurs wieder auf die Ebene der gehobenen Unterhaltungsliteratur heruntergezogen ist. Man muss in diesen Zeiten manchmal auch mit wenigem zufrieden sein.

    • 6kraska6 Says:

      Ooch, auf Phillip K. Dick will ich nichts kommen lassen, das war schon ein guter Mann! (Alte deutsche Unart, zwischen Unterhaltungs- und „Hoch“literatur fein zu untescheiden…)

      • Thomas Says:

        Dann bin ich als alter Blade Runner-Fan ja beruhigt. 🙂 Von den feinen Distinktionsgewinnen weiß ich natürlich hinreichend zu berichten: „Ach, Sie haben früher auch normale Bücher geschrieben? Aber jetzt nur noch Krimi?“


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