Das Geddo erwacht (Aldisierung)


Roma-Logistik, nachts am Brückenplatz

Leute fragen: Gibs denn eigentlich nichts Neues aussem Geddo? Jetzt, wo Ramadan, Ferien und Unser-Dorf-in-Türkei endlich vorbei sind? – Nö, nicht wirklich. Nachbar Özgür hat sein Haus in Eigenbau fertig „grunzsaniert“. Ergebnis: Bei mir läuft stickum Wasser in die Klause und lässt das Eichenparkett quellen. Toll. Muss gucken, was Hausratsversicherung auf türkisch heißt, sowie der Satz: „Ey Mann, kannze vielleicht verdammte Scheiße noch eins mal pronto deine super selbst geschweißten scheiß Rohre checken, Kollege? Nur so für Sicherheit?“

Yavuz, der kleine fette Prinz und Nachwuchspascha von gegenüber, ist noch dicker aus den Ferien gekommen. „Isch bin gezz gleisch Fußball!“ kräht er, und das kann auch ziemlich gut   hinkommen.

Bloß weil ich paar Minuten auf der Parkbank sitze und in der Sonne sinne, kommt gleich Ghana-Aki mit seiner neuen grün-gelb-roten Rastafari-Häkelwollmütze angetanzt und fragt: „Ey, Br’ruder, brauchsch Ganja?“ Er schi-pricht das: „Gannnnd’jschaáh“ aus. Gott, ja, voice of mozza Affrica. –  Ich lege höflich die Hand aufs Herz, nur versehentlich rechts, und sag: „Danke, Bruder, ich vertrag doch kein Ganja nich, leider… Weissu doch! Ain’t nuthin no good stuff for me… “ Er schiebt ab, schnief-schnuffelt aber noch, vorsichtshalber, falls ich doch Bulle bin, „hab sowieso nix bei“.

Was sonst noch: Hede Marciniak feiert heute Geburtstag, 50, 60, 65 – schwer zu sagen. Hede ist wurzeldeutsch-polnisch, hat nur Minimum Tassen im Schrank, und ist hässlich wie die Neumondnacht, dabei immer scharf auf Männer. Schlechte skills letztlich. Sie macht heute Tach der offenen Tür, beschallt die Hood den ganzen Tag mit Leierkasten- und Akkordeon-Walzern aus den 50ern und guckt alle drei Minuten, ob jemand zum Schwofen oder Gratulieren kommt. Schorschi, ihr Mann, hat Wasser in den Beinen und Altzheim im Kopf. Legt Puzzle, Schwarzwaldlandschaft, sei drei Jahren dasselbe. Demenzkompetenz. Kommt aus dem Polstersessel nicht mehr hoch: siamesische Schwellkörpersymbiose.

Robbi, der Ober-Alk, ist mit dem Hund raus und beim Süffel-Symposium am Brückenplatz hängen geblieben. Als ich vorbei radele, nimmt er Haltung an und salutiert zackig. „Hey!“ grölt er anschleimend, „Nachbar!“ Ja, leider, du Arsch. Weils noch ein warmer Abend ist, besteht die Chance, dass er seine Heike erst verprügelt, wenn ich schon schlafe. Sein krakeeltes Lieblingsmantra „Datt daaaf donnich waaaahr sein!“ hat schon manche meiner Nächte grundiert.

Unser frisch verwitweter Ex-Hausbesorger Pitti entwickelt einigermaßen mysteriöse Trauerrituale. Im Hinterhof hat er ein rotes Plastik-Totenlicht aus dem DM-Markt aufgestellt, was ja noch nachvollziehbar ist für gute Katholen, aber er hat auch ein frisch gebügeltes, schneeweißes Feinripp-Unterhemd daneben gehängt! Hemd ist wohl Privat-Mythologie, aber die Kerze zünd ich oft heimlich wieder an, wenn der Regen sie gelöscht hat. Auch als Atheist ist man ja nicht ohne Pietät.

Fortschreitet die optische Aldisierung des Viertels: An jeder Ecke Einkaufswagen vom Discounter. Ist Trick von Roma, wo haben keine Esel-Karren mehr: Discounter-Drahtwagen klauen, Schloss knacken, Euro rauspulen, Wagen nach Hause schieben, dann stehen lassen. Na ja, was geht’s mich an. Bin ja kein Discounter, dafür mein eigener Esel: Fahrradkurier in eigener Sache. Mein Fahrrad hab ich nämlich noch, weil die Roma nicht wissen, wie sie mein hundsteures Super-Fort-Knox-Mega-Security-Steel-Schloss aufkriegen sollen. Schätz, is Frage von Zeit.

Der versemmelte Sommer macht mich moll. Mir regnets ins Hirn. Wenn hier nicht bald Randale aufkommt im Geddo, diese Folklore, die man aus dem Fernseh kennt, wo immer (Spanien, Griechenland, Chile, Syrien, Italien etc.) junge vermummte Leute Steine gegen Wasserwerfer schmeißen, in immer gleicher Choreographie, dann weiß ich auch nicht.

Heute Suizid versucht, indem ich zwei Mongos von den Hells Angels, die nächtens auf ihren voll schwulen Harleys durchs Viertel bretterten und röhrten, hinterherbrüllte, aus vollem Herzen: „Ihr verfickten scheiß Breitreifenärsche, einmal Arsch lecken bitte!“ – Ich leb noch, weil sie’s nicht gehört haben. Mut ist halt auch immer eine Frage des kalkulierten Abstandes.

Also, wie gesagt, im Moment nichts Neues im Geddo. Gute Nacht, Nachbarn…

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10 Kommentare - “Das Geddo erwacht (Aldisierung)”

  1. mike-o-rama Says:

    Mutig mutig Magister. Es wäre ein Jammer, wenn die Angels dich mitgenommen und auf dem Chaptergrill geröstet hätten.😉

  2. 6kraska6 Says:

    Mut: Große Klappe geteilt durch Sicherheitsabstand hoch Fluchtgeschwindigkeit…

  3. oachkatz Says:

    Ziemlich grantig, der Herr Magister. Denkst Du über Umzug nach?

  4. karu02 Says:

    So ein gutes Foto ist im Wasserviertel nicht zu haben.

  5. 6kraska6 Says:

    @oachkatz: Überlegen schon, nur das bevorzugte Villen-Viertel am Wandrand ist zu teuer…

    @)karu: Und das bei meiner bewährten Fotomethode: Knipskasten aus der Tasche, draufgehalten und zack!

  6. 6kraska6 Says:

    WaLdrand wollt ich schreiben…

  7. oachkatz Says:

    Ja, so einen Wandrand kenne ich auch. Hier in Berlin gibt es dankenswerterweise noch mehreres zwischen Villenrand und Ghetto. Mittlerweile bin ich ganz froh, in so einem entspannten Kiez zu wohnen, der bereits sehr bürgerlich ist und immer war und auch sonst für entsprechende Bevölkerungsgruppen nicht so spannend. Dann muss ich nicht ständig schwanken zwischen Freude über mehr Cafes und bessere Einkaufsmöglichkeiten und Angst vor Vertreibung der Stammbewohnerschaft/meiner selbst, und schlußendliches Abdriften in die Leblosigkeit der In-Gegend nach dem Hype.

  8. Thomas Says:

    Oft hab ich mich gefragt, wo eigentlich das wahre Leben ist (das, wie wir wissen, nur sehr verquer ab und zu auch das schöne ist), da ist es nun hier nachzulesen. In diesem Text ist das komplette „Setting“ eines Romans aufgehoben. (Wieso schreib ich gerade so komische Rezensentensätze, wo ich dieser Zunft doch vor Jahren glücklich entronnen bin) Wie auch immer: Berlin Alexanderplatz, ruhrgebieterisch 2011.

  9. 6kraska6 Says:

    @Tomas: Danke. Das „wahre Leben“ kann man sich zuweilen nur schreibend vom Leib halten…

  10. Waldbauernbub Says:

    Wat willse machen? Kannse nix machen!
    Aber vielleicht müssen wir in da hood nur für etwas büsen das wir in einem früheren Leben verbrochen haben?
    Wohl kaum, einfach nur selber schuld, das wir dem Nachbarn Özgur seine Rohre nicht um die Ohre hauen so wie er es machen würde, oder?
    In diesem Sinne: Den letzten beissen den Hunde, die Ratten oder die Romakinder.


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