Habemus Besuch!


Zaubrische Alltagsunterbrechung, mirakulös regenbogenhafte Unfassbarkeiten: Der Papst kommt!

Wir Deutsche, oder? Gebenedeit unter den Gebeutelten: Habemus Besuch! Obwohl ich vom Aszendenten her Einsiedlerkrebs bin, krieg ich zuweilen  ganz gern Besuch, weil mich das zwingt, endlich mal wieder die Stube zu fegen, den Abwasch zu machen und die Bettwäsche zu wechseln. Und jetzt gleich der Papst! Ich falte schon mal Servietten und setz Kaffeewasser auf. Ich mein, wir sind Papst, und wenn der jetzt kommt, heißt das ja praktisch was.

Und, ach, Jungvolk, kurz mal hergehört – Knigge für wenn Besuch kommt: Es wird bitte nicht herumgelärmt, unflätig geschrieen und höhnisch gepfiffen, nicht mit Kreide geworfen, mit dem Stuhl gekippelt und vor allem nicht gemobbt! Ruhe in der Klasse! Nur weil einer einen hohen spitzen Hut, grün schillernde Frauenkleider und jungfernweiße Spitzenunterröcke trägt sowie weinrote, saffianlederne Schnabelschuhe, muss er nicht unbedingt ein kompletter Narr sein, oder gar ein Mongo oder Spast, ihr Opfer! Und auch nicht schwul, verdammt!

Nee, im Ernst, ich freu mich wie Bolle. Ich bin ein passionierter Connaisseur und Aficionado der zaubrischen Alltagsunterbrechung, der funkelnden Mentalisten-Magie und, in frostig-grauen protestantischen Betonkirchen aufgezogen, ergötze mich heute gern an allerlei mirakulös regenbogenhaften Unfassbarkeiten. Da ist mir der Papst so recht wie früher der Circus Barnum mit seinen Menschen, Tieren, Sensationen sowie Madame Daisy, der Dame ohne Unterleib. Schönen Qualm wird es geben, opulenten Konfetti-Segen urbi, orbi und überall, und wir dürfen uns mit Fingerfarbe Herzchen und Kreuze auf die Backen salben.

Mittelschwer angenervt bin ich hingegen von diesen linken wichtigtuerischen Boykottierern. Was haben die denn für eine Kinderstube! Erstens, wenn man Erbtante Erna zum Kaffee einlädt, dann knallt man ihr nicht die Tür vor der Nase zu und kräht „Boykott! Boykott!“ – pampig, patzig und philiströs ist das! Weil, zweitens, ja, ihr Erregungsrüpel – der Papst ist katholisch! Und? Was soll er sonst sein? Schwarz, schwul, schwanger und Schwager von Westerwelle? „Du, ey, schwule Ehen sind so was von total okeeeh für mich“ – wenn er das sagt oder meint, wär er nicht Papst. Job weg, Pension futsch, Altersarmut. Also was soll diese kindische Protestiererei? Eine Messe ist eine Messe und nicht der St. Christopher’s Street Day, auch wenn es kleidungsmäßig in die gleiche Richtung geht. Vom Vorsitzenden eines Mittelaltervereins ein Bekenntnis zur Moderne zu verlangen ist, als wenn man zu den Klitschko-Brüdern sagte: Ich bin ja für Boxen, aber bloß ohne Hauen!

Noch ein bisschen Wissenswertes, das vielleicht so nicht bekannt ist. Erstens: Katholik ist man freiwillig. Wer das ganze für eitel Mummenschanz und Narretei hält, soll halt austreten – geköpft, gesteinigt, verbrannt oder gevierteilt wird deswegen ja keiner. Zweitens: Wer ständig religiöse Toleranz für stumpfsinnige islamische Eiferer einfordert und Liebesgrüße an Fidel Castro schickt, von dem darf man ja wohl ein Minimum an tolerantem Respekt auch gegenüber Christen erwarten, oder? Drittens: Papst Benedix ist im Gegensatz zu der polnischen Kartoffel, die vor ihm den Heiligen Stuhl besetzt hielt, ein ganz kluger Mann, ein bisschen wunderlich zwar, aber kein Erzschelm und er greift auch nicht nach der Weltherrschaft; außerdem ist er Philosophieprofessor, achtfacher Ehrendoktor und, was mich besonders freut, sogar Träger des Karl-Valentin-Ordens! Gerade als solcher ist er mir herzl. Willkommen, der alte Herr Papst. Er würde mich gütigst verstehen, wenn ich aus Valentins Opus „Orchesterprobe“ zitiere: „Sie hams halt oane andre Weltanschaunung!“

 

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8 Kommentare - “Habemus Besuch!”

  1. cbx Says:

    Kraska, echt jetzt? Wird man im Alter so? Dann kann ich mich ja doch noch auf etwas freuen, wenn’s denn bei mir so weit sein sollte.

    Da liegt doch eine bemerkenswerte intellektuelle Wegstrecke (man darf physikalisch korrekt von „Lichtjahren“ sprechen) zwischen dem kommunistisch-berufsrevolutionär skandierenden Punk und dem philosophisch Zurückhaltung in alle Richtungen bloggenden Tao-Meister.

    Ich hab ja in meinem Kopf auch schon einen ganz ansehnlichen Drehwinkel zurückgelegt, aber es beruhigt mich irgendwie, dass diese Drehung mit 40 nicht aufhören muss.

    In der Sache stehe ich nicht weit von Deiner Position (glaube ich). Das ist halt ein Staatsbesuch wie viele andere, der schillernde Kaiser eines untergehenden Zwergstaates mit pathologischer Überkapitalisierung darf sein Licht auf unsere chronisch unterbelichtete Parteien- und Kulturlandschaft werfen. Es wurden schon lupenreinere Demokraten willkommen geheißen, die Gas oder Öl statt Weihrauch zu bieten hatten.

    In diesem Sinne: „Der Friede des Herrn sei allezeit mit euch.“

  2. 6kraska6 Says:

    Ein wortmächtiger Kommentar! „schillernder Kaiser eines untergehenden Zwergstaates“ gefällt mir, und „philosophische Zurückhaltung in alle Richtungen bloggender Tao-Meister“ auch. Und, ach ja, wart mal die 50 ab: Da dreht sichs im Kopf immer rascher, da kommt man oft gar nicht mehr hinterher…

  3. erinnye Says:

    Wer in Kindheit und Jugend in den schattigen Neurosenlauben der katholischen Kirche gelustwandelt ist, sieht möglicherweise die Institution und den Papst etwas kritischer. Zumindest als Frau muss man sich da doch mal fragen…
    Trotzdem gefällt mir der Beitrag sehr.

  4. 6kraska6 Says:

    Ja, das glaube ich Dir gern und weiß es auch. Dass es Menschen gibt, die gute Gründe haben, die katholische Kirche zu hassen, ist schon klar. Ich bin halt in der glücklichen Position, ein bißchen spötteln zu dürfen…


  5. Hach, wie tut das gut. Welch süffisante Beschreibungen. Kicher, und man sollte die Sache doch ganz pragmatisch sehen. Liebe Deinen Nächsten und liebe seinen Geldbeutel. Und damit: Frage nicht, was der Papst für Dich kostet, frage, was Du an ihm verdienen kannst. Ja, philosphisch weiter anrüchig denkend, ist der Papst nicht ein Gleichnis zu Qype?

  6. 6kraska6 Says:

    Na, Ihr habt ihn ja live und persönlich. Mach schon mal die Winkelemente klar!


    • Jepp! Ob ich ihn wohl mit meinem alten FDJ Hemd und DDR Fähnchen verschrecke? Hm, zumindest habe ich eine lebensgroße, aufblasbare Puppe von Martin Luther dabei. Die lasse ich dann über den Domplatz schweben.

  7. Thomas Says:

    Da fällt mir ein, ich will ja schon seit Monaten zum Amtsgericht. Gut, dass der Mann kommt und mich erinnert.


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