Grundregel bei Verdrängungsbedarf


Wer das Glück hatte, Kinder zeugen zu dürfen, weiß, dass dieses ein durchaus zweischneidiges ist. Vom vierten bis zum achten Lebensjahr sind Menschenjunge oft beinahe entzückend, besonders, wenn sie eine Spur altklug sind oder ein Musikinstrument (Ausnahmen: C-Blockflöte, Geige, Schlagzeug) spielen. Dann allerdings geht es bald zügig bergab: Trotzkopfphase, extreme Pampigkeit, patzige Pubertät. Mit ca. 14 bricht die sog. Hebephrenie aus, früher auch Jugendirresein oder Läppische Verblödung genannt. In diesem Stadium erreicht der Mensch den Höhepunkt seiner Unzurechnungsfähigkeit.

Diese Phase dauert, je nach dem, so rund 20, 30 Jahre, dann tritt bei manchen allmähliche Besserung ein. Zuvor jedoch herrscht Unerträglichkeit, besonders bei Mädchen. Tragik der Natur: In einem Alter, in dem die jungen Damen zum Anbeißen anmutig aussehen, sind sie leider kognitiv komplett außer Kraft gesetzt und haben einen IQ, der weit unterhalb der Körpertemperatur rangiert. In diesem Entwicklungsstadium finden junge Menschen alles  peinlich“. „Meine Eltern, ey, die sind sooo was von voll peinlich!“ ist ein auf dem Schulklo beim Nachschminken häufig gehörter Satz. Es ist die Zeit, wo man sich als Vati oder Mutti unauffällig schon mal nach geeigneten Heimen umhört oder öfter mit dem Jugendamt telefoniert.

Nun, sagen wir es ungeschminkt: Nichts ist so peinlich wie junge Menschen. Wobei „jung“ unter Umständen ziemlich lange dauern kann.

Ich persönlich erreichte, das Internet war kürzlich so freundlich, mir das ungebeten unter die Nase zu reiben, den Gipfel unsäglicher Peinlichkeit erst mit 26 Jahren. Ich hatte schon gehofft, ich könnte die Tatsache, von meinem 16. bis zu meinem 28. Lebensjahr ein blickdicht beratungsresistenter Idiot gewesen zu sein, im engeren Familienkreis halten, aber Pustekuchen. Irgendein blödes Sozialgeschichte-Institut an der FU Berlin hatte nichts besseres zu tun, als die Geschichte „der außerparlamentarischen Opposition“ zu dokumentieren. Und? Unter der Rubrik „maoistische Jugendorganisationen“ werde ich da als „1. Sekretär der Roten Garde“  ausgegraben und gezeigt, wie ich in meinem umgearbeiteten Konfirmationsanzug auf irgendeiner bescheuerten Bühne stehe und unsägliche stalinistisch-maoistische Stanzphrasen aufsage, die Welt erkläre (voll imperialistisch!) und deren sofortige Umarbeitung verlange (Diktatur des Proletariats!). – Grundregel für die Jetztzeit: Wem an Verdrängung liegt, der sollte nicht den eigenen Namen googeln!

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10 Kommentare - “Grundregel bei Verdrängungsbedarf”

  1. cbx Says:

    Au, Genosse Kraska, das war jetzt aber oberpeinlich³! Also nicht primär die prolongierte Jungendsünde, sondern viel mehr der Selbstenthüllungsbericht darüber!

    Mit derartigen profilpsychologischen Massengräbern im Keller können ja sogar medial omnipräsente Konsonantenpromis mit eigenem Almauf- und abtrieb nicht aufwarten.

    Jetzt musst Du nur noch auf die Anrufe von RTL-II, Pro7 (oder wenigstens 9Live) warten…

    Wie sagte Genosse Kreisky immer so schön:
    „Liebe Genossinnen und Genossen, Freundschaft!“

  2. 6kraska6 Says:

    Tja, wenn Du meinst? Es gibt halt als Selbsttherapie der eigenen Peinlichkeitsempfindung nur diese Alternative: Verdrängung oder Flucht nach vorn in die Öffentliche Augen- und Ohrenbeichte. Ob sich für die meinige RTL oder Pro7 interessieren, wage ich auf Jahre hinaus zu bezweifeln. Deren Angebote dürfte ich nicht erwarten müssen. Obwohl, ich hätte da noch Enthüllungen…

  3. cbx Says:

    @kraska: (das kann ich auch!)
    Ich bin ja nur neidisch, weil du jeden meiner dilettantischen Versuche, irgendwelche Maßstäbe zu setzen mit ein paar aus dem Handgelenk hingestreuten Worten zu Ameisenfürzen im Elefantendarm degradierst. Warum hab ich sowas nicht?

    Obwohl… kram…wühl…wälz… Naja…

    Mal sehen…

  4. Thomas Says:

    Um die Ecke kommt – – – der Schrecken aller echten Geschichtsinteressierten: der bräsigste aller bräsigsten Tausendsassa der schlechten Boulevardhistorienverstrahlung – Gujdo Knopp, um dreißig Sekunden O-TON zur Dogmatisierung der APO einzufangen.

  5. mike-o-rama Says:

    Das Gefühl kenne ich. Obwohl ich schon mit 22 Jahren eine ähnlich bekloppte Phase hinter mir gelassen habe, kann ich heute noch so manche Ergüsse bei Google finden, die ich so lange erfolgreich verdrängt habe. Und so hoffe ich bis an mein Lebensende, dass die nie jemand ausgräbt und mir um die Ohren haut. Und wenn das so ist, dann streite ich alles ab.🙂

  6. hmmmmm Says:

    Tja, wärs die Wiking-Jugend gewesen, hätte hier wohl keiner gelacht, Genosse Reinhard.

    Aber heute echauffieren Sie sich bestimmt nicht mehr über die verweigerte Einreise von Albanern, oder? :-))))

    • 6kraska6 Says:

      Wohl wahr – obwohl die Maoisten sich von den Nazis strukturell nicht unterscheiden. – Was die Einreise der Albaner angeht: Ha ha. Guter Scherz!


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