Forsch geforscht


Ziemlich gescheit ohne Forschungsauftrag: Alter Mann (Euripides, 485/84-406 v. Chr.)

Meine Lieblings-Provinz-Postille, die liberal-katholische „Rheinische Post“, schätze ich für den in ihren Texten gelegentlich aufblitzenden staubtrockenen Humor. Beispiel? „Die klassische Entscheidungstheorie“, wird aus der Welt der Wissenschaften reportiert, „geht bislang davon aus, dass der Mensch ein höchst rationales Wesen ist – ein Zustand, der in der Realität so nicht nachgewiesen werden konnte.“ Ob wohl ich nur selten Berührung mit der Realität habe, ist mir der Verdacht auch schon gekommen, dass Rationalität etwas überschätzt wird. Ganz genau wissen kann mans freilich nicht, also untersuchen wir das sicherheitshalber mal wissenschaftlich. Gottlob haben wir eine „Arbeitsstelle Rationalität im Licht der experimentellen Wirtschaftsforschung“. Die untersucht in einem auf zehn Jahre (!) angelegten Projekt (Gesamtkosten 2,7 Mio.!), ob es eventuell sein könnte, dass Menschen nur „eingeschränkt rational“ handeln. Bis 2016 will man das herausgefunden haben.

Obschon, eigentlich weiß das der Altsprachlich-Humanistisch-Gebildete schon seit rund 2500 Jahren, wie die kürzlich bereits angeführten Euripides-Worte zeigen: „Einsicht fehlt /
den meisten nicht, ganz anders liegt der Grund:
/ Was recht ist, sehen wir und wissen wir
/ und tun es doch nicht, seis aus Lässigkeit,
/ seis weil die Lust des Augenblicks / das Werk
verdrängt, und mancherlei Verlockung gibt’s …“ Nicht wahr? Vernunft, das ist ein hohes Gut, nur fragt sich, wer besitzt davon genug? Na, ich jedenfalls nicht. Ich selber trinke, lese, esse, liebe, enthusiasmiere & bewundere mehr, als mir gut tut. Ich lebe praktisch ständig wider besseres Wissen! Das könnte auf meinem Grabstein stehen: „Er lebte wider die Einsicht“. Was ich mich sehr beschämt und mich meine Eitelkeit gewahr werden lässt: Ich habe nicht zu der unnachahmlichen Noblesse und Zurückhaltung von Loriot gefunden, dem einhellig zum ewigen Bundespräsidenten deutsch-humorigen Selbstverständnisses gekorenen großen verstorbenen Mannes, der, auf die Frage, was auf seinem Grabstein stehen solle, geantwortet hat:„Nun, es wäre wahrscheinlich zweckdienlich, wenn mein Name darauf stünde.“

Wenn ich in hohem Lebensalter noch einen Wunsch hätte, dann wäre es wohl der, ein solcher zu werden, wie der Herr von Bülow einer war: Geistvoll, bescheiden, nobel bis vornehm, unschlagbar in seinem göttlichen Understatement und unnachahmlich in seiner hoch-eleganten Selbstironie! Ich schaffe es nicht. Ich bin zwar auch preußischer Herkunft, aber eher pommersch-plebeisch-proletenmäßig, peinlich pöbelhaft um meine Reputation bedacht. Um jede Peinlichkeit, vor allem die der Eitelkeit zu vermeiden, muss man es wahrscheinlich genetisch-gebürtig „nicht nötig haben“. Im Zeitalter egozentrisch-selbstbewusster Ich-Ich-Brüllerei gebe ich gern zu: Ich wäre gern ein anderer. Für mediale Karrieren ist das schlecht. Jungen rational handelnden Menschen rate ich daher unbedingt, sich selber absolut und zweifelsdicht „echt toll“ zu finden. Das hilft! Sich selber peinlich und aller Zweifel wert zu finden, ist echt keine gute Voraussetzung, um öffentliche Aufstiegschancen zu befeuern!

 Übrigens, gegen die eigene vernünftige Einsicht Mist zu bauen – was man eigentlich für unmöglich hielt! – nannte man in der Antike akrasia.  Vielleicht lag es daran, dass man damals leckere Zigarettchen nicht kannte. Sokrates zum Beispiel hätte sonst nicht verstanden, wie man trotz der Vernunfteinsicht, dass Rauchen schädlich ist, trotzdem seine Kippen durchzieht. Der Großphilosoph Platon und seine literarische Marionette Sokrates waren allen Ernstes der Meinung, wer auf dem Athener Markt 400 Drachmen für ein Stück Räucheraal ausgab, könne nur nicht ganz richtig im Kopf, vulgo von übellaunigen Göttern missleitet sein. Nobel gedacht, wenn auch unrealistisch

Ab 2016, wenn man dann wieder Kapazitäten frei hat, möchte ich anregen, könnte man ja mal experimentell erforschen, ob der Kapitalismus vielleicht gar nicht nur auf das soziale Wohl aus ist, sondern ein bissl auch auf Habgier beruht. Könnte ja doch sein!

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8 Kommentare - “Forsch geforscht”

  1. cbx Says:

    Ziemlich gescheiter Rundumschlag. Euripides-Loriot-Kapitalismus in 5 Absätzen. Das muss man erst mal in eine Tüte kriegen.

    Ey, Respecct Alda!

  2. erinnye Says:

    Genial! Ich habe mir allerdings gerade die Frage gestellt, warum gerade Sterbefälle immer so einen Hype um ziemlich verdrängte Persönlichkeiten hervorrufen. Geborenwerden und Sterben ist immerhin das Einzige, was jeder Mensch akrasia-frei beherrscht.

  3. 6kraska6 Says:

    @erinnye: Interessante Frage. Ich füge noch welche an: Bekannt ist ja, dass bei TV-Sendern und Print-Redaktionen Nachrufe auf bekannte Personen immer schon bereit liegen. Frage a) Wie prominent muss man sein, um eines vorsorglichen Nachrufes würdig zu sein? Frage b) Wie alt muss man werden, damit so ein Nachruf schon einmal vorsorglich formuliert wird?

    • cbx Says:

      Ich hab da noch eine Ergänzung: Wie berühmt muss man sein, damit all diese Vorrats-Nachrufe noch zu Lebzeiten veröffentlicht werden? Ist das außer Herrn Jobs und Mark Twain („The reports of my death are greatly exaggerated“) überhaupt schon jemanden passiert?

      • 6kraska6 Says:

        @cbx: Momentan will mir keiner einfallen, aber es gibt bestimmt welche. Öfter als der Tod von Lebenden wird mit Sicherheit die Vitalität von Toten gemeldet. Elvis’s just leaving the building.

  4. Jens Wüsten Says:

    „Es liegt in der menschlichen Natur, vernünftig zu denken und unvernünftig zu handeln.“ (Anatole France)

  5. erinnye Says:

    Auf jeden Fall muss man in senioraler Zurückgezogenheit leben. Ansonsten müsste man den Nachruf dauernd umschreiben. Da haben die Redaktionen jetzt wieder Arbeit, den Nachruf auf Helmut Kohl umzuformulieren, nachdem er sich letztens aus dem Halb-Off zu Wort gemeldet hat. Ärgerlich das. Geradezu perhorreszierend.

  6. Felipe Gonzo Says:

    Schöner Drive mit etwas Driften. Text gefällt mir gut! Danke für den Flash…


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