Schwarm-Dummheit, Thaumaturgie, Hemden mit Stecknadeln


Schwarm-Dummheit (Fotoquelle: http://www.reticon-de)

Die Medien sind insgesamt ein gutes Beispiel für Schwarm-Dummheit. Jaulend und japsend, fortwährend über einander stolpernd und sich vor Eifer überschlagend, hechelt die Meute von einem Zentralaufreger zum nächsten. Und wir immer hinterher! Was kommt morgen? fragen wir uns fingernägelbeißend und vorfreudig erregt, Atom, Krawall, Börse, Euro oder wieder was ganz anderes? Um die Spannung nicht bis zur Unerträglichkeit hochschnellen zu lassen, gibt es aber auch Fixpunkte, von ganz weitem Vorhersehbares, nach dem man seinen Kalender stellen kann – Jahrestage etwa. Fünfzig Jahre Mauerbau, dreißig Jahre IBM-PC, oder demnächst, mir wird jetzt schon schlecht, zehn Jahre 11. September.

Von der medialen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet verstrich heuer hingegen, sagen wir mal als Beispiel, der 1891. Todestag des berühmten Thaumaturgen Apollonios von Tyana. Als Wundertäter machte er einst selbst Jesus Konkurrenz. In Ephesos soll er eine Jugendbande angestiftet haben, einen obdachlosen Bettler zu steinigen. Hinterher behauptete der heilige Mann, dabei habe es sich um einen verkleideten Pestdämonen gehandelt, und siehe: Die Pest trat unter den Ephesern tatsächlich nicht auf! Apollonios hat auch irgendetwas Bahnbrechendes geschrieben, was teils leider verschollen ist, teils ein Konvolut von Fälschungen darstellt, die auf einen gewissen Flavius Philostratos zurückgehen, der auch die Biographie des Wundermannes, auf die wir uns hauptsächlich stützen, weitgehend frei erfand und zusammenfabulierte. Letzterer, der Heilsbringer, war evtl. gelegentlich in Äthiopien oder sogar Indien, oder er ist, anderen Quellen zufolge, vielmehr aus Klein-Kappadokien nicht herausgekommen. Aus den Lehren des Apollonios wurde man übrigens nie recht schlau; als verbürgt gilt lediglich, dass er wahrscheinlich Vegetarier war und die Meinung vertrat, Gott sei an der Verehrung der Menschen nicht im geringsten interessiert.

Mich würden solche Denkwürdigkeiten erfreuen, wenn sie in den Nachrichten kämen, denn ich habe es gern, wenn hier und da Fragen offen bleiben und mir nicht immer gleich jedes Problem von Expertokraten zugemüllt wird. Diese Welterklärer dürften meinetwegen ohnehin gern einmal spannenderen Fragen nachgehen, anstatt immer den neuesten Weltdorftratsch mit Trivialitäten zu kommentieren – etwa, warum, nach einem halben Jahrhundert Raumfahrt und digitaler Revolution, fabrikneue Hemden immer noch mit heimtückisch versteckten Stecknadeln fixiert werden, von denen man nie alle findet, sondern etliche stets unter veitstanzähnlichen Verrenkungen aus entlegenen Körperteilen ziehen muss, während man im Hemd schon drinsteckt und eine äußerst unwürdige Figur abgibt! Über so etwas wird nie berichtet, und später wundert man sich dann, woher die Gewaltbereitschaft des kleinen Mannes auf der Straße herkommt (oder schreibt man in diesem Falle „klein“ groß?).

Der Alltag der übergroßen Mehrheit der Menschen setzt sich aus kleinen Katastrophen zusammen – bei großen gibt’s ja den Alltag nicht mehr. Aus kleinen Anlässen entsteht oft Verblüffendes. Zum Beispiel dieser Text, der sich eigentlich bloß dem im Grunde nichtigen Wunsch verdankt, ein einziges Mal öffentlich das Wort „Thaumaturg“ verwenden zu können, um es so der Vergessenheit zu entreißen.

Explore posts in the same categories: Notizen

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.

2 Kommentare - “Schwarm-Dummheit, Thaumaturgie, Hemden mit Stecknadeln”

  1. /cbx Says:

    OMFG! Thaumaturg! Was ein Wort! Wieder einmal hast Du mich mit einem Wort geradezu überfahren. Mangels einschlägiger (theologischer oder sonstiger nutzbegrenzter) Vorbildung war dieser herrliche Begriff völlig an mir vorbei gegangen.

    Insofern ist es eine relativ geringere Versäumnis, Apollonios von Tyana nicht gekannt zu haben. Deine Ausführungen und das, was Wikipedia unter diesem Namen auflistet, lassen ihn – was die Authentizität seiner Biographie und Heilsleere betrifft, sehr in die Nähe des wesentlich populäreren Thaumaturgen rücken.

    Und hab Dank, dass Du mich mit diesem Text davon abgehalten hast, meine eigenen Plattitüden zum PC-Geburtstag auf das schutzlose Web loszulassen. Wir hatten das Thema ja heute schon. Es wird in den seltensten Fällen Sinnvolles erfunden – und meistens überhaupt nur Geschichten.

  2. 6kraska6 Says:

    @cbx: Das Thaumaturgische kam mir recht eigentlich durch die Beschreibung dessen ins Gemüt, was Deine Maschinen so können. – Ansonsten: Du bist nun endgültig zum ILL erkoren, dem Idealen LieblingsLeser! Wer sich sogar die Mühe macht, meinem Quatsch hinterherzugoogeln, der hat einen Grad der Wissbegierigkeit erreicht, der ihn zum Besuch meiner Seminare qualifiziert. Im Gegenzug käme ich gern zu Deinen PowerPoint-Präsentationen; leider hab ich die 200.000, 00 Euro nicht, um Deine Wunderkiste zu kaufen, für die ich freilich wohl, soweit ich das überblicke, auch keine Verwendung hätte, die den Anschaffungspreis amortisiert. Aber falls Du mal einen Werbetexter brauchst, der Deine Kunden in den Zustand metaphysischer Verwirrung katapultiert: Ich machs! Unengeltlich! Leute – kauft amadynes DieBonder! Egal wozu, die Dinger sind gut!


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: