Im Stuhlkreis der Unbetroffenen


Teile der britischen Gesellschaft sind krank, kriminell und moralisch verwahrlost!

Milde mit den Köpfen wackelnd sitzen wir Alt-Revoluzzer um den Fernseher und gucken schön Vandalenrandale. Manch einer von uns seufzt erinnerungsselig und knetet tatendurstig das Sofakissen. Wie lieben wir den Duft von Benzin und Tränengas am Abend! Traulich fassen wir einander an den Händen und summen die alten Lieder: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Streetfightin men“ oder „La-hasst doch der Juhu-gend ihren Lauf“. Sich zusammenrotten, brandschatzen, plündern, mit gefährlichen Sachen schmeißen, – das sind zweifellos uralt bewährte Kulturtechniken, mit denen seit dem Neolithikum junge Männer ihren Testosteronüberschuss abarbeiten. Auch in der Steinzeit war ja nicht alles schlecht! Seit Homers Epen gehört Raub und Brandschatzung zum europäischen Kulturerbe. Nebst Vergewaltigung und Mord liegt uns das Plündern als Erwerbszweig halt im Blut, und wegzuschleppen ist ja immer was. Heute sind wir uns einig: Der Kapitalismus muss weg! Aber wohin? Am besten trägt man ihn, etwa in Form von Flachbildfernsehern und Laptops, erstmal nach Hause, dann mal gucken, was man davon verticken kann.

Ein bisschen Kritik regt sich allerdings dann doch. Die britische Jugend scheint, vermutlich, weil man ihr geschichtliche Bildung vorenthält, sichtlich irregeleitet. Zwar ist es nur allzu selbstverständlich, dass man sich, als Opfer des Systems, wenn einem andere Wege zur Bereicherung verschlossen bleiben, auf gewaltsamen Raub verlegt, doch, wie man schon bei den alten Griechen lernen kann, der gute Sinn und die Logik des Plünderns liegt ja nun doch darin, dass man andere, fremde Nachbarn ausraubt – und nicht die eigenen Quartiere in Brand steckt und sich gegenseitig beklaut. Tut uns Leid, bildungsferne Schichten: Auch Plündern will gelernt sein!

Regierungschef Cameron hat festgestellt, Teile der britischen Gesellschaft seien krank, kriminell und moralisch verwahrlost. Das hatte man beim Anschauen der letzten englischen Fürstenhochzeit auch schon gedacht, aber natürlich meinte Cameron nicht diese Teile der Gesellschaft, die dem verwahrlosten lumpenproletarischen Mob, den sie Jahrzehnte lang herangezogen haben, jetzt fassungslos beim Marodieren zuschauen. – Einer in unserer Runde kramte dann noch seine alte Mao-Bibel heraus und rezitierte daraus die Anweisung: „Gebt Bekanntmachungen zur Beruhigung der Bevölkerung heraus!“ Pah, längst erledigt! Der deutsche Innenminister wurde zeitnah und, haha, proaktiv den Vandalen zugeschaltet und bewies väterliche Beruhigungskompetenz – bei uns könne so etwas wie die Londoner Krawalle nicht passieren. Wieso? Ganz einfach. Wir lassen den Mob aus England gar nicht erst herein.

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2 Kommentare - “Im Stuhlkreis der Unbetroffenen”

  1. cbx Says:

    Ein schweres Thema für einen Freitag, Herr Magister. Aber schön zu lesen, wie der ehemalige Anarcho-Punk den Hobby-Marodierern erklärt, wie’s richtig gemacht wird.

    Die Netzgemeinde würde Dir (so sie es denn läse) innigst danken für die Herstellung eines ganz und gar unopportunen Kontexts: „Sich zusammenrotten, brandschatzen, plündern, mit gefährlichen Sachen schmeißen, – das sind zweifellos uralt bewährte Kulturtechniken, mit denen seit dem Neolithikum junge Männer ihren Testosteronüberschuss abarbeiten.“ Aber wir um alles in der Welt haben die neolithischen Plünderer es geschafft, sich zusammenzurotten, wo doch die ursächlich daran schuldigen Sozialen Netzwerke, Facebücher und Twitters noch gar nicht erfunden waren?

    Wäre ich jetzt etwas kopflastiger angelegt, würde ich vielleicht beginnen, darüber zu räsonieren, warum diese Dödel wirklich ihre eigene Nachbarschaft abfackeln. Weil ich das aber nicht bin, kann ich mich auf ein entspanntes Wochenende freuen und das muntere Treiben auf beiden Seiten weiterhin mit einem feinsinnigen Grinsen beobachten.

    Denn bei uns können solche Krawalle wirklich nicht passieren. Auch, weil ja das Betreten des Rasens verboten ist.

  2. 6kraska6 Says:

    Na ja, es gibt ja auch analoges Zusammenrotten. Damals, zu meiner Steinzeit („Wir hatten ja nichts!“) ging das ja auch irgendwie. – Warum alles so kommt, wie es kommt, sollen uns halt die Soziologen erklären. Nebenbei, wird es nicht Zeit, dass ARD und ZDF sich neben ihrem Terror- auch einen Krawallexperten anschaffen?


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