Wer saugt uns Fett ab (Arme haben)


Hat ihr Fett weg: Frau Mustermann

Eigentlich bin ich ein zierlich-zimperlicher, mädchenhafter Knabe, ein Typ mit der Anmut, Beweglichkeit und Eleganz eines schmächtigen Matadors. Bevor jemand laut zu lachen beginnt:  Natürlich nur innerlich! Faktisch und „tragischerweise“ stecke ich im falschen Körper, denn äußerlich bin ich in einem Grizzly-Körper gefangen, mit einem, nein, leider nicht Waschbrett-, sondern Waschbär-Bauch (dem Embonpoint eines außergewöhnlich gut genährten Waschbärs!) und dem Stiernacken einen deutschen Metzgers begnadet, breit, schwer und Ü100-Kilogigantisch,  und ich bewege mich mit der Dezenz einer überladenen Dampfwalze. Der einzige Sport, außer Schach, für den ich die richtige Figur hätte, wäre Sumo-Ringen. Ein mäßig tapferes Schneiderlein im Körper eines Menschen fressenden Riesen! Meine Stirn ist zwar noch glatt und sorgenfaltenfrei wie die eines glücklichen Idioten, aber wenn ich Fotos von mir zu Gesicht bekomme, sehe ich, wie das Gewicht der Existenz sich an meine Mundwinkel gehängt hat und meine ungeweinten Tränen über den Weltlauf sich in Säcken gesammelt haben, die mir dass Aussehen eines schwermütigen Walrosses verleihen.

Jedenfalls entgehe ich der Schmach nicht, im Dasein zu viel Platz einzunehmen. Ich bin der klassische Kandidat dafür, „etwas an mir machen zu lassen“. Wie mir „die Medien“, und nicht nur die privaten, derzeit unentwegt ins Ohr trompeten und ins Auge tröpfeln, gilt es schon als bedenklich Schluffi-haft und hart am Rand der Verwahrlosung, wenn man „nichts an sich machen lässt“. Fettabsaugung, Lider-Korrektur, botoxikologische Unterfütterung, Haartransplantation, Abnäher hier und da. Staunend verfolgte ich Interviews, in denen Menschen verschiedenen Geschlechts stolz berichteten, sie wollten nun endlich mal „etwas für sich tun“ und „legten sich dafür unters Messer“. Im Schnitt (ha!), schien mir, lassen Männer meistens etwas weg machen, Frauen hingegen etwas hinzufügen.

Möglicherweise unterschätzen diese Menschen einfach die Kraft der Suggestion? Gerade las ich – zugegeben nicht ohne klammheimliche Bewunderung, in gewisser Weise – von einem überführten Sexualverbrecher, der sich von „hunderten“, und, wie es heißt, „besonders hoch intelligenten“ Frauen sexuelle Gefälligkeiten erschlichen bzw. ergaunert haben soll, indem er vorgab, „keine Arme zu haben“.  Also, ich glaube, ich könnte das nicht! Wie geht denn so etwas? Das erfordert doch nicht nur enorme Chuzpe, sondern schier übermenschliche Disziplin, oder? Ich hätte die nicht. Dabei würde es mir schon reichen, zehn mittel-intelligenten Frauen suggerieren zu können, keinen Bauch zu besitzen…

Verblüffenderweise erinnert dieser Vorgang an die Weisheit altrömischer Stoiker, welche die Maxime „Haben, als hätte man nicht“ propagierten. Also beispielsweise, man hat Kohle ohne Ende, verhält sich aber, als krebste man knapp unter dem Existenzminimum herum. Diese eingebildete Armut kann man sich selber, aber auch anderen suggerieren. In dieser Hinsicht sind wir alle wie die „Hunderte hoch intelligenter Frauen“ – wir lassen uns den ungeheuerlichsten Quatsch vorzaubern und machen auch noch mit.  In meiner Heimatstadt, die demnächst den Jahrestag der Loveparade feiert, schauen wir zum Beispiel seit Jahren ohnmächtig zu, wie die letzten freien Kultureinrichtungen kaputt gespart werden, weil ja kein Geld da ist. Dabei betragen Kulturausgaben nur 3% (!) des Haushalts, und Duisburg hat noch nicht mal Rüstungskosten! Wir müssen halt sparen, allerdings nicht etwa, weil wir keine, sondern weil wir zu viele Arme haben.

Ich bitte herzlich, dies nicht als politisches oder ökonomisches Statement zu werten, wenn ich naiverweise noch immer über die Hunderte von Milliarden  staune, die gegenwärtig in der „Euro-Krise“ verbrannt werden. Natürlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, ich weiß. Es wird ja auch bloß Geld ausgegeben, das wir gar nicht haben. Damit kenne ich mich eigentlich aus, denn ich gehöre wie Griechenland den Banken und lebe von Geld, das ich nicht besitze. Mein Kulturetat ist allerdings höher – schon, weil ich nichts an mir machen lasse… 

 

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5 Kommentare - “Wer saugt uns Fett ab (Arme haben)”

  1. cbx Says:

    Ja, diese leidige Fremdsuggestion. Ich kenne nur eine einzige „besonders hoch intelligente“ Frau, die ich hin und wieder kurzzeitig davon überzeugen kann, keinen mittleren Massenspeicher zu haben.

    Was mir aber – wie Du wahrscheinlich weißt – stets perfekt und anstrengungslos gelingt, ist „Haben, als hätte man nicht“. Ich habe in Wahrheit einen messerscharfen analytischen Verstand und ein nachgerade enzyklopädisches Wissen in der Allgemeinbildung wie auch auf zahllosen Fachgebieten. Und dennoch gelingt es mir, mich jederzeit glaubwürdig so zu verhalten, als hätte ich das alles nicht.

    Meine diesbezügliche Hoffnung (auch für die Menschheit an sich) ist, dass auch die meisten meiner Mitmenschen wahre Meister dieser Kunst sind…

  2. Lakritze Says:

    Äh … »Das XXX ist ja nicht weg, das hat bloß ein anderer.« (Gilt angeblich für Geld, aber nicht für Intelligenz und auch nicht für Fett.)
    Und dann wäre da noch Jocelyn Wildenstein (–> Google-Bildersuche), die was hat an sich machen lassen. Genug für uns alle.

  3. karu02 Says:

    Jetzt weiß ich, was eine gut geschminkte Bekannte letztens meinte, als sie mit einem Seitenblick aus ihren silberumrahmten Augenwinkeln ohne jede Lachfalte, mit leichter Missbilligung auf der wohlbewölbten Oberlippe im Tonfalls des Gutmenschen zu mir sagte: „Du musst auch mal was für Dich tun.“
    Und ich dachte, naiv wie ich meistens bin, an ein gutes Glas Wein, Beine hoch im Liegestuhl mit Lektüre für den Nachmittag oder eine Runde Schwimmen im Meer.

  4. Joulupukki Says:

    Und wenn dann endlich alle gleich aussehen, wird der neue Hype wieder in Richtung ’natural beauty‘ gehen. Dann lässt man sich Falten ins geplättete Gesicht operieren und Oberlippenbarttoupets zuschneiden. Und der Sommerhit 2025 wird die implantierte Warze im Gesicht. Stylish bis zum Abwinken …

    p.s.: Bauch ist sexy!


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