Fußball gucken im Geddo


Wer nun? Wie nun? Was nun? Wieder nichts mitbekommen... (Foto: REUTERS)

Zur Strafe, weil Branko unsere Stammkneipe verkauft hat und wieder mit dem Truck zwischen Valencia und Zagreb unterwegs ist, hocken wir alle in seinem Wohnzimmer unter der gerahmten Koran-Sure und trinken Warsteiner. Der Couchtisch biegt sich unter aufgefahrenen Gerichten. Es gibt Fleisch mit Buttersauce, Fleisch mit Käse-Sauce und Fleisch mit Fleischsauce, dazu serbischen Rinderschinken und Lammwurst. So ist das bei Berg-Serben. Ein kleines Schüsselchen Salat ist auch dabei – mit ungeschälten Gurken! „Keine Panik“, brummt Branko, der Ruhe-Bär, „die sind frisch aus Novi Pazar.“ – Sportrentner Horst murmelt: „Datt isset ja, watt mir bissken Sorgen macht…“ und nimmt lieber Rinder-Niere.

Ich versuche, wenigstens mit einem Auge das Spiel Aserbeidschan gegen Deutschland zu gucken, wegen dem wir eigentlich zusammengekommen sind. Hören kann man vom Kommentar nichts, weil der alte Vlado gerade von der Schwarzarbeit zu uns gestoßen ist, mit beachtlicher Schlagseite und großem Erzählbedürfnis, weil, er hat Fliesen gelegt, und da das eine trockene Angelegenheit ist, hat er „alle ch’albe Stunde nur ein Pinneken“ hausgebrannten mazedonischen Schnaps (ca. 55%igen, soweit man das in etwa abschätzen kann) getrunken. Ich kann es nicht lassen und rechne ihm vor, dass das bei zehn Stunden Arbeit aber auch schon eine ganze Flasche Slivo bedeutet. „Nä…“, winkt Vlado ab, „bei Arbeit nur Pinneken. Das mit Flasche war ärrs danach“. – „Na, die Fliesen möchte ich sehn“, hake ich etwas hämisch nach. Sportrentner Horst war mal Handwerksmeister und belehrt mich, um Präzision bemüht: „Die Fliesen, weisse, Proff, die sinn eintlich nich datt Problem – aber die Fugen! Die Fuuugen!

Während Horst mich, den ungebildeten Geisteswissenschaftler, in die Geheimnisse des Fliesenlegens einweiht, beginnt Vlado unvermittelt und laut stark von seiner Militärzeit in der jugoslawischen Armee zu erzählen und hampelt vor dem Fernseher herum, um den Parade-Stechschritt vorzuführen. „Datt se dich mit deine ma knapp einsfümmunnfuffzig überhauppt genomm ham…“ wundert sich der Sportrentner, während ich versuche, Vlado zur Einstellung der Kampfhandlungen zu bewegen, weil ich noch immer was vom Spiel sehen will. „No, genommen scho“, mutmaßt Serbo-Bayer Branko, „nur Gewehr ch’am se ihm nich gegeben, weil ch’at immer so auf  Boden geschleift…“ Vlado startet zu einer langen verworrenen Anekdote, der ungefähr zu entnehmen ist, er sei streng genommen eigentlich bei der Marine gewesen, habe aber wegen „Knappheit von Schiffe“ zumeist in der Kaserne hocken müssen und sei „praktisch immer besoffen“ gewesen. „Nix Geld, aber immer besoffen!“ kräht er ein ums andere Mal, haut mir vor Begeisterung auf die Schenkel und fuchtelt wild vor dem Bildschirm herum.

Ich werde langsam quengelig, weil ich vom Spiel echt nichts mitbekomme. „Wieso?“ fragt Vlado treuherzig, „steht zweinull fir euch. Ch’annst du doch zufrieden sein, Proff. Ihr Deutsche seid nie zufrieden! Immer bloß ch’ewinnen, ch’ewinnen…“ Ich versuche zu erklären, dass es meiner Meinung nach der genuine Sinn des Fußballspiels sei, dass man gewinnen wolle; außerdem wolle ich nicht zusehen, DASS oder gar DAMIT Deutschland gewinne, sondern WIE. „Mir egal, wer gewinnt“, wirft der Sportrentner in die aufbrandende Debatte, „Hauptsache et is dann Deutschland oder der MSV!“  Branko bringt Frischbier und erzählt, dass er in seiner Zeit als Wirt mehrere Müllsäcke voll Warsteiner-Kronkorken gesammelt habe, weil, da stehen nämlich so Nummern drin und damit kann man was gewinnen. „Vielleicht hab ich schon Auto“, sagt er versonnen. Da ich als Magister das Belehren nicht lassen kann, merke ich an, dass er die Korken dann aber auch einschicken müsse. „Kannst du vielleicht über Internet machen?“ fragt er mich hoffnungsvoll.

Vlado ist jetzt auf dem Fußball-Tripp. „Bei uns in Dorf friher“ erzählt er träumerisch und haut mir auf die Schulter, „war zehn Häuser und elf Jungen! Wir ch’aben IMMER gewonnen!“„Ja klar“, sag ich bissig, „weil euch die anderen elf gefehlt haben. Außerdem, nebenbei, kannze ma die Finger von mir lassen? Da wo ich herkomm, fassen sich Männer nicht dauernd an!„Ach, is doch bloß Freundschaft“ verteidigt Horst seinen Freund. – Inzwischen hat Aserbeidschan ein Tor erzielt. Wir jubeln kurz solidarisch, auch wenn Branko meint: „Das ham die bestimmt gekauft!“„Wieso denn“, wird er zurechtgewiesen, „das ist noch nicht in Serbien!“ Die Erörterung der Frage, ob Mazedonien, Montenegro oder aber Slowenien („Nä, datt war Handball“ weiß der Sportrentner bescheid) Weltmeister der Sportkorruption sei, läuft noch, da ist das Spiel vorbei. Ich glaube, wir haben gewonnen. Beim Abschied heißt es: „Proff, schön, dasse gekommen biss! Lass uns bald ma wieder schön Fußball gucken. Vielleicht bei die Fraun, demnäx.“ Na, da wird was los sein.

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3 Kommentare - “Fußball gucken im Geddo”

  1. cbx Says:

    Zum Niederknien! Würd‘ grad im Büro aber ein bissl blöd aussehen, glaub ich. Ich hatte das Gefühl, hinter dem Fernseher stehend (für einen Elektriker eine durchaus nicht ungewöhnliche Position) live mittendrin zu sein.

    Warum habe ich eigentlich keine so archetypischen Charakterköpfe in meinem Geddo? Oder gebricht es mir nur an der sprachlichen Umsetzung?

  2. 6kraska6 Says:

    Na ja, man muss halt, wie soll ich sagen, das eigene Niveau sehr flexibel und gelenkig halten….

  3. Ach ainer von unser Lait... Says:

    @ cbx

    Die Archetypen im sozial eingegrenzten Wohngebiet sind altersstufenabhängig.
    Die jüngere Generation sieht Ihre geistige Zukunt viel zu stark in den von diversen Massenmedien vorgebeteten minderintellektuellen Vorbildern untersten Ranges.
    Als Beispiel für den Hochfelder Archetypen kann hier durchaus der mobile Eisverkäufer auf dem Moped(mit Sonnenschirm!) dienen, der die Kassiererin im Wanne-Neddo sauber mit „Yeah BABY“ betitelt. Das mit knappen 70 und einer Kunstlederschiebermütze, was m.E. schon sehr kess ist.

    Für meine bescheidene Person musste ich nach dem Einmarsch in NRW, feststellen, das das Nivea nicht flexibel ist. Ne pas pour moi. Nur die Feststellung machen, das man sich auch mit Leuten unterhalten kann die keines haben was sogar lustig sein kann. Nur ob ich aus diesen Gesprächen den Funken Innovation ziehen werde, der dann in meinem Kopf die Glut entfacht, die der dereinst die Welt retten wird, ist fraglich. Sehr sehr fraglich.
    Wie oben schon gesagt gelenkig bleiben. Mann darf sich nur eben bei den ganzen Moral- und Niveauverbeugungen keinen Bandscheibenvorfall zuziehen.


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