Auf der Umlaufbahn (Metaebene 2)


Die Welt schaut nach London

Irgendwo hab ich mal eine Anekdote gelesen über einen Astronomen, der, ich weiß nicht mehr wo, in Pressburg vielleicht oder im Wienerwald, jedenfalls öffentlich einen Vortrag über die Planeten unseres Sonnensystems hielt, Saturn, Pluto, Jupiter, Venus & Co., und hinterher sei aber ein Bäuerchen oder Schuster oder so aufgestanden, hätte zwar sein Gefallen an dem Gehörten bekundet, dann indes nachgefragt, wie man denn, wenn man auf  jenen Gestirnen doch noch nie gewesen sei, überhaupt wissen könne, wie die alle heißen? – Zwar muss ich darüber schmunzeln, doch bin ich auch so ein Depperl. Ich meine: Ständig werden irgendwelche Sachen gewusst, beispielsweise über die Sicherheit von AKWs, über die Zukunft der Renten oder die Stärke des Euro in fünf Jahren, und ich frage mich: Woher wissen die das denn?

 Gestern machte der regional zuständige Rundfunk mich mit der lapidaren Mitteilung staunen, am kommenden Dienstag, oder wann das jetzt ist, würden 4 Milliarden Menschen am Fernseher die Hochzeit des britischen Prinzen mit seiner Erbsenprinzessin verfolgen. Wie jetzt? Vier Milliarden Menschen gucken am gleichen Tag, wenn auch wg. Zeitverschiebung vielleicht nicht gänzlich synchron, neun Stunden lang zu, wie ein verschrobenes, für seine Exzentrizität berühmte Inselvölkchen sich selbst veralbert? Dreht sich die Erde dann überhaupt noch weiter? Nur, auch wenn das politisch vielleicht nicht korrekt ist, mal angenommen, diese satte Mehrheit der Weltbevölkerung wäre zugleich identisch mit deren weiblicher Hälfte – heißt das jetzt, an diesem schwarzen Tag bliebe rund um den Globus die Küche kalt, die Wäsche würde nicht gebügelt und Abermillionen von zu recht ungehaltenen Babies blieben ungewickelt? Hat man das, inklusive des weltwirtschaftlichen Gesamtschadens, irgendwie statistisch hochgerechnet, oder woher weiß man das?

 Na, ich will mal nicht den Naiven spielen: Die Medien, die so etwas herumposaunen, haben das natürlich aus den Medien, woher sonst? Die Söhne Luhmanns kennen das Fachwort dafür, es heißt Selbstreferentialität. Ein Wort wie ein vertrockneter, morscher Ast, aber es sprießen Blätter und Wunderblumen aus ihm. Ebenfalls gestern und auf selbigem Rundfunksender nämlich erfolgte endlich, worauf ich schon lange gewartet hatte: eine Sendung, die mit gebotener Fassungslosigkeit über den „Medienrummel“ berichtete, der um die fosssile Prunk- und Pompposse veranstaltet würde. Interessant ist ja, dass, wenn man sich darüber amüsiert, wie die Medien den von ihnen selber angerührten Quark bestaunen wie ein Kind, das erstmals A-A in sein Töpfchen gemacht hat und sein ureigenstes Produkt händeklatschend bejubelt, und man diese Erheiterung öffentlich und medial glossiert, man sich unversehens selber schon auf der zweiten Meta-Ebene der Selbstreferentialität befindet, also praktisch schon im Orbit planetarischer Unwirklichkeit. Die Luft wird dünn, Sinn und Substanz kommen nur noch in Spurenelementen vor.

 Leser, die das Vorangegangene für bemerkenswert halten, schlucken vielleicht auch die Meldung, das demnächst bevorstehende DFB-Pokal-Endspiel zwischen dem MSV Duisburg und Schalke 04 würde auch von ziemlich genau 44% aller außerirdischen Intelligenzen „am Schirm“ verfolgt. Woher ich das weiß? Steht doch im Internet. Nämlich keine drei Sätze vor diesem hier.

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8 Kommentare - “Auf der Umlaufbahn (Metaebene 2)”

  1. /cbx Says:

    Geschätzter Herr Magister, Du verschleierst hier wichtige Tatsachen. Gerade mehren sich im Umfeld bekannter Verschwörungstheoretiker wieder die Befürchtungen, unsere zaghaften und dilettantischen Versuche, mit außerirdischen Lebensformen in Kontakt zu treten (→SETI), könnten diese eben gerade zu einer netten Plündertour mit anschließender Ausrottung unserer Spezies einladen.

    Da kann es doch nichts besseres geben als den ganzen Planeten in eine elektromagnetische Wolke zu hüllen, die

    * die Hochzeit des britischen Prinzen mit seiner Erbsenprinzessin und (wichtiger noch)
    * das DFB-Pokal-Endspiel zwischen dem MSV Duisburg und Schalke 04

    in die Tiefen des Weltalls trägt. Welche ernstzunehmende Zivilisation würde sich auf einen Kontakt mit Lebensformen einlassen, die etwaigen Besuchern so etwas als Selbstdarstellung und Begrüßung entgegen funken?

    Wer weiß, vielleicht retten gerade die Ballsportabstinenzler vom MSV demnächst die Erde?

  2. 6kraska6 Says:

    Dass mit den Ballsportabstinenzlern möchte ich überhört haben. Wir hatten nur erst kein Glück und dann viel Verletzungspech. Jetzt können wir nur hoffen, so sehr unterschätzt zu werden, dass vielleicht noch was geht…

  3. Uffnik Says:

    Es ist grandios, wie schnell sich durch Deine Thesen doch alle „Wiewörter“ erklärbar machen.

  4. Muttertier Says:

    Lieber Herr Magister,
    als beinahe 70-jähriges Muttertier ( so nannten mich in jungen Jahren meine Söhne, wenn ich allzu viel Besorgnis zeigte), des bloggenden Inschenieurs, möchte ich einfach einmal schlicht und ergreifend DANKE sagen. Über längere Zeit schon lese ich mit echt großer Freude ihre Exposees, sie bereichern meinen Alltag, erweitern meinen Horizont und zaubern auch oft ein Lächeln in mein Gesicht. Au weia, das klingt ja schwulstig, aber es musste einfach einmal gesagt werden. Bitte weiter so !

    • 6kraska6 Says:

      Dank Dir für Deine freundlichen Worte…

      • /cbx Says:

        Oh, Herr Magister! Du darfst Dir was einbilden auf diesen Kommentar. Der ist höchstwahrscheinlich wirklich von meiner Mutter, die sich im meinem eigenen Blog seit dem 12.10.2009 nicht mehr zu einem Kommentar hat hinreissen lassen…

        Wobei: Inhaltlich gebe ich ihrem Lobhudel natürlich recht, auch wenn „Luhmann“? Musste da wirklich „Luhmann“ stehen?.

  5. richensa Says:

    Prinzenrolle für alle, kann man für das mediale Ereignis nur wünschen…

  6. 6kraska6 Says:

    Nach neuesten Meldungen werden es, wie „Experten“ sagen, nur 2,4 Milliarden sein, die zuschauen, dafür wird’s aber „das größte Ereignis in der Geschichte des Fernsehens“! Wahrscheinlich haben das Leute geschrieben, die entweder zum Zeitpunkt der Mondlandung noch nicht geboren waren oder aber nicht genau wissen, wo der liegt. Ach Welt, ach Blödheit…


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