Im Geddo mit Hölderlin


Grillen im Park: Zwischen Hammel und Himmel

Gang aufs Land

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng‘ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtgläubige zweifeln an
Einer
 Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.“
(Friedrich Hölderlin)

Ooch, na ja, so schlimm war es dann gar nicht – gar nicht so eng und bleiern, es glänzte sogar, ozonlochbegünstigt, eher „ein Vieles“ vom Himmel, und „leer von Gesange“ ruhte die Luft keineswegs, vielmehr quirilierte und trötete enormes Balkan-Gedudel und Arabesk-Geknödel huldreich vom segensreichen Orient her, bzw. ortsüblich gewordenes fröhliches „Geräusch“: http://cbx.amadyne.net/blog/articles/869/die-welt-wird-doch-untergehen-oder-die-80er-sind-vorbei allenthalben, damit „die Gäng’ und Gassen“ im Geddo nicht schlummern, sondern ausgiebigst nach Heimat klingen, wenn auch nicht eben grad nach der meinigen.

Ich weihte den Sonntag meiner Lust, per Fahrrad durchs Geddo zu patroullieren und hiesige „Rechtgläubige“ zu besichtigen. Im „Offenen“ vulgo kommunal betreuten Park („Grünzug Hochfeld“) knubbelte sich des Volkes dunkle Masse und opferte dem Gott dichte Schwaden verbrannten Hammelfleisches, das fromm zum Himmel stank. Oh dieses Duftes! Ex oriente lux? Mag sein, wesentlicher aber die mobil-transportable olfaktorische Heimat-Tapete. Es gibt da den einen Song von Tom Waits, wo er krächzend behauptet, sein home sei, wo immer er seinen Hut hinhänge. So der Bürger der Neuen Welt. Altwelt-Nomaden haben indes ihr Heim, wo sie das großfamiliäre Grill-Lager aufschlagen; ums Knusperfeuer gelagert genießen sie Tag und Traum, Hammel und Himmel, Lust und Lamm des Frühlings, und versorgen das Viertel mit Atmosphäre.

Zwei stolze Altweltnomaden in typischer Landestracht

Manche Besucher sind enttäuscht, wenn ich ihnen mein Geddo zeige – als Sozialromantiker  stellen sie sich immer einen Slum, ein town-ship oder eine Wellblechhütten-Favela vor und wundern sich dann über Gründerzeit-Häuser, Parks und Baumbestand. Sehen kann man das Geddo in der Tat schwerlich, riechen indessen schon.

War es im Sinne Hölderlins, dieser edlen Seele, dass ich schließlich, betäubt von Spiritus, Holzkohle und Hammelfett, in meinen 15qm-Hinterhof retirierte, um mich, in Begleitung seiner „Vaterländischen Gesänge“, im Duft des dort anwesenden Wilden Flieders zu ergehen? Fast glaube ich das. Eitel Honigseim und Blütennektar umspielte mich im lauen Frühlings-Zephyr, mir wurde in traulicher Idylle ganz wunderlich, ich träumte von anmutsvollen Nymphen und flötenspielenden Hirtenknaben, von deutschem Wald und griechischen Wiesen, mir kam das Begehren an, zu dichten und zu weinen, und zum ewigholden, heimischen Fliederbaum sprach ich: „Komm ins Offene, Freund“ – lass uns da mal gegen an stinken!

Kraskas Lustgarten-Idylle: Taoistischer Bambus, idealistischer Flieder, Mülltonnen-Prosa

 

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4 Kommentare - “Im Geddo mit Hölderlin”

  1. utecht Says:

    Ohne die political correctness überstrapazieren zu wollen sei kurz angemerkt: In handtuchgroßen, urdeutschen Reihenhausgärtchengeddos riecht es wochenends bei Sonnenschein – nein, nach Hammel nicht – durchdringendst wie in der holzkohlenglutheißen Bauchspeckhölle. Die Kluft ist meist vom selben Schneider.
    Hat der Jugo oder Anatolier dann ein Eigenheim, sitzt er ebenda. Vollintegriert…

  2. 6kraska6 Says:

    Das weiß ich wohl. Ich kenne nicht nur die Bauchspeck-, sondern sogar auch die mediterrane Sardinenhölle. Seltsamerweise haben aber hier im Geddo die verbliebenen Deutschen das Grillen komplett eingestellt – ein Forschungsthema für promotionswillige Ethnologen! – Ich selbst stamme noch aus der Goethe-Hölderlin-Zeit und kann mir keinen Grund vorstellen, öffentlich Fleisch zu verbrennen, es sei denn, um damit irgendwelche Götter zu verehren/ernähren. Aber danke für den Hinweis. Immer ein bissl politisch unkorrekt: Mag. Kraska

  3. cbx Says:

    Hölderlin? Oh Magister, aus welch grausamem Grunde Eurer weisen Seele zaubertet Ihr den nun gerade diesen zu Recht über Jahrhunderte verkannten Junkie? Erwähntete ich eigentlich schon einmal dass ich einige Jahre meines – inzwischen lang gewordenen – Lebens in „Laufen am Neckar“ verbringen durfte – auf Schritt und Tritt umspült von der historischen Gegenwart des Städtchens großen Sohnes?

    Ansonsten habe ich aus Deiner farbenfrohen Schilderung reichlich Trost gewonnen, schirmt mich doch der allergisch-marode Zustand meiner Nasenschleimhäute von diesen allerorts ausbrechenden olfaktorischen Orgien weitgehend ab.

    Und vom penetranten Fliedergestank auch.

  4. 6kraska6 Says:

    Tja, weiß auch nicht. Liegt gar nicht mal ein meiner Ausbildung. Manchmal, in Frühling oder Herbst, wird mir so eichendorffisch, hölderlinisch oder rilkisch zumute – bin halt im Herzen ein Idyllliker…


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