Vom liveticker gefickt


Schon nicht mehr live: Älterer Ticker (Quelle: Siemens/Wikipedia)

Eine neue Cerebralsklerose, ein neuer Hirn-Herpes verbreitet sich durch mediale Tröpfcheninfektion und verpeilt resp. „verperlt“ (Dittsche) ganze Landstriche: der Liveticker. Schon das Wort bewirkt Bluthochdruck. Ich habe doch längst einen, denken viele – meine Wanduhr von Tchibo nämlich, die in stillen einsamen Stunden der  Depression lauthals tickt und dir auditiv vor Ohren führt, wie dein unbedeutendes, ereignisloses Leben verrinnt, tick-tak-tick-tak. Sekunde für Sekunde. Sekunden sind Kleinvieh, aber aus ihnen setzt sich der Mist zusammen. – Aber das ist nicht gemeint. Der „Liveticker“, etwa bei n-tv oder SPIEGEL online, das ist informationelle Vollkaskao-Vollkorn-, quatsch, Vollverkostung mit Null Prozent Kalorien. Fast food, der nicht dick macht, geschweige denn klug. „+++ 17.03 Uhr: Bengasi: Ein Panzer biegt um die Ecke. Noch ist unklar, wer drin sitzt. Ist es der Gaddaffe, der King Kong der durchgeknallten Diktatoren? Oder eine terroristische Al-Quaida-Ratte? Diplomatische Beobachter runzeln die Stirn.+++“ “ +++ 18.69 Uhr:  Fukoshima: Auch der dritte Reaktor riecht irgendwie komisch. Näheres wollten die Betreiber zunächst nicht bestätigen.+++ „ So tickt life, und du bist live dabei, nur ohne Radioaktivität oder Blei in der Luft. Herrlich! Darauf ein Senfglas Senfgas!

Ursprünglich war der „Liveticker“ mal eine einigermaßen passable Ersatzkasse für Leute ohne Radio und Fernsehen, die ein Bundesliga-Spiel verfolgen wollten: „89. Minute. Kaiserslauterner Stürmer steckt Nase in den gegnerischen Strafraum. Olli Kahn beißt  sofort zu. Gelbe Karte!“ Inzwischen ist der Liveticker zur bescheuertsten, weil komplett sinnfreien Illusionsmaschine des Journalismus verkommen. Ich musste schon immer lachen, wenn man Auslandskorrespondenten vor dem Weißen Haus oder dem Kreml postiert, als würde die Aura des Gebäudes ihnen irgendwie besonders privilegierte Nachrichtenströme senden. Dabei lesen die auch nur Zeitung. Aber der Liveticker ist natürlich um Längen heißer, mega-aktueller und dranner an der  so called reality. Oh Mann, sekündlich weiß ich, was los ist – wenn ich mir dann noch gefühlte tausend Sondersendungen, specials (Schpäschels) und Breaking-News-Gewitter antue, Experten-Auftritte reinziehe und Bescheidwisserrunden mit Peter Scholl-Latour und Heiner Geißler verfolge, dann bin ich mal so richtig durch—informiert. Als wäre ich live dabei, was Gott natürlich lieber verhüten möge. Wer möchte jetzt schon in Fukushima 1-4 oder in Bengasi sein.

Schon eine tolle Erfindung: Liveticker. Jetzt wünsch ich mir nur noch, dass Videokameras aus Rettungswagen und Jagdbombern Livestreams senden. Ich meine: Nuklearkatastrophen und chirurgische Luftschläge – das ist ja nun definitiv geiler als Verkehrsunfälle. Get your kicks by liveticker!

 

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4 Kommentare - “Vom liveticker gefickt”

  1. /cbx Says:

    Wenn der Magister die Welt erklärt, schlägt, Granaten gleich, die Erkenntnis bei mir ein. Daher also das seltsam leere Gefühl beim Verfolgen der Liveticker in den letzten Tagen.

    Nun ja, die Erkenntnis, dass der „Qualitätsjournalismus“ inzwischen in so gut wie jeder Form, Farbe und Geschmacksrichtung den aufdringlichen Geruch billigst gebackenen chinesischen Gummis nicht mehr los wird, ist so neu nicht. Da kann auch die minutengenaue Ausdehnung des Informationsvakuums nicht drüber hinweg duften.

    Aber: Gesegnet sei der Effekt! Durch immer dichtere Informationsnebel betäubt und geblendet setzt der erwünschte Abstumpfungseffekt um so schneller ein und wir können uns wieder DSDS und der Hartz-IV Erhöhung widmen. Nein, im Ernst: Auch sinnvolle Aufarbeitung eines Ereignisses (ob „Süper-GAU“ oder „Demokratie herbeibomben“ ist dabei egal) kann erst erfolgen, wenn die Masse das Interesse verloren hat. Ja, man kann in jeder Kloake noch ein paar probiotische Bakterien fürs eigene Joghurt finden, wenn man nur sorgfältig genug sucht…

    Ach ja – nur zur Sicherheit: Das mit der Liveübertragung vom Notarztwagen habe ich erfunden, gelle?

  2. Chris Irwin Says:

    Ich habe mir erlaubt, dieses Stück in ‚real time‘ auf Twitter zu publizieren. Zwei meiner „Followers“ haben es an ihre „Followers“ weiter vertwittert, die wiederum bestimmt als Multiplikatoren agieren dürften.

    Ist zwar nicht ‚live‘ aber das ist doch scheissegal.

    Weiter so!


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