Wir ver-dschungeln unser Oma ihr klein Häuschen


Stadtentwicklung (Quelle: Wikipedia)

Wir haben hier, was vielleicht nicht jede Kommune besitzt, einen gewissen Herrn Dressler. Jürgen Dressler. Er selbst nennt sich gern „Stadtbaurat“, aber offiziell darf er sich nur Bau- und Planungsdezernent nennen. Dafür dürfen wiederum wir Wähler seine Beliebtheitswerte schwankend, seine Reputation umstritten und seine Kompetenz erörterungswürdig heißen. Egal, demnächst wird der Kommunalminister für Fehlplanung, Luftschlossbau und Kreativ-Phantasmen sowieso in Pension geschickt. Manche atmen darob auf, andere halten den Atem an: Wird es jetzt vielleicht noch schlimmer, ohne den sympathischen Grundsteinleger, Autobahnverbreiterer und Wolkenkuckucksheimer?

Der SPD-Neujahrsempfang war wohl jedenfalls sein letzter öffentlicher Auftritt. Und dabei hat der Herr Dressler nun etwas wirklich Bemerkenswertes gesagt! Es kommt selten vor, dass ich die Ohren spitze, wenn so eine Kommunal-Schranze irgendwas von sich gibt – aber diesmal? Ich war enchantiert, ja regelrecht inspiriert und angefackelt! Man sollte nämlich, so empfahl der expertenmäßig vorbildlich vorgebildete Dezernent für Stadtdekonstruktion, am besten große Teile der Stadt Duisburg … abreißen! – Das nenne ich groß, ja, visionär gedacht! Mit Mut zur Lücke, zum Leerstand, ja, zum Nichts!

Selten hat ein SPD-Kommunaler mir derart aus dem Herzen gesprochen! „Große Stadt-Teile“, so zitiert ihn die Presse, sollte man also „abreißen“, zusammen semmeln und derbatzen, kurz: dem Erdboden gleichmachen. Das ist doch mein Reden seit Jahren! Komplettieren wir das unvollendete Werk der königlich-britischen Luftflotte (R.A.F.)! Machen wir reinen Tisch bzw. kaputt, was uns kaputt macht! Schaffen wir Natur-Oasen, endlos weite Grünflächen, Savannen und Regenwälder zwischen DU-Meiderich und DU-Hochfeld! Lasst Giraffen weiden, das Gnu ansiedeln, den Biber arbeiten zwischen Rhein und Ruhr! Weg mit den verpickelten, schimmligen, vereiterten, kotzbrockengrauen Bausünden der 50er, 60er, 70er, 80er und 90er Jahre! Können sich beim Dschungelcamp eigentlich auch ganze Städte anmelden? Dann los! Wohlan! Frischen Mutes die Abrissbirne geschwungen! Haut weg den Scheiß! Nimmt man wohl Freiwillige? Ich würd mich gern melden, um beim Abriss mitzutun. Braucht man einen Presslufthammerführerschein? Ich kann aus den frühen 70ern eine solide Bombenleger-Ausbildung vorweisen!

Der Herr Dressler ist natürlich weder von der R.A.F. noch bei der RAF. – Er meint halt nur, und nicht gänzlich zu unrecht, bei ständig wachsendem Bevölkerungsschwund (oh je! Kann denn ein Schwund wachsen? Was sagt die Semantik-Abteilung der Diskurspolizei? Na, ihr wisst, was gemeint ist…) sei es zu teuer, ganze Stadtteile mit kommunalen Leistungen wie Kanalisation, ÖPNV und Stadtreinigung zu versorgen und zu erhalten, wo doch niemand mehr dort wohnt (wobei „niemand“ halt der Sammelbegriff ist für Russlanddeutsche, Roma, Bulgaren, Polacken, deutsche Hatz4ler und anderes zahlungsunfähige Pack). Yeah! Wir ver-dschungeln unser Omma ihr klein Häuschen.

Ich freu mich schon auf die Schilder, knapp hinter den Shopping-Mals und Konsum-Galerien: „Achtung! Sie verlassen den zivilisierten Sektor der Stadt“. – „Vorsicht, Wildtierwechsel!“ „Warnung: Sprengungsarbeiten!“ – „Hier entsteht für Sie ein Naturschutzpark!“ Duisburg wird, nach verflossenem Montanstadt-Glamour und tristem Geddo-Elend, nunmehr zur Serengeti 2.0.

In einem Märchen von Hanns Christian Andersen, hab vergessen, in welchen, steht ein Satz, den ich behalten habe: „Immer bergab, sagten die Engländer, immer bergab und immer lustig. So gefällt es uns!“ Und mir halt auch. Sarrazin hatte nur fast Recht: Zwar nicht gleich ganz Deutschland, aber wenigstens, und das ist ein Anfang: Duisburg schafft sich ab. Ach, DAS wird ein Frühling: Silbrig-frische Land-Luft und der Duft von Semtex am Morgen! Natürlich hoffe ich, man lässt ein paar Mitbürger am Leben. Ureinwohner, die bereitwillig ver-bauern, ver-indianern, ver-wildern, und für Touristen vorführen, wie ökologisch wertvoll das Bio-Leben der Neanderthaler war.

Kreative Stadtentwicklung, doch, das ist ein Gebiet, für das ich mich begeistern könnte! Ich weiß nicht, ob man als Mitbürger Vorschläge einreichen darf, welche „großen Stadt-Teile“ zuerst gesprengt werden sollten. Vorschläge hätte ich schon.

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6 Kommentare - “Wir ver-dschungeln unser Oma ihr klein Häuschen”

  1. oachkatz Says:

    Schon wieder Semtex?

  2. 6kraska6 Says:

    Nicht wahr? Liegt da eine Obsession verborgen? Nein, nein. Ich finde den Namen nur so prickelnd: Semtex. Bei mir in der Nachbarschaft gibt es eine Firma, die so heißt. Sie handelt allerdings nur mit Textilien…

  3. utecht Says:

    Wie wäre es denn, wenn der Herr General Potjomkin erst mit seinem Panzerkreuzer den Rhein hinauf segelte, bis Ruhrort, dort alles dem Erdboden gleichmachte, um hernach seine Dörfer zu erbauen, als Ästhet des Als-ob.
    Genosse Eisenstein drehte eine Dokumentation fürs Lumpenproletariat-TV und auch die SPD wäre zufrieden. Stahl- und Kohle-Assoziationen ziehen immer noch im Pott – und Rabumms, äh, Bams und Glotze haben schon andere groß gemacht.

    • 6kraska6 Says:

      @utecht: Ich hab nicht genau kapiert, was ich da jetzt tun muss. Bzw., ich habe so viele schöne Blogs in meiner Blogroll, da mag ich nicht fünf herausgreifen – und damit die anderen betrüben. Aber danke für die Verlinkung. Übrigens: Ich koche ziemlich oft und auch ganz gut, ich schreib nur selten drüber…

  4. utecht Says:

    Hab ich doch geahnt.
    Tun musst Du nix – der Schnee schmilzt von allein. Wollte nur meine Wertschätzung bekunden…


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