Seniorenentsorgung


Solides Senioren-Modell

Gesellschaftliches Sorgenkind: Senioren. Sie werden immer älter, immer gesünder und stehen überall im Weg herum. Verschandeln das Stadtbild. Nerven. Erinnern daran, dass man selber nur ein begrenztes Haltbarkeitsdatum hat. Das ist ärgerlich! – Muß das denn sein? Nein! Man kann die Greise von der Straße holen! Wie denn? Setzt sie einfach vor den PC, das Notebook, den iMac! Da haben sie Spaß und sind aus der Fahrbahn. Das heißt, zunächst machen sie natürlich ein dummes Gesicht und einen mittelschweren Überforderungsflunsch: Was soll ich mit diesem Zauberkasten denn anstellen? Wo soll ich da drücken? Und was passiert denn da nun?

Zwar kenne ich persönlich eine Menge Senioren, die informatisch und EDV-mäßig alles top auf der Reihe haben, besser als Nintendo-Jungspunde jedenfalls, aber das Klischee will es, dass Senioren halt doof und computer-resistent sind. Na ja, ich im Grunde ja auch.

So habe ich etwa erst gestern zum ersten Mal (!) „ge-chattet“! Boah! Es kam so: In meinem iMac machte es plötzlich „Blub“. Dann noch mal „blub“. Ich brauchte ungefähr eine halbe Stunde, um zu raffen, dass eine Freundin (die Bloggerin und berühmte deutsch-amerikanische Blues-Chanteuse „bitch-in–berlin“), mich auf „facebook“ … wie sagt man? An-ge-chattet? hatte. Oh Gott! Was jetzt bloß tun? Oh, oh! Techno-Alarm! Und kein schlaues „Kid“ da, mir zu helfen! Ich brauchte eine weitere halbe Stunde, bis ich geschnallt hatte, wo man seine Antwort eintippen musste und wie man dann die absendet. Dann aber entspann sich ein schönes Schrift-Gespräch über Blues, Philosophie, Medizingeschichte, Gänse-Leber und Hühnermägen. Etwas holprig noch, weil sich die Antworten immer kreuzten, überschlugen und verknubbelten, aber immerhin!

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für den alten Magister, der noch mit Tinte, Pergament und Gänsefeder aufgewachsen ist. Jetzt kommuziert er in Echtzeit und hat Spaß! Die Goethe-Zeit neigt sich dem Ende zu. Empfindsam gereimte Liebeserguss-Epistel gibt es ab sofort nur noch in Kostümfilmen.

Daten-Krake Paul, quatsch, Google, sorgt sich auch um die Senioren. Deshalb hat er/sie ein Programm aufgelegt, das älteren Mitbürgern den Weg zur PC-Nutzung ebnet. Per Video-Schulung. Etwas gönnerhaft und betulich, nimmt die Suchmaschine uns Alte an die Hand, um uns begreiflich zu machen, was z. B. „copy & paste“ bedeutet, wie man eine E-mail verschickt oder, hm, … chattet. Für seniorale PC-Doofheit gibt es nun keine Entschuldigung mehr. Wenn Opa jetzt ein Foto seines Enkels ge-mailt kriegt, hat er ab sofort freudig erregt Geschenke abzuschicken. Zur Not, für Fortgeschrittene, per „paypal“. Auf diesem Wege werden Senioren auch dem Markt wieder zugeführt, was ja nur gut ist. Schließlich ist Digit-Xmas.

 

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8 Kommentare - “Seniorenentsorgung”

  1. philipp1112 Says:

    Seit ich in die Wählerliste für den Seniorenbeirat der Stadt aufgenommen wurde, erhalte ich Angebote zu PC-Schulungen für Senioren. Nachweisbar ist die Adressquelle durch eine besondere,ungewöhnliche Schreibweise meiner Adresse wie sie nur in diesem Verzeichnis steht. Ich bin glücklich, dass die Stadt mir noch ein Wahlrecht einräumt und zudem meine Adresse an Firmen weitergibt, zu deren potenziellen Kunden ich gehöre. Bestatter haben sich noch nicht gemeldet, um die Formalitäten fürs Krematorium per Vertrag mit mir zu regeln. Sollten sie aber, bevor es zu spät ist!

  2. 6kraska6 Says:

    Schlag denen ein Schnippchen! Bleib schön am Leben! Laß die Bestatter am ausgestreckten Arm verhungern! Solidarische Senioren-Grrüße: Kraska (58)

  3. Lakritze Says:

    Wo die Jungspunde aufhören und die Senioren anfangen, ist eh so eine Frage — meine erste (automatisch versandte, kein Witz) Einladung zu einem Seniorencomputerkurs bekam ich einen Tag nach meinem dreißigsten Geburtstag.

  4. /cbx Says:

    Geschätzter Magister! Wieder einmal sprecht Ihr mir aus der altersschwach bröckelnden Seele!Es lässt mich manchmal geradezu unkomfortabel auf meinem Komfort-Bürostuhl herumrutschen, wenn ich sehe, wie schnell der Zug der Zeit (der sicher kein ICE ist) mein mühsam erworbenes aktuelles Fachwissen zu historischen Anekdoten verkommen lässt. Hätte ich doch präsumerische Numismatik studiert!

    Auch das Artikelbild hat mir einen gezielten Stich ins Herz versetzt. Ist das „vintage device“ aus Eurer Privatsammlung, Herr Magister? Ich kann mich nämlich noch gut erinnern, einen ebensolchen Mac SE so circa 1988 A.D. im Apfelgschäft an der Peripherie Münchens für einen bereits damals schmerzhaft teuren „Studentenpreis“ erstanden zu haben. Macht mich das auch zum Computeropa?

    Immerhin kann ich ja auch mit altersgemäßer Bespammung aufwarten: http://cbx.amadyne.net/blog/articles/715/spam-im-postfach.

    Haha! Unter diesem Post steht ein Kommentar von Kraska! Wenn das nicht mal zu einer nichtterminierneden Rekursion mit anschließendem Hirn-Overflow führt…

  5. 6kraska6 Says:

    Werter Inscheniör! Wiewohl uns vermutlich 20 Jahre trennen – sind wir, vielleicht aufgrund meiner chronischen Spätentwicklung, annähernd gleich sozialisiert, oder dis-sozialisiert, wie mans nimmt. Als weiland in der sog. „Graphischen Industrie“ Tätiger wurde ich nämlich mit exakt solchen Äppl-Kubussen aufgezogen und verdigitalisiert. Der Gebißabdruck im Apple-Logo: Das ist sozusagen mein eigener (damals noch Zweite Zähne!) – WEiSSU; Alder, tu isch bloß Senior. In escht binnisch opa-senior. Technisch aber immer auf dem neuesten Stand, quasi Senilität auf höchstem Niveau!

  6. 6kraska6 Says:

    PS: Präsumerische Numismatik ist in der Tat ein respektables Fach. Alternativ (ich kannte mal den LETZTEN, indes leider zum Maoismus konvertierten Vertreter der Disziplin in Kiel…) ist die Studien-Kombi: Altfriesisch & Frühformen des persischen Zoroastrismus (unter Berücksichtigung der Ursprünge bzw. indo-iranischen Frühformen der Gnosis). –

    Ohne Combudr freili kaum zu bewältigen.

    Es muss, verdammt, doch nicht JEDES Wissen einen Nutzen haben! Herzliche Grüße vom Verein für obsoletes Wissen, Mag. Kraska.

  7. richensa Says:

    Ihh… tschäddn…
    Nach der Lektüre dieses Artikels weiß ich nun, warum meine Tanten (81 und 78 Jahre jung) Rechner haben, die IMMER neuwertiger als meine sind, aber behaupten kein Internet zu haben. Sie wollen nicht mir mir tschäddn, sondern treiben sich wohl auch auf dem Gesichtsbuch rum.. tssss


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