Nie wieder im Keller essen! (Frittierte Film-Schnitzel)


Grundsympathisch: Bruno Ganz als Hitler (Foto evtl. urherrechtlich geschützt - Quelle: faz.net)

Kürzlich mal wieder den Film „Der Untergang“ („Dörr Onntergank“) angesehen und in alpträumerische Verwirrung geraten. Der Streifen spielt im Wesentlichen im Bunker („Bonckerr“) der Reichskanzlei; Hauptfiguren sind eine unbedarft rehäugige junge Sekretärin (bezaubernd: Alexandra Maria Lara), die viel und nervös raucht, allerhand Nazi-Mist abtippen und auch noch die zwölfundzwanzig Goebbels-Kinder bespaßen muß, ansonsten aber als verführte Unschuld nicht viel mitbekommt („wir wussten ja nichts“), sowie natürlich der tapprige olle Onkel Adolf („Heil“) Hitler (grundsympathisch: Bruno Ganz), der ein wenig cholerisch, aber letztlich doch bestürzend menschlich durch die unterirdischen Gänge klabautert, mit melancholischer Miene Stopfkuchen isst, seinen Schäferhund Blondie krault, verwahrlosten Kindern („Hitlerjugend“) wertlose Orden anpiekt und ansonsten händezitternd an seiner Parkinson-Erkrankung laboriert. Hitler geht es wie vielen Senioren: Er kann sich keine Namen mehr merken und hat Schwierigkeiten, sich mit dem Verlust der Weltherrschaft abzufinden. Seinen Hang zu wesentlich jüngeren Frauen sublimiert der „Führer“, indem er auf Generalsstabskarten Armeen herumschiebt, die es längst nicht mehr gibt. Typisch alter Sack, also.

Weil oben, in Berlin-Erdgeschoß, gerade das Deutsche Reich zu Bruch geht und der Russe brutalst möglich mit Schieß-Granaten schmeißt, leidet der „Föhrrerr“ sichtlich unter Stimmungsschwankungen. Beim heutigen Stand der Psychotherapie bzw. Palliativ-Medizin, so der Eindruck, hätte man dem verwirrten alten Mann durch gute medikamentöse Einstellung zu mehr Lebensqualität verhelfen können (Ritalin, Anti-Depressiva, Viagra). So aber verdüstert sich die Lage zusehends. Auch nicht gerade stimmungsaufhellend wirkt sich aus, dass in den neonbeleuchteten Kellergängen an jeder Ecke doofe Nazis herumstehen, um zackig zu salutieren, sinnlose Befehle zu bellen oder insgeheim mit den Augen zu rollen, weil die Umfrage-Werte der NSDAP mal wieder ganz schön im Keller sind – wenn schon nicht die Vernichtung der Juden oder der verlorene Krieg, so hat doch die Erhöhung der Tabak-Steuer Popularität gekostet! – Gänzlich unangenehm wird der Kelleraufenthalt durch die penetrante Anwesenheit eines ungemein hässlichen Patienten, der ein albernes, senfgasgelbes bzw. babydurchfall-braunes Jäckchen trägt und sich gern mit „Dr. Goebbels“ anreden lässt. Gespielt von Ulrich Matthes, wirft er dermaßen fanatisch-dämonische, böse Blicke um sich, dass die berühmten deutschen Fliegen-Asse tot von den Kellerwänden fallen und selbst Reichshundeführerin Blondie gequält aufjault.

Es geht zu Ende, in der TV-Fassung ca. 175 Minuten lang. Bei Tisch isst man auf Wunsch von Onkel Adolf vegetarisch (Nudeln mit kriegsbedingt künstlicher Pampe) und lauscht teils genervt, teils mit „onnerbettlicherr Önntschlossenheit“ seinem verworrenen Gebrabbel (die berühmten „Tischreden“ des Führers); betretene Blick auf den Teller sind – bei den geringfügiger belasteten Mitessern – die nur allzu verständliche Folge. Die Stimmung ist gedrückt, es will nicht mehr recht schmecken. Der vielbeschworene „Onnterrgank“, vor allem der Esskultur, ist greifbar nahe. Nachtisch muß ausfallen. Ohne Pudding ins Bett resp. zack! auf den „Müllhaufen der Geschichte“! Nach dem letzten Abendmahl macht man reinen Tisch – die Nazi-Prominenz retiriert ins Separée, nimmt Zyankali-Gift, gibt sich die Kugel und lässt sich hernach mit abgespreiztem rechten Arm feuerbestatten. Happy End und Abspann.

Nachdem das deutsche Volk wie durch ein Wunder von der Hüttler-Barbarei genesen, schwor es sich bekanntlich, dass in unserem Lande („unter deutschem Boden“) nie wieder im Keller gegessen werden sollte, vor allem keine künstliche Pampe, niemals bei Neon-Licht und keinesfalls mehr bedient von seelenlosen, in hässliche Uniformen gehüllten Schergen aus dem Bodensatz der Gesellschaft („Volkssturm“). Auferstanden aus Ruinen der Zivilisation wollte ein geläutertes Volk pausbäckiger Fruchtzwerge an den Katzentisch der manierlichen Nationen zurück, fürderhin ohne deutschtümelnde Schnitzelhuberei und braune Panade. Statt dem Braunkittel „Dr. Goebbels“ jubelte man nun „Dr. Oetkers“ zu und aus den Reihen hungriger Hitlerjungen entsprangen neue, blitzsaubere, grund-entnazifizierte Helden der Zivilgesellschaft: Esspäpste, Fernsehköche und Restaurantkritiker. Mit in stickigen Kellern verdruckst verschlungenen Schweineteilen („zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“) sollte es ein für allemal vorbei sein.

Doch das Böse schläft nicht, sondern lacht sich hämisch ins Panzerfäustchen. Tief unten, hinter den sieben Tiefgaragen, im Untergrund hedonistisch-bolschewistischer Konsumtempel verbunkert sich der alte Ungeist. Wer es sich einfallen lässt, im stickigen Untergrund (Forum, Untergeschoß, Frontabschnitt C 10), welcher in diesem Fall den Charme eines aufgepeppten Provinz-U-Bahnhofs versprüht, allen Ernstes Essen zu fassen, der muß, von allen Versorgungsbatallionen abgeschnitten, an Randes des Hungertods stehen, oder er hegt vielleicht deutschhubernden Multikulti-Hass. „Wer eine vielseitige Speisenkarte mit vielen unterschiedlichen Gerichten sucht – Fehlanzeige“ vermeldet schon der Internet-Auftritt vom „Schnitzelhuber“ triumphierend. Die Speisekarte wurde von allen volksfremden Elementen gereinigt! Hier wird deutsch gegessen! Wollt ihr das totale Schnitzel? Dann ist gut, denn „bei uns gibt es nur knusprige Schnitzel in vielen Variationen“, trumpft die Oberste Frittier-Leitung auf.  Als Konzession an unsere Kameraden im Ostreich gibt es immerhin noch „Wiener Backhendl (neu)“.  Zu betonen, dass diese „neu“ sind, macht Sinn, erweckt das stahlhart durchfrittierte Geflügel nämlich sonst eher den Eindruck, schon viele Luftkampfeinsätze geflogen zu haben. Ansonsten wird Material aus den Massentierhaltungs-KZs herangezogen.

Dennoch, das unbelehrbare Volk lässt sich mal wieder von falschen Versprechungen oder niedersten Instinkten verleiten: Mittags ist dieser Hort raffiniert ausgeklügelter Ungemütlichkeit rappelvoll. Zischend und fauchend wird auf die Teller gefeuert, was die 30cm-Fritteuse-Artillerie hergibt.  Die schäbig uniformierte Besatzung des U-Bootes „Generalfeldmarschall Schnitzelhuber“ ist dabei gestresst wie unsere Kameraden vor Stalingrad. Blickkontakt mit dem Feind bzw. der Kundschaft ist strengstens untersagt. Hier werden Geschütze bedient, nicht Kunden. Schweiß, Fett und Tränen. Wer hier als Zivilisten-Weichei eine Bestellung abgeben möchte, durch den wird mit eiserner Entschlossenheit hindurch geblickt. Für mich erfüllte sich damit zehn Minuten lang ein Kindertraum: Einmal im Leben unsichtbar sein! Nummern werden gebellt, Besteck fliegt über die Gräben, Tellerminen werden geworfen. Bloß keine Zeit verlieren: Schlacht in der Mittagspause!

Zum authentischen „Bonckerr“-Gefühl fehlt eigentlich nur ein dementer österreichischer Obdachloser, der in einer Ecke hockt, wirres Zeug stammelt und bramabasiert, „das Volck“ habe „nöchts besseres förrdient“ als … den „Onntergank“!

 

Explore posts in the same categories: Aus dem Kulturbeutel älterer Jugendlicher, Aus meinem Qype-Kästchen

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.

2 Kommentare - “Nie wieder im Keller essen! (Frittierte Film-Schnitzel)”

  1. /cbx Says:

    Persönlich ziehe ich den (hier auch nach meine Maßstäben) ganz großartigen Helge Schneider in „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ an der Seite von Ulrich Mühe vor, wohl auch weil die Handlung etwas weniger donckel abläuft.

    In der Causa Schnitzel aber stößt meiner empfindsamen österreichischen Seele ein abgrundtiefes historisches Missverständnis schmerzhaft auf. So wie Herr Hitler in seiner oberösterreichischen Heimat ein zu Recht unbekannter und völlig harmloser Maler war und erst in Deutschland zum Gröfaz – wie man im besten Sportschaudeutsch sagt – hochsterilisiert wurde,
    so ist auch unser unvergleichliches kulinarisches Kleinod, das Wiener Schnitzel, zu einem Opfer einer verfehlten Integrationspolitik geworden.

    Multi Schnitzi ist gescheitert! Aus der goldgelben, knusprig panierten, aus feinstem Kalbfleisch „zweilappig, schwach bleistiftstark“ (->Helmut Misak) geschnittenen und a point gebackenen Ausnahmedelikatesse ist profanstes Touristenfutter geworden.

    Adipös ins quadratmeterhafte aufgeblasen, aus undefinierbaren Teilen des toten Schweins gewalzt, mit Industrie-Sägemehl beklebt und in Bratensoße ersäuft, stellt es quasi in sich das Gegenkonzept seiner eigenen Vorfahren dar – mithin ein weiterer Österreicher, der besser nicht nach Deutschland ausgewandert wäre. Sie sehen, geschätzter Magister auch aus dieser Perspektive passt der Stahlgewitter-Vergleich.

    Was hätte selige Herr Misak wahrscheinlich jetzt gesght? „Bittschön, Herr Kraska, kommen’s amal zu mir z’haus, treff ma sich auf a Schnitzerl, des noch so g’macht ist wie ich’s von meiner seligen Frau Mamá gelernt hab'“

    • 6kraska6 Says:

      Do dorchstösst offene Tören, moin Frroind! Äh, vielmehr: Du sprichst mir aus der Seele! Weiß ich doch alles! Und hab ich in meiner Lieblingsstadt Wien schon essen dürfn, woas a rechts Schnitzl is! Deswegen doch meine Kritik! – DenLevy-Schneider-Mühe-Film hab ich noch immer nicht gesehen, werd ich auf Deine werte Empfehlung jetzt aber nachholen.

      Ssso, non aberrr gutt, jetzt wörd erstmal ab 12. 45 Ohrr zorückgegrösst!


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: