Neue Rubrik: Integrationsimpressionen (Hier Teil 1)


Kennt das noch sonst jemand? So Schubladen bis oben hin voll mit … tja, wie soll man das nennen? Krempel? Zeuch? Kram? Geraffel? Jedenfalls so Sachen, die man wahrscheinlich nie im Leben wieder verwendet, die man aber „zu schade zum Wegschmeißen“ findet? Alte Adapterkabel, stumpfe Anspitzer, eingetrocknete Filzer, ungültige Briefmarken, versteinerte Sekundenkleber, trottelig gewordene Solar-Taschenrechner, Bürokram-Sets von Tchibo (Gott! wann hab ich zum letzten Mal eine Büroklammer verwendet?!), längst abgelaufene Grippe-Mittel, verblichene Notizblöckchen, abgebrochene Marker-Stifte, kurzum: Geraffel eben, Krimskrams, Arbeits- und Lebensgeröll von ontologisch spezifischer Eigenart: Weder „zuhanden“ (Heidegger) noch sonst wie menschennützlich; trotzdem klammert und wehrt sich das widerborstig-verknäulte Zeug aus Leibeskräften gegen den Untergang im Müllcontainer, dabei meine Neurose oder Marotte ausnutzend, nichts wegwerfen zu können, „weil man das ja vielleicht noch mal brauchen kann“. Wunderlich auch: Im Schutze der Schubladendunkelheit scheint der Krempel sich auch noch fröhlich zu vermehren. Als gäbs Kindergeld für Kabelsalat! Jedenfalls: Kaum hab ich (dann doch mal!) aufgeräumt, ist der Krempel-Kasten schon wieder voll! Insbesondere, so mein Eindruck, Adapter, Verbindungskabel und unbrauchbare, da verwaiste Ladegeräte erfreuen sich da nachwuchstechnisch enormer Fruchtbarkeit.

Der namenlose Garagenladen mitten „im Geddo“ sieht von weitem exakt aus, als hätte ich meine Kramschublade aufgezogen, weswegen ich mich ein Jahr lang aufs dezente Vorbeiflanieren beschränkte, aus Angst, in diesem Bazar der Hundert Millionen kremplig-kruschligen Kleinteile einen Ding-Schock zu bekommen. Der 15qm-Laden, kaum beleuchtet, ist derart mit krudem, heterogenem Kleinzeug voll gestopft, dass für Kunden zwischen den hauteng gestellten Regalen eh nur minimaler Platz bliebe. Trotzdem. Ich gebe öffentlich zu: Ich hatte mal wieder Vorurteile. Da für mich schon die – ungleich großzügigeren! – Bazare von Dijarbakır, şanlı-Urfa, Gaziantep oder Tatvan nicht gerade als mondäne Shopping-Träume vorkommen  wollen, zog es mich nie wirklich in diese Höhle, die zwar „Kraut & Rüben“ feilbietet, aber trotzdem nicht zum türkischen Obst & Gemüse-Handel gehört. Was es hier gibt, ließe sich mit einem Wort umschreiben: Im Prinzip (non-food) nicht weniger als … ALLES!

Der moderne, vorurteilsfreie Urbanisten-Dandy benötigt mal dringend goldgerahmte Koran-Suren? Teegläser? Imbus-Schlüssel-Sets?  Bilder von der Kaaba? Samoware? Nein? Nicht? Oder vielleicht dann aber Häkelnadeln, Bauchtanzgürtel oder Schaumkellen? Bestickte Brokatkissen, orientalische Puppen, Schraubendreher, Vorhängeschlösser, Batterien, Messer, Nagelscheren, Gefängnisgitter-Feilen, Fahrradpumpen und Blutdruck-Meßgeräte? Wenn das alles nicht, dann vielleicht Woks, Reise-Koffer,  Spitzendeckchen, Zahnstocher oder Mikado-Spiele, oder wenigstens Glühbirnen, Döner-Grill-Schwerter, USB-Sticks oder Ali-Abdul-Adapter-Kopien? Muezzin-CDs, Mekka-DVDs, Gummi-Handschuhe, Waschmittel und Eßstäbchen? Womöglich Helal-Kondome?  Ja, was suchen du denn, Bey-Efendi?

Ich war, als praktizierender Integrationsmagister, mit Serben-Wirt Senko und seinem aufgeweckten Sohn im Viertel unterwegs, Schulsachen einkaufen. Das ist schwieriger, als es sich anhört. Heutige Lehrer bestehen bei Schulheften auf genormte Randbreiten, bei Folienstiften auf garantierte Wasserlöslichkeit und zertifizierte Ungiftigkeit, bei Sachkundeheften auf DIN-genormte Linienfreiheit. Integrationsfreundliche Spezial-Ansprüche, die Billig-Märkte wie Penny-Markt, Netto, KiK, Kodi oder Schlecker nicht bedienen wollen oder können. Ich war genervt und verfluchte im Stillen die deutsche Pädagogik-Bürokratie. In meinem Inneren toste bereits die politisch bestimmt nicht korrekte Empörung: „Manno! Verdammt! Gibt’s in diesem scheiß Geddo nicht EINEN Laden, der ganz simpel verkauft, was tausende kinderreiche Familien hier am Schulanfang benötigen? Schöne Integration das!

Serbo-Bayer Senko ließ sich von meiner Mutlosigkeit anstecken. Trotzdem blieb er zögernd vor der Krempel-Garage stehen, um schüchtern zu fragen: „Woas moanst? – solln ma hier ma schaun?“ – Ich zischschschte, schon recht giftig: „Ach! Verrrgisssses! Die ham doch nur blöde China-Scheiße und keine deutsche Norm-Qualität!“. Widerstrebend ließ ich mich dennoch in die düstere Höhle des Universal-Kram-Ladens hineinziehen. Aber als mich der Inhaber in fließendem Deutsch („Was suchen, Ağabey?“) ansprach, entgegnete ich hochnäselnd: „Ach was! Das haben SIE sowieso nicht! Ich such, äh…“ (ich las vom fotokopierten Lehrerblatt ab:) „…durch hellgrünen Umschlag gekennzeichnete, linienfreie, dennoch aber vierfach gelochte Sachkunde-Hefte vom Typ D II der 2. Grundschule-Klasse! Und zwar, nach deutscher DIN-Norm, ohne Rand!“ Ohne meine Arroganz zu kommentieren, bückte sich der Bazari, um wortlos nickend  aus dem untersten Regalfach gerade genau DIE Hefte hervor zu klauben, die wir stundenlang im ganzen Viertel vergeblich gesucht hatten! Kommentarlos und ohne sichtbare Gemütsbewegung überreichte er uns das begehrte Sonder-Gut und kassierte dafür einen Spottpreis. Falls er gegrinst hat – ich habs nicht gesehen.

Wir verließen die Höhle teils hoch befriedigt (Senko & Sohn), teils etwas beschämt (moi). Still revidierte ich ein weiteres Vorurteil und beschloß, sollte ich jemals aus dem Gefängnis ausbrechen, eine Nähmaschine reparieren oder zum Islam konvertieren wollen, ich jedenfalls zunächst diesen Laden konsultieren würde. “Tja“, knurrte ich mit einigem Widerstreben dem bayrisch-montenegrinischen Muslim Senko gegenüber auf Ruhr-Deutsch, „kannze ma sehn! Wenn WIR der bekloppte Türke nicht hätten!“ Senkos siebenjähriger, in München sozialisierter Sohn, gescheit, aber schüchtern, traute sich in kehligem Bayrisch einzuwerfen: „Mei, dös hätt ma fei net g’ dacht, oda?“

Nö, hätten wir wohl nicht. – Schweigsam juckeln wir drei im alten, klapprigen Opel Astra („Vonnem Freund, 250 Euro, geschenkt, oder?“) heimwärts und hängen unsren Gedanken nach. Senko grübelt über das prekäre Schicksal seiner Multi-Kulti-Kneipe nach, sein serbo-bayrisch sozialisierter Sohn beängstelt indes etwas bang, wie er sich bei den vorlauten, undisziplinierten Türken-Bengels in der Klasse „integrieren“ soll und der Magister, standesgemäß, meditiert über die Tatsache, dass diese ganze Integrationskiste, wenn es konkret wird, in Wahrheit verdammt kompliziert ist. Jedenfalls viel komplizierter, als man in der Zeitung liest.

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5 Kommentare - “Neue Rubrik: Integrationsimpressionen (Hier Teil 1)”

  1. philipp1112 Says:

    Hab noch jede Menge unbespielter Kassetten aus den frühen 70iger, echt Chromdioxid. Bring ich hin, kann alles da vertickert werden. Muß nur noch mal im keller die alte Umzugskiste such, in der das die ganze Zeit schonend aufbewahrt wird.

    • Uffnik Says:

      So sollten wir ernsthaft überlegen, ob sich ein Flohmarkt einrichten ließe. Ich steure gerne 7 ausrangierte Handies, ca. 25 Ladegeräte unterschiedlichster Anschlüsse und fraglicher Ladekapazität, 1 Keybord mit 700 Registern und 120 Rhythmen, 1 Kalaschnikow AK 47 (ohne Schlagbolzen und gesichert-verschweißtem Lauf, 13 Kilogramm Kabel für EDV, Telefon und Server. Desgleichen mindestens 20 Kilo für Audio und Video sowie TV. 3 Paar Abfahrtschi. 274 Schnittbögen aus Burda (Jahrgang 1974 bis 1989), 200 Einweg-Feuerzeuge……………..
      Gesamt etwas 1,5 32″-Contaier à 26 to.

      Schulhefte nach Norm und DIN sind leider keine dabei!

    • Uffnik Says:

      So sollten wir ernsthaft überlegen, ob sich ein Flohmarkt einrichten ließe. Ich steure gerne 7 ausrangierte Handies, ca. 25 Ladegeräte unterschiedlichster Anschlüsse und fraglicher Ladekapazität, 1 Keybord mit 700 Registern und 120 Rhythmen, 1 Kalaschnikow AK 47 (ohne Schlagbolzen und gesichert-verschweißtem Lauf, 13 Kilogramm Kabel für EDV, Telefon und Server. Desgleichen mindestens 20 Kilo für Audio und Video sowie TV. 3 Paar Abfahrtschi. 274 Schnittbögen aus Burda (Jahrgang 1974 bis 1989), 200 Einweg-Feuerzeuge……………..
      Gesamt etwas 1,5 32″-Container à 26 to.

      Schulhefte nach Norm und DIN sind leider keine dabei!

  2. vilmoskörte Says:

    Ja, ich bring auch was mit, alte VHS-Kassetten, die Bastelkisten mit dem PC-Geraffel, Kabel, Disketten (3½“ und für Nostalgiker 5¼“ ), DAT-Bänder …


  3. […] «Kreuz-Köllner» im Norden das anders sehen mögen) und wie man liest, gilt das auch für Duisburg. Habe mir selbst und für den Fall dass mir – ungeachtet meiner diplomatischen Immunität […]


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