Zwei Wörter zur Integration


Wirt Senko und das Café Lipa

Eigentlich ist das Café Lipa kein Café (obwohl es hier noch handgemachten Balkan-Mocca im Messingkännchen gibt!), sondern eher eine Art Kneipe, aber mir ersetzt sie biks auf weiteres das existenzwichtige Kaffee-Haus. Wenn ich am späten Abend heimkomme und hab noch Gesprächsbedarf, bin ich meist hier zu finden. Haupt-Verkehrssprache ist Serbisch. Ich kann zwar nur zwei Wörter, „nasdravje“ („Prost!“) und „hvala“ („Danke“), aber damit komm ich schon recht weit, weil die kernigen, aber überaus höflichen Busfahrer und Trucker aus Serbien, Bosnien und Montenegro, die hier verkehren, mir fortwährend Slibovice ausgeben, leckeren Rinderschinken („pršžuto“ oder so ähnlich) kredenzen und umstandslos Cevapcici in den Mund stecken. Obwohl die meisten Gäste hier AUCH Muslime sind (soweit sie wissen), funktioniert Schnäpschen-Wett-Trinken als probates Mittel der Völkerverständigung. Ramadan hin, Ramazotti her.

Kneipier Senko, Ex-Buslenker mit Händen wie Schraubstöcken, ist aus München gekommen. Er strahlt die Ruhe eines satten Balkan-Bären aus. Das Format dazu bringt er mit. Er spricht serbo-deutsch mit bayrischem Akzent und hat echt das Zeug zum urdeutschen Kneipenwirt! Selbst wenn wir, ab 2.00 Uhr nachts, nur noch kompletten Blödsinn reden (also z. B. der Sportrentner Hotte, das traurige Großmaul Timo und ich, der rätselhafte Magister aus der Nachbarschaft), bleibt er ungerührt und die ergebene Gelassenheit in Person. Immer wenn ich dann kontrolliert nach Hause ins Büro torkeln möchte, ich habs ja nicht weit, wägt er abschätzend die Flasche mit hausgemachtem Slibovic in der Pranke und fragt bedächtig: „No, moagst noch einen?“ Nein!  Bzw.: Jein! Na, noch’n kleinen.

Es gibt auch hausgemachtes, preiswertes Balkan-Essen, wenn man will. Die üblichen Fleisch-Spieße und Hackfleischröllchen, Bohnensuppe, Lamm, aber auch Spezielleres wie Mantiye (eine Art Balkan-Frühlingsrolle aus knusprigem Teig und Hackfleischfüllung). Kürzlich stellte Senko mir einen Teller Obaruša (nach Art seiner Oma) hin. Das sind irgendwie so Fladen aus Vollkorn-Nudelteig, schwimmend in üppig flüssiger, goldgelber Butter und mit Kaymak (Dickmilch) und Käse bedeckt. Ein Gericht für Bergbauern, Schmuggler und Partisanen! Jungs, ich sag euch: Nach zwei Löffeln war ich für den Rest der Woche gesättigt! Ich hoffe, ich werde nicht des Rassismus bezichtigt, wenn ich die Beobachtung äußere, dass „der Serbe“ Portionen verputzen kann, vor denen der deutsche Diät-Zimperling und Cholesterin-Flüchtling stehend kapituliert.

Auf dem Flachbild-TV laufen Clips mit serbischen Schlagern. Gelegentlich wird mitgesungen. Manchmal wird auch lautstark politisiert, wovon ich aber nichts mitbekomme. Ich glaube, das ist gut so. Fremdsprachen können auch ein Segen sein.

Früher hab ich um die „Jugos“ (sie nennen sich selber so!) im Viertel immer einen Bogen gemacht, weil ich ihre finstreren Blicke missdeutete (die gehören bloß zur gewöhnlichen Männlichkeitsausrüstung, schätz ich). In Wahrheit (und wieder ein Vorurteil futsch!) sind das total herzliche, gastfreundliche Leute. Senko will auch nicht, dass sein Lokal als „Serben-Kneipe“ durchgeht. Seit der Fußball-WM flattern diverse Nationalflaggen über dem Eingang. Die größte ist die deutsche (die der Serben wurde nach ihrem Ausscheiden geklaut). Jedenfalls sind Gäste jeder ethnischen Provenienz willkommen, auch „autochthone“ (Sarrazin) Deutsche!

Na, Sportrentner Hotte, Hausbesorger Pitti und ich, der Integrationsmagister, haben schon mal den Anfang gemacht. Schaut doch mal vorbei! Da ich von Senko zum Geburtstag eine eigene Flasche Slibovic geschenkt bekommen habe, die im Regal überm Tresen aufbewahrt wird, kann ich jederzeit einen ausgeben.

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7 Kommentare - “Zwei Wörter zur Integration”

  1. vilmoskörte Says:

    Und, ist das nun eine Linde vor dem Lipa?

    • Reinhard Haneld Says:

      Kannzze serbisch oder hast Du ge-googelt? Nö, ich glaub, der kleinblättrige, bis tief in den Herbst grüne Baum ist sicher keine Linde. Was aber dann? (Bin leider nicht gut in Baum-Namen).

      Lipa kann übrigens auch so etwas wie „Groschen“ oder „Pfennig“ heißen….

  2. vilmoskörte Says:

    Lipa ist eines der siebenundzwanzig polnischen Worte, die ich kenne. Da habe ich einfach geraten, dass das auf serbisch auch Linde heißen wird (der Satz ist mir jetzt etwas unordentlich geraten).

  3. 6kraska6 Says:

    Dann ist Polnisch also doch eine Weltsprache?

  4. karu02 Says:

    Das ist höchstwahrscheinlich eine Akazie. Keine Ahnung, wie die auf polnisch heißt.😉

    • 6kraska6 Says:

      Akazie heißt auf polnisch: akcja. Aber ob es sich um eine solche handelt bei unsren Straßenbäuen? Bei den auf Wikipedia aufgeführten Akazienarten ist sie nicht dabei…

  5. 6kraska6 Says:

    „akacja“ wollt ich schreiben…


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