Würde ist kein Konjunktiv. Heroismus im Getränkewesen


Gesine hatte ersichtlich eine harte Nacht, gestern, und jetzt ist es unversehens schon wieder Abend, und sie paßt mich, wie schon fünfundzwanzig Mal davor, im Treppenhaus ab und sagt, hörbar um deutlich artiluierte Aussprache bemüht, dasselbe, was sie halt immer sagt: „Sinnse nich so’ne Art Lehrer? Könnwa unss vlleich ma underhalten?“ Wenigstens hat sie heute weder ein blaues Auge noch blutverschmierte Lippen. Ihr Alter war wohl diesmal schon zu erschöpft, seiner obzönen Brüllerei noch Taten folgen zu lassen. Wie immer bestätige ich das erstere, gebe also zu, in der Tat „eine Art Lehrer“ zu sein, nämlich im Fach Philosophie und zwar für „Erwachsene“, und wie jedes Mal verzichte ich darauf, sie daran zu erinnern, daß wir uns seit einem halben Jahr duzen, und warte ergeben auf die obligatorische Fortsetzung. Sie kommt prompt: „Unn wass’n Ihre Frau oda Freunnin, da?“

Nun, diese sei, repitiere ich stoisch (und unterdrücke ein „wie schon häufiger erzählt“), „bekanntlich Fernsehjournalistin“, worauf Gesine, auch wie bei jeder Begegnung, die Backen aufbläst, die geschwollene Augen aufreißt und nach längerem scharfen Nachdenken triumphierend hervorstößt: „Unnich bin nämich Abbo-thehggerin!“ – Ja, klar. Daß das schon ein paar ordentlich lange Jahre her ist, aus bestimmten toxikologischen Gründen, übergehen wir, schon ein eingespieltes Team, in wortloser Übereinstimmung.

Gesine trägt heute einen ungewöhnlich schicken Hosenanzug aus schwarzem Leinen und hat großzügig in teurem Parfum (ich glaube: in „Laura Biagiottti“ oder der herberen Jill-Sanders-Variante) gebadet. Wie alle, in deren Blut selbstherrlich der Taumel rauscht, versucht sie sich betont gerade und vertikal in der Senkrechte zu halten, obwohl ihr recht eigentlich nach knochenlosem Zusammensacken zumute ist, aber sie verkneift sich die letzte Kapitulation noch. Der rührende Heroismus der Untertanen von König Alkohol! Wenige Menschen besitzen mehr Noblesse als gewesene Intellektuelle, die zu verbergen suchen, wie sehr die Verzweiflung sie im Würgegriff hat. Wenige nur, die ihre Restwürde mehr hüten als ihren rot unterlaufenen, trüben Augapfel! Zu meiner Überraschung fügt sie formvollendet würdig hinzu: „Wischense, ich seh die Welt mea so unner naturwischenssaftlichen … Geschwichtspungktn!“

Gesine fixiert mich dabei halb verliebt-hoffnungsvoll, halb mißtrauisch, als sei ich der unversehens und praktisch unverdient ausgerechnet ihr erschienene Erzengel Gabriel, und macht währenddessen ständig unsicher einen Schritt auf mich zu, um dann furchtsam wieder von mir abzurücken. Vielleicht bin aber auch ich es, der auf dem Treppenabsatz einen Schritt zurückweicht. „Ich weisch genau“, konstatiert sie etwas unlogisch und in trauriger Selbsteinsicht, „dass Sie meine Fahne riechn“. Illusionslos-trocken, mit einer Spur Resignation, ergänzt sie abschließend: „Das iss heut numa so!“ – „Ach, Mensch, Gesine…“, entgegne ich mit der sanftesten Stimme, über die verfüge, „du musst doch keine Angst haben. Ich verurteile Alkoholiker doch nicht, schon weil ich selbst „so eine Art Trinker“ bin. Daß du für die Tageszeit einen Tick zuviel Wein, Bier oder billigen LIDL-Schnaps intus hast, ist für mich noch kein Grund, dich nicht als Menschen zu behandeln.“

Kurrzum, als jemand, der ja wackligerweise und ich-schwach auf Toleranz und Respekt ebenfalls dringend angewiesen ist, versuche ich ihr klar zu machen, daß ich ihre persönliche Menschenwürde durchaus respektiere (selbst wenn sie keine „Naturwischenssaftlerin“ sein sollte, sondern bloß eine verlorene, hoffnungslose Ein-Euro-Jobberin, was sie in Wahrheit ja ist, wie jeder weiß!), und daß ich sie irgendwie schon, auf distanzierte Art, auch mag, mit ihrem angstvollen Hundeblick und ihrem nutzlosen, zittrigem Rest-Stolz, an den keiner mehr glauben will – wobei ich allerdings sorgfältig vermeide, daß sie in mir womöglich noch tatsächlich ihren salvatorischen Engel sieht. Ich meine, ich bin, letztlich, zwar ganz nett, – aber halt kein Sozialarbeiter oder so.

Gesine urteilt über ihren gewalttätigen ehelichen Trinkeridioten, von dem sie leider nicht loskommt, und der unten, in der Wohnung, verwaschen, aber unüberhör vor sich hin randaliert, mitleidlos: „Pah, der! Der hat sich donnich im Griff, ma wieder!“ Mit selbstkritischer Skepsis und ohne wirkliche Hoffnung prüft sie dabei routinemäßig, ob ich ihr ihre mühsam vorgespielte Kontrolliertheit vielleicht, wider Erwarten, doch abkaufe, kriegt das Ergebnis ihres Grübelns aber, ja, genau, ebenfalls wie immer, nicht mitgeschnittten, weil sie nämlich ein kleines bißchen unter Konzentrationsproblemen leidet.

Ohrenzeuge der redundanten, einseitigen Unterhaltung ist, freilich zu 95 % schwerhörig, unser Pitti, der ehemalige Hausbesorger, der gerade mit seinem klapperndem, klirrenden Leergutklingelbeutel unterwegs ist, und zwar „nache Trinkhalle, weisse?“. Sein täglich zwiefach zu absolvierender Gang, frisches Nachschub-Pils von der Bude zu holen und hinten im Fahrradschuppen zu bunkern, strukturiert ihm den Tag. – Hotte (70) wiederum, der schrebergartenbraun gebrannte, Gewichte stemmende Sportrentner von gegenüber, findet, der Pitti vertue sinnlos seinen ereignislosen Lebensabend. „Ich“, triumphiert Hotte würdevoll, „hab da ja wenigstens meine Kreuzworträtsel!“

Der Sportrentner und Kreuzwortzügler wohnt, wie gesagt, bei mir gegenüber, aber im vierten Stock, was bedeutet, er genießt, wenn ich des Abends mein Fenster offen stehen lasse, quer über die Straße hinweg einen privilegierten Überblick über das Interieur meines Arbeitszimmers. Er guckt mir zuweilen ganz gern sozusagen über die Schulter. „„Sachma“, inquiriert er deshalb messerscharf und listenreich, „bisse eintlich compudersüchtich? Ich seh dich die ganze Nacht immer an deine komischen Bildschirme hängen?“ Wenn er das fünfundzwanzigste Bier nicht gut vertragen hat, wird er gelegentlich auch noch etwas kess und fragt mich schon mal so Sachen wie, ob ich eventuell „v’lleich schwul“ sei? Von einer whiskey-bedingten, eigenartig indolenten, kühlen Melancholie umflort, konterte ich knapp: „Wieso? Hättest du Interesse? Ich dachte, ich wär dir zu jung?“ – Seither sind Macho-Hotte und ich dicke Freunde, was ich dadurch noch besiegelte, daß ich ihn beim Armdrücken gewinnen ließ. Hotte hält sich nämlich für unsterblich, und ich möchte ihm das – in seinem Alter! – nicht nehmen.

Gesine ruft mir derweil, ganz Intellektuelle und fürsorglicher Familienmensch, im Treppenhaus hinterher: „Wenn Se Philosoph sinn: — Camille!“. Sie schenkt mir dazu ein wattiges, verschwiemelt einverständnisheischendes Lächeln, scheitert aber hartnäckig beim Versuch, meinen Gegen-Blick zu fokussieren. – „Wie jetzt?“, frage ich, schon etwas genervt, zurück, „was ist mit, äh … Camille?“ Ich dachte nämlich, sie meinte vielleicht Albert Camus, aber nein, – _„dassis nämich so’ne Figur, die ich für meinen kleinen Neffen erfunnen hab! Könntennse da event-tuell ma eine Geschichte drüber erzählen, über den? Für mein’n Neffen? Und wir treffen uns denn irrntwo, und Sie erzählen etwas drüber, meinem Neffen da? Kriegn Se dat hin?“„Klar, Gesine“, höre ich mich sagen, „das machen wir! Das schaff ich!“

Wenig später treffen wir, der stocktaube Ex-Hausbesorger Pitti, Gesine, die verirrte „Apothekerin“, der unsterbliche Sportrentner Hotte und ich, der mysteriöse Melancholiemagister, uns an der „Trinkhalle 2003“ in der Walzenstraße wieder. Achtung: Die mobile Haus-Mischpoke auss’m Geddo kommt für Erfrischungsgetränke! Genau, wie der Vorsitzende Mao es empfohlen hat: „Getrennt marschieren, vereint zuschlagen!“ – Guerilla-Drinking.

Dort in der Bude drinnen sitzt, von 6.00 Uhr morgens bis 23.00 Uhr abends, sieben Tage in der Woche, sieben Tage Urlaub im Jahr, einsam, schweigend, in schier unmenschlich tiefe Meditation versunken, ein bärtiger und zweifellos komplett erleuchteter Buddha etwa meines Alters, der noch nicht mal Kreuzworträtsel löst, aber jederzeit bereit ist, blitzschnell aus seiner Versenkung zu erwachen, um uns Frisch-Bier und Ersatz-Bourbon zu verkaufen. Ihm fühle ich mich seelenverwandt: Er verzieht nie, niemals und in keiner Situation, eine Miene, was heißt: Er wertet und urteilt grundsätzlich nicht über Mitmenschen. Er macht keine Unterschiede. Der Mensch ist, was er ist. Oder trinkt. Sein Geschäft ist die ordnungsgemäße Gewährleistung des Alkoholnachschubs, nicht Moral oder charakterologische Menscheneinteilung. Ob er eine Meinung zu der Frage hat, wie man sein Leben sinnvoll verbringt oder eher vertut, ist nicht auszumachen. Sein in sich ruhender Baßbariton singt ohne Gemütsbewegung „Gudnaahmd“, „Macht Neunfuffzich“ und „Tschüs“. Nie mehr, nie weniger. Warum soll er sich auch echaufieren? Er weiß, wir kommen alle wieder, der Piiti (zweimal), die Gesine, Hotte und ich. Schon morgen vielleicht, oder wann das ist.

Gesine übrigens erkennt mich, zehn Minuten nach unserer letzten Begegnung, irgendwie doch wieder. „Tschulligung“, spricht sie mich schüchtern an, „„sinnse nich so’ne Art Lehrer…?“

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5 Kommentare - “Würde ist kein Konjunktiv. Heroismus im Getränkewesen”

  1. Uffnik Says:

    Ein herrlicher Streifzug durch Dein Geddo.

  2. Lakritze Says:

    Herrschaftszeiten, der war gut. Tat weh, aber gut.

  3. Uli Says:

    für mich, als trockenem Alkoholiker, mit jedem Satz nachvollziehbar.
    Leider ist mir zu meiner „nassen“ Zeit niemand von Deinem Format, „Kraska“, begegnet.

    • 6kraska6 Says:

      Ach, lieber Uli, mit meinem „Format“ ist es nicht weit her. Ich bin nur gegen die moralische Geringschätzung von Menschen, deren Belohnungssystem im Gehirn nicht „richtig“ funktioniert.

      • Uli Says:

        und genau diese „moralische Geringschätzung“ mit dem erhobenen Zeigefinger und dem dazu gehörenden Spruch „sauf nicht so viel“ habe ich beinahe täglich erfahren.


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