Porträt eines Stadtindianers („Alors on danse…“)


Alter-Mann-tanzt, denn so hieß er, war nicht immer ein Killer gewesen. Zum Killer wird man nicht geboren, das erfordert eine éducation sentimentale, das braucht einen Bildungsroman mit schroffen, kolportagehaften Windungen und Wendungen,  mit extra viel Scheitern, noch mal ordentlich scheitern, dann schon besserem Scheitern, hat also mit Format zu tun, mit Stehvermögen, moralischer Beweglichkeit und raschem, zupackendem Geist. Wer auf dem Zenit seines Lebens zum Killer avanciert, wird ein Wolf, ein Heroe, ein Charismatiker, vor allem, wer mit Stil tötet, mit ästhetischer Raffinesse und viel Sinn für das Ungewöhnliche, Grausame und Bestialische, das uns in seiner bittersüßen Musikalität ganz melancholisch macht, wenn der Soundtrack stimmt. (Am besten von Ennio Morricone!)

Ein stilvoller Serienmörder besitzt, wie schon Thomas de Quincey in seiner erleuchteten Studie „Der Mord, als schöne Kunst betrachtet“, zeigte,  jenes Je-ne-sais-quois, die fast schon zärtliche Originalität, Präsenz und Präzision, die seine Ausstrahlung so bezaubernd und unwiderstehlich macht. Das eisige Herz eines Jägers! Wenn Alter-Mann-tanzt die Szene betritt, halten die Frauen die Luft an und am Tresen rückt man respektvoll zur Seite: Ihn umweht eine Aura aus Einsamkeit, Verlorenheit plus eine Spur unsägliches Geheimnis, von früher, aus der Vergangenheit noch. Alter-Mann-tanzt hat, als er noch anders hieß, Unaussprechliches gesehen oder sogar getan, niemand weiß Genaueres. Aber wer verstohlen sein Halbprofil betrachtet, die aus Stein gemeißelten Züge, das wie aus kaltem Schmalz gespachtelte Doppelkinn, den unerbittlichen Basiliskenblick aus schmalen Trinkeraugen, der weiß Bescheid und denkt sich seinen Teil. Hier steht ein Matador, ein Töter, einer, dem einst das „¡Viva la muerte!“ betrunkener Apachen im Ohr gellte und das schauerliche Blöken blutgieriger Kampfstiere im Staub der Arenen.

Wenn man seinen Mut zusammen nimmt und zu fragen wagt, wie viel er denn schon so … na, ja, gekillt hätte, verwandelt sich das Gesicht des herzlosen Jägers in eine Maske verstockten, ja bockigen Schweigens. Es verhält sich nämlich so, dass Alter-Mann-tanzt jetzt in facto, de jure und in flagranti im Grunde noch gar niemandem das Leben nahm. Das lässt sich aber erklären! Das ist nicht lustig! Alter-Mann-tanzt hat eine Hemmung: Er tötet grundsätzlich keine Frauen – entweder sind sie ihm „zu niedlich“ oder „zu süß“, wie er unmerklich errötend zwischen den schmalen Lippen hervorpresst, oder er schreckt vor den grässlichen hysterischen Schreien zurück, welche Frauen vor ihrem bevorstehenden Ermordetwerden legitimerweise auszustoßen pflegen. Somit fallen freilich schon mal fuffzich Prozent der Menschen, wie Alter-Mann-tanzt murmelt, als Opfer flach.

Der Rest wären dann, nach Adam Riese, praktisch Männer. Männer zu töten wäre im Grunde kein Problem, oft sogar nur zu berechtigt und vom Publikum sogar mit freundlichem Beifall bedacht. Ich könnte Namen nennen! Andererseits macht, wer Männer tötet, unvermeidlicherweise Frauen weinen. Witwen, weibliche Waisen, verwaiste Mütter, Schwestern, Töchter, Cousinen, Liebhaberinnen, Konkubinen und Kebsweiber  etc. weinen heiße Tränen um einen, der es vielleicht gar nicht verdient hat, aber das weibliche Herz hat bekanntlich seine Gründe, die über den Verstand gehen.

Alter-Mann-tanzt haßt es aber, wenn Frauen weinen. Er findet das abstoßend. Seine künstlerische Sensivität wird durch Weibertränen unerträglich affiziert. Es geht also einfach nicht! Alter-Mann-tanzt, von dem es heißt, er sei der einzige namentlich bekannte Schriftsteller der 70er Jahre, der seine Karriere mit einer 25-jährigen Schreibblockade begann, wurde zum Killer mit Tötungshemmung. Alter-Mann-tanzt scheut als Ästhet das Hässliche und Gemeine brutaler Gewalt, das Blutgesudel, das Eingeweide-Geschmadder, die Stirnhirnspritzer am Schrank, kurz, die ganze forensische Sauerei, die hinterher ja auch einer wegmachen muß!

Zum Glück gibt es das phantasievolle Geistesverbrechen: Alter-Mann-tanzt tötet in Gedanken, und da aber dann ohne Gnade, scheinbar wahllos: Prominente, Fernseh-Nasen, Politikoffkys, Krämerseelen, Taxi-Fahrer, Eckensteher, Nervensägen, Plumpmadams im Service-Bereich, Männer mit rosa Hemden und eingeschweißten Plastiknamensschildern am Bund der knitterfreien Bundfaltenhose, mediale Schwachköpfe, Buchmarktschreier, Gangster-Rapper, Schwulenfunktionäre, Banker, Wichtigtuer, infame Imame, konvertierte Kopftuch-Tussen, Schläger, Jungkriminelle, Zuhälter, Cabrio-Fahrer mit Deko-Blondinen, Dealer, Augenbrauenzupfer, Stalker, Schwätzer, aufdringliche Bescheidwisser, humorlose Langeweiler – Alter-Mann-tanzt macht keine Unterschiede und keine Gefangenen, sein Skalpell arbeitet schnell, seine Kettensäge fetzt, seine Pumpgun pumpt (Blei oder bleifrei), seine Kordel drosselt ohne Erbarmen.

Man muß sich den alten Stadtindianer als einen bösen, aber durchaus glücklichen Menschen vorstellen. Das Töten tut gut und sorgt für einen ausgeglichenen Seelenhaushalt. Oder, wie er selbst, sich das Blut von den Händen wischend, mit grimmigem Lächeln zwischen Zähnen, einen zeitgenössischen Hit zitierend, zugibt: Alors on danse…“

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One Comment - “Porträt eines Stadtindianers („Alors on danse…“)”

  1. Scarpa Says:

    Manchmal durfte man nicht töten,
    manchmal wieder musste man.
    Nichts genaues weiß man nicht mehr
    aber irgendwas ist dran:
    denn wer Tausende verbrannte,
    der bekam den Ehrensold,
    doch erschlug er einen Einz’len
    hat der Henker ihn gehohlt.

    (F.J.Degenhardt, In den guten, alten Zeiten)


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