Im Frühlings-Delyrium


Mädchenblüte (Bild: A. Mucha)

Zweifellos ein Rätsel der Natur: Die Bäckerladen-Mädchenblüten-Korrelation, auch Bäckerblumen-Konstante genannt. Jeder Statistiker wird es bestätigen: Man mag zum Vergleich heranziehen, was man will – Metzgereien, Parfümerien, Schuhgeschäfte, Baumärkte, egal: Es sind die Bäckereiläden, in denen grundsätzlich die hübschesten, anmutigsten, natürlichsten und nettesten Ladenfräuleins arbeiten! „Im Schatten junger Mädchenblüte“ (Marcel Proust) kauft man gern seine blonden Semmeln, brünetten Mohnzöpfe und süßen Puddingbrezeln und ist, auch als älterer Herr, nicht nur vom Backwerk nachhaltig enchantiert! Warum das so ist, weiß kein Mensch. Nicht mal Wissenschaftler oder Experten.

Fleischereifachverkäuferinnenauszubildende mögen drall sein, rosenwangig, fleischig und derb – Eichendorffsche Anmut versprühen sie fast nie. Parfümeristinnen von Douglas sind nicht natürlich, sie tragen zuviel Kajal und außerdem Strass auf den Acrylfingerkrallen. Schuhverkäuferinnen sind immer frustriert; H&M-Mädels und andere Boutiquen-Girlies wollen zu MTV, Viva oder Germany’s Next Top Moppel, und interessieren sich daher nicht für Kunden. Und selbst von Friseurinnen, die früher, neben Cellistinnen, generell einen starken erotischen Reiz auf mich ausübten, bin ich nicht mehr begeistert.  Heute heißen sie leider oft Sorina, Jackeline oder Chantalle, sie tragen grelle Proletten-Strähnchen, und mit ihrem früheren Privileg – unglaublich gut zu riechen – ist es auch nicht mehr weit her.

Aber in Bäckerläden! Wie goldhäutig zart, knusprig, resch, kross und rank, zum Vernaschen appetitlich, honigsüß, tiefenwürzig, knusperknackig, zum Anbeißen hübsch ist hier nicht nur das Backwerk in der Vitrine drapiert, – nein, über das Angebot regieren auch noch Elfen, Nymphen, Anmutsmusen und Ährenjungfrauen von frappanter Eleganz und selten seelenvollem Charme. Aufgeschlossene Munterkeit verströmend verschenken sie gute Worte und Wünsche für den Tag und geben in die Brötchentüte, als Gratisgabe, solch ein Bündel Lächelblicke mit hinein,  daß selbst graubärtige Misanthropen-Wölfe für den Moment das Zähnefletschen vergessen und sich aufs Frühstück freuen. So wie ich gestern.

Zunächst sollte ich erwähnen, daß die uralteingesessene heimatliche Bäckereiladenkette „Müller“ für mich immer noch die besten, wohlschmeckendsten und authentischsten Sachen feil hält! Erst kommt der Bäcker Müller, dann eine Weile gar nichts, dann der eigene Brotbackautomat, und schließlich der Rest. Insofern könnte Müller theoretisch auch den Drachen Frau Mahlzahn zum Brötchenverkauf einteilen, oder jemanden aus der Schreckschraubenabteilung, ich bliebe dennoch Kunde.

Um so mehr war ich gestern beim Betreten der kleinen Filiale hier im Viertel enthusiasmiert. Fast wären mir wieder rote Ohren und kurze Hosen gewachsen, derart bis zur Verlegenheit geblendet wurde ich von Charme und Schönheit einer jungen Dame, die dort Dienst tat. Sie war ganz und gar von der Art jener blonden Prinzessinnen, die ich in meinen Knabenträumen immer vor wilden Tieren und grausamen Indianern gerettet habe, um sie dann irgendwie zu heiraten, oder so. (Ganz genau wusste ich noch nicht, was man mit geretteten Blondzöpfen anfängt, die einem vor Dankbarkeit um den Hals fallen…)

Versunken in Andacht und Abschweifung hätte ich beinahe vergessen, meine Brötchentüte mitzunehmen! Dafür stand mir noch lange ein leises Lächeln im Gesicht, was freilich, wie wohl die gesamte Hochgestimmtheit, auch damit zu tun hatte, daß gestern bei uns mit plötzlicher Urgewalt der Frühling ausgebrochen ist und die Sonne einem die Hypophyse kitzelt.

Also, wer kann: Frisches Backwerk kaufen und dann ab in den Park, träumen, tanzen, Wolken umarmen.

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12 Kommentare - “Im Frühlings-Delyrium”

  1. ottogang Says:

    Dein Brötchenengel hat Dich ja ganz schön ins schleudern gebracht.
    Hoffe nur die Qualität war entsprechend, aber das war im Grund genommen auch ziemlich wurscht, Du warst ja gerade am Wolken umarmen.
    Eine Frage noch zu den Cellistinnen, fühltest Du Dich früher als Cello ?

  2. 6kraska6 Says:

    Nein, ich fühlte mich nicht als Cello. Aber Cellistinnen – ich weiß nicht warum – haben für mich, wenn sie ihr Instrument spielen, tatsächlich etwas ungeheuer Erotisches.Ich möchte lieber nicht analysieren, warum das so ist…

    • richensa Says:

      Kraska,
      was es bei Dir mit den Cellistinnen auf sich hatte, weiß ich nicht, aber ich lieb(t)e auch einen Cellisten, leider ganz und gar unerwidert. Vielleicht war ich ihm zu jung oder zu zahnspangig oder beides. Ich seufze immer noch, wenn ich an ihn zurück denke und höre mir bis heute Vorwürfe meiner Schwester darüber an, dass er sie, zarte zehn Jahre, fast im Schwimmbad von Vojens/Jütland/DK zum Ertrinken gebracht hätte, während ich, drei Jahre älter, vor lauter frühbackfischartiger Verliebtheit, meine Schwester nicht retten mochte.
      Heute wäre es anders, meine Schwester müsste nicht mehr um ihr Leben bangen, ich würde sie retten!
      Keine Ahnung, wie Lothar heute aussieht, ich trage zumindest keine Zahnspange mehr…

  3. joulupukki Says:

    Öhm … zuviel Deutschmeister geguckt in der Kindheit?

  4. joulupukki Says:

    Na dann extra für Dich ein paar Minuten Wienerbäckerinnenkitsch deluxe😉

  5. 6kraska6 Says:

    Danke fürs süße Puddingteilchen. Ist mir .. fast eine Spur zu süß… Immerhin, gut, daß so süße „Mädl“ nicht dick machen…


  6. „Fleischereifachverkäuferinnenauszubildende“:

    „Was darf es sein?“
    „Ich hätte gern etwas von der fetten Groben.“
    „Tut mir leid, die hat heute Berufsschule.“


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