Name-Hopping, Shop with no cheer, mieses Karma


Karma, noch brutto

Wer erinnert sich? Vor 19 Jahren erschütterten zwei epochale Umbenennungsnachrichten die geistige Welt Mitteleuropas: Leningrad wurde wieder in St. Petersburg umgetauft, und der Schokoriegelkeks „Raider“ hieß plötzlich „Twix“. Es muß in dieser Zeit nominaler Turbulenzen gewesen sein, daß auch der vertraute Grand Prix de la Chanson Européenne unvermittelt als European Song Contest wiederkehrte. In jenen Tagen hatten wir zudem die Nachricht zu schlucken, daß unser aller Onkel Ho (griffig: „Ho-Ho-Ho Tsch-minh!“) in Wahrheit als Nguyễn Sinh Cung geboren wurde, sich später in Paris Nguyễn Tất Thành nannte, um dann als Nguyễn Ái Quốc Karriere zu machen; rund 50 mal soll er seinen Namen gewechselt haben, bis er dann schließlich gütigst  mal bei Ho Tschi-minh blieb! –

Wir nahmen das aber als zerebrale Gelenkigkeitsübungen gelassen hin. Die Sprache wandelt sich ja fortwährend. Was gestern gewähltes Deutsch war, geht heute so was von gar nicht mehr! So konnte der Nobelpreisträger Hermann Hesse in seinem „Steppenwolf“ (1927) angesichts bestimmter Jazz-Musik noch gemütvoll von „unverlogener Negerhaftigkeit“ schwärmen, was wir heute selbst im außermusikalischen Bereich besser unterlassen möchten. Der Neger wurde bekanntlich in Schwarzer, dann in Afroamerikaner oder Farbiger umbenannt, oder er heißt auch schon ganz zivil wie wir, z. B. „Herr Häuptling Wumbaba“.

Die meisten Namensänderungen ändern am Inhalt des Bezeichneten nichts. Meine Gattin etwa ließ sich bei unserer Eheschließung zwar großmütig umbenennen, aber die Tatsache der heiratsbedingten Übernahme meines Nachnamens tat ihrer ausgeprägten Unabhängigkeit und Souveränität nie einen Abbruch. Nach meiner Beobachtung sind es vor allem, und wahrscheinlich verständlicherweise, Transsexuelle, die ihren Übertritt zum anderen Geschlecht auch namenstechnisch dokumentieren möchten: Klaus wird zu Claudia, Babsie zu Barthel, Paul Neger zu Pola Negri. (Nur  Kim könnte theoretisch Kim bleiben…) Und, um zur Sache zu kommen, die Geschäfte des Discounters „PLUS“ (Früher mal ein Akronym für „Prima Leben und Sparen“) heißen jetzt … wie? Nein, nicht „MINUS“, aber doch fast, nämlich „netto“. Netto – guter Name, oder? Neddo klingt nach Geddo, nach billig, nach „ich brauch keine Rechnung“ vulgo Schwarzarbeit und nach „Is-vonner-Paledde-gefalln“-Waren“.  Ein Name wie „Du darfst“ oder „Nimm Zwei“. Ein „Badedas“ fürs Portmonnaie: „Netto“! (Ich bin doch nicht blöd und zahl brutto! Oder?)

Nach aufhübschender Sortimentskosmetik und div. Geschmacksverdedelungsvorspiegelungen äußerlicher Art eröffnete jetzt das berüchtigte PLUS als Neo-netto neu: Ta daa! Und ist doch im Prinzip das alte geblieben. So wie die indische Millionenmetropole Bombay nach ihrer Umbebennung in Mumbay kein bißchen weniger Elend beherbergte, herrscht auch beim Discounter hier im Geddo noch die gleiche Tristesse: Fast erloschen, wie Energiesparlampen, leuchten die Augen der Punsch-Penner und Booze Brothers, die hier ihren Billigfusel kaufen; auf dem Boden stinken Bierlachen; in der Schlange flucht und murrt es marrokanisch, libanesisch, kurdisch, bosnisch und bulgaro-türkisch; die wenigen AngestelltInnen sind völlig überfordert, gestresst, gereizt und zu allem Überfluß, als herrsche ein entschlosssener Wille zum Netto-Gesamtkunstwerk, allesamt auch noch frappierend hässlich, übergewichtig und ausgesucht uncharmant. Ich weiß, es hat evtl. einen sexististischen Unterton, für den ich vorab um Verzeihung bitte, aber manchmal rauscht mir so etwas direktemang am Hirnzentrum für political correctness vorbei ins Bewußtsein: Hier brüten am Scanner Damen, die mal hübsch „brutto“ bleiben sollen, weil „netto“ mag man sie sich lieber nicht vorstellen. („Pfuii! Chauvi-Schwein! Menschenverächter! Stürmer-Stil!“ schallt es mir aus dem Publikum entgegen. Aber ihr habt leicht reden, ihr steht ja hier nicht in der Schlange!)

Apropos: Über den Kassen protzt ein riesiges Poster mit der kackfrechen Behauptung, es würde, warteten mehr als fünf Kunden in einer Schlange, jeweils automatisch eine weitere Kasse geöffnet. Das ist, so stellen wir rund 20 (!) Kunden-Kanaken in der Warteschlange übereinstimmend und sarkastisch grinsend fest, entweder brutal gelogen, oder man baut darauf, daß jeder zweite Kunde der Lektüre eines deutschen Satzes ohnehin nicht mächtig sei. Da würde ich aber nicht drauf bauen, auf Dauer.

Ich weiß nicht, ich habe das Gefühl, dieser Laden, gleichviel, wie er gerade heißt, muß unter einem miesen Karma leiden: Auch trotz Buntwäsche, Frische-Makeup und Hip-Gloss will er mir irgendwie traurig, lieblos und entmutigend vorkommen. Auch wenn das Sortiment jetzt erweitert wurde: Ein Lächeln findest du noch immer nicht im Angebot.

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