Schöner Sterben: Operntod mit Kuschelrock


Gestern am späten Abend habe ich arte eingeschaltet. Gar nicht mal, um mich hochkulturellen Bedürfnissen hinzugeben, sondern weil ich eigentlich die dritte Staffel der von mir geschätzten Krimi-Serie „KDD“ sehen wollte, die man ins arte-Nachtprogramm verbannt hat, damit das nur Spezialisten gucken und die Quote hübsch niedrig bleibt. Man will die Serie nämlich wegen Intellligenzüberschuß einstellen. Egal – es lief aber jedenfalls noch eine Übertragung aus der Pariser Bastille-Oper, und weil Oper eine so schön bizarre Kunstform ist, blieb ich daran hängen. Es gab „Werther“ von Jules Massenet.

Man befand sich bereits im III. Akt, also, wie es im Sport heißt, „in der Schlussphase“. Titelheld Werther, von der Unerfüllbarkeit seines Liebesleidenschaftsbegehren, das schöne, aber vergebene Fräulein Charlotte betreffend, gründlich erbittert, hatte bereits die Selbstentleibung erwogen und sich zu diesem Zweck mit Pistolen totgeschossen. Der neue deutsche Star-Tenor Jonas Kaufmann brachte diesen beklagenswerten Zustand vollendeten Suizids nicht zuletzt durch die angemessene Blutüberströmtheit seines weißen Hemdes hervorragend zum Ausdruck! Auch die billigen Plätze hinten oben, und selbst wir Fernsehzugeschaltete im Ausland konnten uns von der irreversiblen Vergossenheit des Wertherschen Herzblutes zweifelsfrei überzeugen.

Doch anders als in Goethes Romanvorlage ist dieser Werther hier offenbar kein Sensibelius und Weichei, sondern ein harter Hund. Gescheitert, ungeliebt und totgeschossen läuft er erst zu richtiger Form auf, schüttelt die jungdunkelblonden, Frauen zum Schmachten bringenden Locken und es ist ihm – im Grunde gewissermaßen post mortem! – nach Singen zumute! Das ist erstmal nichts sooo Ungewöhnliches. In Opern wird beim Sterben meistens und gern noch ein wenig gesungen, allein oder mit anderen. Die edelmütige Nobel-Kurtisane Violetta Valéry (Diagnose Lungen-TBC im Endstadium) singt beim Hinscheiden, nachdem sie einen schweren Hustenanfall absolviert hat, im III. Akt von Verdis „La Traviata“ noch eine üppig herzbetörende Arie resp. ein finales Trio mit Alfredo und Vater Germont. Bon. – Bei Massenets „Werther“ wird’s aber selbst mir ein bißchen zu bunt: Der so gut wie schon lange tote Werther, man faßt es nicht und muß beinahe lachen irgendwann, singt und singt und singt, bis endlich, von der Sterbesingerei alarmiert, Charlotten hinzukommt, Werthern gesteht der Verstörten singend seine grenzenlose Hingegebenheit, das Fräulein beginnt daraufhin nachdenklichkeitshalber ebenfalls zu singen, es kommt, nach einigem motivischen Hin und Her, zum innig-sinnlichen Singe-Duett stimmlicher und sozusagen nachträglichtragischer Liebesverschmelzung, die hinwiederum singend und sterbend gefeiert wird, wobei das musikalische Liebessspiel nach Beendigung der Schlussphase, um mit dem Sport zu sprechen, nun aber doch schon deutlich in die Verlängerung geht.

Überschlägig dauert es bei Werther und seiner nun reumütig doch rückhaltlos zurückliebenden Lotte eine geschlagene Viertelstunde vom Todesschuß bis zur Einsicht, daß nun mit dem Gesang aber auch mal gut sein muß!

Jemand, der mein Interesse teilt, aber mehr Zeit hat, sollte mal ein Ranking entwickeln, meinetwegen fürs Fernsehen mit Jörg Pilawa oder Günter Jauch aufbereiten, in dem die bekanntesten Opern mal nach der jeweiligen schieren Länge ihrer vokalmusikalisch begleiteten Sterbeszenen geordnet werden. Gern erstünde ich dann einen Zusammenschnitt: Sterbeoper statt Kuschelrock. Soviel Morbidität muß sein, und man hat gleich den passenden Soundtrack parat für verschiedene ausgefallene Lebenssituationen.

Zum Beispiel könnte die Platte mit dem Sterbegesinge laufen, während man am Küchentisch vom Laptop seine E-mails liest, in deren einer man, wie ich kürzlich, aufgefordert wird, in Doktor Roger Kuschs Sterbeverein „SterbeHilfeDeutschland e.V.“einzutreten. Das soll 100,00 Euro im Jahr kosten oder, für Kurzentschlossene, „einmalig 1000,00 Euro bis zum Lebensende“, was dann, hihi, händereib, wahrscheinlich ja schon recht bald eintritt. Was man für dieses Geld genau bekommt, wird nicht recht deutlich, auch nicht auf der Homepage der Sterbe-Freunde&Helfer. Die Website www.kuschsterbehilfe.de (ich hatte erst „Kuschelbeihilfe“ gelesen!) wird auch nicht konkreter.

Feststeht, der Herr Dr. Roger Kusch, ehedem Justizsenator in Hamburg und nachmaliger semiprofessioneller Sterbehelfer, hat in der Öffentlichkeit einen Ruf, der, hm, sagen wir: verbesserungswürdig erscheint. Andererseits wird in den Medien natürlich gegen jeden gehetzt, der nicht der perfiden christlichen Ideologie vom Freitodverbot anhängt.

Bleibt vorerst festzustellen: Die Geschäfte des Herrn Kusch sind nach Verbraucherschutz-Kriterien schwer zu bewerten: Kunden, die damit positive, befriedigende Erfahrungen gemacht haben, werden naturgemäß aus eigenem Erleben keine Sternchen mehr vergeben können. Ohne dem Dr. Kuscheltod etwas Explizites anhängen zu wollen: Mir wäre es lieber, es müßte solche obskuren Vereine bzw. Geschäfte gar nicht geben. Ich persönlich lebte (und stürbe) am liebsten in einem freien, laizistischen Staat, in dem es freundlicherweise mir selbst überlassen bliebe, wie und wann ich abtreten möchte, ob nun versehentlich („natürlich“), mit einer Plastiktüte über dem Kopf, einem Opiumpfeifchen zwischen den blauen Lippen, oder, im Extremfalle, blutüberströmt, unter Absingen einer eindringlichen, mit einem Pistolenschuß eingeleiteten Opernarie.

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3 Kommentare - “Schöner Sterben: Operntod mit Kuschelrock”

  1. ottogang Says:

    Die von Dir ausführlich dargelegte Sterberei ist als Fernsehzuschauer ja noch einigermaßen erträglich, zur Not ist ein Gang zum Kühlschrank auch hilfreich. Jedoch als Statist in einer Theateraufführung, mit den vom Regisseur vorgegebenem absoluten Stillstand auf der Bühne, kann ein Verwünschen des Komponisten schon mal möglich sein.

  2. 6kraska6 Says:

    Das glaube ich gerne! Letztes Jahr habe ich eine Giulio-Cesare-Aufführung gesehen, in der Statistensoldaten 20 Min. lang „tot“ auf der Bühne liegen mußten! Ich hab auch gedacht: Kann da nicht mal einer die Leichen wegmachen?!

  3. eichiberlin Says:

    Geniale Reportage. Ich benötige gar kein TV mehr. Blog à la Kraska (und ein Bourbon Highball) reicht völlig!


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