Kommunikation durch verstohlene Seitenblicke: Brunch für Ägerste


Der mythische Bote (Foto Quelle: Wikipedia / Benutzer123 at de.wikipedia)

Magpie, pie bavarde, gazza, Atzel, Hatzel, Ägerste, Algarte, Agelhetsch, Agerist, Schalaster, Schalester, Scholaster, Schulaster, Schagaster, Aglaster, Agelaster, Agerluster, Heste, Heister, Egester, Hutsche, Kekersch, Hetze, Gackerhätzl, Häster, Tratschkattl und Diebsch: – Nein, das ist kein Dada-Lautgedicht, sondern die Liste der Namen, die man meinen – vom dummen Bauernvolk freilich gehassten und gefürchteten! – geliebten, aber immer wieder auch ehrfürchtig mystifizierten Freunden gegeben hat.

D. h., meine persönlichen Freunde heißen eigentlich Baldur der Prächtige, Schlanke-Heidrun und Klein-Frygga, aber ihr gemeinsame Gattungsname ist Pica pica L. – gestatten, ja, genau, die Elster! Als diebisch verschrieen, als geschwätzig diffamiert, des Singvögelchen-Mordes bezichtigt, immer verdächtig des dämonisch-hexerischen Kontakts mit Nachtwesen, Geistern und Todesgöttern, als Hexen-, Pech- oder Galgenvogel denunziert, führt die Elster ein gemobbtes Leben unter Rufmordbedingungen.
Für die germanischen Wikinger war die Elster Botin von Hel, der Herrscherin der Totenwelt. Die Todesgöttin Hel hatte, zum Zeichen, daß sie tot und lebendig zugleich war, eine halb weiße, halb schwarzblaue Haut. Die Elster trägt ihre Farben. Die dummen Christen haben gehetzt, die Elster sei der einzige Vogel, der bei der Kreuzigung Christi kein Klagelied angestimmt habe. Die Mandschuren hingegen verehren die Elter als Nothelfer, die Koreaner schätzen sie als Freund der unter Hindernissen Verliebten, die Chinesen halten sie für einen Glücksboten, der wahlweise Geld oder netten Besuch ankündigt. Bei den Sioux und den Blackfoot-Indianern galt die gewitzte Elster als Geistwesen, Trickster-Menschenfreund und Verbündeter bei der Büffeljagd.


Unter meinem Küchenfenster zum Hof liegt ein Flachdach, das dient mir zur Tafel, hier bin ich der Gastwirt und bereite täglich den Brunch für die Elstern. Es gibt gerösteten Mais, Saatgut, Käsewürfel sowie Hähnchenklein, Innereien und Fleischreste vom Menschentisch. Gutes vom Vortag halt. Hin und wieder ein aufgebrochnes rohes Hühnerei. Elstern, ihrer Eleganz wohl bewußt, verhalten sich beim Speisen ihrer Abendgarderobe angemessen. Knicksend und hüpfelnd danken sie für den gedeckten Tisch, picknicken manierlich, schnäbeln zierlich und schieben bescheiden, aber nicht ohne Grandezza wieder ab, wenn das Kröpfchen gefüllt ist. Wenn sie in blutigem Fleisch gewühlt haben, putzen sie sich hernach voller Noblesse den Schnabel mit Herbstlaub-Servietten. Elstern können übrigens lächeln, ich habe aber noch nicht herausgefunden, wie sie das hinkriegen.
Schlanke-Heidrun komm meistens zuerst und studiert das Angebot. Sie ist vom letzten Jahr und noch ohne großartige Erfahrung. Klein-Frygga folgt schüchtern, futtert aber für zwei; ich schätz, sie ist erst ein paar Monate alt, vielleicht die Tochter. Nur wenn es Fleisch gibt, gerät auch Baldur, das große Männchen, in Rage, vergisst seine Furcht vor Menschen und Aaskrähen und schreitet mit wehenden Frackschößen anerkennend nickend das Bufett ab. Warum die Elster niederdeutsch auch Scholaster heißt, sieht man an ihm, wenn er mit schräg gelegtem Kopf würdevoll den Inspizienten gibt: Magister Magpie, der Bescheidwisser unter den Vögeln.
Wir kommunizieren miteinander, ganz dem Tao der Höflichkeit hingegeben, durch verstohlene Seitenblicke. Wir tun zumeist so, als bemerkten wir uns nicht. Sie machen das, damit ich nicht denke, ihre Gier wäre größer als ihre Vorsicht. Ich verfahre genauso, damit sie mich nicht für jovial und paternalistisch halten. Baldur und ich sind Parallelgeschöpfe. Wir beide sorgen uns wegen dem Winter, wir denken an den Nestbau, der bald schon beginnen könnte und wir wissen beide, die Balz und alles, demnächst im frühen Jahr, das wird Kraft kosten.

Elegant, intelligent, wunderschön und mit miserablem Ruf: So hab ichs gern! (Foto Quelle: Wikipedia / Author: Skarabeusz)

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7 Kommentare - “Kommunikation durch verstohlene Seitenblicke: Brunch für Ägerste”

  1. Tulpenteufel Says:

    Eine Hymne auf die Elster, war schon längst fällig, aber so treffend, kann es nur ein Seelenverwandter schreiben. All die Namen! Tratschkattl – eifrig notier.
    Auf Sizilien nennt man sie auch cacarazza, was aber eher lautmalerisch als verleumderisch gemeint ist.
    Ungefähr so um 1978 herum erzählte mir eine Freundin, die am Waldesrand wohnte erstmals etwas von einer weniger scheuen Elster. Bis dato lebten sie stickum im tiefen Walde, bzw. Nester immer noch in hohen Baumwipfeln. So lange sind sie also noch nicht in den Gärten, zumindest nicht in Velbert.
    Bei uns auf dem Lande sind sie jedoch sehr scheu und vorsichtig, sogar in unserem vogelfreundlichen Garten, wo Dohlen brüten. Liegt aber nicht an meiner ungestümen Art oder den Katzen, sondern an den Bauern, die hier noch tote Saatkrähen an Stöcken auf ihren öden Feldern aufhängen.
    Hier war es bis in die 70er Jahre hinein übrigens noch üblich, dass manche Buben junge Elstern aus dem Nest raubten und selber aufzogen.
    Ich kenne auch so einen, der wundersame Geschichten erzählt, was sie alles so mit Zigarettenstummeln, Wäscheklammern, Frisierkommode der Mutter usw. angestellt haben.

  2. vilmoskörte Says:

    Wenn die Elstern auch noch schön singen könnten …

    Übrigens: Wenn du so schöne Bilder aus der Wikipedia verwendest, fände ich es nur gerecht, wenn du Quelle und Lizenz angibst, hier z.B. „Dieses Bild ist aus der Wikpedia und von Skarabeusz lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz Attribution ShareAlike 2.5.“

    • 6kraska6 Says:

      So, Quellenangabe habe ich nachgeholt. Ist es so richtig, Herr Argus?

      Wenn Elstern auch noch schön singen wollten (können täten sie es schon), würden die Menschen sie im Käfig halten.

  3. oachkatz Says:

    Oder die Nachtigallen. Oder tun wir das etwa? Keine Ahnung, ich jedenfalls nicht. „one for sorrow, two for joy, three for a girl, four for a boy“. Tut mir leid, dieser Spruch aus Irland fällt mir immer unweigerlich ein, wenn es um Elstern geht. Immerhin -ambivalent.

  4. 6kraska6 Says:

    Laut Wikipedia gibt es vierVersionen dieses Spruches:

    „One is/for mirth/sorrow/anger/sorrow,
    Two (is)/for grief/mirth/mirth/joy,
    Three (is)/for a wedding/wedding/wedding/girl,
    Four (is)/for a death/birth/birth/boy,
    Five (is)/for heaven/heaven/rich/silver,
    Six (is)/for hell/hell/poor/gold,
    Seven (is)/for the devil’s ain sell/the de’il’s ain sel’/I can tell you no more/a secret never to be told“

  5. Conradt Says:

    Hallo allerseits!

    Finde es erstaunlich, was Elstern für ein Spektrum bieten. An allem möglichen. Da, wo ich zur Zeit arbeite, haben wir eine handaufgezogene. Und deswegen weiß ich: Elstern krächzen nicht nur. Nur zwingen sie uns ihren Gesang nicht so auf die die restlichen Singvögel. Elstern singen sehr leise. Eher für sich selbst, statt für andere, hab ich das Gefühl. Eine Mischung aus Pfeiftönen und hin und wieder Schnalzen und Klicken. Oder wie auch immer man das nennen mag.

    Hier hört man einen kleinen Ausschnitt:

    [audio src="http://www.gebby-im-web.de/mich/voegel/mp3/elster.mp3" /]

    Unsere Elster ist jedoch nicht wie die beschriebenen. Es ist ihr ganz und garnicht peinlich, dass man merkt, wie gierig sie ist.

    Sie nimmt alles in den Schnabel, was ich ihr hinhalte. Manchmal findet sie es lecker, manchmal schmeißt sie es sofort weg und hin und wieder wird es einfach versteckt. Steine zum Beispiel.

    Interessant ist, dass sie, wenn ich ihr mehrere Sachen hinhalte, nur die in den Schnabel nimmt, die sich irgendwie ähneln. Beispielsweise nur Blätter der einen Farbe oder Form. Rote Gegenstände hasst sie. Auch Schläuche sind ihr nicht geheuer. Dafür mag sie Mörtel. Besonders den, den ich frisch in die Fugen geschmiert habe und mühevoll glattgestrichen habe.

    Soviel zu meinen Erfahrungen.

    Grüße!

    Conradt


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