Einfach mal gut finden


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Ich freu mich total für Frau Müller! Sie hat ihn wirklich verdient!

Doch. Nicht oft, aber manchmal passiert es, daß selbst ein Dauernörgler und misanthropischer alter Ätz-Texter wie ich reine, unvermischte Freude empfindet, über etwas, was „da draußen“ vor sich geht. Das oft extrem vertrottelt & verkalkt wirkende Komitee in Stockholm hat den Literatur-Nobelpreis an Herta Müller vergeben! Seit gestern Mittag 13.00 Uhr  juble ich still vergnügt vor mich hin. Gibt es also in 0,0001% aller Fälle auch mal Gerechtigkeit? „Der Mensch ist ein grosser Fasan auf der Welt“ war Mitte der Achtziger das erste Buch von ihr, das allein wegen des anmutig-rätselhaften Titels meine Aufmerksamkeit weckte. Danach gehörte sie, und das blieb so, nicht nur zum äußerst exklusiven Kreis noch lebender AutorInnen, die ich reinen Herzens verehre, sondern auch zum noch kleineren Kreis jener wenigen „Gerechten“, aufrechter, tapferer, menschenwürdiger Menschen, die die Existenz unserer Spezies notfalls rechtfertigen.

Herta Müller war für mich seit Mitte der Achtziger immer ein Beleg (wenn Menschen denn ein „Beleg“ sein können) für zwei Dinge: a) daß es Menschen gibt, die äußerlich unscheinbar, weich und verletzlich wirken, aber im  inneren unbeugsam wie der legierte, millionenfach gefaltete Härtestahl eines Samurai-Schwertes sind: Gewalt, Terror, perfider Psycho-Druck, Verleumdungen, Lügen, die bis heute andauern – der ganze widerwärtige Apparat der Securitate, des rumänischen Geheimdienstes der Ceaucescu-Ära, konnte Herta Müller nicht brechen, nicht zum Schweigen bringen, sie nicht vom Schreiben abhalten! – Und b) daß es möglich ist, warmherzig, mitfühlend, menschenfreundlich zu empfinden, ohne auch nur einen Hauch von Falschheit (in der Literatur: Kitsch) zu produzieren.

Herta Müllers Prosa ist poetisch, eigenwillig, metaphernstark, kompromißlos und zart zugleich – all das aber nicht im Sinne von Kritikerliteratur: Ihre Werke sind lesbar, sogar mit Vergnügen und Genuß lesbar! –, vor allem aber ist Herta Müller nicht „wie“. Literaturwissenschaftler wie ich lernen ja immer das Komparative als Einordnungsprinzip zu nutzen. Frau Müller ist … „wie Kafka als Frau“? Wie eine wiedergeborene Achmatova? Wie … nein! Herta Müllers Stimme ist einzigartig und unverwechselbar! Daß sie, die Banater Schwäbin, deutsch schreibt, ist eine Ehre für unsere Sprache.

Die letzten Male, als deutschsprachige Literaten den Nobelpreis bekamen, senkte ich eher so  schamerrötend den Blick (Böll? DER unsägliche, sprachlich absolut unbegabte, hölzerne, linkskatholische Moralin-Kitschier? Und dann noch der bornierte Poltergeist und selbstverknallte Geniedarsteller Grass, der bloß ein einziges gutes Buch zustande brachte? Oder gar, ich bitte um Verzeihung, die bescheuerte Madame E. Jelinek mit ihren neurotischen Obsessionen? Gott! Wirf Hirn ab über Stockholm! – Tut mir Leid, so empfand ich…); nun aber bin ich versöhnt und froh. Schon als Oskar Pastior den Büchner-Preis bekam, freute ich mich. Und jetzt: Herta Müller! Ich persönlich hatte zwar einen anderen Favoriten auf der Stockholmer Shortlist: Bob Dylan, mein Groß- und Jugendidol. – Aber die Entscheidung von gestern beglückt mich noch mehr.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Müller. – Für die, die ihr Werk noch nicht kennen: Müller ist ein Name, den man sich merken muß. Müller. Herta Müller. Literatur-Nobelpreis 2009!

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