Tokio Hotel, C & A „young fashion“, Altenheime von der AWO


Bill_Kaulitz

 

Das Thema Alter läßt mich nicht los. Die Herren Bill und Tom Kaunitz (das ist der, der immer mehr der frühen Liz Taylor ähnelt) von der Teenie-Kapelle „Tokio Hotel“ werden heute 20 Jahre alt. Also jeder für sich jetzt, nicht zusammen.  Die Zwillinge scheinen, um es höflich auszudrücken, genau so intelligent zu sein, wie sie aussehen, d. h. sie erreichen in etwa den IQ meines neuen Staubsaugers. Der Nachrichtenagentur afp war es trotzdem eine Meldung wert, daß sich die beiden Superhirne angeblich zum Geburtstag ein „Kaffeekränzchen mit Senioren“ wünschen. „Geil wäre, wenn die alle über 60 wären…“, plappert der eine Juniorpartner, damit der andere Baby-Boomer erläuternd nachlegen kann: „Mit so alten Leuten kann man Gespräche führen, die ganz ab vom Schuss sind!“ Genau, Freundchen. Und zwar dem Schuß, den ihr nicht offenbar gehört habt! Schade, daß ich noch nicht ganz über 60 bin. Ich hätte den beiden Milchreisbubis mal ziemlich deutlich gemacht, warum die ganz alten Leute, die schon vollkrass geil über 60 sind, sich immer so gern und sentimental an früher erinnern: Weil damals minderjährige Spatzenhirne wie die Gebrüder Nichtsnutz in Gegenwart von Erwachsenen die Plapperklappe hielten, bis sie was gefragt wurden!

Möchte man da noch mal 20 sein? Wenn ich mir die beiden Dorf-Tokioten anschaue: Och nö, lieber doch nicht. Der Preis für die körperliche Unverbrauchtheit scheint mir da entschieden zu hoch. So alte Leute wie ich erinnern sich ja eh schon mit Schaudern daran, wie doof sie selbst mal waren; und unsere modischen Eskapaden waren ja auch nicht gerade geschmacksicher! (Nur unsere Musik, da insistiere ich mit Nachdruck und Emphase, war tausendmal besser, origineller, wilder, wüster, rebellischer und geiler als das, was diese Magdeburger Nachwuchsmusikanten da auf die dünnen Konfirmandenbeine stellen!) Wäre mein geiles Plaudern mit den beiden Erbsensäckchen in ein Fachgespräch gemündet, hätte ich ihnen u. U. noch zu verraten gehabt, daß man selbst, wenn man erst drei Akkorde auf seiner Wanderguitarre zu greifen gelernt hat, damit schon verdammt viel schärfere Mucke machen kann, als ihre trüben Tanzteetassen je zustande bringen werden! Die richtig schmutzigen, derben Bluesrock-Riffs würde ich ihnen aber wohl nicht zeigen, weil, ich glaube, das fänden Pappi und Mammi in Magdeburg jetzt nicht so gut, wenn ihre sauberen Herzbuben so etwas Dreckiges wie Rock’n’Roll spielen würden. Da geht es doch immer um Sex und Drogen! Soweit wollen wir es ja nun nicht treiben lassen! In Magdeburg findet man, sich als Jungchen ein paar Haarspray-Salven zu geben und die Fingernägel schwarz zu lackieren, ist schon Rock’n’Roll genug. Take a walk on the wild side! (Nebenbei, für Kenner, war das nicht eine wirklich große Song-Zeile von Lou Reed? „She never lost her head, even when sie was given head…“!? Huch! Da bekämen die Idole der 12-jährigen Pipi-Girls aber blutrote Ohren, wenn sie Amerikanisch könnten!

Na, jedenfalls: Wer miesen Poser-Pop, Vollkasko-Abenteuer sowie Rebellen-Kleidung von der Stange mag, hört nicht nur die Thüringer Herzbuben und Teen-Faker-Deppen von „Tokio Hotel“, der kleidet sich am besten auch im Basement von C&A, in der „young fashion“-Abteilung, ein. Hier gibt’s industriell massengefertigte Individualisten-Klamotten zum Clever-Shoppen-Preis, hier steppt der Versandhausbär, hier rekrutiert sogar die Hamburg-Mannheimer ihre Kreativköpfe! Hier ist Rebellion kein Fremdwort, hier wird Originalität in Großbuchstaben geschrieben, hier ist immer Ausverkauf, bzw. sorry, SALE!!! Bei C&A ist man forever young, und ich bin überzeugt, die Marketing-Leute von „young fashion“ und das Management von „Tokio Hotel“ wurden in derselben Fertigungshalle hergestellt oder sind vielleicht sogar identisch. Beweisen kann ich es freilich nicht.

Also, ihr merkt schon: Wenn ich diese miesen, doofen, kleinen Pop-Kokotten gewahr werde, werd ich noch grimmig wie der vom göttlichen Alan Arkin gespielte Heroin-Opa in „Little Miss Sunshine“: Fick diese Business-Scheisse, ruf ich erregt, das ist doch widerlich! MERKT DAS DENN KEINER! Wahrscheinlich merkens alle, sie regen sich nur nicht so auf, okay. „Tokio Hotel“, C&A „young fashion“, Altenheime von der AWO, – alles der gleiche Mist!

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10 Kommentare - “Tokio Hotel, C & A „young fashion“, Altenheime von der AWO”

  1. donqyxote Says:

    Jetzt muss ich den Kommentar auch hier loswerden.

    Ich oute mich wie folgt: Im Alter von 13 war die Reise in die kleine Großstadtzu C&A zum Einkauf von Bekleidung das Nonplusultra für mich und ich nahm die damit regelmäßig, wegen der durch den Strassenverkehr verursachten schlechten Luft, verbundenen Kopfschmerzen gerne in Kauf.

    Herr Magister Kraska, schreibt man das NPU jetzt auseinander, zusammen oder mit Bindestrichen oder ist die Benutzung des Wortes gar gänzlich literaturunüblich ?

    Ich ertrotzte mir damals jedenfalls den Kauf einer mit Webpelz gefakten bestickten Hirtenjoppe bei C&A im Schlussverkauf. Das Dessous, das nicht Unterhose hieß und deshalb nicht auf dem Oster- oder Weihnachtsmarkt gekauft, sondern anprobiert werden musste, habe ich auch bei C&A gekauft bekommen. Also wegen der Kabine.

    Tokio Hotel sind soylent black ( Rätsel für Mag. Kraska, bitte ohne Wikiuni, das funktioniert hoffentlich eh nicht), also sie funktionieren wie Cola, McD, Sojabohnen oder Algen.

  2. 6kraska6 Says:

    Soylent Black? Ich kenn nur soylent green aus diesem einen scifi-Film, wie hieß der noch? Soylen green jedenfalls war so eine Art Quasi-Nahrungspampe, die aus Leichen gemacht wurde.

    Als Inhaber des Großen Latinums würde ich sagen: Den Römern war es wurscht; auf Stein meißelten sie zumeist alles in Majuskeln; in Wachs oder auf Papyrus oder Pergament gern alles klein. „non plus ultra“ war übrigens die Inschrift bei den Säulen des Herkules (= Gibraltar) und bedeutete: Jenseits dieses Punktes gibt es nichts mehr. Das war, wie Columbus später zufällig entdeckte, ein Irrtum…

  3. donqyxote Says:

    Danke danke !

    Es gibt kein Rätsel für Dich und ich bin nicht kryptisch.
    Läuft soylent green unter Allgemein- oder Spezialbildung ?

    • eichiberlin Says:

      Also auf der Autobahnraststätte Bad Nenndorf stand bei meinem letzten Stopp auf die Klowand ge-eddingt: „Soylent Green ist Menschenfleisch.“ Muss wohl doch Allgemeinbildung sein.

  4. 6kraska6 Says:

    Seltsame Mitteilung für eine Raststätten-Klowand! Ob da jemand glaubt, Soylent Green würde tatsächlich verkauft? Von Procter & Gamble eventuell?

  5. donqyxote Says:

    Der Film heisst soylent black.

  6. donqyxote Says:

    Quatsch Herr Freud, ich mein natürlich green. Aber die pellets gab es in verschiedenen Farben an den Marktständen.

  7. donqyxote Says:

    Eichi, ich würde Dich nicht zu bekochen wagen…

  8. joulupukki Says:

    Kraska, Du wirst alt! Pfff … „Zu meiner Zeit“ Sprüche loslassen steht Dir doch garnicht!
    Lass die armen Jungs in Ruhe, die werden doch auch nur vermarktwurschtelt, und setz sie nicht mit „der heutigen Jugend“ schlechthin gleich. Die ist nämlich weit besser als ihr Ruf, der sich aus den selben miesen Marketing Maschinerien nährt.


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