Fernmündlichkeiten im Heimatdorf der hundert Nationen


yufka

Dorf ist in der größten Hütte: Die Damen machen Yufka

 

Wer ins Hundert-Nationen-Ghetto zieht, muß sich früher oder später integrieren, es sei denn, er schottet sich in seinem speziellen Heimatverein ab, wenn man denn die bulgarische Mafia, den Verband serbischer Ex-Milizionäre oder die Mahdjid-Ali-Moschee als solchen bezeichnen will. Da ein landsmannschaftlicher Deutschen-Verein zum einen nicht existiert, hier, und zum anderen mich sicher nicht auf Dauer nehmen würde, bleibt mir nur der Weg der Integration. Leider weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Der kahlköpfige grimmige Zweimeter-Serbe mit dem steinernen Gesicht und den eisgrauen Augen, der das Serben-Café betreibt, registriert mich zwar sehr sorgfältig aus den Augenwinkeln, scheint aber nicht daran zu denken, mich zu Knoblauch-Brot, Zwiebel und Slibovitz einzuladen.

Die sanften, fröhlichen Afrikaner würden mich schon aufnehmen oder zu mir kommen, wenn ich einen Club zum Billig-nachhause-Telefonieren einrichtete, aber ich bin halt nicht im mindest schwarz oder auch nur bräunlich, sondern habe im Gegenteil eine sehr empfindliche blasse Haut, mit der ich leicht Sonnenbrand bekomme – ich stäche doch immer heraus und bliebe ein Fremdkörper. Die ebenfalls sehr dunkelhäutigen Südasiaten – ich weiß immer nicht, ob das Srilankesen (sagt man so? Ceylonesen wär, glaub ich falsch, weil kolonialistisch kontaminiert) oder Bengalen sind (darf man noch Bengalen sagen? Oder heißt das jetzt … – Bangladeshis?), jedenfalls treiben die fast unentwegt Sport (Power-Volley-Ball sowie so eine Art Baseball, nur mit so breiteren Schlägern, keine Ahnung, wie das heißt), oder sie spielen auf einem Teppich, den sie auf den Bürgersteig legen (!), Karten. – So fühlen sich alle ein bißchen wie zu Hause.

Am meisten tun das natürlich die Anatolier. Sie haben in der Regel ihr Dorf von zuhause einfach mitgebracht. In dem kleinen idyllischen Park ohne Namen, der sich zwischen dem Ghetto, der Brücke der Solidarität und der alten ehemaligen Kupferhütte erstreckt, herrscht jetzt, an den warmen Augustabenden, reges Dorfplatzleben. Auf der Wiese picknicken Gruppen behäbig-korpulenter Kopftuchmatronen; in den gemauerten Sitzrunden sammelt sich die ranke, glutäugige Dorfjugend und beschaut sich schon mal gegenseitig in Hinblick auf spätere Heiratsinteressen. Dafür, daß man hier wenig erlebt, was alle anderen nicht schon wissen, gibt es eine Menge zu erzählen!

Trotzdem stimmt nicht jedes Klischee. Wer das Haus bei mir gegenüber so anschaut (oder ihm zuhört, was ziemlich unvermeidlich ist), könnte glauben, dort wohne Ali Baba mit seinen vierzig Weibern. Und ich traue meinen Augen auch zunächst nicht, als ich in der Toreinfahrt eine Gruppe von vier Frauen entdecke, die wie zu Abrahams Zeiten mit Walzstock und gewölbtem Kohlenblech Fladenbrot („Yufka„) backen – das hab ich zuletzt in einem Nomadenzelt an der syrischen Grenze gesehen! Was aber neu ist: Die Frauen – drei von ihnen mit Kopftuch und langem Hausmantel, die vierte in Jeans und mit blondierter Pferdeschwanzfrisur –, die mich am Fenster entdecken, winken mir fröhlich und selbstbewusst zu, und als ich einen zweiten Blick riskiere, werde ich fernmündlich zu einer Verkostung eingeladen. (Fernmündlich heißt bei uns, daß man so laut man kann, über die Straße schreit. Is billiger als Handy, weissu.)

Ich laß mich nicht lange bitten, lauf rasch rüber und plaudere ein paar Worte türkisch, was zunächst die schon gewohnte Reaktion auslöst: Man reißt in einer Mischung aus Furcht, Entsetzen und Ungläubigkeit (Verzeihung!) die Augen weit auf und stößt ein entsetztes „Türk müsünüz?!“ hervor. Ich verneine beruhigend, und man fängt sich schnell wieder. Rasch werde ich, als Zugereister, einem kleinen deutsch-türkischen Interview unterzogen. Es stellt sich heraus, daß man über mich und meinen Einzug schon gut informiert ist. „Öğretmenlık yapiorsunuz, değil mi?“Ja genau, ich bin so eine Art Lehrer, felsefe için… Und geh jetzt mit frischem Yufka frühstücken! „Afiyet olsun!“ rufen sie mir hinterher. Sie haben mich schon ein bißchen integriert, glaub ich.


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