Ökotrophologie in der Bierschwemme, Akropolis auf Gelsenkirchner Barock. Zuviel Salz ist auf eigene Gefahr


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Eindeutig: Zuviel Salz!

I.

Wir odyssieren weiter durch die Welt der „Griechen“. Anführungsstrich-Griechen sind solche, die statt authentischem griechisches Essen nur “griechisches“ 08/15-Standard-Zeug anbieten, Gyros, Souvlaki, Mykonosplatte, fertich! Gemischter Einheitsbrei „Deutsch-Hellenische Freundschaft“  für zwei Personen mit extra viel Knobi und Überwürz-Turbo. Eine ganz besonders interessante Unterabteilung der Anführungsstrich-Griechen bilden dabei aber die sog. Kuriosen oder auch Skurrilen Griechen. Im Ruhrgebiet scheinen sie mir besonders verbreitet, weil Hybrid-Gastro hier ihre ersten improvisatorischen Triumpfe feierte.

 Hybrid-Gastro? Oh ja!  Z. B. mein früheres Lieblings“restaurant“ im Duisburger Norden, gleich hinterm Thyssen-Stahlwerk: In einer aufgelassenen amerikanischen Texaco-Tankstelle hatten zwei pakistanische, ein sri-lankesischer und ein indischer Desperado gemeinsam eine italienische Pizzeria eröffnet, um deutsche und türkische Proleten pronto zu verköstigen. Das war globalisierte Hybrid-Gastro der ersten Stunde! Hier als Incog(n)ito-Magister und anonymer Camouflage-Philosoph Sonntag nachmittags den Proletarier auss’m Viertel zu geben, im ärmellosen Feinripp-Unterhemd da zu sitzen, billigen Frascati-Wein zu trinken und den „Kollegen“ beim Austausch alkohosophischer Allerweltsweisheiten zuzuhören, DAS hatte Stil! Und alle halbe Stunde mal selber über den feinripp-bespannten Bierbauch streichen und ein ruhr-buddhistisches Mantra zum besten geben, wie etwa: „Watt willze da machen? (längere Pause, als würzze erssma drüber nachdenken, dann: –) … Da kannze nix machen…!“

 II.

Irgendwie ist die „Taverna Olympus“ auch Hybrid-Gastro. Vor allem aber Kurioser Grieche! Die olympische Taverne residiert nämlich ausgerechnet in den eichenholzfurnierten, genre-typisch düsteren Räumlichkeiten des ehemaligen „Deutschen Vatter“, den es so lange gegeben hat, daß man den alten Namen heute noch in der Taverne RIECHEN kann: „Deutscher Vatter“ (aber selbzvaständlich mit ‚2 Bundeskegelbahnen’!) riecht unwiderruflich und bis zum Jüngsten Tag nach schalem Bier, billigen Zigarren-Stumpen, Kegler-Schweiß und diesem spezifisch muffigen Duft aus dem Fasskeller, wo die Leitungen zu lange nicht gereinigt wurden. Ein altdeutsches Odeur: Vatters Bierschwemme also. Die Einrichtung tut ihr übriges. Gelsenkirchner Kneipenbarock (frühe 70er Jahre!) mit allen Schikanen und Unvermeidlichkeiten, die man natürlich rigoros hätte herausreißen und im Renovierungsfuror hätte ausmerzen, übertünchen und vermauern können. Vielleicht auch sollen.

Aber der Patron der Taverne, ist, was man seiner Sancho-Pansa-Figur nicht zutraut, kulturell auf Feinsinn geeicht. Möglicherweise an der archäologischen Tradition der Hellenen daheim geschult, hat er das Weltkulturerbe-Monument „Deutscher Vatter“ nicht angetastet, sondern akkurat mit einer mehr oder weniger dünnen Schicht eigener Heimat-Mitbringsel und haufenweise Griechenkitsch-Nippes lediglich sanft überzogen. Das Ergebnis: gewissermaßen Sauerkraut-Eisbein mit Metaxa-Sauce.

Diesmal erhebt sich die kulinarische Akropolis auf den Ruinen deutscher Biertrinker-Kultur. Reizvoll. Bzw. gewöhnungsbedürftig, aber man hat eine Menge zu gucken. Ich glaub, so viel undefinierbaren Nippes hab ich nicht mehr auf einem Haufen gesehen, seit ich die Wohnung meiner verstorbenen Mutter (Ihr Gott habe sie selig!) aufgelöst habe. Angeln und Netze hängen von der mit Nordatlantik-Seesternen „mediterran“ (?) beklebten Decke, in der Vitrine ruhen einträchtig nebeneinander Fußball-Pokal, Sparvereins-Vase, Nikos-Kazantzakis-Büste sowie die katholische Jungfrau Maria. Auf piefig-deutscher Bierjemütlichkeit feiert hellenische Dekorationswut dionysische Orgien. Fast schon wieder gut, irgendwie! Multikulti von der ulkigen Sorte, Mischmasch, eklektische Stil-Libertinage. Egal!

 III.

 Egal, weil man hier nicht wegen des Ambientes herstiefelt, und übrigens auch nicht, weil die Speisekarte auch nur ein einziges Gericht aufführte, das man nicht von allen anderen Standard-Griechen auch kennen dürfte.   Für den Charme diese famosen Taverne sorgt vielmehr der ambitionierte Patron, Antonios Tsintsolis, der seine Kaschemme mit der Grandezza eines Chefkellners im Pariser Tour d’Argent führt. Blau geschürzt im folkloristischen Streifenhemd, gibt er alle Figuren zugleich: Den jovialen Chef, den eleganten Maitre d’Hotel, den kundigen Sommelier und den schelmischen Dessert-Garçon. Was auffällt, ist der bescheiden-selbstbewußte Stolz des kleinen Mannes mit den großen Gesten. Er dienert und schleimt nicht und läßt die gelegentlich etwas schmierige Devotheit balkanesisch-levantinischer Ausplünderungsgastronomie vollkommen vermissen. Mit einer staunenswerten Grazie balanziert er würdevoll zwischen homerischem Größenwahn und kritischer Selbstbescheidung. Wie das aussieht?

Nun, er kredenzt den empfohlenen Wein mit Schwung, kommentiert aber zugleich mit amüsantem Akzent und melancholisch umflorten Blick: „Isse vleich bissele zu kalt. Bukett kommt noch, später…!“ Dann zählt er, ganz comme il faut und professionell, mündlich die drei Gerichte des Tages auf. Frische Fisch ist dabei, was man angesichts der von der Decke baumelnden Deko-Angelruten noch eine Weile bedenkt; um faire Vergleichsmöglichkeiten zu haben, entscheiden wir uns aber wieder für Standard. Herr Tsintsolis trägts mit Gleichmut und gibt in rasselndem Stakkato-Griechisch die Bestellung an seine den Geschäftsbetrieb vom hintersten Tisch aus überwachende Gattin weiter, die es der Küche sagt.

 IV.

 Ich bin kein überaus strenger Restaurant-Kritiker, wenn ich in eine schlichte Taverne gehe. Ich bin schon angetan, wenn man mich, wie es Herr Tsintsolis tut, fragt, ob ich meinen Salat mit Essig & Öl oder mit Metro-Dressing möchte; als er ihn serviert, mustert der Patron seinen eigenen Salat noch ein Weilchen (wie ein Maler, der schweren Herzens ein Bild verkauft), und gibt skeptisch zu bedenken: „Isse vleich bissele viel Balsamico drauf…“ Och, es ging. Ich merke aber: Dieser Wirt nimmt seinen Beruf noch ernst! Als ich für meine (knusprigen, gut gemachten) Begleit-Pommes um ein Löffelchen Mayonnaise bitte, beäugt er mich ersteinmal aufmerksam, als wolle er meinen aktuellen Cholesterin-Spiegel abschätzen, befindet aber glücklicherweise nach einem gehörigen Weilchen: „Kein Problem.“ Schon eher ein Problem ist mein nächster Extra-Wunsch: Ich frage, ob ich vielleicht für Souvlaki und Pommes eine Prise Salz nachbestellen dürfe. Oh, oh.

Ich ernte einen schweigenden, nachdenklichen, leicht sorge-verdüsterten Blick. Herr Tsintsolis wiegt unmerklich den Kopf. Es arbeitet in ihm. Hab ich etwa seine Küchenkünste beleidigt? Nein, das ist es nicht. Er kommt mit einer Menage zurück, die er aber vorerst in der Hand behält, um sich vor mir aufzubauen und mit würdevollem Ernst einen Vortrag über Ökotrophologie (!!) zu halten, ungefähr des Inhalts, von ihm angebotene Speisen enthielten exakt gerade so viel Salz, wie a) nötig, und b) ökotrophologisch sowie ernährungsmedizinisch verantwortbar seien. Für etwaig exzessiven, gesundheitsschädigenden Salzmissbrauch lehne er jede Verantwortung ab; Nachsalzen sei somit ein Risiko, das der Gast selbst zu tragen habe. Abschließend besiegelt er sein Statement mit der Versicherung, dieses habe man ihm in zahlreichen einschlägigen Seminaren beigebracht und bestätigt!

Während meine Hand zögernd und etwas eingeschüchtert den Salzstreuer über den Teller führt ( – meine mündliche Versicherung, ich übernähme für alle Folgen die alleinige Verantwortung, hatte dem Patron ausgereicht), halte ich inne: Wo bin ich hier? Und wer ist dieser Mann? Ein einfacher Kaschemmen-Wirt, der Ökotrophologie-Seminare besucht? Ist das ein Film hier?

 V.

Die Speisen sind denn auch … anders. Nicht unbedingt authentischer griechisch, doch überraschend dezent, schmackhaft, ohne die brutalen Geschmacksverstärker-Exzesse der üblichen Gyros, Souvlaki & Co-Mafia. Das Fleisch darf hier artgerecht noch nach sich selber schmecken; die Vorspeisen sind sorgfältig, frisch und mit Liebe angerichtet, der Tsatsiki ist vom Tag, schmeckt nach Joghurt, Gurke und Kräutern und enthält gerade das nötige Minimum Knoblauch, nicht mehr. Vom Salz ganz zu schweigen.

VI.

Nach dem Mokka bedanken wir uns und sagen „Auf Wiedersehen“. Herr Tsintsolis schenkt uns dafür noch einen langen, nachdenklichen Blick, um schließlich gewichtig zu dem Resultat zu kommen: „Ja, das glaube ich. Sie werden wiederkommen! Ich weiß es nicht genau – aber ich glaube es!“ Er glaubt das mit Recht.

 VII.

 Etwas überwürzt ist höchstens die Flyer-werbung der Taverne, die mit vollmundigen Versprechungen und großzügig verteilten Ausrufezeichen nicht knausert. „Spitzen Küche! Solide Preise! Überzeugende Vielfalt! Top Service!“ Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Herr Tsintsolis das selbst geschrieben hat. Ein anderer Satz paßt freilich zu ihm: „Wir bürgen mit unserem Namen dafür…“ – Ist das nicht entzückend?

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10 Kommentare - “Ökotrophologie in der Bierschwemme, Akropolis auf Gelsenkirchner Barock. Zuviel Salz ist auf eigene Gefahr”

  1. hyke Says:

    Ja, das ist es! Las ich nicht kürzlich, Herr Kraska sei auf Diät???
    Wohl zum Glück nicht mehr, sonst gäbe es diese köstlichen Beiträge nicht!

  2. donqyxote Says:

    Das ist echt zuviel Salz, besonders bei Diät !

  3. SwasthaMy Says:

    Herrlich! Da geh ich auch mal hin 🙂

    • 6kraska6 Says:

      Tu das! Und nimm mal Deinen „Fachmann“ mit, für ein Authentizitätsurteil! Das interessiert mich… Ihr habts ja nicht weit.

  4. vilmoskörte Says:

    Wie lange hat es denn so im Magen gelegen? Ich weiß nicht, was „die Griechen“ immer an ihr Essen tun, dass man von mittags bis mindestens Mitternacht am Verdauen ist und dann noch Unmengen von Wasser trinken muss, weil so viel oller Knoblauch (oder ist es gar Pulver aus diesem?) dran ist. Jedenfalls gehe ich mit ganz wenigen Ausnahmen nicht gerne „zum Griechen“ und ich bin froh, wenn ich mal einen finde, bei dem das Essen nicht 12 Stunden im Magen liegt (wie mein Kiez-Grieche Taverna Merkouri). Die bisherigen (überwiegend schlechten) Erfahrungen haben mich u.a. auch davon abgehalten, in Griechenland meinen Urlaub zu verbringen – ich kann ja nach Italien, da weiß ich, dass ich gutes Essen bekommen kann. Ich weiß, das ruft jetzt entrüsteten Widerspruch hervor, aber ich habe keinen Glauben mehr an eine andere „authentische“ griechische Küche, wenn es doch kaum einen Koch zu geben scheint, der sie außerhalb Griechenlands (re)produzieren könnte.

  5. 6kraska6 Says:

    Vilmos, ich will Dir nicht widersprechen. Ich rege lediglich an, drüber nachzudenken, warum der Verdauungs-Ouzo eine so große Rolle in der „griechischen“ Gastronomie spielt. Wobei man ja mit EINEM Ouzu selten auskommt. Freilich, wie Du das mit „Unmengen Wasser“ bewerkstelligst, bleibt mir rätselhaft! Wie kann man Magendrücken beseitigen, indem man sich WÄSCHT???

  6. eichiberlin Says:

    Welch großes Glück, um einen solchen Gelsenkirchener Ganymed zu erfahren. Auch wenn wir auf das Bukett noch warten müssen.
    Unterschätzt mir die Griechen nicht. (Im Fußball vor einigen Jahren ja bereits geschehen.) Die kannten bereits Tischsitten, als die Germanen noch Felle auskochten. Vielleicht finden wir ja auch in Berlin einen griechischen Wirt, der kulinarischen Genuss mit antiker Hochkultur verbindet und uns zum Speisen mit den Worten Homers auffordert: „Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle.“ (Ilias 9,91)

  7. ChiantiClassico123 Says:

    Doll geschrieben.

    Ruhr-buddhistisches-Mantra? Ich kenne einen aus Oberhausen, der seit Jahrzehnten den halben südlichen Schwarzwald mit besagtem Spruch nervt. Fett isser, aber als Buddhisten hätte ich ihn nie einjestuft.

    Ich dachte dieses Mantra sei sein persönliches geistlose Eigentum, ggf. hervorgerufen durch seine Frust mit den Einheimischen und deren verblumtem Sprachgebrauch. Kraska belehrt mich wieder eines Bessern.

    Tja. Watt willlze da machen, gell?

  8. 6kraska6 Says:

    Das Mantra scheint sehr alt zu sein. Als Duisburg-Marxloh noch von der Montanindustrie geprägt war, gab es in der Nähe von Thyssen-Stahl Tor 1 eine Kneipe, darin beobachtete ich in den Karnevalstagen einen Mann, der drei Tage und Nächte („Boah, glaupsse nich, seit Altweiber binnich besoffen!“) durchgetrunken hatte. Er sprach mit seinem Bier, das er aus unerfindlichen Gründen immer „Harry“ nannte. „Harry, ichsachdir“, murmelte er ein ums andremal in sein Pilsglas, „watt willze da machen? Harry! Da kannzze nix machen, gaa nix kannzze da machen, Harry!“ – Mich hat das damals sehr beeindruckt. Und, mal ehrlich, Harry, et stimmpt ja auch, oder?

  9. play games Says:

    play games

    Ökotrophologie in der Bierschwemme, Akropolis auf Gelsenkirchner Barock. Zuviel Salz ist auf eigene Gefahr | Kraskas Staunmeldungen


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