Griechisches Essen gibt es nicht ohne Anführungstriche (Wissenswertes über Dinslaken)


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Die Idee des Kitsches kannte er noch nicht: Philosoph Platon

In einem zur Nazi-Zeit erschienenen Benimmbuch, so erzählte es mal Max Goldt, wurde dem deutschen Offiziersanwärter zur erfolgreichen Kontaktanbahnung mit jungen Tischdamen der Gesellschaft etwa folgendes unverfängliches Gesprächseröffnungsangebot empfohlen: „Würde es Sie, gnädige Frau, eventuell interessieren, etwas über den Reiz der deutschen Mittelgebirge zu erfahren?“ – Nazi hin oder her, ich find das auch nicht wesentlich blöder als das ewige „– …und was machst DU so beruflich?“, das heute meist üblich ist. Ich hasse diese Frage besonders, denn bei mir ist das so fürchterlich schwer zu beantworten und außerdem eine lange Geschichte, die keine Sau interessiert. Wenn ich nämlich zur Antwort gebe: „Dürfte ich ein kleines bißchen ausholen und bei meiner frühen Gymnasialzeit beginnen?“, dann müssen plötzlich alle mal wohin, eben mal kurz telefonieren, was holen oder wegbringen. Dann schon lieber deutsche Mittelgebirge. – Oder, wie wäre es vielleicht mit Wissenswertem über Dinslaken?

Also gut, gnädiges Fräulein, da Sie so bezaubernd mädchenhafte Wissbegierde simulieren können, hier ein paar Facts: Dinslaken ist eine kleine Stadt am unteren Niederrhein, die es, eingeklemmt zwischen Duisburg, Wesel und Oberhausen, dennoch fertig bringt, Stücker 70.000 Einwohner in ihren übersichtlichen Stadtteilen unterzubringen. Früher waren viele Bergleute darunter, dann machte die Zeche dicht und die Dinslakener hatten das Nachsehen; heute arbeiten sie bei KIK, City Grill oder Fahrschule Öçalan.

Obwohl das Städtchen seine Reize für meinen Geschmack etwas lieblos und unakkurat übers platte Land verstreut hat, findet man, wenn man endlich das Kabel von dem verdammten Navi rausgekramt hat, leicht den entzückenden kleinen Ortskern von Dinslaken, der sich um ein putziges kleines Kirchlein schmiegt und niederrheinische Liberalität demonstriert: Zwar ist überall Fußgängerzone, aber man fährt trotzdem mit dem Auto herein und parkt da. Warum man denn überhaupt, um Gottes Willen, in Dinslaken parken sollte, läßt sich erklären.

Und zwar hatten Kraska nebst Gattin einhellig Appetit auf „griechisch“, aber keine Lust, den warmen Sommerabend in einer düster-dumpfen, mit gipsernem Hellenenkitsch überdekorierten, nach Zwiebeln und heimlichen Zigaretten muffelnden Ouzo-Spelunke zu vertun. Da gibt es dann im ganzen Großraum Duisburg nur eine einzige Möglichkeit, das „Sorbas“ in Dinslaken, denn das hat einen großen, einigermaßen lauschigen Biergarten. – Aufmerksame LeserInnen haben möglicherweise aus den Augenwinkeln registriert, daß ich „griechisch“ geschrieben habe, also mit Anführungsstrichen. Das hab ich mit Absicht gemacht. Griechisches Essen ohne Anführungsstriche gibt es in Deutschland nämlich nicht! Man beweise mir gern das Gegenteil. Authentische griechische Küche, möglichst noch mit Niveau, findet man noch seltener als authentisch chinesische, die es ja immerhin in Märchenmetropolen wie Hamburg und Berlin mittlerweile geben soll.

Ich stell mir immer vor, es gibt so einen ultrastrengen Geheimerlaß der Ausländerbehörde, der Griechen grundsätzlich und bei Androhung beinharter Strafen verbietet, variantenreiches, genuin griechisches Essen feilzubieten. Immer bloß Souvlaki, Gyros und Poseidonplatte! Der Geheimerlaß erzwingt auch das Anbringen stereotypischer Gipssäulen, Akropolis-Bilder und Athene-Köpfen sowie das unentwegte Abspielen grauenhaft abgenudelter, pseudo-griechischer „Sirtaki“-Musik. Außerdem befiehlt das geheime Amt, daß „griechische“ Restaurants nur unter acht Namen wählen dürfen: Olympos, Mykonos, Athen, Akropolis, Syrtaki, Poseidon, Odysseus und Zorbas, auf Sonderantrag evtl. noch Plaka, Platon, Sokrates, Kreta oder Piräus. Was ich nicht weiß, ist, ob in dem Behördenbefehl auch steht, daß Griechen den Verdauungs-Ouzo „aufs Haus“ grundsätzlich nur vor, anstatt nach dem Essen kredenzen dürfen, wo man ihn ja eher nötig hätte. Schnaps auf nüchternen Magen trinke ich nicht gern; nach dem Essen ist er aber warm! Lasse Er doch diese Marotte, Grieche!

Da wir Essen mit Anführungsstrichen erwartet hatten, waren wir nicht enttäuscht. Gyros war unknusprig und überwürzt, Souvlaki ganz okay, Meze-Platte Standard. Wie es im Durchschnitt halt bei jedem Anführungsstrichgriechen so ist. Ungewöhnlich fanden wir indessen die Aufmerksamkeit, Fixheit und natürlich-fröhliche, fast schon herzliche Freundlichkeit der jungen Service-Kräfte, die ganz unaufgesetzt und echt wirkte. Echter jedenfalls als das „griechische“ Essen.

Man fühlt sich, wenn man kulinarisch mal Fünfe grade sein läßt, durchaus wohl und gut aufgehoben unter den großen Sonnenschirmen im Hof des Restaurants. Dazu trägt auch die lobenswerte Praxis des Hauses bei, gute griechische Weine (doch, die gibt es!) zu fairen Preisen, oft sogar im Angebot, zu offerieren. Ach ja, und einen Ouzo “aufs Haus” gab es vor UND nach dem Essen!

Soviel zu „Dinslaken“, Verzeihung: Dinslaken.

Woher ich denn überhaupt weiß, wie traumhaftes authentisches griechisches Essen schmecken kann? – Weil ich’s gekostet habe, – in … Chikago, Illinois.

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6 Kommentare - “Griechisches Essen gibt es nicht ohne Anführungstriche (Wissenswertes über Dinslaken)”

  1. SwasthaMy Says:

    🙂 du sprichst der Familie meines Nicht-Gatten aus der Seele. Ich bekomme Morgen echtes griechisches Essen – ohne Anführungszeichen und von seiner Mutter selbst im Backofen gezaubert.
    Kleiner Tipp am Rande: versuch es mal in Krefeld.
    Taverne „Der Grieche“
    Oppumer Str. 175 (Großmarkt)
    47799 Krefeld
    Telefon 02151/54 70 72
    Öffnungszeiten:
    10:00 Uhr – 00:00 Uhr

    • 6kraska6 Says:

      Na ja, leider kann nicht jeder gleich ins Griechische nicht-einheiraten. – Übrigens ist bei Dir um die Ecke ein zwar auch nicht authentischer, aber sehr sympathischer Grieche, über den ich noch berichten will. Kennt Ihr den? (Olympos, Düsseldorfer Straße)

      • SwasthaMy Says:

        Da hab ich mich noch nicht reingetraut…der ist im ehemaligen „Deutscher Vatter“, nicht wahr?
        Ich platze gerade vor lauter Tarama, Melizanosalata und Süßkram … puh…

  2. 6kraska6 Says:

    Tja, den „Deutschen Vatter“ riecht und sieht man noch, wenn auch begraben unter lauter Hellenen-Nippes. Aber der Wirt ist ein Original, die Küche irgendwie anders, und außerdem ist es der erste „Grieche“, wo ich vom Wirt, auf die Bitte nach einem Salzstreuer, mir erstmal einen Vortrag über Ökotrophologie (!) anhören und mir sagen lassen mußte, daß zu viel Salz nicht gesund ist…

  3. bunnyberlin Says:

    na — tarama & melitsanosalata gehört doch sogar bei den deutschen „griechen“ zum standardprogramm, oder?

    aber fawa, chorta, loukaniko, patzaria…. und nicht zu vergessen loukoumades — das findet man in der taverna ousies in balin. polí orea😀

  4. greekgirl Says:

    Was genau haettest du den gerne als original griechisches essen? Ich denke mal das es das original griechische essen naemlich gibt und zwar kannst du das auf jede menge restaurants finden. Da wo der Koch vielleicht grieche ist? Wenn du zum Beispiel Mussaka ist und Obergienen, Hackfleish, Kartoffeln und Bessamelsause benutzt dann ist es original griechisch. Muss auch nur gut gekocht werden.


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