Aura kaputt, aber a scheene Leich


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"Kennen wir uns?" Pappkamerad Altenberg (links) und Bewunderer Kraska im Central

NOSTALKOHOL

 Ich weiß zuviel. Ich bin Besserwisser. Das meiste, was ich unternehme, tue ich daher wider besseres Wissen. Je mehr Wissen, desto öfter macht man Sachen, bei denen man schon vorher weiß, es kommt nichts dabei heraus. Und je älter man wiederum wird, desto häufiger verzichtet man auf Unternehmungen, die voraussichtlich zu nichts führen. Unterm Strich: frühe Alterslethargie! Denn die alte Ingenieursweisheit „use it or loose it“ stimmt ja: Beispielsweise hab ich, weil ewig nicht mehr benutzt, komplett meine Aura-Erschauerungsfähigkeit verloren. Früher erschauderte ich gern etwa auf Pariser Friedhöfen: Die Ruhestätten Stendhals, Balzacs oder Prousts mit ihrer Aura ergriffen mich, sogar das Grab von Molière auf dem Père Lachaise, obwohl er da gar nicht drinliegt, höchstwahrscheinlich, ließ heilige Schauer über meine innere Haut rieseln!

Und heute? Vorbei. Mythische Orte lösen gar nichts mehr in mir aus. Man könnte mich vor den brennenden Dornbusch stellen, aus dem einst der Herr Jehova zu Moses redete – schnöde würde ich sagen: „Meinetwegen können Sie den Brenner jetzt abstellen!“ Ich bin, scheints, zu 100% gedenkstättenresistent geworden. Gefühlskalt wie eine frigide Fregatte! Zeigte mir Papst Benedikt XVI. persönlich den Sarkophag, von dem er neuerdings glaubt, er berge die gebrochenen Knochen des Heiligen Märtyrer-Apostels Paulus, so liefe aus meinem Mund – würde unsere Begegnung denn in einem mittelalterlichen Bildwerk festgehalten – so ein Spruchband heraus, auf dem stünde: „Ach was! Was Sie nicht sagen, Heiliger Vater! Hier also liegt der Hund begraben? Wie ungemein spannend!“ – Natürlich wäre das Band mit einer goldbrokatenen Borte aus lauter Ironiezeichen umbördelt.

Diese meine schon ins Eisige spielende Abgebrühtheit, Indolenz und Unbeeindruckbarkeit macht es schwer nachvollziehbar, warum ich das Café Central besucht habe, aber Konsequenz macht das Leben ja auch langweilig und vorhersehbar. –

Das Cafe Central! Wer hat nicht davon gehört? Einst DAS Wiener Kafeehaus. Meine geheimen Helden, Peter Altenberg, Alfred Polgar, Anton Kuh, Egon Friedell und Karl Kraus pflegten hier zu verkehren, wie man so sagt, verbummelten hier ihr Leben und saugten sich ihre berühmte locker aufgeschäumte Kaffeehausliteratur aus den nikotingelben Fingern. Der Dichter und Außendienstler „im Damenverehrungsgeschäft“ Peter Altenberg gab sogar, als er ins Literaten-Lexikon (Kürschner) aufgenommen wurde, das Cafe Central als seine Adresse an!

Alfred Polgar entwickelte hier sogar seine „Theorie des Cafe Central“, die folgendermaßen beginnt: „Das Café Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen. Was sieht man schon?“ um u. a. fortzufahren: „Das Café Central liegt unterm Wienerischen Breitengrad am Meridian der Einsamkeit. Seine Bewohner sind größtenteils Leute, deren Menschenfeindschaft so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.

Indes, auch das Herumlungern in Kaffeehäusern erfordert so etwas wie buddhistische Übung:  „Teilhaftig der eigentlichsten Reize dieses wunderlichen Caféhauses wird allein der, der dort nichts will als dort sein. Zwecklosigkeit heiligt den Aufenthalt. Der Gast mag vielleicht das Lokal gar nicht und mag die Menschen nicht, die es lärmend besiedeln, aber sein Nervensystem fordert gebieterisch das tägliche Quantum Centralin. Mit Gewöhnung allein ist das kaum zu erklären, auch nicht damit, daß es den Centralmenschen, wie den Mörder an den Ort der Tat, immer dorthin ziehe, wo er schon so viel Zeit totgeschlagen, ganze Jahre ausgerottet hat. Also was denn ist es? Das Fluidum! Ich kann nur sagen: das Fluidum! Es gibt Schreiber, die nirgendwo anders wie im Café Central ihr Schreibpensum zu erledigen imstande sind, nur dort, nur an den Tischen des Müßigganges, ist ihnen die Tafel der Arbeit gedeckt, nur dort, von Faulenzlüften umweht, wird ihrer Trägheit Befruchtung. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger.

Alfred Polgar mußte es wissen, der er verbrachte hier Tarock-Karten spielend ein beträchtliches Quantum Lebenszeit, sodaß der „Sprechsteller“ Anton Kuh schon unkte: „…sah man ihn stundenlang so sitzen, dann war gewiß der Gedanke ununterdrückbar: ‚Herrgott, was könnte aus diesem Mann werden, wenn er hier nicht stundenlang tarockspielend säße!Diesethalben saß er und spielte.“ Daß in diesem Biotop der Eckensteher und Herumhänger eine höhere Genie-Dichte pro Quadratmeter zu verzeichnen war als in London oder Paris (immerhin gingen auch Hugo von Hoffmannsthal, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud u. a. hier ein oder aus), konnte man als Fremder nicht erkennen. Anton Kuh : „Der unbefangen Eintretende allerdings hätte mit Recht darauf geschworen, nichts als zeitunglesende und kartenspielende Spießer vor sich zu sehen.“

Die große Zeit der Bohème, der geistreichen Schnorrer, scharfzüngigen Spötter und edelfedernder Wortvirtuosen ist freilich schon im Märchenland versunken, will sagen: schon nicht mehr wahr, seit hundert Jahren vorbei. Das heutige Central residiert zwar noch immer in der Herrengasse im 1. Bezirk, aber nicht mehr im einstmals berühmten Kuppelsaal der Börse, sondern im ehemaligen Foyer einer Bank, das man im Stil toskanischer Neo-Renaissance aufgehübscht und marmoriert hat. Bohème gibt’s nicht mehr (es sei denn, die Genies tarnen sich als Touristen und „zeitungslesende Spießer“), und Peter Altenberg, der berüchtigte Schnorrer, hätte seinen Wohnsitz wohl kaum in einem Café genommen, in dem ein kleiner Schwarzer 3,70 Euro kostet.

Freilich: der Kuchen hier ist noch immer köstlich, die Kellner sind auch in der heurigen Generation von vollendeter Wiener Höflichkeit, und mit ein bißchen Einbildungskraft mag man sich in eine Zeit zurückträumen, als Kaiser Franz Josef noch gütigst das Reich zu regieren geruhte, die beiden Weltkriege noch nicht geführt waren und die größte Aufregung ein falsch gesetztes Komma im Leitartikel auslöste, über das Karl Kraus und Anton Kuh in Streit gerieten.

Das Cafe Central weiß natürlich, was es seinen Literaten schuldet und hat zumindest Peter Altenberg ein Denkmal gesetzt in Form einer lebensgroßen Pappmachée-Figur desselben, die am Eingang sitzt und sich, ohne eine Miene zu verziehen, von den Jebildeten unter den Touristen fotographieren läßt. Das Café Central der Jahrhundertwende ist lange tot – aber es is a scheene Leich!

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3 Kommentare - “Aura kaputt, aber a scheene Leich”

  1. joulupukki Says:

    Wie treffend … schön ist es schon. Abgesehen von den Sisi & Franzl Portraits, die sind ein Skandal!
    Bekannt und immer noch reizvoll finde ich, trotz Touris, eigentlich das Hawelka. Seit der Eröffnung wurde da nichts verändert (außer dass sie letztes Jahr die alte Registrierkassa gegen eine elektronische ausgetauscht haben. Versteckt im Küchebereich und sie schämen sich ja auch ein bisserl dafür). Und Nackate sitzen auch schon länger keine mehr drinnen …

  2. lakritze Says:

    Jetzt bin ich ein bißchen traurig und brauche einen Kaffee.


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