Marmorkuchen, Kaiserschmarrn: Überleben trotz Ärzten


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Er lebe ruhig ziemlich hoch: Josef II. (HRR), Kaiser des Hlg. Römischen Reichs Deutscher Nation, 1741-1790

Überall dasselbe: Historischer Hotzenprotz! London, Paris, Madrid, Lissabon, Brüssel, Wien: Im Eurovision Sightseeing Contest punkten  Metropolen mit Prunk und Pracht. An jeder Ecke alte Schachteln! Mörderische Marmorkuchen bratzen fett, monströs und milliardenschwer in Parks, an Plätzen, am oberen Ende von Alleen und am Saum der Boulevards und Avenuen: Ungeheuerlichstes Un-Getürm, posamentierte Potentaten-Palastpanzer, Schlossallee-Schlösser. Neureiche Chinesen-Touris umkurven den Steinschlamasselsalat mit der Gondel oder dem Fiaker und machen „Oh!“ und „Ah!“. „Klick“ macht es auch ununterbrochen, Asiaten wollen ja Hofburg und Versailles gern als mp3 mitnehmen, im Kopf macht es aber nicht „klick“, weil die Herrschaften kein „L“ aussprechen können, oder weil sie der diensthabenden Niedlichkeitsprinzessin, Fremdführerin Li, nicht zuhören. Quak, Qaack, sagt die gerade, was soviel heißt wie: „Kaiser Nepomuk III.a  errichtete hier ein Sommer-Sanatorium“ oder „Scherzherzog Fürstenschreck-Osterhazy leitete zum Zweck der Türkenabschreckung hier die Donau in den Wienerwald…“ usw. Wie denn, fragt sich der Bildungsferne, in Geschichte immer Geschwänzthabende: Wurde das Habsburgerreich denn von Maurern und Kanalbauern regiert? Ja und nein. Na ja gut, eher nein. Die Knochenarbeit wurde von eigens zusammengekarrten Knochenarbeitern gemacht, aber immerhin auf kaiserlich-königliche Bestellung. Wie? Was fragt ihr? Nicht alle durcheinanderreden! Du da! Was ist deine Frage?

Ob es Kaiser und Könige wirklich gegeben hat? Aber selbstverständlich! Alfons der Viertelvorzwölfte, der Kaiser mit den neuen Kleidern, der Schwiegervater von Aschenputtel und der Chef vom Eisernen Hans – die haben alle wirklich mal gelebt! Ist aber lange her. Heute sind die meisten auf ihrem Pferd versteinert und stehen auf Parkplätzen, oder so Plätzen im Palastvorgarten. Manche kennt man noch: Kaiser Testarossa, Kaiser Schmarrn, Fürst Pückler. Oder eben auch Dings, Kaiser Josef.

„Och nö! Nicht schon wieder Josef! Dann heiß ich ja wie diese ganzen anderen Kaiser alle“, maulte der kleine Prinz. Na gut, hieß es in Hofkreisen, dann nennst du dich eben … Josef II. –

 Als Josef II. geboren wude, 1741 in Wien, gab der Palast eine Presseerklärung heraus, die heute noch grooved:

 „Heute in der fruhe zwischen 2 und 3 Uhr seynd Ihre Majestät die Königin zu Hungern und Böheim (sic!), Erz-Hertzogin zu Österreich, unsere Allergnädigste Landes-Fürstin und Frau eines schön- und wolgestalteten Ertz-Herzogen zu unaussprechlicher Freude Allerhöchster Herrschaften wie auch zum höchsten Trost alhiesiger Inwohner und gesammter Königl. Erb-Königreichen und Landen glücklichst entbunden worden; von welcher glüklichen Entbindung alsogleich der Ruf mithin ein immerwährendes Jubel-Geschrey durch alle Gassen noch bey eitler Nacht erschollen. Von dieser glücklichen Entbindung seynd auch die Nachrichten mittels Abfertigung einiger Kammer-Herren, Truhsessen und respektive Expresso an unterschiedliche auswärtige Höfe abgefertigt worden.“

 „Ein immerwährendes Jubel-Geschrey durch alle Gassen noch bey eitler Nacht“, das kennt man sonst nur von der Fußball-WM, aber der kleine Säugling vom Mutter Maria Teresia hatte es verdient! Schon früh widmete sich der Kaiserlehrling der Aufgabe, sich beim Volk unvergesslich zu machen, etwa durch sorgfältig und systematisch organisierte Ausbeutung Ungarns, der Tschechei, Rumäniens, Serbiens, Kroatiens, Sloweniens, Norditaliens usw., denn eine Hofburg oder ein Schloß gibt’s ja nun nicht auf Bausparvertrag. Josef II. hat aber auch viel fürs Volk gemacht. Hauptsächlich Vorschriften, und zwar für alles und jedes. Er galt ein bisserl als Pedant, weil er der Bevölkerung sogar vorschrieb, wieviel Kerzen sie bei einer Beerdigung anzünden sollten. Außerdem verbot er den Genuß von Pfeffernüssen, von denen er irgendwo mal gelesen hatte, sie seien gesundheitsschädlich.

 Gesundheit war ihm überhaupt wichtig! Deshalb ließ er 1784 den Narrenturm bauen, um psychisch Kranke zu pflegen – damals revolutionär. Das Gebäude hat 5 Stockwerke mit je 28 Zellen, weil das für Josef, einen Anhänger der kabbalistisch-astrologischen Zahlenmystik, irgendwas bedeutet hat. Auch Monarchen pflegen Marotten. Es heißt, Kaiser Josef II. hätte sich im Narrenturm ein eigenes Studierzimmer einrichten lassen,  weil dort, hoch im obersten Stock, die „geistige Energie“ besonders stark gewabert habe, die der Kaiser habe tanken wollen oder so, vielleicht war der Habsburger insgeheim ein Feng-Shui-Anhänger? Nein, aber gehörte dem Geheimbund der Rosenkreuzer an, und deren Vorstellungen waren spinnert genug.

Anderen Spinnern war der aufgeklärte Absolutist eher abhold: Er drängte den Einfluß des katholischen Klerus zurück, befahl religiöse Toleranz und löste alle Klöster (700!) auf, die keine produktive Arbeit leisteten. Im übrigen düste der Kaiser in seiner Kutsche rastlos inkognito quer durch Europa, um als „Graf Falckenstein“ so seine Erfahrungen zu machen, zu denen es wohl auch zählte, über den Kaiser, den Hundsfott, schimpfen zu hören. Allerdings wussten die meisten Menschen schon bescheid, wenn „Graf Falckenstein“ auf Tour war: Sie zogen ehrerbietig die Hüte und riefen: „Grüß Gott, Herr Kaiser!“.

Ein späterer Nachfahr des Kaisers, Franz Joseph, hat in Wien ein Hutmuseum begründet. Das nebenbei. Die damals geschwenkten Hüte könnten also evtl. besichtigt werden.

Dort, wo Josef II.  den Narrenturm bauen ließ, befanden sich bereits Armen- und Pesthäuser sowie ein Militärspital und eine Feldscher-Schule, Einrichtungen, die der Kaiser zu Wiens größtem und (damals) modernsten Krankenhaus zusammenfasste, welches man deshalb, mit gewissem Recht und zweckmäßigerweise, „Josephinum“ nannte. Das Josephinum gibt es noch heute; neben diversen Uni-Instituten beherbergt es die „Sammlungen der Medizinischen Universität Wien · Josephinum“, eine der bedeutendsten, in Jahrhunderten gewachsenen, komplett erhaltenen medizinhistorischen Sammlungen der Welt. Hier läßt sich studieren, warum die Leute, die damals überlebten und ein respektables Alter erreichten, es zumeist TROTZ der Ärzte taten, und nicht wegen. Ob dies heute natürlich vollkommen anders ist, darüber darf man denken, was man will – nicht zuletzt aufgrund der emsigen Aufklärungstätigkeit des großen Kaisers Josef II., von dem die Leute erst merkten, daß er eigentlich doch nicht so ein übler Patron gewesen war, als sie in den Genuß der Regentschaft seiner erzreaktionären Nachfolger kamen.

 Ansonsten wäre noch zu sagen, daß der Kaiser das engelhafte Originalgenie Wolfgang Amadeus Mozart dankenswerterweise generös mit Opernaufträgen bedachte. Hoch lebe daher, wenn auch nicht ganz so hoch wie’s Wolferl, der Kaiser Josef II.! Ihm, der 1790 an Tuberkulose starb, folgte sein Bruder, Leopold II. Da war erstmal Schluß mit lustig und mit Meinungsfreiheit. 

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One Comment - “Marmorkuchen, Kaiserschmarrn: Überleben trotz Ärzten”

  1. lakritze Says:

    Der Josephinismus ist ungefähr das einzige, an was ich mich aus dem Geschichtskurs noch erinnere. Halt, nein, an den Schlieffenplan, an den auch noch.


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