Wiener G’schichtn: Adabei


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Nicht Jet-Set, sondern Postkutschenzeit: Der Hirschkäfer

Eine Überdosis historisches Wien kann nostalgisch stimmen. Auf der Terrasse, abends, nach einem langen Tag in der Josefstadt, verfolgt die Gattin sinnend den schwerfällig brummelnden Heimflug eines Hirschkäfers und murmelte, nach ausgiebiger Kontemplation, leis und schwärmerisch traumverloren: „Das ist auch so ein liebes Tierchen noch aus dem 19. Jahrhundert … Ich mein, halt so Postkutschenzeit…“

 Als Evolutionstheorie ist das zwar ungewöhnlich, aber plausibel und ausbaufähig. Lebten wir früher, zur Zeit des Urgroßvaters, gemütlich unter urigen Unken, Lurchen, molligen Mollusken, Schopfschnepfen und schnuckeligen Napf-Schneckchen, so stöhnen wir heut in der Ära der Eintagsfliegen, Schnell-Schnaken und Spinnmilben, gefangen im Zeitalter nichtsnutziger Parasiten, blutsaugerischer Mast-Egel und unterwürfiger Tausendküßler. Die biogeographischen Großräume München und Wien veröden unter dem Befall mit schmierigen Adabeis, einer Laus-Plage auf Schleimpilzbasis, einer Society-Krankheit, die durch angedeutete Wangenküsse („Bussi-Bussi, Gä’Frau!“) übertragen wird.

 Die männliche Form des Adabei (österreichisch für „auch dabei“) demonstriert zumeist, durch schwarzbraune Hautfarbe, daß es außer Golfen und Segeln nichts mehr „zum Tun“ gibt; sie trägt, vor allem während der ganzjährigen Balz, an der Bauchseite und den Bizeps Muskelattrappen zur Schau und bewegt sich in nach oben hin weit offenen Automobilen („Cabrios“) fort; wo die Verkehrsverhältnisse besser ausgebaut sind, benutzt er auch gern schwarze, tonnenschwere, allradgetriebene Geländewagen („SUVs“) der Firmen Daimler, Porsche oder VW. Der männliche Adabei war meistens früher mal irgendwas (Schlagersänger, Zuhälter, Defraudant oder Casino-Betreiber), wovon er dann lebenslang zehrt. Apropos zehren: Die Nahrung des Adabei besteht a) aus der klebrigsüßen Aufmerksamkeitssülze des Boulevardjournalismus, b) aus „Hasen“ (auch: „Spatzl“, „Baby“ oder „Hascherl“, manchmal evtl.: „Flitscherl“). Ohne Nachschub an frischen oder wenigstens frisch ausgestopften „Hasen“ muß der Adabei verhungern oder implodieren, weil sein Mikroorgan („Penis“) mit Denken evolutionär überfordert ist.

 Die weibliche Begleitform des Adabei bildet die sog. „Kunstszene“, die so heißt, weil am „Hasen“ meist alles mehr oder minder künstlich ist: Frisurblondierung, libido-stimulierendes Möpse-Volumen, Bräunung der sog. Lederhaut, Zähne-Blecken an Lipgloss-Botox-Schwellkörperlippen („schneeweiß & rosenrot“), Fingernägel („Acrylkrallen ‚LasVegas’“), girrendes, gurrendes Lachen – alles künstlich! Selbst das Hirn des weiblichen Adabei besteht oft nur aus einem Eierlöffelchen Kunsthonig. Der Rest ist Parfum und Herzenskälte. Das Weibchen ist zuständig für die Abteilungen Optik (Deko) und Sexualität. Die Sexualität der Adabeis erfolgt durch gemeinsames Cabrio-Fahren und angedeutete Wangenküsse („Bussi-Bussi!“).

 Die Wiener „Kronenzeitung“, ein Boudevardblatt jener Klasse, die man bereits zögert, auch nur als Tissue de toilette zu verwenden, hat eine Rubrik: „Adabei“. In ihr berichten gel-haarige, goldkettchentragende Sonnenbankiers und Press-Zuhälter über ihresgleichen und deren „Hasen“. Eine kotzbare Lektüre für Geschmeißfliegen und Freunde süßlich-fauliger Geschmacksverwesung! („Ja schloag net so aan Wöin! Woas kost scho so aan Gschmaack! Aan Gschmack zahl i dir aus der Portokassn!“)

Wer sich das mal kostenlos anschauen will, stellt sich an den Schaukasten vom Bistro-Pub „Nikodemus“, direkt vis à vis von der Kirchn am Hauptplatz der Metropole Purkersdorf. Das Schaukasterl dokumentiert die Adabei-Party zum 19-jährigen (ha! „Hasen“!) Bestehen des „Nikodemus“, und zeigt „Szene-Wirt Niki“ im Kreise seiner prominenten Adabei-Freunde, unter denen freilich jetzt mir nur einer bekannt war: der im Wienerwald anscheinend weltberühmte ältliche Rockschlager-Öler „Andy Lee Lang“. Berühmt ist er, weil er letzte Woche in Purkersdorf als Vorgruppe von Peter Kraus gespielt hat.

Laut div. Tourismus-Flyer ist das „Nikodemus“ eine „SzeneKneipe“. Wer jetzt gleich seinen Vorurteilen die Sporen gibt und sagt: „Na, zu DER Szene möchte ich aber nicht gehören, dieser démi monde des Kreditkarten-Adels und dero blondierter Silikon-Flittchen!“, der äußerst sich evtl voreilig. Außerhalb des nordwestdeutschen Sprachraumes, z. B. in München und Wien, bedeutet „Szene-Kneipe“ etwas abweichendes: Es handelt sich um ein Etablissement, wo sich der Adabei und seine Hasen gern mal eine Szene machen. Hier wird die Teilung des Pelzmantels („Nobelzobel“) und das Sorgerecht für die Silikon-Möpse ausgehandelt, hier lächelt man vielzähnig („Hai! Spatzl! Buss-Bussi!“), während die Trennung von Fisch und Fahrrad beschlossen wird, hier klimpern goldene Armreifen und maskara-schwere Traumwimpern („Oréal! Jetzt mit bis zu 25% mehr Ausdruck!“), hier werden hochwertige Plastik-Chips mit astronomischen Gefühssimulationen über die Spieltische geschoben; in den V-Ausschnitt-Vitrinen an den Nebentischen wölbt und wogt Doppelmopsfleisch in Übergrößen, man gibt sich entfesselt, spontan und sorgenfrei, kurz: hier wär man gern „Adabei“.

Na und? Kein Problem! Kann man! Das „Nikodemus“ hat einen gemütlichen kleinen Schankgarten, es gibt kleine leckere Gerichte, sorgfältig gemachte, recht delikate Salate und guten Wein aus der Region, auch noch zu vernünftigen Preisen. Die abschließende Käse-Platte enthielt zwar keine Überraschungen, kam aber frisch, schmackhaft und ansprechend daher und wurde mit lediglich 5,50 € berechnet. Hätte man DAS gedacht? Nun, nur, wenn man Vorurteile hegt. Essen, Trinken, ethnologische Studien betreiben – diese drei Dinge kann man hier durchaus tun und adabei sein. Wenn man Glück hat und fremdelt, bekommt man vom Wirt keine Wangenküsse, sondern nur ein devot händereibendes, ganz leicht schmieriges „Geht es Ihnen gut? Werden Sie gut betreut? Ist alles nach Ihren Wünschen?“ zugedienert.

 Apropos Wein: Immer wieder rege ich mich über die Unsitte auf, zu normalpreisigem Essen völlig überteuerte Durchschnittsweine zu kredenzen. So etwas tut man im „Nikodemus“ nicht! Hier kommt man bizarrerweise durch die Brotpreise auf seine Kosten. Während man so schaut, staunt und die Auslagen (s.o.) beglotzt, knuspert man gedankenlos an den dargereichten Brötchen und Laugensrangen – man will ja nicht immer offenen Mauls glotzen! Ich glaube, erstmals im Leben war bei mir am Ende des Abends die Brotrechnung höher als die Getränkekosten. Trotzdem geh ich da noch mal hin. Wir, die Gattin und ich, haben nämlich gewettet, wie oft wir kommen müssen, bevor sie die ersten Wangenküsse einstreicht. – Die Kotzen übernimmt natürlich der Gentleman! Also, Bussi-bussi, gööh, babá und ciao, Euer Kraska (Adabei)

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2 Kommentare - “Wiener G’schichtn: Adabei”

  1. joulupukki Says:

    Hui, da hats Dich aber in eine Gruselecke verschlagen. Wünsche über die Bussi-Bussi-Erfolgskurve genauestens unterrichtet zu werden!


  2. […] Die schmierige Schickeria aus Wien und München wird hier ganz nett zur Schau gestellt:https://6kraska6.wordpress.com/2009/06/18/wiener-gschichtn-adabei/ […]


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