Wiener G’schichtn (Impertinente Prominenz)


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Aus großer Zeit: Hermann Nitschs "Orgien-Mysterien-Theater"

WAS UNS TRENNT

„Deutsche und Österreicher unterscheiden sich durch die gemeinsame Sprache“ spöttelte einst Karl Kraus, und kaum ist man als Nordnordwestdeutscher in Wien-Schwechat aus dem Flieger gestiegen, merkt man das wieder. Eingeborene Wiener beherrschen die musikalische Kunst, ein unglaublich breites, vokalreiches und gedeeeeehntes Idiom zu sprechen, dies aber in einem Wahnsinnstempo. Daß Deutsche in Österreich oft als arrogant verschrieen sind, hat vielleicht hier seine Wurzel. Wiener scheinen es nicht für denkbar zu halten, daß man sie schlichtweg nicht versteht, und unsereins traut sich nicht, ständig nachzufragen, was noch mal Blunzn sind, Kiwara, Hawara, Naderer,Tschecheranten, G’stopfte oder Gfrastsackl. Da kann die Kommunikation schon mal holpern. Wie wir später beim Dorfwirt in Purkersdorf überm Blunzgröstl gesessen sind, hab ich zur Gattin gesagt: „Hier ist alles wie bei uns – nur eben ganz anders“. Gut so! sonst hätt ma ja nicht extra nach Österreich foahrn miassn.

 In der Flughafenhalle entdecke ich gleich unseren Chauffeur. Nicht, daß wir uns kennen, aber er hält ein Schild mit unserem Namen hoch und schaut a bissel fragend ins Menschengewühl. Irgendwann treffen sich von ferne unsere Blicke, ich zeig auf sein Schild, er zeigt ungläubig auf mich zurück, ich nicke heftig, er deutet sicherheitshalber noch einmal aufs Namensplakat, dann fragend auf uns, ich weise draufhin neuerlich auf mich und nicke noch mal frenetisch, das geht noch ein Weilchen so weiter, und schon haben wir uns verstanden: Das ist der Mann von C&K, der uns von Wien-Schwechat nach Purkersdorf kutschiert, was präzis 38 Euro kostet, also günstiger ist als ein Taxi, und Wiener Sprachmusikalien in Form von G’schichtn gibt’s gratis oben drauf.

 Das heißt, ein Weilchen beäugt uns der Mann etwas skeptisch, aber irgendwann wird’s ihm fad. „Ah, hoit foahr i proaktisch nuur a Promineeeenz…“ – „??“  –„Noo, dös Fernseh…“ deutet er aufs Namensschild, wo der Arbeitgeber-Sender der Gattin draufsteht. Ich unterlasse die fällige Richtigstellung, daß man auch vollkommen unberühmt beim „Fernseh“ arbeiten kann und lausche lieber einer atemberaubenden G’schicht, die so beginnt: „Und vor vier Stunden hob i den Nitsch gfoahrn! Den Maler, wissen’S? Mit am Flitscherl, dös könnt sei Enklin sein!“ Glücklicherweise bin ich bewandert und repliziere gekonnt: „A, gehn’S! Den Blut-Nitsch?!“ So entspannt sich ein Gespräch über Wiens berühmtesten lebenden Kunstmacher Hermann Nitsch, den Erfinder des Orgien-Mysterien-Theaters, bei dem bekanntlich u. a. viel Tierblut und nackerte junge Menschen zum Einsatz kamen.

 Unser C&K-Mann war vom Nitsch nicht begeistert, was aber außerkünstlerische Gründe hatte (der Wiener ist in Kunstdingen sicherheitshalber tolerant; man kann ja nie wissen, ob nicht einmal wieder ein Mozart oder Schubert oder Schiele herauskommt…): Der große alte Nitsch nämlich hatte sich „impertinent“ benommen und sich als Ungustl (= unsympathischer Mensch) erwiesen. Erst hatte der Malerfürst den Fahrer nur indirekt angesprochen, über sein Flitscherl („Sag dem Bua, er soll da einbiegn!“), dann hatte sich der Herr Chauffeur, ein gesetzter Mitfünfziger, vom alten Nitsch (71) nicht „Bua“ nennen lassen wollen, und dann gabs „a richtigs Gfrett (= reichlich Ärger)!

 Am End von der G’schicht war noch Zeit übrig, und so bekam ich noch einen Abriß der Firmengeschichte der Transportgesellschaft C&K dargelegt, den ich abkürzungshalber zusammenfasse: Die Firma unterhält mit 90 Wagen einen Transportservice von und zum Flughafen Wien-Schwechat. Bis 2008 war das Unternehmen im Besitz eines spielsüchtigen Falotts (= Gauners), der Steuern hinterzog und Fahrer schwarz („schwoazz“) arbeiten ließ. Dann haben Kiwara (=Polizisten) in einer Großaktion alles beschlagnahmt und den Chef einsackelt (= verhaftet). Die Wiener Lokalbahnen, eine Tochtergesellschaft der Wiener Stadtwerke, hat den Bestand dann übernommen, vom Wagenpark bis zur Buchhaltung alles renoviert und auf ordentliche Räder gestellt und jetzt ist es ein seriöses Unternehmen, dessen Dienste man gern in Anspruch nimmt. Besonders stolz scheint man darauf zu sein, so entnahm ich später Presseberichten, und so bestätigte es der Chauffeur, daß man nicht nur den Fuhrpark erwerben konnte, sondern auch die Telefonnummer („fünfmol die vier“), die zum Erfolg des Unternehmens viel beiträgt.

 Auf der gut halbstündigen Fahrt habe ich noch viel mehr erfahren: Einiges aus der Lebensgeschichte eines Urwieners; etwas über die spezifische Bösartigkeit Schwechater Gendarmen (= Kiwara!) gegenüber Droschken mit Wiener Nurmmernschild; einiges über Rapid Wien und das Ernst-Hanappel-Stadion sowie ferner noch einmal doppelt so viel andere G’schichtn, von denen ich leider nichts begriff, weil er erzählte sie in in der gemeinsamen Sprache, die uns trennt.

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9 Kommentare - “Wiener G’schichtn (Impertinente Prominenz)”

  1. oachkatz Says:

    Ein Grund, warum speziell Nordnordwestdeutsche in Österreich als arrogant verschrieen sind, ist, weil sie sich ständig in ihren oft unbeholfenen Nachahmungsversuchen des regionalen Idioms über selbiges lustig zu machen scheinen…Aber das machst Du sicher nicht vor Ort? Oder?

    • oachkatz Says:

      Huch, das klingt ein wenig harscher als gemeint. Ich wollte damit natürlich nicht sagen, dass Deine Nachahmungsversuche unbeholfen sind…aber wie Österreicher, Schweizer und Niederländer sind Süddeutsche diesbezüglich ziemlich sensibilisiert.

  2. 6kraska6 Says:

    @oachkatz: Na ja, PRINZIPIELL mach ich mich schon über ALLES lustig, NUR: Wer sich darüber lustig machen wollte, daß andere Menschen anders sprechen, als man selbst, wär ja als Depp ausgewiesen. Es sei denn, die Performativität der Sprache würde zur Selbstironisierung benutzt: Man „gibt“ den Provinzler, der staunt, daß es anderswo alles ganz anders ist…
    Kurzum: Ich liebe die Wiener und die Musikalität ihrer Sprache über alles. Lustig finde ich halt nur immer wieder, wie sich Karl Kraus genialer Satz „Deutsche und Österreicher unterscheiden sich durch die gemeinsame Sprache“ bewahrheitet. Damit ist aber keine Geringschätzung von irgendwem verbunden. Dazu bin ich viel zu gut erzogen.
    Habedieehre,
    Mag. Kraska

  3. joulupukki Says:

    Ich finde ja, Du hast es (fast) perfekt getroffen🙂
    Ein Ungustl ist aber eigentlich ein ungustiöser Mensch (ist ungustiös eigentlich auch österreichisch?)

  4. 6kraska6 Says:

    Natürlich österreichisch. Im /Hoch-)Deutschen gibts das Wort nicht.


  5. Über den Spaß, sich einer in wohlgesetzten Worten dargebrachten Fremdsicht gegenüber zu sehen, möchte ich mich nicht weiter auslassen. Bloß zwei Korrekturen möcht ich anbringen:
    1. Wenn, ham’s den Chef „einGsacklt“
    2. Das besagte Stadion ist nach der Trainerlegende Ernst Happel benannt. Der (früh verstorbene Gerhard) Hanappi, dem diese kurios-sympathische Ligatur wohl geschuldet ist, war zwar auch eine Fußball-Legende und es ist auch ein Stadion nach ihm benannt, aber eben just nicht jenes.
    Wöi, wann des a Grean-Weißa (grün-weiß sind die Klubfarben des SK Rapid) lesat (oba Rapidla kennan jo eh ned lesn), dann häzt’n Scherbm auf.


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