Meine Idole (2): Robert Walser


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Sprachmagier und Verkleinerungskünstler: Robert Walser 1878 - 1956

Wer schimpft, weil dieser Aufsatz ihm zu lang ist, der kann entweder nur die blauen Zeilen lesen (mein Text), oder nur die lilanen (Texte von Robert Walser), dann gehts etwas schneller…

Ein kalter, schneereicher Weihnachtssonntag vor 52 Jahren. In der Psychiatrischen Heilanstalt Herisau wartet ein langjähriger Insasse vergeblich, daß ihn sein Freund und Vormund zum regelmäßigen Spaziergang abholt. Schließlich macht sich der zarte, zerbrechliche alte Mann im abgetragenen Anzug allein auf, legt den Schal um, nimmt den Hut und geht in den Schnee hinaus. Der Schlußakt eines langen Verschwindens: Der Großmeister taoistischer Selbstverkleinerung hatte sich schließlich, schweigend und klaglos, ins Nichts begeben. Man findet seinen Leichnam in einer Schneewehe, seine zagen Spuren schon halb verwischt, als hätte das Weiß einer leeren Seite schließlich die Spuren der Schrift verschlungen, endgültig.

Nachrufe erscheinen keine. Der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben Franz Kafka wohl größte Künstler deutscher Kurzprosa, der Poet, Humorist, Ironiker und unvergleichliche Sprachmagier Robert Walser stirbt, ohne daß die Welt davon Notiz nimmt. Man hatte ihn längst vergessen. Der Schweizer, der zwischen 1908 und 1933 mehr als zweitausend funkelnde, zauberhafte “Prosastückli”produziert hatte, dazu drei traumschön-melancholische, abgründig komische und ironisch-tiefsinnige Romane, überdies zahlreiche gekonnt verhauene und verhuschte Gedichte, Dramolette, Szenen, Meditationen, dieser scheinbar unerschöpflich kreative Vielschreiber und Sprachtheater-Magier verstummte 1933 für immer. 1944 sagt er rückblickend: »Meine Welt wurde von den Nazis zertrümmert. Die Zeitungen, für die ich schrieb, sind eingegangen; ihre Redaktoren wurden verjagt oder sind gestorben. Da bin ich ja beinahe zu einem Petrefakt geworden.«

Ein versteinertes Fossil blieb er nicht; die 70er Jahre feierten seine Wiederentdeckung; heute kann man, staunend, schmunzelnd, kopfschüttelnd, und wenn man vom Fach ist, neiderfüllt, seine meisterhaften Miniaturen, Glossen und Meditationen lesen und in aller Bequemlichkeit süchtig werden nach dem skurrilen Charme dieses verschrobenen Meisters.

Das eher unscheinbare literarische Genre, das Walser zu ungeahnten Höhen führt, ist die von ihm zärtlich als»Prosastückli« bezeichnete Kurz- und Kürzest-Prosa. In den dreissig Jahren bienenfleißiger Produktion entsteht diese ganz eigentümliche poetische Prosa-Welt aus ironisch gebrochenen Idyllen, künstlich auf »altklug« frisierten Meditationen, szenischen Sprachgrotesken und absurden Trivial-Dramoletten, aus hochkomischen Alltagsbeobachtungen, sehr speziellen Reise-Skizzen und allerhand kauzigen Besinnungsaufsätzen, ferner pseudo-naiven und skurrilen Nacherzählungen von Werken der Weltliteratur oder auch Groschentrivialromanen und Kintopp-Rührstücken, außerdem fiktiven Briefe, Szenen, Porträts realer oder fiktiver Personen, – eine nicht abreißende, endlose Flut kleiner und kleinster geistsprühender Meisterwerke, oft nicht mehr als ein oder zwei Buchseiten lang, deren Lektüre in der Tat süchtig zu machen imstande ist, sofern man einen etwas subtileren Humor hat.

Robert Walser, 1878 in Biel geboren, zog es nach kurzer Schulzeit und abgebrochener Banklehre aus der Schweizer Provinz in die große Welt. Er folgte seinem Bruder Karl, der eine Karriere als gefragter Graphiker, Maler und Buchillustrator begonnen hatte, erst nach Stuttgart, dann nach Berlin, wo er selbst erste Gedichte und Prosa-Texte, dann seinen Erstlingsroman veröffentlichte. Im Windschatten seines Bruders gerierte sich Robert im großbürgerlichen Berlin mit Kniehosen, Trachtenjoppe und wildem Haarschopf als eine Art Schweizer Hirtenbüebli und literarisches Naturburschen-Wunderkind, als eine Landei-Rarität mit Esprit und Witz, verstrubbelt, naiv und frech, eine belustigende Kuriosität in den Bildungsbürger-Salons etwa der kultivierten jüdischen Verleger, Kunsthändler und -Kulturmagnatengebrüder Bruno und Paul Cassirer, in denen Robert bald wie Karl zu Gast ist. 
Hört mal von einem Dinner, das er dort selbst besucht, erlebt und, wenn man so sagen darf, in typischer Manier »ver-walsert« hat ( – man lese seine Texte laut, langsam, mit schweizerischer Bedächtigkeit und, wenn man kann, mit Schweizerakzent, – am besten einem möglichst bedächtigen, langfädigen und knarzigen, mit viel Kehllauten und Rachenkrächzern, oder?)

“O, in Gesellschaft zu gehen, ist gar nicht so ohne. Man zieht sich hübsch an, wie es einem die Verhältnisse, in denen man vegetiert, gestatten und begibt sich an Ort und Stelle. Der Diener öffnet gleich die gastliche Pforte. Gastliche Pforte? Ein etwas feuilletonistischer Ausdruck, aber ich liebe es, mich im Stil kleiner Tagesware zu bewegen. Ich gebe mit soviel Manier, als ich kann, Hut und Mantel ab, streiche mein ohnehin glattes Haar vor dem Spiegel noch etwas glätter, trete ein, stürze mich dicht vor die Herrin des Hauses, möchte ihr die Hand gleich küssen, gebe indessen diesen Gedanken auf und begnüge mich damit, eine vollendete (?) Verbeugung vor ihr zu machen. Vollendet oder nicht, vom geselligen Zug hingerissen, entfalte ich jetzt eine Menge Schwung und übe mich in den Tönen und Sitten, die zu den Lichtern und Blumen am besten zu passen scheinen.

»Zum Essen, Kinder«, ruft die Hausfrau aus. Schon will ich rennen, ich erinnere mich aber rasch, daß man so etwas nicht tun soll und zwinge mich zu einer langsamen, ruhigen, stolzen, bescheidenen, gelassenen, geduldigen, lächelnden, flüsternden und schicklichen Gangart. Es geht vortrefflich. Entzückend sieht mir da wieder einmal die Tafel aus. Man setzt sich, mit oder ohne Dame. Ich prüfe das Arrangement und nenne es im stillen ein schönes. Wäre noch schöner, wenn einer wie ich irgendetwas an der Dekoration auszusetzen hätte. Gottlob, ich bin bescheiden, ich danke, in dem ich jetzt zugreife, zugable und messere und löffle und esse. Wunderbar schmecken einem gesunden Menschen solch zartsinnig zubereiteten Speisen, und das Besteck, wie es glänzt, die Gläser, wie sie beinahe duften, wie sie freundlich grüßen und lispeln. Und jetzt lispelt auch schon meinerseits eine ziemlich ungenierte Unterhaltung. Nimmt mich bald einmal selber wunder, wo und wie ich’s hernehme, dieses Weltbetragen, derart Essen zum Munde zu führen, und dazwischen parlieren zu können.

Wie doch die Gesichter purpur anlaufen, je mehr Speisen und Weine dahergetragen werden. Schon könnte man satt sein, wenn man wollte, aber man will nicht, und zwar in erster Linie aus Schicklichkeitsgründen. Man hat weiter zu danken und weiter zu essen. Appetitlosigkeit ist eine Sünde an so reichbesetzten Tischen. Ich gieße immer mehr flüssige und leuchtende Laune in die allezeit, wie es scheint, durstige Kehle herunter. Wie das anhumort. Jetzt schenkt der Diener auch noch aus dicken Flaschen schäumende Begeisterung ein… Und nun prosten alle, Damen und Herren, einander zu, ich mache es nach, ich geborener Nachahmer. Aber stützt sich nicht alles, was in der Gesellschaft taktvoll und lieblich ist, auf die fortlaufende Nachahmung? Nachahmer sind in der Regel glückliche Kerls, so ich. Ich bin in der Tat ganz glücklich, schicklich und unauffällig sein zu dürfen. Und jetzt erhebt sich der leichte Witz, die Zunge wird lose, das lachende Wort will jedesmal an die sorglose, süße Ungezogenheit streifen. Es lebe, es lebe! Wie dumm! Aber das Schöne und Reiche ist immer ein ganz klein wenig dumm. Es gibt Menschen, die plötzlich lachen müssen beim Küssen. Das Glück ist ein Kind, das ‘heute’ wieder gottlob einmal nicht zur Schule gehen braucht. Immer wieder wird eingeschenkt, und das wie von unsichtbarer Geisterhand Eingegossene wird hinuntergeschüttet. Ich schütte geradezu unedel hinunter. […] O, ich freue mich über das alles, ich Proletarier, was ich bin. Mein Gesicht ist ein wahres, hochrotes Eßgesicht, aber essen Aristokraten etwa nicht auch? Es ist dumm, allzu fein sein zu wollen. Die Eß- und Trinklust hat vielleicht einen ganz aparten feinen Ton des Umgangs. Das Wohlbefinden bewegt sich möglicherweise noch am zartesten. Das sage ich so.

Was? Auch noch Käse? Und noch Obst und jetzt noch einmal einen See von Sekt? Und nun steht man auf, um vorsichtig nach Zigarren angeln zu gehen. Man spaziert durch die Räume. Welche Weltsicherheit. In reizenden Nischen setzt man sich ungezwungen und eng neben die Damen nieder. Alsdann, um es nicht ganz zu verlernen, schritthüpft man zu den Likörtischen, um sich in Wolken von Genüssen von neuem einzuhüllen. Der Herr des Hauses scheint fröhlich. Das genügt, um sich wie sonnenbeschienen vorzukommen. Lässig und witzig redet man zum weiblichen Geschlecht, wenn man kann. Immer zündet man sich neue Zigarettenstangen an. Das Vergnügen, einen neuen Menschen kennen zu lernen, tippt einem an die Stirne, kurz, es ist ein beständiges, gutes, dummes, behagliches Lachen um einen herum. […] Gewöhnt an das Schwelgen, bewegt man sich mit einer behäbigen Sicherheit und mit dem Mindestmaß an Formen im Glanz und im Menschenkranz einher, daß man leise und glücklich staunen muß, es im Leben so weit gebracht zu haben. Später sagt man gute Nacht, und dem Diener drückt man mit Gewicht sein in mancherlei Hinsicht redlich verdientes Trinkgeld in die Hand.”

Solche Szenen, mag ihnen Selbsterlebtes oder Phantasie zugrunde liegen, zeigen neben scharfer Beobachtungsgabe vor allem die enorme mimetische Wendigkeit der Walserschen Sprache. Auf engstem Raum kann er ein Gewirr von Stimmen entstehen lassen, mit Idiomen, Jargons und Nuancen spielen, Abschweifungen sich verlaufen lassen, in beliebige Rollen schlüpfen, Kanzlei- und Kontordeutsch mit Trivialkitsch und Zeitungsphrase mischen, gekonnt unbeholfene, nachgerade unglaublichste Satzgetüme -hervordrechseln und -schnörkeln, und immer, wirklich immer beschleicht den Leser dabei das leise Gefühl, von Walser ein wenig verulkt und veralbert zu werden, auch wenn man zuweilen gar nicht recht weiß, woran man das festmachen soll. Diese omnipräsente und doch irgendwie schwer greifbare Ironie kultiviert Walser mit Bedacht und er amüsiert sich ungeniert und maliziös über die Kritiker, die sich hierdurch verwirren lassen, wie etwa in folgendem Gesprächsbericht:

»In Bezug auf meine Schriftstellerei vertraute er mir mit einer belachenswerten Gebietermiene und -stimme an, er vermöge nicht klug daraus zu werden, er begreife jedesmal nicht, ob ich es ehrlich mit meiner Sprechweise meine oder nicht. Er weiß also nicht recht, ob er mich für aufrichtig oder für unaufrichtig halten soll, womit er natürlich weder seiner Intelligenz noch seiner Gemütsart das allerbeste Zeugnis ausstellt.

‘Du sollst dichten und schreiben, mein Lieber, daß es mir leicht einleuchtete’, besaß er mir gegenüber die Unverfrorenheit, zu beantragen. Es ist klar, daß mir der Antrag als eine Lächerlichkeit vorkam… ‘Da du’s zu etwas brachtest, so sei doch ruhige. Erfreue dich deines Eszuetwasgebrachthabens’, erwiderte ich und meinte ihn besänftigen zu müssen, doch er mißtraute mir, wie er mich auch jetzt noch in der denkbar ausgedehntesten Art und Weise mit seinem Mißtrauen bekränzt, krönt, schmückt und auszeichnet.

Er hat es offenbar geistig noch nicht so weit gebracht, um zu wissen, daß der Mißtrauische stets demjenigen indirekt schmeichelt, den er solcher Bedenklichkeit würdigt. Weil ich es zu nichts brachte, fürchtet er mich. Was für eine unermeßliche Sottise! Was für eine innere Armut im äußeren Hauseigentümerzustand! Er ist ein Gemachter, ich nicht. […] Er sieht, daß ich immer lache, wenn ich ihn sehe. Ich tu es nicht laut, sondern bloß so mit dem Gesicht.«

Trotz beachtlicher Anfangserfolge als literarischer Debütant macht Robert Walser keine Karriere. Er will nicht. Für die“Eszuetwasgebrachthabenden”, die “pomadisierten Gorillas”und “Hauseigentümer” hat er nur feinen Spott übrig. Der struppige Naturbursche aus den Schweizer Bergen, als den er sich stilisiert, besucht lieber eine Kammerdiener-Schule, läßt sich treiben, träumt vergeblich von einer Karriere als Schauspieler, verbummelt sich in Aushilfsjobs und geht schließlich in die Schweiz zurück, um dort in mönchischer Armut und Askese seine Beiträge für Zeitungen und Magazine in Deutschland, Österreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei zu schreiben; in Prag wird Franz Kafka einer der leidenschaftlichsten Bewunderer Walsers.

Eine sehr eigentümlich und auffällige, von Walser gegenüber allem und jedem eingenommene Haltung ist die der übersteigerten, man möchte sagen frenetischen, mitunter beinahe hysterischen Affirmation, einer geradezu zügellosen, entfesselten und losgelassenen Weltbejahung und -bejubelung, mit der schon deshalb irgendetwas nicht stimmen kann, weil ihr Ton so überspannt und exaltiert ist. Wenn die sokratische Urform der Ironie darin besteht, sich in verstellender Absicht kleiner zu machen, als man ist, dann betreibt Walser die Totalisierung dieser Ironie, bei der die Welt vorauseilend und gewissermaßen präventiv rundum über den grünen Klee gelobt, bejubelt und behudelt wird, nur damit… – sie einem nichts tut!

Walsers Haltung ist sogar noch eine dialektische Halbdrehung subtiler, indem er sie demonstrativ vorführt, eigens auf sie verweist und uns damit gleichsam sagt:

Seht her, so winzig, bescheiden und demutsvoll muß man sich machen, wenn man nicht riskieren will, von der Wirklichkeit und den Gewalthabern darinnen zertreten zu werden! Vielleicht ist es diese ironische Überspanntheit, die Walter Benjamin zu dem etwas kryptischen Satz angestiftet hat, Leute wie Walser klängen immer wie geheilte Verrückte, womit er eventuell meinte: irgendwie unheimlich in ihrer beschwörenden Oberflächlichkeit.

Das Ich der Walserschen Prosa ist aus Furcht und Weltüberempfindlichkeit sicherheitshalber vorweg grenzenlos begeistert, hat vor lauter beflissener Ja-Sagerei und übereifriger Zustimmung zum Weltwirklichen als Ganzem und im Einzelnen etwas geradezu unheimlich Rotwangiges, Glühendes, hysterisch Überdrehtes; diese Affirmation ist derart vorauseilend und vorwegnehmend, hyperbolisch hochgestapelt und kompromißlos, daß sich jeder so Angesprochene auf Anhieb unbehaglich, nämlich irgendwie nicht wirklich ernstgenommen fühlt und unwillkürlich nach dem Haken an der Sache sucht. Eine sonderbare Form der Ironie, und natürlich eine sehr spezielle Art von Humor, für die nicht jeder ein Sensorium besitzt.

Die überdrehte Affirmation richtet Walser nicht nur gegen -Personen und Typen, beispielsweise etwa seinen Lieblingsfeind, den arrivierten, tüchtigen, geschäftlich erfolgreichen »deutschen -Eheherren«, Hauseigentümer und»Eszuetwasgebrachthabendem«, den er gern einen »pomadisierten Gorilla« tituliert und scheinheilig wegen seiner Gewichtigkeit bewundert.

Als Pose oder gestische Attitüde hält Walser die ironische Affirmation auch gegenüber der Literatur, dem Theater oder den Genres des Unterhaltungskitsches aufrecht. Scheinbar findet er alles wunderbar, und wenn er etwas verabscheut, dann macht er das damit deutlich, daß er es als über alle Maßen wunderbar anhimmelt. Das zeigen seine Weltliteraturnacherzählungen oder seine schrägen, ziemlich sinnfreien und zumeist pointenlos verläppernden Miniatur-Dramolette, in denen aufgemotzte Sensationsknalligkeit mit assoziativer Unkonzentriertheit wetteifert und insgesamt oft eine Stimmung herrscht, als hätten Samuel Beckett, Karl Valentin und Helge Schneider darauf getrunken, gemeinsam ein Stück zu schreiben.

Ein Beispiel: Die Groteske »Darf man…?«

Darf man sein Versprechen brechen? ·
Tragödie in wenigen Zeilen von einem Neuling, d. h. von mir

“Es ist da einmal so ein Mädchen gewesen.

Wo hab’ ich denn jetzt meine Gedanken?

Groß ist zur Zeit die Not des Gedanklichen. 
Ich reibe mir die Stirn und sinne nach.

Sie besaß etwas, das sie niemand anvertrauen durfte, so eine Art Makel, wiewohl ich nicht gerade sagen will Schandfleck.

Es hat sich einmal ein hochbegabter junger Mann wegen etwas Belastendem erschossen.

Ich halte mir gegenwärtig eine Masseuse.

Von dem Fräuleinchen wäre zu sagen, daß sie einen Herren liebt, von dem sie wiedergeliebt wurde.

Weil sie nun vor der Welt, d. h. der Gesellschaft, die die Welt bedeutet, etwas sehr Fragwürdiges zu verbergen hatte, wodurch sie ihm wahrscheinlich Unglück, bescheidener gesprochen, Verdruß gebracht und geschenkt hätte, so tat sie was?
Sie sprach zu ihm: ‘Du kannst mich unmöglich heiraten.’ 
‘Gut’, gab er zur Antwort, ‘so heirate ich dich also nicht, du Überallesgeliebte. Da ich dich aber nicht heiraten darf, so bleibe ich ledig.’

Er küßte sie daraufhin stürmisch, will sagen ungestüm, mit einer eigentlichen Unerlaubtheit, die sie ihm verzieh, indem sie ihrerseits vorbrachte:

‘Ich liebe dich auf ewig, d. h. Liebster, solange ich bei Atem bleibe, d. h. bis der liebe Gott mich zu sich ruft in seine denkbar sinnreich ausgeschmückte, tadellos möblierte Wohnung.’

Auch sie küßte ihn ihrerseits, wobei sich ihre Nase auf seinem geliebten Gesicht ein bißchen umbog.

Sie verabschiedeten sich aufs innigste und gingen ihrer Wege, stets ihres Versprechens tapfer eingedenk, daß sie sich nur lieben, aber nie ehelichen wollten.

Durften sie sich ein solches keckes Versprechen aber auch geben? Durften sie ein so hochgeartetes Problem, eine so schwierige, aufopferungsvolle Aufgabe auf sich nehmen?

Was sagt hierzu die gute Natur?
Die Allmutter?

Jahre flogen dahin, d. h. die Zeit ging vorwärts, Schritt um Schritt, marternd langsam.

Wohl hielt das Fräulein ihr Wort, nicht aber ihr Begehrter, den sie nicht nehmen durfte, weil eine dunkle Macht, so eine Vergangenheitslast auf ihrem schneeweißen Hals lastete.

Fast muß ich hier ein wenig lachen, aber ich halte mir das Nastuch vor den Mund mit den schwellenden Lippen, mittels derer ich eben eine Banane aß.

Tugendumflügeltes Fräulein, ich lobpreise dich, und zum Wortbrecher sage ich einfach nichts als dies eine:

‘Schändlicher Schuft!’

Es verhielt sich mit ihm so: seines Versprechens müde, bewarb er sich um die Gunst einer Vonirgendwohergelaufenen.
Sie erwies sich als wunderhübsch.

Und er schloß mit ihr einen Bund auf Lebenszeit, eine Art Schutz- und Trutzbündnis, der Uneingedenkliche, und mit strahlendem Freudengesicht trat er mit ihr zum Altar, indes kleine Kinder ihm und ihr Kränze, die die Lebenslust geflochten zu haben schien, zu Füßen warfen, und indes in ihrem Kämmerchen die Treugebliebene, vom Geschehnis in Kenntnis gesetzt, und von der Orgel umbraust, die den beiden ins zukünftige Glück das Geleit gab, vor Wehmut verging, womit ausgesprochen ist, daß sie etwas sehr Gescheites vollbrachte, nämlich vom enttäuschungsreichen Leben abtrat, indem sie sich aus ihrer Zärtlichkeit einen Strang zurechtband, oder indem sie am gegebenen Wort erstickte.

Man trug die Standhafte und Ehrenfeste in einem Sarg zum Haus hinaus.”

So zu tun, als könne man etwas nicht besonders gut, was man in Wirklichkeit vollkommen beherrscht, ist bekanntlich ein bewährtes Mittel der performativen dadaistischen Komik, das heute in Deutschland beispielsweise den Mülheimer Jazz-Musikalclown Helge Schneider auszeichnet; Walser scheint es vielleicht erfunden zu haben, Karl Valentin hat es mit Liesl Karlstadt auf die Varieté-Bühne gebracht. In Walsers Selbstbeschreibung klingt das folgendermaßen (laßt Euch nicht davon irritieren, daß er fast immer von sich in der dritten Person spricht):

»Dann und wann trug seine wie aus einer Art von Eingeschlafenheit quillende Geschicklichkeit den Stempel berechneter Naivität oder gekünstelter Ungekünsteltheit«.

»Die Eitelkeit veranlaßte ihn, eine Reihe von in jeder Hinsicht unspannenden, harmlosen Büchern zu schreiben, die keiner zu lesen imstande war, ohne zu denken, hier gefalle sich einer in Veröffentlichungen, um zu nichts als zu der Beweiserbringung zu gelangen, er sei kein eigentlicher Schriftsteller«

Ende der 20er Jahre ist Robert Walser erschöpft, ausgebrannt, psychische Probleme nehmen zu. Er hört Stimmen, fühlt sich verfolgt, verliert zusehends den Boden unter den Füßen. Zunächst freiwillig zieht er sich in eine Psychiatrische Anstalt zurück – ab 1933 verlegt man ihn gegen seinen Willen nach Herisau und läßt ihn nicht mehr gehen. Ohne Freiheit aber, sagt er, könne er nicht mehr schreiben. Er verstummt konsequent und unwiderruflich, schreibt ab 1933 außer ein paar sachbezogenen Briefen keine Zeile mehr. Euro-Taoistischer Weiser, der er ist, fügt er sich schweigend in die Disziplin der Anstalt, in der er wie ein Zen-Mönch lebt:

Hellwach, konzentriert, aber stumm, klebt er gewissenhaft Tüten, hilft den Pflegerinnen bei Haushaltsarbeiten, meditiert und wandert. Er sieht zu, wie die Welt ihn vergißt, ohne etwas dagegen zu tun. Fast ein Vierteljahrhundert lebt er in selbst gewählter Isolation. Daß er, wie manche behaupten, eine psychische Erkrankung nur vorgespielt hätte, um sich zu verbergen, ist sicher ein Mythos. Doch wer Walsers wache, gletscherblaue Augen sieht und ihren durchdringenden Blick, der weiß auch, er war bei intaktem Verstand und Geist interniert. Es kümmerte ihn nicht. Seinem Projekt des Kleinerwerdens und Verschwindens (selbst seine Schrift wurde in den letzten Schaffensjahren immer winziger, war am Ende nur noch knapp milimetergroß!) kam es ja entgegen…

Ach, es wäre noch so viel über diesen seltsamen Heiligen, Alltagsphilosophen und skurrilen Sprachbastler zu erzählen! Leider ist schon dieser Beitrag von geradezu obzön unschöner Länge! Wer mehr wissen will über Robert Walser und einige seiner Texte vorgelesen haben möchte, kann ja bei mir eine HörBuch-Doppel-CD bestellen. Oder sich Robert Walsers Bücher (erschienen bei Suhrkamp) besorgen!

PS (Persönlicher Satz / Postscriptum):

Daß mir zuweilen der Walser-Robert in seiner Sprachspielmeisterlichkeit, mit der er seine mäandernden Satzschnörkelketten drechselt, bei aller gebotenerweise errötenden Bescheidenheit wie ein großes, daher kaum je zu erreichendes Vorbild erscheinen möchte, behandele ich als ein kaum zu verbergendes Geheimnis, daß zu offenbaren ich mich hiermit schüchtern erdreiste.

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Mikrograph und Ironiker Walser

 

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3 Kommentare - “Meine Idole (2): Robert Walser”

  1. donqyxote Says:

    Er, der Hut,sitzt auf ihm, dem Kopf.
    gibt es nun auch als Film, hier:
    http://www.docproductions.ch/e/movies/9

  2. zu viel Says:

    wahnsinnig guter text…drückt für mich beinahe alle facetten aus, die ich in einer erste annäherung (entdecke seine bücher gerade erst) an walser irgendwie wahrzunehmen glaube.
    danke


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