Doc Holiday erklärt Feiertage: Fronleichnam


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Mahlzeit!

KAUM ZU GLAUBEN: HOKUSPOKUS MIT BLUT

Jetzt ist es wieder soweit. Scharenweise strömt das Jungvolk von der Tanzfläche, umringt meinen Lehnstuhl und ruft im Chor: „Daddy-O, lieber Professer, sag, erzähl doch bitte einmal wieder, was noch mal genau an Fronleichnam gefeiert wird! Wir vergessen das immer!“ Laß ich mich lange bitten? Iwo, von so adretten, wohlerzogenen jungen Leuten doch nicht! Außerdem werde ich für mein Leben gern etwas gefragt, und wenn ich eine bizarre Schnurre zu erzählen weiß, werd ich wieder jung. Hört fein zu: Doc Holiday erklärt die Feiertage! Fronleichnam also. Dieses Fest wird speziell von Katholiken gefeiert, Evangelen und sogar Ungläubige, Ketzer und Anti-Christen kriegen aber auch frei. Bei uns in NRW ist dies die letzte Gelegenheit, unter Einlegung eines Brückentages einen Kurzurlaub zu buchen. Der Sinn von Fronleichnam ist das aber nicht, denn Papst Urban IV., der das Kirchenfest 1264 einführte, wusste wohl noch nichts von Brückentagen. Verlängerte Wochenenden kommen in der Bibel nicht vor, nicht mal im „Neuen Testament“.

Fronleichnam („Leib des Herrn, von ahdt. „Fron“, Herr, und „lichnam“, Leib) heißt offiziell „Fest des Leibes und des Blutes Christi“ und wird jeweilen am zweiten Donnerstag nach Pfingsten mit Umzügen („Prozessionen“) gefeiert bzw. begangen. Um zu verstehen, was da eigentlich gefeiert wird, lade ich das Jungvolk ein, mal eine katholische Messe zu besuchen. Am besten im Kölner Dom, weil hier der Aberglaube auf imposanteste, ja flamboyanteste Weise zu Stein geworden ist, und weil der alte Mann mit dem goldenen Mantel und dem komischen spitzen Hut, der da vorne herumzaubert und seinen Hokuspokus abzieht, in Köln eine besonders ulkige Pfeife ist. „Hokuspokus“ ist übrigens eine Verballhornung und geht darauf zurück, daß das Volk früher kein Latein konnte. In Wirklichkeit murmelt der Vorzauberer nämlich „Hoc est corpus meus“„Dies ist mein Leib“ – und hält dabei eine Schale mit geweihten Oblaten hoch. Außerdem hantiert er mit einem Kelch mit Messwein und spricht dazu „Dies ist mein Blut“. Damit meint der Kardinal oder Bischof natürlich nicht sein eigenes Blut, sondern  „Leib und Blut des Herrn“. Damit wiederum ist Jesus gemeint, also Herr Jesus. So. Jetzt wird es etwas unübersichtlich: Die Orgel braust, Weihrauchschwaden nebeln, Kerzen blaken im Halbdunkel,  es wird einem irgendwie ganz schwummerig und dann … – ruft Oma aus dem Jenseits an?

Nun, dies nicht gerade. Aber ein Glöcklein klingelingelt wie bei der Weihnachtsbescherung und in diesem Moment – wenn ihr wollt, denkt euch einen Trommelwirbel – vollzieht sich das Wunder der sogenannten „Wandlung“, die der Fachmann für Höheren Blödsinn (ich also) „Transsubstantiation“ nennt. Die faden Oblaten verwandeln sich in diesem Moment in das Fleisch des Gottessohns und der Wein – richtig! Gut mitgedacht! – in sein Blut. Die Gemeinde, also wir, wenn wir dazugehören, dürfen jetzt vortreten und den Mund aufmachen. Aber nix sagen, bitte! Sondern ein jeder bekommt jetzt ein Bröckchen Fleisch und ein Schlückchen Blut vom Herrn Jesus hineingetan und schluckt das! Uuääärrgs! Blut! denkt man noch, aber dann merkt man, das ist doch immer noch ein saurer Riesling aus Rheinhessen! Und die Oblaten schmecken noch immer nach Mehl, nicht nach rohem Fleisch! Was also? War das ganze nur so symbolisch gemeint?

Eben nicht! Sondern die Wandlung vollzieht sich tatsächlich – sofern man daran glaubt! Da könnt ihr jetzt kichern, so viel ihr wollt! Wenn man feste glaubt, ißt man in der Pommesbude Kaviar und Austern!

Na ja, jedenfalls, dieses „Wunder“, daß man bei der kannibalischen Verzehrung Gottes, die wiederum „Eucharistie“ genannt wird (von altgriech. eucharistein, = Dank sagen), wirklich Fleisch und Blut Jesu vor sich hat, beziehungsweise daß man dieses unappetitlich bizarre Brimborium tatsächlich nachhaltig einem gläubigen Volk einreden kann, das feiert die Heilige Mutter Kirche am heutigen Fronleichnam.

Wenn ihr jetzt „So’n Zinnober! Hokuspukus! Fauler Zauber!“ murmelnd auseinandergehen wollt, bitte ich euch, noch einen Moment zu warten, denn das Beste kommt erst! Und ich wusste das bis heute nämlich auch nicht, sondern las es jetzt in der Tageszeitung beim Frühstück, las es dreimal hintereinander, weil ich es erst nicht glauben wollte, aber dort stund es geschrieben schwarz auf weiß in seriösen Lettern, wie ein Text für Erwachsene:

„Das Fest geht zurück auf eine Vision der später heilig gesprochenen Augustinernonne Juliana von Lüttich. Sie soll beim Beten den Mond gesehen haben, der an einer Stelle verdunkelt gewesen sei. Christus habe ihr später [–??!, d. Verf.] erklärt, dass der Mond für die Kirche stehe, der dunkle Fleck für das Fehlen eines Festes des Eucharistie-Sakraments.“

Diese vielleicht allzu plausible und auf der Hand liegende Deutung geriet zwar etwas ins Wanken, als Galilei Galileo vierhundet Jahre später mit Hilfe eines Fernrohres den wahren Grund für die Mondflecken in der Krateroberfläche des Trabanten entdeckte, aber da war es schon zu spät: Das Fest war fest installiert, auch wenn Christus der Nonne gegenüber ein bißchen geschwindelt („improvisiert“) hatte…

 Hey, was ist? Warum lauft ihr denn alle weg? Das Jungvolk entfernt sich kopfschüttelnd. Nur ein Ungläubiger namens Thomas dreht sich noch mal um und sagt: „Doc, in Ihrem Alter sollte man aber nicht mehr so viel Drogen nehmen…!“ 

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4 Kommentare - “Doc Holiday erklärt Feiertage: Fronleichnam”

  1. donqyxote Says:

    Der ungläubige Thomas hat bestimmt recht.
    Beweis: Nie und nimmer kriegst Du sauren Riesling, Blut ist rot oder blau, je nachdem, auch symbolisch !
    siehe auch hier:
    http://ef-magazin.de/2007/01/15/stalin-leckerei-wie-blut-zu-wein-wird

  2. oachkatz Says:

    Also, ich danke untertänigst, wie man das als gute Katholikin halt so ist. Obschon gar nicht mehr ganz jung wusste ich bis gestern nämlich nicht, was an Fronleichnam gefeiert wird.

    Allerdings verwirrt mich die Geschichte mit dem Getränk. Zum einen denke ich auch, es ist immer Rotwein, oder? Genau wissen kann ich das nicht, denn da wo ich herkomme, bekommt der Plebs keinen Wein und auch kein Blut. Der Teil der ungewöhnlichen Kulinarik ist den Oberen vorbehalten, also dem Pfarrer und vielleicht noch dem Oberministranten oder Messner. Wie sie das erklären, weiß ich gar nicht.

    Hat sich das geändert? Oder ist das eine Frage, die auf Länderebene geklärt wird? Ich hatte die Diskussion letzthin schon mal, wo sich jemand (katholisch) über die Qualität des Weins beklagt hat. Hier also eine weitere Frage an den Autor. Um ihm eine Freude zu machen.

    • 6kraska6 Says:

      Confessio: Ich bin kein praktizierender Katholik, nur an Kirchengeschichte & Religionswissenschaft interessiert. Wer wann was genau, symbolisch oder nicht, in der Messe zu trinken bekommt, weiß ich gar nicht aus eigener Erfahrung. Katholischen Messen habe ich nur von weitem, zu Köln und zu Paris, mit Ergriffenheit beigewohnt; sonst kenne ich sie aus dem Sonntagsfrühfernsehen, wo ich gern offenen Mundes feierlichen Messen zuschaue, was ungefähr die gleiche Wirkung auf mich hat wie Eiskunstlauf oder die ARD-Bundesbahnfahrten: Hypnotisierend! Ich selbst war nur ein einziges Mal beim protestantischen „Abendmahl“ dabei, bei meiner Konfirmation, und da gab es meiner Erinnerung nach sauren Rheinhessen. Ich bin dann aus der Kirche ausgetreten, wobei freilich der mäßige Wein eine nur untergeordnete Rolle gespielt hat.


  3. Sechs Gleichungen mit neun Unbekannten:

    (001) Wer die Erklärung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.

    (044) Jesus sagte: Wer den Vater lästern wird, dem wird man vergeben; wer den Sohn lästern wird, dem wird man vergeben; wer aber den heiligen Geist lästern wird, dem wird man nicht vergeben, weder auf der Erde noch im Himmel.

    (055) Jesus sagte: Wer nicht seinen Vater hasst und seine Mutter, wird mir nicht Jünger sein können. Und wer seine Brüder nicht hasst und seine Schwestern und nicht sein Kreuz trägt wie ich, wird meiner nicht würdig sein.

    (105) Jesus sagte: Wer den Vater und die Mutter kennen wird, er wird Sohn der Hure genannt werden.

    (106) Jesus sagte: Wenn ihr die zwei zu einem macht, werdet ihr Söhne des Menschen werden. Und wenn ihr sagt: „Berg, hebe dich hinweg!“, wird er verschwinden.

    (113) Seine Jünger sagten zu ihm: „Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?“ Jesus sagte: „Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: „Siehe hier oder siehe dort“, sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“ ***

    Sinnvolle Lösung:

    Mutter = Summe aller Ersparnisse
    Hure = Finanzkapital
    Brüder und Schwestern = Sachkapitalien
    Berg = Rentabilitätshürde
    Tod = Liquiditätsfalle
    Vater = Kreditangebot
    Sohn = Kreditnachfrage
    heiliger Geist = umlaufgesichertes Geld
    Königreich = Natürliche Wirtschaftsordnung

    Selbst wenn wir uns nur auf die obigen sechs Gleichnisse aus dem Thomas-Evangelium beschränken – existiert noch eine andere Möglichkeit, diese sinnvoll zu interpretieren? Und wie hoch ist die Restwahrscheinlichkeit für eine alternative Interpretation, wenn 10, 20, 50, 100 Gleichnisse auf die gleiche Art einen Sinn ergeben?

    Wenn wir diese eine sinnvolle Interpretation als richtig ansehen, war der Prophet Jesus von Nazareth das größte Genie aller Zeiten, und er entdeckte tatsächlich die einzig denkbare Möglichkeit, wie Menschen wirklich zivilisiert zusammenleben können: das Grundprinzip der absoluten Gerechtigkeit als Basis für die ideale Gesellschaft.

    Wäre Jesus dagegen nur der moralisierende Wanderprediger gewesen, zu dem ihn die „heilige katholische Kirche“ machte, wüssten wir heute nicht einmal, dass es jemals einen Propheten dieses Namens gegeben hat! Denn die „Moral“ ist eine irrelevante Größe: solange es möglich ist, einen unverdienten Knappheitsgewinn auf Kosten der Mehrarbeit anderer (Frucht vom Baum der Erkenntnis) zu erzielen, weil eine fehlerhafte Geld- und Bodenordnung die Gesellschaft zwangsläufig in Zinsgewinner und Zinsverlierer unterteilt, wäre selbst dann, wenn alle Menschen grundehrlich und auch noch hyperintelligent wären, der nächste Krieg – zwecks umfassender Sachkapitalzerstörung – unvermeidlich. Andererseits: sind – durch eine konstruktive Geldumlaufsicherung und ein allgemeines Bodennutzungsrecht – leistungslose Kapitaleinkommen eigendynamisch eliminiert, bedeutet es prinzipiell das Beste für alle, wenn jeder Einzelne nur das Beste für sich anstrebt. Der Moralbegriff löst sich auf.

    Der Krieg konnte nur solange der Vater aller Dinge sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!

    *** „Die Wirtschaftsordnung, von der hier die Rede ist, kann nur insofern eine natürliche genannt werden, da sie der Natur des Menschen angepasst ist. Es handelt sich also nicht um eine Ordnung, die sich etwa von selbst, als Naturprodukt einstellt. Eine solche Ordnung gibt es überhaupt nicht, denn immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat.“

    Silvio Gesell, Herbst 1918, Vorwort zur 3. Auflage der NWO


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