Reiseführer für Couch-Potatoes


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Reisen bildet: Internationaler Nasenvergleich auf der Biennale in Venedig

KRASKA SCHREIBT WELT-LITERATUR

Weitere reisefeindliche Unverschämtheiten aus dem Qype-Kästchen

Reisen ist etwas Entsetzliches (II)

Immer, wenn ich mit der neo-naiven Munterkeit dessen, dem durchs Alter eine gewisse Wurstigkeit zugewachsen ist, keck annonciere: “Jawohl! Die Welt kenne ich, und zwar überwiegend aus dem Fernsehen! Und das genügt mir vollauf!”, fixieren mich Reisebürokraten und Reality-Show-Stars mit extra fiesem Blick. Mein dick aufgetragenes Desinteresse an ihrer sog. “wirklichen Welt” macht sie etwas wuschig, ich weiß. Für die Tourismus-Wirtschaft bin ich ein ziemlicher Totalausfall: An mich verkauft man kaum Tickets, ich verbrenne kein Kerosin und weigere mich im übrigen strikt, Fotos zu knipsen, die Milliarden anderer Mitbürger auch schon “geschossen” haben. In Gottes Foto-Album sind alle Seiten schon vollgeklebt, und er hat 500 Mio. mal “Markusplatz mit Tauben”, “Oper von Sydney”,”Eiffelturm im Abendlicht” und “Skyline von Manhattan, – vorher und nachher (11. September)”! – Ich finde, das reicht!

Warum denn überhaupt überall herumlatschen, Platz wegnehmen, dumm auf Kamelen herumsitzen, um vor wechselnden Kulissen verhuscht, verkrampft oder verlegen in die Linse zu grinsen? Glaubt Ihr, die Bevölkerung exotischer Länder käme nicht zurecht ohne Eure Beschwerden, daß das Klo verstopft ist, der Strom schon wieder nicht geht oder über dem Bett “so ein komisches Tier” hängt? (Diese Beschwerden stehen sowieso nicht in Eurem Langenscheidt- oder Pons-Last-Minute-Reisewörterbuch! Da stehen eh nur Übersetzungen von Phrasen wie “Bitte einmal den Nacken ausrasieren!” oder “Herr Ober, bitte beachten Sie höflichst, daß meine Gattin der Lactose-Verarbeitung nicht mächtig ist!”… Fernseh hingegen ist kühl, diese “scheiß Hitze” fühlt man nicht und der Gestank der wirklichen Welt bleibt ausgeblendet. Ein Segen, gerade bei Reportagen über die Menschen, die auf Manilas Müllbergen wohnen, oder auf den ruandischen killing fields… gewohnt haben! – Reales Reisen ist furchtbar, gesundheitsgefährdend und umweltschädigend. Marlen Haushofer, Verfasserin des wunderbaren Romans “Die Wand”, schreibt an anderer Stelle völlig zurecht:

»Wenn man Reisebeschreibungen liest, hört sich alles so verlockend an. In Wahrheit ist Reisen etwas Entsetzliches. Erst nachträglich, in der Erinnerung, kann man es genießen. Der Markusplatz ist erst schön, -gereinigt von den brüllenden Touristen, den üblen Gerüchen und den eigenen schmerzenden Füßen. Ich habe immer gefunden, daß der Phantasie die geringsten Anregungen genügen, um weitaus großartigere Bilder zuwege zu bringen als die Wirklichkeit. So sehe ich oft im Traum Landschaften, die mich zu Tränen rühren, was mir in Wirklichkeit noch nie widerfahren ist. Also müßten eigentlich nur phantasielose Leute dazu fähig sein, eine Reise wirklich zu genießen, oder man müßte eine eiserne Konstitution und eine übermenschliche Konzentrationsfähigkeit besitzen, und ob es das gibt, kann ich wirklich nicht beurteilen.« (»Die Tapetentür«)

Man könnte auch den überlebensgroßen, klein-bucklichten Philosophieprofessoren Immanuel Kant heranziehen, der zeitlebens aus dem Weichbild von Königsberg (ostpreußisch: “Keenichsbaarch”) nicht herausfand, und dennoch in seiner“Anthropologie in pragmatischer Hinsicht” trefflich darüber spekulieren konnte, warum sich der karibische “Neger” in seiner Hängematte, beim Angeln, nicht langweile. Kant entwickelte solche weltweite Weitsicht oder Weltsicht mittels Befragung weitgereister englischer Kaufleute, die er sich zu Freunden zu machen wußte. Fernseh hatte er ja noch nicht, seinerzeit, aber hätte dennoch wohl seinem Kollegen Blaise Pascal, dem Pariser Mathematiker und Philosophen, beigepflichtet, als dieser befand: “Alles Übel in der Welt rührt daher, daß niemand mehr ruhig in seinem Zimmer bleiben kann”.

Auch ich verstand mich früher nicht darauf, ruhig in meiner Kammer zu bleiben, sondern reiste, obwohl ich die Welt auch damals schon kannte, aus Büchern von Karl May und anderen Reiseschriftstellern, tüchtig herum, überregional und rastlos. Zuweilen geriet ich in Gegenden (South Side Chicago; türkisch-iranisches Grenzgebiet; vampir-pornographische Algerier-Steh-Kinos in Mantes-la-Jolie), die mir den allerintensivsten Eindruck in Form der Frage machten: “Was zum Teufel, suchst du hier? Erleuchtung vielleicht, Blödmann? Sieh zu, daß du Leine ziehst, Mensch!”

Heute findet man mich tagsüber meist zuhaus. (Nachts guck ich Reise-Reportagen auf “Phoenix”.) Freilich, kürzlich hat mich EIN Ort dann doch noch mal neugierieg gemacht. Ist das überhaupt ein Ort? Manche glauben, er sei bloß “virtuell”. Verzweifelte QyperInnen, die gern mal was über “Liebe”, “Von-Männern-Enttäuscht-Sein” oder “technischer Fortschritt” schreiben möchten, dafür aber ums Verrecken keinen doofen “begehbaren Platz” oder ein noch dooferes “Event” finden können, hängen ihren Text gern an diesen Ort: – den Ort …WELT. Welt ist ca. 1000 Jahre alt, liegt in Nordfriesland (Eiderstedt), und zwar in einer luftigen Höhe von 0 Meter über NN, erstreckt sich über gut 8 Quadratkilometer und wird von 208 Menschen bewohnt, ruhigen, anss-ständigen Menschen, Friesen wohl, zumeist. Sie hausen in gedrungen-gediegenen Häusern aus rotem Backstein, und wenn Fremde kommen, um ihr Ortsschild zu fotographieren, verstehen sie noch immer nicht, was denn daran so witzig sein soll. Deswegen behaupten manche vorlauten Ethnologen, die Häuser hier wären nur deshalb unterkellert, damit die Leudde einen Raum zum Lachen haben. Aber das ist böswillig. Welt hat, was die Welt halt braucht: Kirche, Dorfkrug, Kaufmannsladen. Außerdem verfügt man über ein Ortseingangs- und ein Ortsausgangsschild, mit dem sich Touristen fotographieren lassen können.

PS: Der karibische “Neger” übrigens langweilt sich nach Kants Kenntnis allein deswegen nicht, weil er dazu zu dumm ist. Der Neger, so unser großer deutscher Aufklärer, verkaufe morgens sein Bett, und wundere sich abends, wo er schlafen soll. So ist er, vom Hören-Sagen her, unser Neger. Ich hoffe, die LeserInnen haben sich, gerade wegenihrer weltläufigen Intelligenz, nicht gelangweilt: Sie kennen jetzt Welt und Wirklichkeit.

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Kraska kennt die Welt!

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6 Kommentare - “Reiseführer für Couch-Potatoes”

  1. Conakry1 Says:

    Es gibt noch einen anderen Weg zu reisen. Man macht seinen Kopf leer, schliest seine Moral-, Hygiene-, Anstands- und sonstigen Vorstellungen einfach weg und kuckt mal „watt ett so allett gibbt“. Das sehr sehr erquicklich und vor allem lehrreich sein.

  2. donqyxote Says:

    Manchmal wird man/frau auch zum Reisen durch eigene Blödheit *gezwungen*.
    Ich sagte zu meiner Tochter während einer Autofahrt,dass ich einmal in meinem Sch..leben Patti Smith live erleben will und bereit bin, hierfür bis an das Ende der Welt, New York oder sonstwohin zu fahren. Einen Tag nach dieser Fahrt erfahre ich, dass Patti ihr einziges Deutschlandkonzert in Frankfurt gibt. ich : ha, nix wie hin, Wink des Schicksals usw., online, Karten bestellen, beste Kategorie,gleich noch ein paar mehr, damit keine Klagen kommen: „Warum hast DU nicht an MICH gedacht…?“
    Stolz wie Harry ! Ich hab Karten bestellt ! Bin nicht zu spät, ausverkauft und alles ! Dann kommen die emails von der Kartenagentur mit der Anrede Sig.ra ??? und dem Datum 1.7. ???
    Frankfurt ist für den 20.7.angekündigt ???
    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe 4 Tickets für ein Konzert in Arezzo / Italien erworben und bin zum Reisen gezwungen.
    2 Karten sind noch übrig ! Wer will ?

    • 6kraska6 Says:

      Ich käm ja mit, denn solche Reisen sind ja sinnvoll und gut. Nur … Pattie Smith??? Wenns wenigstens Tom Waits wär oder Willy de Ville oder Leonhard Cohen… – Aber Fans sind halt Fans. – Warum kannst Du die Karten denn nicht umtauschen? „Because the night…“?

  3. donqyxote Says:

    Das Konzert in Ffm ist natürlich zwischenzeitlich – bis ich das geschnallt hatte, dass der Fehler bei MIR liegt, ausverkauft, und der „liebe Gott“ hat mich halt beim Wort genommen, mit meinem: ich laufe,robbe,fahre meilenweit für Patti, da nehme ich das einfach als Prüfung ! Und auf der piazza liberta in Arezzo ist es bestimmt netter als in der Jahrhunderthalle in Ffm…
    Was willste denn mit Deinen drei Fragezeichen, die ist mit ihren 62 Lenzen besser als sie je war….

  4. donqyxote Says:

    Das Konzert in Ffm ist natürlich zwischenzeitlich – bis ich das geschnallt hatte, dass der Fehler bei MIR liegt, ausverkauft, und der „liebe Gott“ hat mich halt beim Wort genommen, mit meinem: ich laufe,robbe,fahre meilenweit für Patti, da nehme ich das einfach als Prüfung ! Und auf der piazza liberta in Arezzo ist es bestimmt netter als in der Jahrhunderthalle in Ffm…
    Was willste denn mit Deinen drei Fragezeichen ? Die ist mit ihren 62 Lenzen besser als sie je war….

    • oachkatz Says:

      Ich glaube, Du wirst Spaß haben. Mitkommen kann ich nicht, ich muss am Tag darauf in Berlin sein – ein ganz lieber Mensch hat mir Karten für Leonard Cohen geschenkt…


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