Protest in scharfem Ton


 

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SCHARFE SCHOTE!

Jetzt hab ich mich doch dermaßen geärgert, daß ich mich habe hinreißen lassen, einen Qype-Artikel zu schreiben! Hier, bitte:

Es gibt ja heute für jede Neigungsminderheit etwas. Bars, Clubs, Shops, Vereine, usw. Aber was tut ein Angehöriger der zugegeben kleinen Minderheit von Menschen, die zugleich Masochisten und Liebhaber von marktfrischem Obst und Gemüse sind, wenn sie eine plötzliche Begierde anwandelt, mal ganz rasch und kostengünstig nach Strich und Faden gedemütigt, angeschnauzt, heruntergeputzt und fertiggemacht zu werden? Wo soll der in Duisburg denn hingehen?! Und wo kann er sich darauf verlassen, wirklich zu jeder Zeit zuverlässig wie der letzte Kehricht behandelt zu werden? Ich meine, Mitmenschen, die gern unter Äußerungen absoluter Verachtung unangespitzt in die Gosse gerammt werden möchten, und möglichst von einer massiv vergrätzten Domina, die den lackschwarzen Gürtel in Unverschämtheit, Dreistigkeit und Pampigkeit besitzt, die haben doch auch ein Recht auf gelegentliche Bedürnisbefriedigung, oder? – Nun, ich hab da einen Geheimtipp.

Den Namen kann ich nicht nennen, er steht nicht dran, aber man kann den Laden gar nicht verfehlen: Masomann geht vom berühmten Duisburger Lifesaver-Brunnen in der Innenstadt einfach zweihundert Meter die Düsseldorfer Straße herunter, dann stößt er schon auf den großen, seit Jahren dort stationierten offenen Stand für Obst und Gemüse. Unter uns Insidern hieß er immer die „Gemüseapotheke“, womit wir müde scherzend auf die Mondpreise anspielten, die das Geschäft für sein – zugegebenermaßen meist ansehnliches, morgens auf dem Großmarkt gekauftes – Grünzeug verlangt. Jetzt werde ich den Stand aber wohl umtaufen:  In ‚Peitschensalon der vergrätzten Domina’ vielleicht oder  ‚Dunk-the-customer-into-the-dirt’ oder so. Ein paar Jahre habe ich diesen Stand relativ häufig frequentiert, widerwillig zwar, denn weder bin ich Krösus noch Graf Leopold von Sacher-Masoch, der berühmte Erfinder der Peitschenlady, aber zuweilen gab es keine Alternative in der Nähe. Jetzt schon, und deshalb habe ich nach Jahren stiller Verärgerung heute beschlossen, dort zum allerletzten Mal vorbeigeschaut zu haben. Das kam so:

Ich brauchte für ein Gratin, das es zur Lammkeule geben soll, möglichst große, frische Kartoffeln etwa der Sorte „Annabell“. Also trat ich zur Auslage des Standes, um mir keck wie der dümmste Bauer zwei, drei der dicksten Kartoffeln herauszusuchen. Ich mußte dazu gar nicht graben und wühlen wie ein Kartoffelkäfer, die drallen Annabellen lagen gleich oben auf. Doch kaum berührte meine Fingerspitze eine der erdigen Bollen, bellte es mit einer Schärfe von ca. 6 Mio SCU (= Scoville Units, Maßzahl für Schärfe) quer übers Gelände: „HIER WERDEN! KEINE KARTOFFELN AUSGESUCHT! JUNGER!! MANN!!!“  Hierzu schnitt die wachhabende Zimtzicke ein Gesicht wie eine Dobermann-Frau, die unter PMS leidet.  Nun habe ich zwar Angst vor Kampfhunden, aber keine vor  impertinenten Frauen mit Manieren-Defizit. Also atmete ich, der ich das Angeschnauztwerden von dieser speziellen Dame eigentlich gewohnt sein sollte, tief durch und dachte bei mir: Nein! „Junger Mann“ läßt sich ein älterer Herr, der theoretisch, was Gott glücklicherweise verhindert hat, der Vater dieser Sauren Gurke hätte sein können, nicht nennen! Noch macht der Ton, und nicht das Marktweibgekeife, die Musik! Also brachte ich zunächst ein matt sarkastisches „Ach! Werden sie nicht?“ vor, um dann die angeschärfte Frage abzuschießen: „Könnten Sie das wohl auch etwas freundlicher sagen – oder kostet Höflichkeit bei Ihnen extra?“

Zitronen-Ziege Doberfrau replizierte aber umgehend, und zwar mit einer Stimme, die, wenn mein Erlebnis verfilmt würde, die Sound-Designer zusammensetzen könnten aus Luftschutzsirene, Kreissäge und gestopfter Posaune: „SIE!!! KOSTET! HIER! GAR NICHTS MEHR WAS! SIE GEHEN! NÄMLICH JETZT WEITER!“  – Das hatte die Doberdomina natürlich geschickt gefinkelt: Stehen bleiben wie ein ausgeschimpfter Schulbub konnte ich ja schlecht, mußte also ihrem Befehlsgebell Folge leisten und, meinerseits leise schimpfend, seitlich am Stand vorbeigehen und mich wie ein geprügelter Hund trollen. Ich hab aber, weil ich ein höflicher Mann bin, der Dame noch versprochen, daß ich allen, die ich kenne, empfehlen werde, um dieses Impertinenz-Center einen möglichst weiträumigen Bogen zu machen. Man mag dort keine Kunden. –

Freilich, wie gesagt, für Mitbürger mit o. a. Sonderneigung kann ich nur sagen: Nichts wie hin! In den Staub, Sklaven!

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3 Kommentare - “Protest in scharfem Ton”

  1. SwasthaMy Says:

    Haha!🙂 du sprichst mir aus der Seele.
    Sphärische Preise und abgrundtiefe Dienstleistungsungedanken… wenn du mal Zuckerbrot brauchst, dann wende dich vertrauensvoll an die Gemüseflüsterer vom Neudorfer Wochenmarkt. Bei Bedarf nehm ich dich auch an die Hand.

    • 6kraska6 Says:

      Leider kenn ich den Neudorfer Markt sehr gut – hab zehn Jahre dort gewohnt. „Leider“, weil ich so um Deine angebotene Hand komme, die ich gern angenommen hätte. Vielleicht ein andermal.

  2. lakritze Says:

    Ich gelobe hiermit feierlich, diesen Stand, sollte ich jemals in seine Nähe kommen, erhobenen Hauptes keines Blickes zu würdigen, meinem Pinscher aber, sollte ich dann einen solchen besitzen und mit mir führen, billigend zuzulächeln, wenn er an ebendiesem Stand sein Beinchen hebt. Ha!


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